Bringt mehr Diversität im Studium später ein höheres Einkommen?
Studie: Ethnische Diversität der Studierenden führt in den USA zu Ausbildungsvorteilen und höheren Einstiegsgehältern
das Forschungsteam hält das Ergebnis für ein gewichtiges Argument gegen ein Verbot der Bevorzugung von Minderheiten an US-Universitäten durch den Supreme Court und fordert dessen Aufhebung
andere Forschende sehen die Studienmethodik kritisch, kommentieren Debatte um die „Affirmative Action“ genannte Bevorzugung von Minderheiten und ordnen die Effekte politisierter Wissenschaftskommunikation ein
Ethnisch vielfältigere Jahrgänge an US-Universitäten konnten später etwas höhere Einstiegsgehälter erzielen als weniger diverse Jahrgänge. Ursache dafür könnte die zusätzliche Lernerfahrung in einer diverseren Ausbildungsgruppe sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die morgen im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle). Die Forschenden halten auf Basis ihrer statistisch signifikanten Ergebnisse Diversität unter Studierenden bezüglich Ethnie und Hautfarbe („racial diversity“ im Original) teilweise für ursächlich für den späteren Arbeitsmarkterfolg.
Für ihre Untersuchung hatten sie Daten aus einem Zeitraum von fast 30 Jahren statistisch analysiert, mit insgesamt 2964 Kohorten amerikanischer betriebswirtschaftlicher und 3386 Kohorten rechtswissenschaftlicher Studiengänge. Andere Einflussfaktoren, die zugleich die Diversität der Jahrgänge als auch die Einstiegsgehälter beeinflussen könnten, versuchten sie mit einem statistischen Modell herauszurechnen – zum Beispiel besondere Einkommenseffekte einzelner Universitäten.
Professor für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Klima- und Wissenschaftskommunikation, Fachbereich Sozialwissenschaften, Universität Hamburg, und Projektleiter im Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS), Universität Hamburg
Effekt auf das Vertrauen in die Wissenschaft
„Die Forschung dazu, ob es dem Vertrauen in Wissenschaft schadet, wenn Forschende sich aktiv an politischen Debatten beteiligen, hat bisher eher widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht. Vermutlich ist es so, dass die Effekte davon abhängen, ob die Forschenden der eigenen Meinung widersprechen oder diese bestärken. Das liegt daran, dass bei Rezipienten das Bedürfnis ausgeprägt ist, kognitive Dissonanzen zu vermeiden.“
Politische Empfehlungen als Verantwortung von Wissenschaft
„In Zeiten akuter Bedrohung der demokratischen Grundordnung wie in den USA durch die Trump-Regierung oder weltweit in Zeiten existentieller Bedrohung von Ökosystemen durch Klimakrise und Artensterben, steht auch die Wissenschaft in der Verantwortung, für gesellschaftliche Grundwerte einzutreten.“
„Dazu gehört, nicht nur Methoden und Ergebnisse von Studien zu berichten, sondern auch mögliche politische Schlussfolgerungen zu thematisieren. Der Schutz und die Förderung benachteiligter Minderheiten gehört zur Wertebasis demokratischer Gesellschaften. Es ist nicht nur legitim, sondern vielleicht auch die Pflicht von Wissenschaft, auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und Verbesserungsvorschläge vorzulegen. Politische Empfehlungen seitens der Wissenschaft sind erlaubt, aber natürlich dürfen sie auch kritisiert werden. Damit müssen Wissenschaftler rechnen, die sich in politische Debatten vorwagen.“
Professorin für Kommunikationswissenschaft, Universität Münster
Einfluss der Studie auf die Meinungsbildung
„Grundsätzlich ist es schwierig, allein vom Inhalt einer wissenschaftlichen Studie direkt auf ihre Wirkung zu schließen.“
„Die Kommunikationsforschung zeigt seit Langem, dass Kommunikation bestehende Einstellungen häufig eher verstärkt, als sie grundlegend zu verändern. Das bedeutet: Personen, die ‚Affirmative Action‘ bereits positiv gegenüberstehen, werden sich durch eine solche Studie wahrscheinlich in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Sie sehen darin eher einen weiteren Beleg dafür, dass diese Maßnahmen sinnvoll und gerechtfertigt sind. Umgekehrt ist es eher unwahrscheinlich, dass Menschen mit einer starken ablehnenden Haltung gegenüber ‚Affirmative Action‘ durch eine einzelne Studie überzeugt werden. Häufig werden dann Strategien genutzt, um die Ergebnisse zurückzuweisen – etwa indem die Methodik infrage gestellt oder alternative Gegenargumente hervorgehoben werden.“
„Am ehesten ist ein Einfluss bei Personen zu erwarten, deren Meinung zu diesem Thema noch nicht stark gefestigt ist. Gerade in den USA spielt dabei auch die politische Grundhaltung eine wichtige Rolle: Wer ideologisch klar gegen ‚Affirmative Action‘ positioniert ist, wird sich durch solche Forschungsergebnisse in der Regel nicht ohne Weiteres umstimmen lassen.”
