Episode-Studie: Sicherheit und Wirksamkeit von Psilocybin bei Depression
die Gabe von Psilocybin zur Therapie einer schwer behandelbaren Depression erreicht in klinischer Studie nicht den Endpunkt, auch wenn es Hinweise auf eine Wirkung gibt
Studie kommt aus Deutschland und ist eine der ersten großen randomisiert, doppel-verblindeten Studien zur Wirkung von Psilocybin bei schwer behandelbarer Depression
Forschende, die nicht an der Studie beteiligt waren, loben die saubere Studienmethodik, weisen auf die klinische Relevanz der Symptomverbesserung hin und ordnen Potenzial und Gefahren von Psilocybin ein
Psilocybin – eine vor allem in bestimmten Pilzen natürlich vorkommende psychoaktive Substanz – zeigt begrenzte Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbarer (oder auch therapieresistenter) Depression. Zwar erreicht die Symptomreduktion keine statistische Signifikanz bei dem entscheidenden primären Endpunkt, doch auf anderen Depressionsskalen zeigten sich relevante Effekte. Dies sind die Ergebnisse einer großen Phase-IIb-Studie aus Deutschland, die im Fachjournal „JAMA Psychiatry“ erschienen ist (siehe Primärquelle).
Das aktuelle Paper ist das Ergebnis einer jahrelangen klinischen Studie, die von Forschenden des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim und der Charité Berlin durchgeführt wurde. Zwischen Juni 2022 und Februar 2024 erhielten 144 Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbarer Depression zwei Behandlungen mit Psilocybin (5 Milligramm oder 25 Milligramm) oder dem Placebo-Präparat 100 Milligramm Nikotinamid. Die Behandlungszeitpunkte lagen sechs Wochen auseinander und wurden mit Psychotherapie begleitet. Nicotinamid wurde als aktives Placebo eingesetzt, da es begrenzt psychoaktive Wirkungen zeigt. So wurde versucht, sicherzustellen, dass die Teilnehmenden der Studie nicht wissen, welches Präparat sie einnehmen und die Verblindung erfolgreich ist. Eine der größten Schwierigkeiten an klinischen Studien mit psychoaktiv-wirkenden Substanzen ist die Verblindung, da die Wirkung solcher Substanzen schwer durch andere Stoffe risikofrei simuliert werden kann.
Chefarzt der klinischen Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsspital Basel, Schweiz
„Dies ist eine rigorose und relative große Studie mit entsprechend strenger Methodik wie Placebo-Kontrolle, Randomisierung und Verblindung der Erfasser der Ergebnisse. Zudem wurde neben der Behandlungsdosis von 25 Milligramm eine weitere tiefe, aber psychoaktive und eventuell leicht therapeutische Dosis Psilocybin (fünf Milligramm) in einer Gruppe verabreicht. Dies verbessert die Verblindung und kann als Dosis-Wirkungsanalyse oder aktive Placebo-Gruppe betrachtet werden. Hinzu kam eine weitere aktive Placebo-Gruppe (Nikotinamid).”
„Die Verwendung mehrerer Dosen und aktiver Placebos ist ein weiteres wichtiges Element für die hohe Qualität der Studie und ermöglicht nun auch eine realistischere Einschätzung der tatsächlichen Wirksamkeit der vollen Dosis von 25 Milligramm, da die Verblindung damit besser ist.”
„Es zeigte sich dann auch tatsächlich eine etwas geringere Wirksamkeit im Vergleich zu früheren Studien, welche aber die strengen Kriterien bezüglich aktiver Placebos noch nicht erfüllt haben. Vor allem wurde der primäre Endpunkt erst nach sechs Wochen bestimmt, was eine vorherige stärkere Wirksamkeit nicht berücksichtigte.”
