Einfluss von Klimawandel und Feuermanagement auf Wald- und Landschaftsbrände in Europa
Studie: Brandflächen in Europa könnten sich je nach Modellierung durch den Klimawandel fast verdreifachen, Prävention und Bekämpfung diesen Anstieg deutlich mindern
derzeit gibt es zahlreiche Vegetationsbrände in Europa, 2026 ist schon jetzt mehr Fläche verbrannt als im jährlichen Durchschnitt von 2006 bis 2025
Forschende weisen auf starke Unsicherheiten in der Modellierung hin, die genaue Brandbekämpfung und Prävention nicht abbilden kann, erklären, welche Maßnahmen relevant sind
Vegetationsbrände könnten je nach Szenario bis zum Ende des Jahrhunderts innerhalb eines Jahres zwischen knapp 40 und fast 200 Prozent mehr Fläche in Europa verbrennen als aktuell. Gleichzeitig könnten Prävention und Brandbekämpfung diese Zunahme um 72 bis 92 Prozent dämpfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Modellierungsstudie, die im Fachjournal „Global Change Biology“ erschienen ist (siehe Primärquelle). An der Studie waren Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) in Frankfurt am Main beteiligt.
Mit fortschreitendem Klimawandel werden sich Vegetationsbrände – Waldbrände, Feuer in Gras-, Busch-, Heide- und Moorlandschaften sowie auf Ackerflächen – in Europa wahrscheinlich deutlich verstärken [I]. Daten für den Zeitraum von 1950 bis 2023 zeigen in Regionen wie der Iberischen Halbinsel, Mitteleuropa und Teilen Osteuropas, dass extreme Wetterbedingungen bereits signifikant häufiger und intensiver geworden sind [II]. Solche Bedingungen begünstigen die Brände. Allerdings reicht die Berücksichtigung dieser Bedingungen allein nicht aus, um künftige Brandrisiken zu projizieren. Eine realistische Abschätzung erfordert, zusätzliche Faktoren zu integrieren. So spielen sozioökonomische Treiber eine wichtige Rolle: 96 Prozent aller Vegetationsbrände werden absichtlich oder versehentlich durch menschliche Aktivitäten verursacht [III] – sodass etwa Bevölkerungsdichte und -verteilung, Landnutzung und wirtschaftliche Aktivitäten großen Einfluss haben. Die Zusammensetzung der Vegetation, die sich mit dem Klimawandel verändert, ist entscheidend dafür, wie viel brennbares Material vorhanden ist: Einheitliche Wälder sind anfälliger für großflächige Brände und unterlassene Landschaftspflege steigert die potenzielle Brennstoffmenge. Außerdem sind Management-Kapazitäten entscheidend dafür, wie gut die Prävention funktioniert und wie schnell und effektiv Brände bekämpft werden können.
Institut für Waldbau, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich
Bewertung der Methodik
„Eine methodische Stärke der Studie liegt darin, das prozessbasierte Spitfire-Modell und das empirisch-statistische Base-Modell in das dynamische Vegetationsmodell LPJmL einzubetten. Dadurch wird die Robustheit der Ergebnisse geprüft. Zudem bedeutend ist die Verwendung von fünf Klimamodellen zur Abbildung klimatischer Unsicherheiten, zwei kontrastierenden Entwicklungspfaden mit großer sozioökonomischer Spannbreite (SSP-Szenarien) und das experimentelle Setting durch die Berücksichtigung von einzelnen Treibern wie Human Development Index (HDI), Bevölkerungsdichte und Landnutzung.“
„Eine Schwäche der Studie ist, dass die Bewirtschaftung der Wälder nicht berücksichtigt wird. Konkrete Anpassungsmaßnahmen – etwa Baumartenwahl, Durchforstungen und Brennstoffmanagement – können also durch das Vegetationsmodell nicht berücksichtigt werden. Die verwendete räumliche Auflösung und die Tatsache, dass Brennstoffmengen in den vorhandenen Daten oft nicht gut abgeschätzt werden können – so gibt es im Modell nur elf unterschiedliche Vegetationstypen für ganz Europa –, erhöht die Unsicherheiten in Bezug auf die abgeschätzten Brandflächen. Auch die Beschränkung auf drei aufeinanderfolgende Tage in Bezug auf die Dauer von Bränden in Spitfire erscheint angesichts der Extremereignisse der letzten Jahre zu kurz. Die Rolle der sozioökonomischen Entwicklungspfade bei der Modellierung der menschlich verursachten Brände in den Ausbreitungsmodellen ist unklar. Denn viele Annahmen über das Verhalten der Menschen – wie Bewusstseinsbildung, Öffentlichkeitsarbeit, vermehrte Outdooraktivitäten, die Rolle des Umlands von Städten und so weiter – bleiben unberücksichtigt. Dies liegt an der räumlichen Auflösung und der nicht vorhandenen Datengrundlage.“