Effekt auf das Vertrauen in die Wissenschaft
„In diesem Fall handelt es sich um eine Form der Wissenschaftskommunikation, in der die Forschenden im Diskussionsteil der Studie recht klare politische Empfehlungen formulieren. Roger Pielke Junior (Teils umstrittener Sozialwissenschaftler, insbesondere aufgrund seiner Kritik an Klimaforschenden, Anm. d. Red.) unterscheidet hierfür zwei Rollen: den Epistokraten und den ehrlichen Vermittler – auch ‚Honest Broker‘ genannt [1] . Der Epistokrat nutzt wissenschaftliche Autorität, um politische Entscheidungen als objektiv notwendig darzustellen und verdrängt damit gesellschaftliche Debatten über Werte und politische Prioritäten. Der ‚Honest Broker‘ hingegen macht deutlich, dass Wissenschaft zwar wichtige Orientierung geben kann, politische Entscheidungen aber immer auch Wertfragen beinhalten und deshalb gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen.”
„Die aktuelle Studie tendiert eher in Richtung des Epistokraten, da sie nicht nur Ergebnisse präsentiert, sondern daraus recht direkt politische Forderungen ableitet. Aus der Forschung wissen wir, dass eine Kommunikation im Sinne des ‚Honest Broker‘ tendenziell eher Vertrauen in Wissenschaft stärkt als eine epistokratische Kommunikation [2] . Wenn Forschende sehr klare politische Empfehlungen aussprechen, kann dies Vertrauen stärker polarisieren: Menschen, die Wissenschaft ohnehin skeptisch gegenüberstehen, könnten sich in ihrem Misstrauen bestätigt fühlen.”
Sinnhaftigkeit politisierter Wissenschaftskommunikation im Fall der Studie
„Die Forschung legt nahe, dass es für das Vertrauen in Wissenschaft oft sinnvoller ist, wissenschaftliche Evidenz und politische Empfehlungen klar voneinander zu trennen.“
„Gleichzeitig ist es nachvollziehbar, dass Forschende gerade in einem stark polarisierten politischen Umfeld, wie derzeit in den USA, ihre Ergebnisse bewusst nutzen, um politische Aufmerksamkeit zu erzeugen. Möglicherweise geht es den Autor:innen dabei auch weniger darum, überzeugte Gegner:innen umzustimmen, sondern eher darum, diejenigen zu bestärken, die das Anliegen bereits unterstützen. In diesem Fall wird unter Umständen bewusst in Kauf genommen, dass das Vertrauen in Wissenschaft bei ohnehin skeptischen Gruppen weiter sinkt, um politische Handlungsfähigkeit auf anderer Seite zu stärken.”
Besser geeignete Formate für politische Empfehlungen durch Wissenschaft
„Grundsätzlich sind Formate besser geeignet, in denen Forschende wissenschaftliche Befunde klarer von politischen Empfehlungen trennen können.“
„Geeignet können daher Formate wie Policy Briefs, Stellungnahmen von Expert:innengremien oder Beratungsgremien für politische Entscheidungsträger:innen sein. Dort lässt sich deutlicher kommunizieren: Die Wissenschaft liefert wichtige Evidenz und Orientierung, aber die eigentliche politische Entscheidung bleibt eine gesellschaftliche und demokratische Aushandlung.”