„Vor allem die ersten Studien ohne Kontrollgruppen zeigten zu große Effekte mangels Placebo-Kontrolle [1]. Auch spätere Studien hatten noch eine weniger strenge Wahl der Kontrolle oder der Endpunkte. So wurde im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2021 beispielsweise ein inaktives Placebo verwendet, was wegen der psychoaktiven Psilocybin-Wirkung methodisch eine schlechte Verblindung ist [2]. Bei einer anderen Studie aus dem Jahr 2023 fehlte eine zusätzliche Dosisgruppe der Psylocibin-Behandlung als zusätzliche Verblindungsverbesserung [3]. In einer Studie aus dem Jahr 2022 von Goodwin et al. wurden zwar mehrere Dosen Psylocibin verwendet (25 Milligramm und 10 Milligramm), es gab jedoch kein aktives Placebo: Die Kontrollgruppe erhielt eine geringe Psilocybin-Dosis von einem Milligramm, die nicht psychoaktiv wirkt [4]. In der aktuellen Studie wurden hingegen fünf Milligramm Psilocybin verwendet, was eine psychoaktive Wirkung hervorruft und eine bessere Verblindungskontrolle bietet. Außerdem wurde Nikotinamid als aktives Placebo eingesetzt. Im Vergleich zu Goodwin et al. wählten Mertens et al. in der aktuellen Studie strengere Kriterien für den primären Endpunkt. Abgesehen davon scheinen mir die Studien bezüglich der Wirksamkeit vergleichbar.“
„Ein funktionelles Entblinden ist durch die eindeutige Wirkung von 25 Milligramm Psilocybin in allen Studien anzunehmen. Genaue Daten werden aber erst neuerdings erhoben und liegen auch für Mertens et al. vor. So zeigt sich auch bei Mertens et al. eine Entblindung bei nahezu allen Patienten: 86 Prozent der Patienten erkennen die hohe Dosis korrekt in der Hochdosisgruppe. Dies ist eine relevante Limitation und kann nur durch die Verwendung verschiedener Dosen Psilocybin (5, 10, 25 Milligramm) in derselben Studie möglicherweise verbessert werden.“
„Die Studie hat gewisse wichtige Limitationen. So wurde die laufende antidepressive Therapie immer und länger als nach sechs Wochen gestoppt. Hier wäre es wichtig, Studien zu haben, in denen Psilocybin zusätzlich zur laufenden Therapie gegeben wird, um die Wirksamkeit als ‘add-on’ zu bestimmen. Außerdem könnten so auch ein Entzug vermieden werden, welcher die Studiendaten verzerren könne. Zudem wurden nur therapie-resistente und damit länger erkrankte Patienten eingeschlossen und die Wirksamkeit könnte bei wenig chronisch erkrankten Patienten anders sein.”
„Die Studie zeigte eine meist gute Verträglichkeit von Psilocybin. Die etwas erhöhte Rate unerwünschter Wirkungen im Vergleich zu früheren Studien wurde auf eine bessere Erfassung solcher unerwünschter Ereignisse zurückgeführt.”
„Es wurde aber über minimal mehr Suizidgedanken in der Psilocybin-25-Milligramm-Gruppe berichtet. ”
„Die Daten sind für mich sehr stimmig und reflektieren die klinische Wirksamkeit wohl realistischer als früherer Studien mit weniger strenger Methodik. Es handelt sich um eine daher sehr wichtige Studie. Das Ergebnis ist für mich klinisch relevant und vielversprechend.”
„Der primäre Endpunkt wurde hier streng festgelegt: dafür musste nach sechs Wochen eine Reduktion von über 50 Prozent auf der Hamilton Rating Scale for Depression (HAMD) erreicht werden. Die sekundären Endpunkte wurden erreicht und deuten auf eine Wirksamkeit hin (Reduktion im HAMD und Reduktion der Selbstbeurteilung im Beck-Depressions-Inventar (BDI)). Es wäre noch zu früh daraus eindeutige Subgruppenwirkungen abzuleiten. Eher muss aktuell die Stärke der Wirksamkeit insgesamt realistischer und wohl als geringer eingestuft werden.”