Human Development Index als Indikator für Prävention und Bekämpfung von Bränden
„Obwohl der Human Development Index (HDI) im Base-Modell ein starker negativer Prädiktor für die Brandfläche ist, können die Ergebnisse nur bedingt extrapoliert werden: Wesentliche Faktoren zur Abschätzung des HDI sind unbekannt oder schwer absehbar. Durch die Verwendung von historischen Daten kann der HDI nur schwer in die Zukunft extrapoliert werden, denn extreme Bedingungen können das Brandverhalten zukünftig unvorhersehbar machen und die Bekämpfungskapazitäten überfordern. Effektive Brandbekämpfung hängt allerdings oft von den vorhandenen Ressourcen ab. Hier zählen etwa der rechtzeitige Einsatz und Verfügbarkeit von Löschmannschaften, Koordination und so weiter. Für Länder wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, deren HDI bereits nahe am Maximum liegt, ist allerdings kaum noch eine Steigerung – also Verbesserung der Brandbekämpfungskapazität – möglich. Die Ergebnisse für diese Regionen sind daher mit Unsicherheiten behaftet.“
Mehrwert der Studie
„Die Kombination unterschiedlicher Modellansätze erhöht die Interpretationsmöglichkeiten in Hinblick auf Interventionsmaßnahmen, politische Implikationen und die Rolle des Klimawandels. Es kann durch die Studie gezeigt werden, dass Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen komplementäre und nicht gegeneinander austauschbare Strategien zur Reduzierung des zukünftigen Waldbrandrisikos sind. Bei einer moderaten Erwärmung hat ein verstärktes integriertes Brandmanagement das Potenzial, einen Teil der klimabedingten Zunahme der Brandflächen zu mindern – sofern finanzielle und zeitliche Kapazitäten und das Engagement aufrechterhalten werden. Bei einer stärkeren Erwärmung wird jedoch das extreme Feuerwetter dieses Potenzial zunehmend übersteigen.“
Belastbarkeit der Aussagen für Deutschland, Österreich und die Schweiz
„In den Alpen zeigen die Ergebnisse der Modelle teils widersprüchliche Muster: Spitfire simuliert abnehmende Brandflächen durch reduzierten Grasanteil und zunehmende Baumbedeckung, während Base oft zunehmende oder unveränderte Brandaktivität ohne konsistentes räumliches Muster zeigt. Die Bevölkerungsdichte spielt in Spitfire eine besondere Rolle für Mitteleuropa: Sinkende Bevölkerungsdichte in derzeit dicht besiedelten Gebieten führt – durch modellbedingte Parameter für die Zündwahrscheinlichkeit – zu mehr menschenverursachten Bränden, was nicht plausibel erscheint. Die von den Modellen prognostizierte Brandfläche allein sagt auch wenig über die Brandintensität aus – in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind beispielsweise Bodenfeuer mit geringer Intensität die dominierende Feuerart. Die ökologischen und finanziellen Auswirkungen unterscheiden sich daher fundamental von einem hochintensiven Kronenfeuer – eine Aussage über eine Veränderung der Intensität kann die Studie hier nicht geben. Auch können aufgrund der methodischen Limitationen nur Aussagen über Landnutzungsänderungen, etwa von Grasland zu Wald, gemacht werden. Die Bedeutung von Brennstoffmanagement, um Brennstofflasten zu reduzieren, kann hier nicht gezeigt werden – etwa durch kontrolliertes Brennen, Durchforstungen et cetera –, im Gegensatz zu vielen anderen Studien.“
Leiterin Arbeitsbereich Ökologie und Walddynamik, Institut für Waldökosysteme, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Eberswalde
Mehrwert der Studie
„Durch die Kombination zweier unterschiedlicher Feuer-Vegetations-Koppelmodelle mit den SSP-Szenarien liefern Billing et al. erstmals eine kontinentweite, gleichzeitig klimatisch- und sozio-ökonomisch integrierte Schätzung des Management-Potenzials.“
„Die wichtigsten Ergebnisse zeigen, dass erstens das Feuerwetter der dominierende Treiber ist, zweitens die sozioökonomische Entwicklung die Brandfläche stark reduzieren kann, sofern Politik und Institutionen die Feuermanagement‑Kapazität erhalten, und drittens unter starkem Klimawandel selbst intensive Managementmaßnahmen die Zunahme nicht vollständig kompensieren können. Damit liefert die vorliegende Studie einen wichtigen ersten Blick auf die zu erwartende Zunahme von Waldbrandflächen in Europa und macht überzeugend deutlich, dass ein verbessertes Feuermanagement das Risiko senken kann. Jetzt gilt es, diese Option in konkrete, umsetzbare Maßnahmen zu überführen.“
Gesamtfläche von Bränden als gesellschaftlich relevantes Maß?