Professorin für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Wirkung/Transfer, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe
Politische Kommunikation der Studie
„Auf der Grundlage ihres Befundes, dass ethnisch diversere Studierendenkohorten in juristischen und betriebswirtschaftlichen Studiengängen mit höheren mittleren Einstiegsgehältern einhergehen, plädieren die Autoren für ‚Affirmative Action‘ bei der Zulassung zu hoch kompetitiven Studiengängen. Dahinter verbirgt sich ein politisch diskutiertes Bündel von Maßnahmen zur Rekrutierung von Studierenden aus ethnischen Minderheiten, wie Zulassungsquoten oder die bevorzugte Zulassung.“
Notwendigkeit von Werturteilen für politische Entscheidungen
„Die Autoren suggerieren, dass sich die politische Notwendigkeit zu ‚Affirmation Action‘ direkt aus ihren Forschungsergebnissen ableiten lässt. Das ist jedoch grundsätzlich nicht möglich. Sinnvollen politischen Handlungsentscheidungen liegen niemals nur wissenschaftliche Befunde, sondern immer auch Werturteile zugrunde. Diese können nicht wissenschaftlich gelöst, sondern müssen gesellschaftlich verhandelt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage nach dem Verhältnis der Vor- und Nachteile von ‚Affirmative Action‘. Aber auch die Frage, ob das mittlere Einstiegsgehalt ein anzustrebendes Erfolgskriterium dieser Maßnahme ist oder die Frage danach, ob diverse Studierendenkohorten auf anderen Wegen als mittels ‚Affirmation Action‘ erreicht werden sollten.“
Nachteile politisierter Wissenschaftskommunikation
„Indem die Autoren aus ihrem Forschungsbefund eine politische Notwendigkeit für ‚Affirmative Action‘ ableiten, übergehen sie rhetorisch diese Wertedebatten. Das ist aus zwei Gründen problematisch: Dadurch, dass sie einen rein wissenschaftlich begründeten politischen Sachzwang konstruieren, erwecken sie erstens den Eindruck, dass wertebasierte Argumente von gesellschaftlichen Akteuren, Interessengruppen oder Bürgerinnen und Bürgern in der Diskussion um ‚Affirmative Action‘ illegitim sind. Zweitens laden sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen der ethnischen Diversität von Studierendenkohorten und ihren späteren Einstiegsgehältern politisch auf. Wäre eine derartige Vermischung von Wissenschaft und Politik in der Wissenschaftskommunikation weit verbreitet, so könnte dies Misstrauen gegenüber der Wissenschaft fördern. Der Grund dafür ist, dass Bürgerinnen und Bürger an rein wissensbasierten Debatten – anders als an Wertedebatten – nicht kompetent partizipieren können, und ihnen Wissenschaft stärker politisch motiviert als erkenntnisgetrieben erscheinen kann.“
Politische Relevanz von Wissenschaft anders kommunizieren
„Meine Einwände gegen eine Vermischung von wissenschaftlichen Befunden mit politischen Schlussfolgerungen sollen nicht bedeuten, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich davor scheuen sollten, die politische Relevanz ihrer Befunde aufzuzeigen. Es macht aber einen Unterschied, ob sie ihre Ergebnisse als einen vermeintlichen politischen Sachzwang oder als ein gutes Argument für eine politische Maßnahme darstellen. Als ein gutes Argument für eine Maßnahme präsentiert, lädt Wissenschaft zur Vorlage weiterer guter Argumente für oder gegen dieselbe Maßnahme und damit zu einem starken gesellschaftlichen Austausch von Argumenten ein. Wie die einzelnen Argumente in der politischen Entscheidungsfindung schließlich gewichtet werden, ist eine gesellschaftspolitische, keine wissenschaftliche Frage.“
Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe „Experimentelle Ökonomie“, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn
Methodik und Aussagekraft der Studie
„Die aktuelle Studie nutzt Daten eines kommerziellen Surveys auf Ebene von Bildungsprogramm und Institution, um auf Basis von ‚Fixed-Effects‘-Schätzungen (Ein statistisches Verfahren, mit dem man den Einfluss eines Faktors schätzt, indem man konstante Unterschiede zwischen den Beobachtungen – hier etwa bessere Einkommen bestimmter Hochschulen oder Jahrgänge – herausrechnet; Anm. d. Red.) für die jeweilige Hochschule und jeweilige Zeit den ‚kausalen‘ Effekt von Diversität auf spätere Einstiegsgehälter zu bemessen. Die angewandte Methodik erlaubt meines Erachtens eine solche Interpretation nicht.“