„Psilocybin ist eine Option für die Behandlung der schweren oder therapie-refraktären Depression. Ich gehe von Markt-Zulassungsanträgen in den Vereinigten Staaten von Amerika in den nächsten Jahren aus. In Europa dürften Behandlungen vorerst noch für einige Zeit nur in Studien oder in speziellen limitierten Zugangs-Programmen möglich sein. Längerfristig wird sich die Behandlung aber vermutlich als Zweitlinientherapie oder für einen Teil der Patienten etablieren.”
„Die unerwünschten Wirkungen sehe ich vor allem im psychologischen Bereich. Die akute Wirkung kann bei einzelnen Patienten starke Angst auslösen. Eine Psilocybin-Behandlung kann auch zu einer längeren emotionalen Destabilisierung führen und die Depression in einzelnen Fällen verschlechtern.”
„Die Wirksamkeit von Psilocybin, Lysergsäurediethylamid (LSD) und Dimethyltryptamin (DMT) und vermutlich auch Methylendioxymethylamphetamin (MDMA) dürfte bei Depression ähnlich sein. MDMA ist bezüglich einer Kreislaufstimulation etwas stärker als Psilocybin und von daher bei Patienten mit Herzkrankheiten und älteren Patienten weniger gut verträglich.”
Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Freiburg, Schweiz
„Die Episode-Studie gehört zu den größeren randomisierten Untersuchungen zu Psilocybin bei schwerer, therapieresistenter Depression und verwendete ein aufwendiges und hochqualitatives Studiendesign mit zusätzlicher Psychotherapie sowie aktivem Placebo, um Erwartungs- und Placeboeffekte möglichst gering zu halten. Meiner Einschätzung nach handelt es sich zwar nicht um ein perfektes, aber um ein sinnvolles aktives Placebo. Durch Wärme- und Flushgefühle sowie leichte Veränderungen der körperlichen Wahrnehmung kann es gewisse Aspekte einer psychedelischen Substanz imitieren. Zusätzlich wurde in der Studie auch Psilocybin in niedriger Dosis eingesetzt, sodass insgesamt ein recht raffiniertes Placebo-Konzept zur Anwendung kam.“
„Die strenge Wirksamkeitsprüfung – definiert als eine Reduktion der Depressionsschwere um mindestens 50 Prozent nach sechs Wochen gegenüber Placebo – fiel negativ aus. Zwar zeigen zusätzliche Analysen Hinweise auf eine antidepressive Wirkung von Psilocybin, diese bleiben jedoch explorativ und können das negative Hauptergebnis nicht aufwiegen.“
„Gleichzeitig traten Sicherheitssignale auf, darunter vermehrte Suizidgedanken an Dosierungstagen sowie seltene neurologische Nebenwirkungen. Die berichteten Nebenwirkungen sind bei einer so großen und schwer erkrankten Stichprobe leider nicht überraschend. Sie unterstreichen, wie wichtig bei psychedelischen Therapien eine sorgfältige Patientenauswahl, eine gründliche Vorbereitung und Begleitung während der Behandlung sowie eine angemessene Nachsorge sind.“
„Insgesamt relativiert die Studie damit die bislang sehr optimistischen Erwartungen an Psilocybin als Antidepressivum. Der Einschluss besonders schwer erkrankter Patientinnen und Patienten, die auf mehrere Therapien nicht angesprochen hatten, könnte die insgesamt geringe Wirksamkeit teilweise erklären.“
„Die Studie ist methodisch anspruchsvoll mit Randomisierung, aktivem Placebo und Psychotherapie. Dieses komplexe Design erhöht zwar die Aussagekraft, könnte den reinen pharmakologischen Effekt von Psilocybin jedoch eher unterschätzen.“
„Neu ist vor allem die größere, streng kontrollierte Untersuchung bei schwer therapieresistenter Depression. Die Resultate relativieren die bislang sehr optimistischen Erwartungen aus kleineren Studien.“
Der negative primäre Endpunkt ist klinisch entscheidend und lässt sich durch sekundäre Analysen nicht kompensieren. Diese deuten zwar auf eine mögliche antidepressive Wirkung hin, bleiben aber explorativ.“