„Die gesamte jährliche Brennfläche ist ein nützliches Integrationsmaß für CO₂-Emissionen und Wirtschaftsschäden, vernachlässigt jedoch die Heterogenität von Feuerereignissen. Ein einzelnes Großbrandereignis wie das Bordeaux-Feuer 2026 kann weitaus höhere ökologische und soziale Folgewirkungen haben als zahlreiche kleine Brände.“
Lehren aus der Studie für das Waldbrandmanagement
„Die Ergebnisse zeigen, dass allein ein hoher HDI keine Garantie gegen die stark zunehmende Feuergefahr in Europa bietet. Diese Erkenntnisse sind bereits seit längerem gesichertes Wissen. Sie deuten darauf hin, dass finanzielle Mittel ohne konkrete Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen allein nicht ausreichen.“
„Stattdessen braucht es ein koordiniertes Zusammenspiel aus ausreichender Finanzierung – auch für Feuerwehren und Katastrophenschutz – konsequenter Wald-Umbau-Strategie, klarer politischer Steuerung und einer vorsichtigen, angepassten Verhaltensweise der Bevölkerung, um Waldbrände wirksam zu vermindern. Diese Faktoren können nicht getrennt gesehen werden und müssen gleichzeitig wirksam werden: Geld muss gezielt in Branderkennung und -vermeidung fließen, die Politik muss stabile Rahmenbedingungen und schnelle Einsatzkapazitäten sichern, und die Gesellschaft muss ein erhöhtes Risikobewusstsein zeigen, damit die noch im Umbau befindlichen Wälder nicht zu Brennstofflieferanten werden.“
„Vom heutigen Verständnis her umfasst das Waldbrandmanagement also drei gleichwertige Säulen: forstwirtschaftliche Maßnahmen (Baumarten-Umwandlung, Brennstoff-Reduktion, Fragmentierungs-Schneisen), politische Rahmenbedingungen und Finanzierung (Waldklimafonds, verpflichtende Brandschutzpläne) und humanes Verhalten (Aufklärung, Rauchverbote, Präventionskampagnen). Die Studie behandelt diese Säulen lediglich als einen aggregierten ‚Management-Faktor‘ über das HDI, wodurch die notwendige Differenzierung fehlt, was das ‚Wie‘ offenlässt.“
Human Development Index als Indikator für Prävention und Bekämpfung von Bränden
„Im Modell Base wird der HDI als Proxy für institutionelle und finanzielle Kapazitäten verwendet. Der HDI erfasst primär Bildung, Gesundheit und Einkommen und liegt in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits nahe am Maximalwert. Damit lässt er kaum Unterschiede in den tatsächlichen Kapazitäten erkennen, welche zur Prävention und Bekämpfung von Waldbränden eingesetzt werden könnten. Die Studie gibt auch selbst an, dass der HDI ‘ein unzureichender Proxy für die zukünftige Fähigkeit ist, Vegetationsbrände zu verhindern und zu bekämpfen‘, insbesondere dort, wo der HDI kaum noch steigen kann. Eine solche Abschätzung kann also dazu führen, dass das Management‑Potenzial in hochentwickelten Staaten unterschätzt wird.“
„In diesem Sinne betont der Artikel, dass ein höherer HDI beziehungsweise mehr finanzielle Mittel allein nicht ausreichen, um Waldbrände zu senken. Entscheidend wären hier gezielte Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen wie koordinierte Löschstrategien, ausreichende Ausrüstung und geschultes Personal sowie innovative Technologien – hier etwa Satelliten-Monitoring und KI-gestützte Früherkennung. Das liegt aber außerhalb des Rahmens der Studie. Diese kombinierte Vorgehensweise wäre jedoch notwendig, weil reine Geld- oder Entwicklungserhöhungen ohne konkrete Maßnahmen die steigenden Brandrisiken nicht wirksam eindämmen können. Allerdings ist hier anzumerken, dass auch das Wissen um die richtigen Maßnahmen vorhanden sein muss. Die sind eng an die ökologischen Bedingungen geknüpft sind – eine Ebene, welche in der Studie durch den Fokus der Daten auf ganz Europa nicht abgedeckt wird, denn sie lässt lokale Topografie- und Bestandsheterogenitäten unbeachtet. Die Ableitung von gezielten Maßnahmen für einzelne Bestände und Waldbesitzende ist aber nur darauf basierend möglich.“