„Zunächst beinhalten die Daten nur sehr indirekte Messungen von Einstiegsgehältern. Diese werden nämlich als Aggregate – etwa Median – gemessen, die von den jeweiligen Hochschulen aufgrund von Befragungen der Uni-Abgänger erfasst und dann an US News (eine Nachrichtenseite, die unter anderem Daten zu Hochschulen erhebt; Anm. d. Red.) weitergeleitet werden. Hier bestehen erhebliche Möglichkeiten von Verzerrungen – etwa wenn besser verdienende Studierende eher antworten. Oder durch Anreize der jeweiligen Institution, höhere Einstiegsgehälter der Absolventen anzugeben. Ebenso kann die Studie, nicht zwischen Effekten von Diversität auf Minoritäten selbst und auf Mehrheits-Studierende unterscheiden, da hier nur durchschnittliche Löhne gesamter Kohorten vorliegen“
„Darüber hinaus erlaubt die Methodik über eine deskriptive Analyse hinaus keine überzeugende kausale Interpretation. Die zentrale Identifikationsannahme, dass sich die Zusammensetzung der Kohorten innerhalb einer Hochschule über die Zeit quasi zufällig verändert, ist aus ökonomischer Sicht nicht plausibel. Veränderungen in der Diversität sind eng mit Auswahlprozessen, Nachfrage nach Studienplätzen und institutionellen Strategien verknüpft und damit potenziell mit unbeobachteten Einflussfaktoren auf spätere Einkommen korreliert. Entsprechend sollten die Ergebnisse als robuste Korrelationen, nicht aber als kausale Effekte interpretiert werden.“
Einordnung in bestehendes Wissen
„Die Studie fügt sich in eine umfangreiche Literatur ein, die positive Zusammenhänge zwischen Diversität und Lernergebnissen oder Kompetenzen diskutiert, bietet aber meines Erachtens darüber hinaus nicht viel Neues. Die Ergebnisse sind daher eher als ergänzende Evidenz zu verstehen, die bestehende Hypothesen stützt, aber nicht entscheidend voranbringt.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Kontexte
„Die Generalisierbarkeit der Ergebnisse sehe ich als stark eingeschränkt. Der Begriff ‚Minorität‘ hat im US-amerikanischen Kontext eine spezifische Bedeutung, die eng mit historischen Ungleichheiten und institutionellen Rahmenbedingungen verbunden ist. Zudem handelt es sich um selektive Menschengruppen an hochrangigen Graduiertenprogrammen, die nicht ohne Weiteres auf andere Bildungssysteme, etwa Deutschland, übertragbar sind.“
„Interessenkonflikte bestehen meinerseits nicht.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Ein Interessenkonflikt liegt nicht vor.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Mitra D et al. (2026): Racial diversity in higher education is associated with higher student salaries. Nature. DOI: 10.1038/s41586-026-10425-7.
Weiterführende Recherchequellen
Fullinwider R (2024): Affirmative Action. Stanford Encyclopedia of Philosophy. Fasst die Debatte um Affirmative Action in der politischen Philosophie zusammen.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Pielke, RA (2012): The Honest Broker: Making Sense of Science in Policy and Politics. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/CBO9780511818110.
[2] Post S et al. (2024): The Honest Broker versus the Epistocrat: Attenuating Distrust in Science by Disentangling Science from Politics. Political Communication. DOI: 10.1080/10584609.2024.2317274.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Supreme Court of the United States (2023): Students for Fair Admissions, Inc. v. President and Fellows of Harvard College. Urteil des US-Verfassungsgerichts.
Prof. Dr. Michael Brüggemann
Professor für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Klima- und Wissenschaftskommunikation, Fachbereich Sozialwissenschaften, Universität Hamburg, und Projektleiter im Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS), Universität Hamburg
Prof. Dr. Julia Metag
Professorin für Kommunikationswissenschaft, Universität Münster
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Senja Post
Professorin für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Wirkung/Transfer, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ein Interessenkonflikt liegt nicht vor.“
Dr. Ingo Isphording
Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe „Experimentelle Ökonomie“, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Dr. Hauke Behrendt
akademischer Rat am Institut für Philosophie, Universität Stuttgart
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Interessenkonflikte bestehen meinerseits nicht.“