„Subgruppenanalysen – etwa Geschlechtsunterschiede – sollten vorsichtig interpretiert werden. Wichtig ist vor allem, dass hier schwer und mehrfach vorbehandelte Patientinnen und Patienten untersucht wurden, bei denen generell geringe Therapieeffekte zu erwarten sind.“
„In der Medizin gilt allgemein: Je mehr Therapien erfolglos bleiben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine weitere Therapie anspricht. In Tabelle 1 sieht man, dass die Patient:innen bereits sehr viele Behandlungsversuche hinter sich hatten – im Durchschnitt fünf verschiedene Antidepressiva und zwei Klinikaufenthalte. Das ist deutlich mehr als in den meisten anderen Studien zur Wirksamkeit von Psychedelika: In einer Studie hatten die Patient:innen vor Studienbeginn Behandlungen mit durchschnittlich zwei verschiedenen Antidepressiva [2], in einer anderen Studie wies nur etwa die Hälfte der Patient:innen eine Therapieresistenz auf [3].“
„Psilocybin bleibt ein interessanter, aber weiterhin experimenteller Ansatz. Falls die Behandlung wirksam ist, wird es wahrscheinlich keine einfache Dauertherapie sein, sondern eine aufwändige, eng begleitete Behandlung.“
Das Potenzial liegt in einem möglicherweise schnellen Effekt bei therapieresistenter Depression. Gleichzeitig zeigen Sicherheitssignale und der hohe Betreuungsaufwand, dass diese Behandlung sorgfältiges Monitoring erfordert und nicht als einfache Alternative zu bestehenden Therapien betrachtet werden kann.“
Oberarzt, Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Schweiz
„Es handelt sich um eine der methodisch stärksten Studien zur Psilocybin-Behandlung bisher. Besonders das Design mit aktivem Placebo sowie die Entscheidung, alle Studienteilnehmenden im Verlauf mit der vollen Dosis zu behandeln, ist ein wichtiger Fortschritt. Bisherige Studien mussten sich Kritik gefallen lassen, weil alle Beteiligten mutmaßlich erraten konnten, in welcher Gruppe die Versuchsperson gelandet ist und somit hohe Erwartungseffekte möglich sind. Kritisch bleibt anzumerken, dass trotz des aufwendigen Designs eine vollständige Verblindung kaum möglich war: 86 Prozent der Teilnehmenden identifizierten korrekt, ob sie die hohe Dosis erhalten hatten. Diese sogenannte funktionale Entblindung muss bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.“
„Die begleitende Psychotherapie von 14 Stunden in sieben Sitzungen entspricht dem bisherigen Standard, obwohl Real-world-Erfahrungen nahelegen, dass eine intensivere psychotherapeutische Begleitung möglicherweise bessere Ergebnisse erzielen könnte.“
Die Stichprobe von 144 Patient:innen mit schwer behandelbarer Depression ist groß und klinisch gut charakterisiert.“
Die Episode ist die erste Studie zur Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, die beim primären Endpunkt kein signifikantes Ergebnis zeigt. Zwar kam es auch hier zu einer klinisch bedeutsamen Verbesserung der depressiven Symptome, aufgrund wissenschaftlicher Standards darf dies aber nicht als Hauptergebnis kommuniziert werden.“ „Wichtig ist außerdem die systematischere Erfassung von Nebenwirkungen im Vergleich zu früheren Studien, was einen wertvollen Beitrag zur Sicherheit leistet.“ „Der Befund, dass eine zweite Psilocybin-Gabe keinen zusätzlichen Nutzen erbrachte, ist ebenfalls klinisch sehr relevant für die Planung künftiger Behandlungsschemata.“
„Obwohl beim primären Endpunkt nicht das erwartete Ergebnis gezeigt wurde, hatte Psilocybin 25 Milligramm in sekundären Ergebnissen einen stärkeren Effekt auf die Depression als das Placebo. Dennoch sind die Ergebnisse ernüchternd und genau das hat die Forschung gebraucht: Die Studienplanenden haben bei der Fallzahlkalkulation die Effekte von Psilocybin überschätzt, was wir auch im klinischen Alltag bei unseren Patient:innen beobachten und was zu Enttäuschungen führt. Als Kliniker in der Schweiz, wo Psilocybin in Ausnahmefällen bereits angewandt werden kann, beobachten wir diese Erwartungsproblematik oft. Der starke Hype um diese Substanzen kommt erstmal aus einem Mangel an neuen Behandlungsmethoden.“