„Allgemein wirken sich aber bereits laufende Maßnahmen – Brennstoff‑Reduktion, Beimischung von Laubbaumarten oder Frühwarn‑Infrastruktur wie in Brandenburg – auf die Anzahl und Größe von Bränden aus. Der Artikel betont weiterhin, dass die Wahl des ‚climate forcing‘‑Datensatzes die simulierten Brandflächen stark beeinflusst. Insbesondere in Mittel‑ und Osteuropa führt die geringere Auflösung zu größerer Unsicherheit und sollte mit Vorsicht interpretiert werden.“
Belastbarkeit der Aussagen für Deutschland, Österreich und die Schweiz
„Beide Modelle (Spitfire und Base) prognostizieren einen klaren Anstieg der Brandfläche, wenn die Trockenheits- und Feuerwetterbedingungen zunehmen. Die Hauptunsicherheit liegt dabei in der Parametrisierung von Windgeschwindigkeit und Brennstoff-Feuchtigkeits-Dynamik, beide Größen bestimmen im Spitfire-Modell die Ausbreitung (Rothermel-Gleichung) und im Base-Modell den Feuerwetter-Index.“
„Für die D-A-CH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) erhöht die räumliche Auflösung die Modell-Unsicherheit. Weiterhin ist die Windsensitivität von Spitfire im alpinen und subalpinen Raum eine Quelle der Unsicherheit, weil dort die Modellstreuung zwischen den fünf verwendeten Klimamodellen besonders hoch ist. Weiterhin können die Modelle besondere Feuersituationen nicht abbilden, zum Beispiel Pyrocumulonimbus (durch große Brände verursachte Gewitterwolke; Anm. d. Red.).“
„Da Baumarten in der Studie nicht einzeln modelliert werden, jedoch Unterschiede im Brandverhalten zwischen unterschiedlichen Nadelbaumarten hoch sind, ist dies ein weiterer Unsicherheitsfaktor, besonders für alpine Mischwälder. Landnutzungsänderungen nach 2050 können nicht im Modell abgebildet werden, auch dies erhöht die Unsicherheit für langfristige Projektionen in D-A-CH. Weiterhin werden keine zeitlichen Verzögerungseffekt berücksichtigt. Die dargestellten Reduktionszahlen gehen von sofort wirksamen Management-Verbesserungen aus, welches unrealistisch ist.“
„In unserem eigenen Projekt ‚Waldspektrum‘ (zusammen mit dem PIK) quantifizieren wir diese Unsicherheit daher explizit und liefern Fehlerspannen, die Politik und Verwaltung helfen sollen, verschiedene Szenarien zu berücksichtigen. Außerdem parametrisieren wir für die vier Hauptbaumarten Fichte, Buche, Kiefer und Eiche explizit mit artspezifischen Parametern zu Windwurf-Resistenz, Entzündungstemperatur, Kalorienentwicklung.“
Maßnahmen nach einem Brand
„Grundsätzlich gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, welche nach einem Brand erfolgen können. Unmittelbar nach einem Brand ist ein strukturiertes Schadens- und Risikoinventar zu Boden-, Totholz-, Wasserhaushalt sinnvoll. Kurzfristig sollte die Brennstoff-Beseitigung, etwa die Mulch-Stabilisierungen und schnelle Entfernung von Totholz abgewogen werden und die temporäre Einrichtung von Brandschneisen, etwa Straßen und Wegen erfolgen, um erneute Entzündungen zu verhindern. Mittelfristig empfiehlt sich die Wiederaufforstung mit trockenheits- und feuerresistenten Arten wie Rot- oder Traubeneiche, Mischungen mit Laubbäumen sowie die Nachüberwachung des Regenerationsfortschritts. Langfristig muss das Gelernte in die nationalen Wald- und Katastrophen-Schutzstrategien einfließen, indem Daten aus beiden Ansätzen – großräumige Szenarien sowie lokale Risiko-Werte – als Entscheidungs- und Lernbasis für adaptive Management-Zyklen dienen. Nur ein vernetzter Ansatz aus forstwirtschaftlicher Praxis, politischer Steuerung und veränderten Verhaltensmustern kann die Wiederkehr von Großbränden wirksam begrenzen.“