„Die Effekte von Psilocybin sind trotz dieser Studie immer noch robust. Es gibt mehrere gut gemachte Studien, die einen starken positiven Effekt zeigen. Die vorliegende Studie zeigt aber was wir schon lange wissen: es ist kein Wundermittel.“
„Für die Zukunft wird es nötig sein, Prädiktoren zu erforschen, wer von dieser aufwendigen Behandlung tatsächlich profitiert. Post-hoc-Analysen dieser Studie deuten bereits auf stärkere Effekte bei Männern und bei Personen mit schwerer Ausgangs-Depression hin.“
„Trotz dieses korrigierenden Ergebnisses sehe ich großes Potenzial von Psilocybin in der Behandlung der Depression. Darüber herrscht mittlerweile breiter Konsens in der Fachwelt, auch wenn der Effekt mitunter überschätzt wird. Die Studie zeigt, dass auch in einer klinisch realistischen, schwer erkrankten Population gewisse Symptomreduktionen erreichbar sind.“
„Eine langfristige Behandlung könnte beispielsweise zwei bis drei Dosierungen pro Jahr in Kombination mit einer laufenden Psychotherapie umfassen. Hierfür sind noch weitere Studien nötig. Bevor Psilocybin in den klinischen Alltag in Deutschland eingeführt werden kann, braucht es jedoch noch positive Phase-III-Studien und eine klare Regulierung.“
„Wichtig ist, dass die Studie nicht nur Potenziale, sondern auch Risiken zeigt. Zwar wurden die meisten Nebenwirkungen als leicht und vorübergehend beschrieben, dennoch gab es beispielsweise häufigere Suizidgedanken am Dosierungstag unter 25 Milligramm Psilocybin sowie zwei schwerwiegende arzneimittelbezogene unerwünschte Ereignisse. Bemerkenswert ist der berichtete Fall einer Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD) mit anhaltenden Wahrnehmungsveränderungen und psychischer Destabilisierung. Solche sehr seltenen Verläufe zeigen, dass Psilocybin nur in einem therapeutischen Rahmen eingesetzt werden sollte.“
„Psilocybin ist im Vergleich zu klassischen Antidepressiva (SSRIs, SNRIs) kein Medikament, das täglich eingenommen wird. Sein Profil (wenige Anwendungen mit psychotherapeutischer Einbettung, potenziell rasche Wirkung) unterscheidet es grundsätzlich von der chronischen Einnahme. Dies ist für viele Patient:innen attraktiv, stellt aber auch besondere Anforderungen an die Versorgungsinfrastruktur.“
„Als Gefahr sehe ich eine unsachgemäße Anwendung durch Behandelnde, denn diese Substanzen können Machtgefälle in der therapeutischen Beziehung begünstigen. Bei einer möglichen Zulassung bräuchte es daher strenge Vorgaben. Eine unterschätzte Nebenwirkung kann eine vorübergehende psychische Destabilisierung sein, die therapeutisch aufgefangen werden muss.“
„Klassische Antidepressiva sind wirksam, aber nicht für alle, und teils mit einschränkenden Nebenwirkungen verbunden. Psilocybin und ähnliche Substanzen hingegen können die Auseinandersetzung mit den psychischen Mechanismen der Symptome erleichtern und so zu einer Lösung von alten Denk- und Verhaltensmustern führen. Das Potenzial liegt also darin, dass Psilocybin bei einem Teil der Patient:innen nicht nur Symptome abschwächen, sondern auch psychologische Veränderungsprozesse anstoßen könnte.“
Leiter der Forschungsgruppe Psychedelic Neuroimaging Lab, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität zu Lübeck
„Die Studie von Mertens und Kolleg:innen ist eine wichtige Arbeit im Feld der psychedelischen Therapie in der Psychiatrie. Sie zeigt, dass eine Dosis von 25 Milligramm Psilocybin klinisch relevante Effekte auf depressive Symptome bei Patient:innen mit therapieresistenter Depression haben kann, auch wenn der primäre Endpunkt (mindestens 50 Prozent Symptomreduktion im HAMD17 – eine Depressionsskala – nach sechs Wochen) nicht statistisch signifikant erreicht wurde.“
„Was als klinisch relevant gilt, hängt von der verwendeten Messskala ab. Die Autor:innen orientieren sich hierbei an der Fachliteratur zur Behandlung moderater bis schwerer Depressionen [6], in der für die HAMD17-Skala ein Unterschied von etwa drei bis fünf Punkten als klinisch bedeutsam definiert wird. Die Ergebnisse dieser Studie liegen in diesem Bereich. Das spricht dafür, dass die therapeutischen Effekte für die Patient:innen eine spürbare Verbesserung bedeuten.“
„Positiv hervorzuheben ist das Studiendesign mit zwei Behandlungsphasen, bei dem alle Teilnehmenden im Verlauf die volle Psilocybin-Dosis erhalten konnten, was auch aus ethischer Sicht zu loben ist. Betrachtet man beide Behandlungsphasen zusammen, gehört die Studie zu den größten klinischen Untersuchungen zu Psilocybin bei therapieresistenter Depression, solange die großen internationalen Phase-III-Studien noch ausstehen. Insgesamt stellt sie damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Evidenzlage dar.“
„Die 25-Milligramm-Dosis Psilocybin entspricht dem Standard vieler Studien, wobei die Verwendung einer 5-Milligramm-Niedrigdosis als aktive Kontrolle ein interessanter methodischer Ansatz ist, da frühere Studien gezeigt haben, dass bereits bei dieser Dosis subjektive Effekte auftreten können [7]. Dadurch besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass auch niedrige Dosen therapeutische Wirkungen haben könnten – was sich in dieser Studie allerdings nicht bestätigt hat. Vor diesem Hintergrund könnte die 5-Milligramm-Niedrigdosis eine validere aktive Kontrolle darstellen als die häufig verwendeten ein Milligramm.“
„Bemerkenswert ist zudem, dass eine zweite Gabe der vollen Dosis keinen klaren zusätzlichen Vorteil zeigte; sollte sich dieser Befund in zukünftigen Studien bestätigen, wäre dies ein Hinweis darauf, dass eine einzige Dosis für die Behandlung ausreichend sein könnte, was die Kosten des therapeutischen Settings deutlich reduzieren würde.“
„Ein weiterer, wenn auch explorativer Befund ist eine stärkere Wirksamkeit bei männlichen Patienten nach sechs Wochen, was auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede hindeutet, die bisher kaum systematisch untersucht wurden.“
„Gleichzeitig war die Psilocybin-Behandlung in eine relativ intensive psychotherapeutische Begleitung eingebettet, und die höhere Response-Rate nach zwölf Wochen im Vergleich zu sechs Wochen könnte darauf hindeuten, dass eine Kombination aus erhöhter Neuroplastizität und psychotherapeutischer Begleitung zu den längerfristigen Effekten beiträgt.“
Die Wahl von Nicotinamid unterstreicht die generelle methodische Schwierigkeit in der Psychedelika-Forschung, eine wirklich überzeugende Vergleichsbedingung zu finden. Es gibt Hinweise darauf, dass viele Probanden Nicotinamid schnell als Placebo erkannt haben könnten. Ein Indiz dafür ist die ungewöhnlich niedrige Response-Rate in dieser Gruppe nach sechs Wochen, worauf die Autor:innen auch selbst hinweisen. Zwar war die Verblindungsquote mit 86 Prozent insgesamt besser als in vielen früheren Studien, doch dies dürfte vor allem auf die fünf-Milligramm-Niedrigdosis Psilocybin zurückzuführen sein.“
„Allgemein wurde Psilocybin von den Patient:innen gut vertragen. Diese Studie hat unerwünschte Arzneimittelwirkungen (AEs) sehr systematisch dokumentiert, was die im Vergleich zu anderen Studien höhere Gesamtzahl an Nebenwirkungen erklärt. Schwerwiegende Ereignisse wie Suizidalität waren mit vier Prozent im 25-Milligramm-Arm selten und traten in einer ähnlichen Häufigkeit auf wie in anderen großen Studien [4]. Ein besonders interessanter und für mich überraschender Aspekt ist die Dokumentation eines Falls von anhaltender Wahrnehmungsstörung (HPPD). Meines Wissens wurde dies in modernen klinischen Studien bisher kaum dokumentiert. Dies unterstreicht einmal mehr, dass wir es mit hochwirksamen Substanzen zu tun haben, die eine engmaschige und professionelle Überwachung erfordern.“