Waldbrand-Klima-Resilienz-Initiative und unabhängiger internationaler Berater für Feuermanagement, Aschau im Chiemgau,
Human Development Index als Indikator für Prävention und Bekämpfung von Bränden
„Ich bin skeptisch, was die Verwendung des Human Development Index (HDI) als Indikator für die Bewältigungskapazitäten bei Waldbränden angeht. Der HDI misst Wohlstand und Entwicklung, was sich stark von der tatsächlichen Kompetenz oder Fähigkeit im Umgang mit Waldbränden unterscheiden kann. Aus meiner praktischen Erfahrung wird klar, dass Länder mit fast identischen HDI-Werten völlig unterschiedliche Kapazitäten haben.“
„Deutschland hat einen der höchsten HDI-Werte weltweit, hat aber gleichzeitig noch enormen Nachholbedarf bei Prävention, Risikominderung, Planung, der Bekämpfung von Waldbränden oder einer nationalen Waldbrandstrategie. Im Modell kann sich Deutschland jedoch kaum noch weiter verbessern, da der HDI so hoch ist – doch in der Realität ist das Gegenteil der Fall: Wir haben unser Managementpotenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Die Autoren räumen das selbst ein, wenn sie schreiben, dass der HDI eher ein Potenzial abbildet als tatsächliches Handeln. Dem stimme ich ausdrücklich zu, es ist aber eine erhebliche Einschränkung für die Interpretation der Zahlen.“
Neuigkeitswert der Studie
„Ehrlich gesagt: Der Neuigkeitswert ist geringer, als der Umfang der Studie vermuten lässt. Dass mehr Feuerwetter zu mehr Brandfläche führt, ist keine Neuigkeit. Ein großer Teil dessen, was hier als Ergebnis präsentiert wird, ist die Bestätigung von Dingen, die wir längst beobachten und in der Praxis täglich erleben.“
Geringer Mehrwert von Modellierungsstudien
„Leider wird in der aktuellen Studie viel Aufwand darauf verwendet, Zusammenhänge zu modellieren und zu verfeinern, deren Richtung wir schon lange kennen, während die für die praktische Anwendung entscheidenden Fragen außen vor bleiben. Diese sind die (zunehmend) durch Blitzeinschläge und Brandstiftung ausgelöste Entzündungsdynamik, der Einsatz kontrollierter Brände, die Größenverteilung der Ereignisse, das Feuer-Paradox (Unterdrückung kleiner Brände kann große Brände schwieriger kontrollierbar machen; Anm. d. Red.), neu verfügbares Brennmaterial in Landschaften, die zuvor zu feucht waren, und so weiter. Das sind die Fragen, die derzeit bestimmen, wo und wie wir eingreifen müssen.“
„Eine Zahl wie ‚192 Prozent mehr Brandflächen‘ wird in der Berichterstattung weiterhin ohne diese Vorbehalte kursieren. Währenddessen kommt die tatsächlich komplexe und handlungsrelevante Wissenschaft – die uns sagen würde, wo und wie wir handeln sollten, und nicht nur, wie viel letztendlich abbrennt (was ohnehin oft irreführend ist) – in der Studie überhaupt nicht vor.“
Belastbarkeit der Aussagen für Deutschland, Österreich und die Schweiz
„Ich würde die konkreten Prozentangaben für unsere Region als unsicher einstufen. Die beiden Modelle widersprechen sich sogar im Niedrigemissionsszenario. In der Studie selbst heißt es, dass die Unsicherheit zwischen den Klimamodellen ausgerechnet in Mitteleuropa am größten ist. Was jedoch eindeutig ist, ist der Trend, dass wir mehr Feuer auch in Regionen erleben, die sich bisher für nicht brandgefährdet hielten.“