„Studien dieser Art bewegen sich noch in einem relativ neuen Forschungsfeld, sodass viele Designentscheidungen auf wenigen früheren Studien basieren. In diesem Fall beruhte die Powerkalkulation auf einer sehr großen Effektstärke aus einer früheren Open-Label-Studie, was sich im Nachhinein möglicherweise als zu optimistisch erwiesen hat. Die Autor:innen weisen selbst darauf hin, dass zukünftige Studien stärker mit klinisch bedeutsamen Mindestunterschieden planen sollten. Betrachtet man andere Veränderungen im Vergleich zum primären Endpunkt, wird der Vorteil der 25-Milligramm-Dosis gegenüber den Vergleichsbedingungen deutlicher sichtbar.“
„Aussagen zu spezifischen Subgruppen finde ich derzeit noch schwierig, dafür ist die Datenlage noch zu begrenzt. Es gibt zwar Hinweise, dass Psilocybin bei Major Depression stärker wirken könnte als bei therapieresistenter Depression, aber das könnte ein Effekt der Chronifizierung sein, das heißt eine insgesamt geringere Ansprechrate.“
„Ich glaube, dass Psilocybin und andere Psychedelika ein großes Potenzial für die Behandlung verschiedener psychiatrischer Störungen haben, darunter auch Depressionen. Besonders interessant ist der Ansatz, eine oder zwei Substanzgaben mit psychotherapeutischer Begleitung zu kombinieren, statt einer täglichen medikamentösen Behandlung über Jahre hinweg. Dieser Ansatz zielt darauf ab, nicht nur Symptome zu reduzieren, sondern längerfristige Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig befinden wir uns noch relativ früh in der klinischen Forschung. Deshalb ist es wichtig, die Ergebnisse der großen Phase-III-Studien abzuwarten, um Wirksamkeit und Risiken in noch größeren Stichproben besser einschätzen zu können.“
„Psychedelika wie Psilocybin, Lysergsäurediethylamid (LSD) oder Dimethyltryptamin (DMT) sowie das Entaktogen Methylendioxymethylamphetamin (MDMA) haben das Potenzial, die psychiatrische Behandlung grundlegend zu verändern. Statt einer täglichen Medikation könnten wenige substanzgestützte Sitzungen im Rahmen einer Psychotherapie eine zentrale Rolle spielen, wobei ein Vorteil gegenüber klassischen Antidepressiva in der geringeren Dämpfung positiver Emotionen liegen könnte.“
„Obwohl verschiedene Substanzen bereits Wirksamkeit bei Depressionen gezeigt haben, fehlen bislang direkte Vergleichsstudien zwischen den einzelnen Wirkstoffen [8]. Gleichzeitig sind dies sehr potente Substanzen und keineswegs eine ‚Panacea‘ (Allheilmittel; Anm. d. Red.), da sie intensive Belastungen sowie in seltenen Fällen anhaltende Nebenwirkungen wie Psychosen oder anhaltende Wahrnehmungsstörungen auslösen können. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Anwendung ausschließlich in einem kontrollierten medizinischen Umfeld sowie die Durchführung weiterer großer klinischer Studien.“
„Ich bin/war Berater der Firmen Mindmed, Lykos und Psilo, welche Psychedelika entwickeln.“
„Keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe Honorare für Vorträge von Janssen Schweiz und Schwabe Pharma erhalten und bin Mitautor einer früheren randomisierten Psilocybin-Studie [5].“
„Ich habe bereits mit einem Autor der Studie zusammen publiziert. Daraus ergibt sich für mich jedoch kein Interessenkonflikt, und ich kann mich unbefangen zur Studie äußern.“
Primärquelle
Mertens LJ et al. (2025): Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major Depression. The EPISODE Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0132.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2023): Psilocybin – Neues Wundermittel der Psychiatrie? Statements. Stand: 28.07.2023.