„Ein Mechanismus im Spitfire-Modell kommt zu dem Ergebnis, dass die Landflucht in Mitteleuropa zu mehr menschlichen Zündungen führt, da die Entstehung von Bränden bei mittlerer Bevölkerungsdichte am höchsten ist. Das scheint eine globale Parametrisierung zu sein, aber ich bezweifle, dass sie auf Deutschland übertragbar ist. Brandstiftung wird in den Modellen zum Beispiel nicht berücksichtigt, obwohl sie in Europa eine bedeutende Brandursache darstellt. Entzündungsmuster und -quellen sind für Präventionsmaßnahmen ausdrücklich relevant. Daher ist dies ein erheblicher blinder Fleck für Modelle, die sich auf die Bevölkerungsdichte konzentrieren.“
„Das Gleiche gilt für die natürlichen Entzündungsursachen: Blitze werden im Prozessmodell als fester klimatologischer Faktor behandelt, der über das gesamte Jahrhundert unverändert bleibt, und tauchen im statistischen Modell gar nicht auf. Beobachtungsdaten zeigen jedoch einen deutlichen Anstieg der Blitzaktivität in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere in den Alpen. Und durch Blitze verursachte Brände in hohen Lagen nehmen zu. Diese sind völlig unabhängig von der Bevölkerungsdichte. Ich gehe davon aus, dass wir diesen Trend auch in anderen Regionen beobachten werden. Ich würde also sagen, dass ein Modell problematisch ist, in dem sich das Feuerwetter verschärft, die Entzündungsquellen aber unverändert bleiben, da es beispielsweise genau jene Brände systematisch unterschätzt, die in abgelegenem Gelände entstehen, spät entdeckt werden und lange brennen.“
„Ein weiterer schwerwiegender Widerspruch, den ich im Mechanismus der Bevölkerungsdichte sehe – der sich direkt auf eine der zentralen Erkenntnisse der Studie auswirkt –, besteht darin, dass die Bevölkerungsdichte ausschließlich als Entzündungswahrscheinlichkeit in das Modell einfließt, aber nirgendwo als Maß für die Reaktionsfähigkeit. In Regionen mit rückläufiger Bevölkerung prognostiziert Spitfire rückläufige Brandflächen, einfach, weil weniger Menschen weniger Brandausbrüche bedeuten. In dünn besiedelten, alternden ländlichen Gebieten dauert es jedoch oft länger, bis ein Brand überhaupt entdeckt wird. Die Anfahrtswege sind länger, die Infrastruktur ist weniger gut instandgehalten und die freiwilligen Feuerwehren, das Rückgrat ländlicher Gemeinden, schrumpfen und werden immer älter. Die Landflucht bedeutet auch weniger gepflegte Straßen und Wege, Weiden oder andere Brandschneisen und Möglichkeiten, Brände aufzuhalten. Während die landnutzungsbezogenen Experimente der Studie selbst zeigen, dass gerade diese Aufgabe von Flächen die Brennstofflast erhöht, weisen die Aspekte der Entzündung und der Reaktionsfähigkeit im Zusammenhang mit der Entvölkerung somit wahrscheinlich in entgegengesetzte Richtungen, und das Modell erfasst nur eine davon.“
Einfluss von Landnutzungsänderungen
„Ich bin auch skeptisch gegenüber der Behauptung, dass Landnutzungsänderungen insgesamt nur einen geringen Einfluss auf die Brandfläche haben. Die Beobachtung von Bränden insbesondere im Mittelmeerraum deutet darauf hin, dass die Landaufgabe ein entscheidender Faktor für größere Brandflächen ist. Die Studie stützt ihre Behauptung auf glatte, nachfrageorientierte Landnutzungsszenarien, in denen Landaufgabe und -umwandlung schrittweise erfolgen, im Einklang mit Politik und Märkten. Wirft man jedoch einen Blick auf die Ukraine, bricht diese Annahme zusammen. Dort hat der Krieg in weiten Gebieten zu einem abrupten Verlust von Ackerland geführt, insbesondere in Frontgebieten und minenverseuchten Zonen, was genau zu jener Vegetationsverschiebung hin zu Grasland und Buschland geführt hat, die das Base-Modell der Studie selbst als Vergrößerung der von Bränden betroffenen Fläche einstuft.“
„Hinzu kommt eine Zündquelle, die in keinem der beiden Modelle vorkommt: Beschuss, Landminen und konfliktbedingte Brandstiftung. Und die Brandbekämpfungskapazitäten in einem aktiven Kriegsgebiet haben nichts mehr mit der Bevölkerungsdichte oder dem HDI zu tun. Das Ergebnis sehen wir bereits in den Zahlen zur verbrannten Fläche in der Ukraine seit 2022. Bezeichnenderweise erkennen die Autoren dieses Risiko selbst, allerdings nur in Bezug auf den HDI, wenn sie schreiben, dass ‚unvorhergesehene Krisen‘ die Entwicklungsverläufe der SSP-Szenarien stören können. Die gleiche Logik gilt für die Landnutzung, wird dort aber nicht angewendet. Für mich zeigt der Fall der Ukraine, dass die Aussage ‚die Landnutzung spielt eine untergeordnete Rolle‘ nur unter der Annahme stabiler Bedingungen zutrifft. Leider glaube ich, dass Europa sehr konkret erlebt hat, wie schnell sich unsere stabilen Bedingungen im Zuge der Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten oder der wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA verändert haben.“
Gesamtfläche von Bränden versus Großbrände als gesellschaftlich relevantes Maß
„Meiner Ansicht nach ist dies die grundlegendste Schwäche dieser Art von Studien: Ein Hektar ist nicht gleich ein Hektar. Ein Oberflächenbrand geringer Intensität, der organisches Material zersetzt und in an Feuer angepassten Ökosystemen sogar Ökosystemleistungen erbringt, wird in denselben Statistiken erfasst wie ein Hektar mit extremem Feuer bei hundertprozentiger Sterblichkeit oder ein Hektar mit sozioökonomisch schädlichem Feuer im Übergangsgebiet zwischen Wildnis und Siedlungsgebiet.“
„Die Studie behandelt jede Reduktion der Brandfläche als Erfolg – dabei wissen wir, dass genau diese Logik der maximalen Feuerunterdrückung vielerorts erst die Feuerschuld aufgebaut hat, die uns heute die extremen Ereignisse beschert. Die Autoren selbst erwähnen diesen Zusammenhang in der Einleitung, doch im Modell hat aggressive Brandbekämpfung keinerlei negative Auswirkungen.“
„Kontrollierte Brände, also Brände, die aus verschiedenen Gründen zum Ressourcen- und Landschaftsmanagement gesteuert werden, tauchen im Rahmen des Modells überhaupt nicht auf. Schlimmer noch: Sie würden als negatives Ereignis gewertet, weil sie verbrannte Flächen verursachen. Ein Land, das sein Feuerregime aktiv managt und dafür gezielt Fläche brennen lässt, sähe in dieser Statistik schlechter aus als eines, das alles unterdrückt und die Rechnung später bezahlt. Das ist ein großes konzeptionelles Problem. Auch angesichts der sich verändernden Feuerregimes stehen wir irgendwann vor der unangenehmen Frage: Sollten wir Brände dort brennen lassen, wo es sicher ist? Sollten wir sogar in Erwägung ziehen, kontrollierte Brände als Präventivmaßnahme in neuen Gebieten einzuführen, die mittlerweile zu brennstoffreichen, brandgefährdeten Umgebungen geworden sind?“
Eingeschränkte Datengrundlage
„Dazu kommt die Datengrundlage: Die satellitengestützten Produkte, die zum Trainieren des statistischen Modells verwendet werden, sind unzuverlässig, wenn es darum geht, kleine Brände unter 30 Hektar zu erkennen. Insbesondere in ‚neu gefährdeten‘ Ländern wie Deutschland, wo Brände in der Regel schnell eingedämmt werden, bevor sie größer werden, bedeutet dies, dass der in Deutschland sehr relevante Trend zu einer Zunahme vieler kleiner saisonaler Brände unter den Tisch fällt.“