Science Media Center (2022): Belastbare Studiendaten zur Behandlung von Depression mit Psilocybin. Statements. Stand: 02.11.2022.
Science Media Center (2022): Wirkweise von Psychedelikum bei Depression. Statements. Stand: 11.04.2022.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Carhart-Harris RL et al. (2016): Psilocybin with psychological support for treatment-resistant depression: an open-label feasibility study. The Lancet Psychiatry. DOI: 10.1016/S2215-0366(16)30065-7.
[2] Carhart-Harris RL et al. (2021): Trial of Psilocybin versus Escitalopram for Depression. The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa2032994.
[3] Raison CL et al. (2023): Single-Dose Psilocybin Treatment for Major Depressive Disorder. A Randomized Clinical Trial. Journal of the American Medical Association. DOI: 10.1001/jama.2023.14530.
[4] Goodwin GM et al. (2022): Single-Dose Psilocybin for a Treatment-Resistant Episode of Major Depression. The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa2206443.
[5] von Rotz R et al. (2022): Single-dose psilocybin-assisted therapy in major depressive disorder: A placebo-controlled, double-blind, randomised clinical trial. EClinicalMedicine. DOI: 10.1016/j.eclinm.2022.101809.
[6] Hengartner MP et al. (2022): Estimates of the minimal important difference to evaluate the clinical significance of antidepressants in the acute treatment of moderate-to-severe depression. BMJ Evidence-Based Medicine. DOI: 10.1136/bmjebm-2020-111600.
[7] Griffiths RR et al. (2011): Psilocybin occasioned mystical-type experiences: immediate and persisting dose-related effects. Psychopharmacology. DOI: 10.1007/s00213-011-2358-5.
[8] Avram M et al. (2025): Psychedelics for major depression—From controlled research settings into broader clinical use. Cell Reports Medicine. DOI: 10.1016/j.xcrm.2025.102361.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] McAllister-Williams RH et al. (2020): The identification, assessment and management of difficult-to-treat depression: An international consensus statement. Journal of Affective Disorders: DOI: 10.1016/j.jad.2020.02.023.
[II] McIntyre RS et al. (2023): Treatment-resistant depression: definition, prevalence, detection, management, and investigational interventions. World Psychiatry. DOI: 10.1002/wps.21120.
Prof. Dr. Matthias Liechti
Chefarzt der klinischen Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsspital Basel, Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin/war Berater der Firmen Mindmed, Lykos und Psilo, welche Psychedelika entwickeln.“
Prof. Dr. Gregor Hasler
Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Freiburg, Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Keine Interessenkonflikte.“
Dr. Johannes Jungwirth
Oberarzt, Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe Honorare für Vorträge von Janssen Schweiz und Schwabe Pharma erhalten und bin Mitautor einer früheren randomisierten Psilocybin-Studie [5].“
PD Dr. Mihai Avram
Leiter der Forschungsgruppe Psychedelic Neuroimaging Lab, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität zu Lübeck
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe bereits mit einem Autor der Studie zusammen publiziert. Daraus ergibt sich für mich jedoch kein Interessenkonflikt, und ich kann mich unbefangen zur Studie äußern.“