„Am anderen Ende der Skala analysiert die Studie nicht die Verteilung der Brandgrößen. Weltweit sehen wir, dass immer weniger Brände für einen immer größeren Anteil der verbrannten Fläche und des Schadens verantwortlich sind. Eine Studie, die nur die gesamten Brandflächen berücksichtigt, kann nichts über diese Extremereignisse aussagen, die eigentlich unsere Anpassungsstrategien bestimmen sollten. Das ist nicht nur ein Problem der Analyse, sondern auch der Modellgestaltung. Denn im Prozessmodell darf ein Brand maximal drei Tage lang brennen, mit nur zwei bis fünf Stunden effektiver Brenndauer pro Tag – und er endet an der Grenze der neun-mal-neun-Kilometer-Gitterzelle. Ereignisse wie der Evros-Brand von 2023, der Gironde-Brand von 2022 oder der Brand in der Sächsischen Schweiz, die tagelang oder sogar wochenlang brannten, lassen sich so nicht simulieren: Das Modell ersetzt sie durch viele moderate Brände, sodass sich die Gesamtfläche zwar summiert, das Ereignis selbst aber verschwindet. Somit werden die Merkmale der Ausbreitung und des Feuerverhaltens wie Schäden, Todesfälle oder Einsatzkosten strukturell ausgeblendet.“
„Das sind genau die Ereignisse, die politische Reaktionen auslösen und die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen unterstreichen. Die entscheidende Frage ist dann weniger, wie viel Fläche in Zukunft abbrennen wird, sondern – wegen ökologischer Auswirkungen und Regenerationsfähigkeit der Ökosysteme – wie extrem die Brände sein werden und wer davon wie stark betroffen sein wird.“
„Ich habe bis jetzt keine Verbindungen zu den Autor:innen der Studie, aus denen ein möglicher Interessenkonflikt erwachsen könnte.“
„Es liegen keinerlei persönliche oder finanzielle Interessenkonflikte vor.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Billing M et al. (2026): Future Projections of Burned Area in Europe Highlight the Importance of Human Action. Global Change Biology. DOI: 10.1111/gcb.71043.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Waldbrandgefahr in Mitteleuropa: Möglichkeiten für Anpassung und Prävention. Statements. Stand: 23.07.2026.
Science Media Center (2026): Waldbrand-Aerosole in Europa: Ausbreitung, Klima und Gesundheit. Statements. Stand: 31.07.2026.
Science Media Center (2024): Waldbrände und Klimawandel: Zunehmende Kohlenstoffemissionen in außertropischen Wäldern. Statements. Stand: 17.10.2024.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] IPCC (2022): Chapter 13: Europe. In Climate Change 2022 - Impacts, Adaptation and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change; dort ab Abschnitt 13.3.1.3 ff.
[II] Bayar AS et al. (2026): Strong intensification of extreme fire weather in Europe under 3 °C compared to 2 °C global warming. Earth System Dynamics. DOI: 10.5194/esd-17-929-2026.
[III] Oom D et al. (2022): Pan-European wildfire risk assessment. Publications Office of the European Union. DOI: 10.2760/9429.
Prof. Dr. Harald Vacik
Institut für Waldbau, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe bis jetzt keine Verbindungen zu den Autor:innen der Studie, aus denen ein möglicher Interessenkonflikt erwachsen könnte.“
Dr. Tanja Sanders
Leiterin Arbeitsbereich Ökologie und Walddynamik, Institut für Waldökosysteme, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Eberswalde
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es liegen keinerlei persönliche oder finanzielle Interessenkonflikte vor.“
Lindon Pronto
Waldbrand-Klima-Resilienz-Initiative und unabhängiger internationaler Berater für Feuermanagement, Aschau im Chiemgau,
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“