Bakterienpräparat soll helfen, Gewicht nach Diät zu halten
pasteurisiertes Darmbakterium half Teilnehmenden, ihr Gewicht besser zu halten als mit Placebo
„Jo-Jo-Effekt“ stellt viele Menschen vor Herausforderungen, auch nach einer medikamentösen Therapie ist dies ein Problem
Forschende: wissenschaftlich solide Studie, aber noch nicht ausreichend, um Empfehlungen abzuleiten
Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium half Menschen mit Übergewicht, nach dem Abnehmen ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Das ist das Ergebnis einer randomisiert kontrollierten Studie aus den Niederlanden, die im Fachjournal „Nature Medicine“ erschienen ist (siehe Primärquelle).
Für ihre Studie verwendeten die Forschenden einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht. Bei Menschen mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Prädiabetes konnten in Kohortenstudien niedrigere Level an A. municiphila festgestellt werden [I]. In Tierstudien führte eine Behandlung mit dem Bakterium zu besserer Körpergewichtskontrolle und niedrigeren Blutzuckerwerten [II]. Eine klinische Pilot-Studie mit 32 Teilnehmenden zeigte: Das Bakterienpräparat war sicher und es gab Hinweise auf eine Wirkung auf Gewicht und Stoffwechsel-Parameter [III]. Hersteller des Präparats ist „The Akkermansia Company“.
Studienarzt in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (Deutsches Zentrum für Diabetesforschung / DZD), Campus Benjamin Franklin (CBF), Charité – Universitätsmedizin Berlin
Aktuelle Empfehlungen und Ergebnisse
„Von den Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften wird es derzeit nicht empfohlen, Nahrungsergänzungsmittel und insbesondere Bakterienpräparate zum Zweck des Gewichtserhalts einzunehmen. Hintergrund ist der fehlende Nachweis aus aussagekräftigen Studien, dass Präparate dieser Art tatsächlich eine nützliche Wirkung haben. Die neue Studie erbringt nun aber einen ersten wissenschaftlich soliden Nachweis, dass ganz bestimmte Präparate unter ganz bestimmten Bedingungen doch einen Nutzen haben könnten. Für eine Empfehlung ist es trotzdem noch zu früh. Der Effekt ist statistisch signifikant und von klinisch relevanter Größe. Er passt auch zu Resultaten einiger früherer Forschungsarbeiten. Allerdings basiert das aktuelle Ergebnis auf relativ wenigen Proband:innen und ganz spezifischen Testbedingungen. Deswegen kann das Resultat nicht für alle Menschen – nicht einmal für alle Menschen mit Adipositas – generalisiert werden.“
Beurteilung der Methodik
„Die Studienmethodik ist darauf optimiert, den Nachweis dafür zu erbringen, dass das spezielle Akkermansia-Präparat den Gewichtserhalt unterstützt. Alle Proband:innen haben zu Beginn die gleiche starke Ernährungstherapie zur Gewichtsreduktion durchlaufen. Nur erfolgreiche Proband:innen wurden dann per Zufallsprinzip der Bakterienkultur oder einem Placebo zugelost. Die Zulosung erfolgte verblindet, sodass Studienteam und Studienteilnehmende sich nicht mit dem Wissen beeinflussen konnten, wer in welcher Gruppe ist. Die Behandlung mit dem Nahrungsergänzungsmittel erfolgte ausreichend lang, um einen Effekt zeigen zu können. Neben der Gewichtsentwicklung wurden viele zusätzliche Messungen vorgenommen, um die Wirksamkeit auf den Stoffwechsel, die Wirkmechanismen und die Sicherheit der Anwendung mitzuerfassen. Zur Gewichtsentwicklung passen auch die Resultate zur Insulinsensitivität.“
„Gleichzeitig muss man betonen, dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formuladiät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes. Der Wirkungsnachweis gilt nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“
„Zudem erhielten die Probanden zusätzlich zum Supplement weiterhin niedrigschwellige Beratungen, zwar ohne konkrete Ernährungsvorgaben oder Strategien, aber mit dem klaren Ziel des Gewichtserhalts.“
Einfluss von Interessenkonflikten
„Mehrere Autor:innen der Arbeit sind leitende Mitarbeiter:innen eines Unternehmens, das Akkermansia-Präparate bereits vermarktet. Auch die Finanzierung der Studie erfolgte über dieses Unternehmen. Es ist also prinzipiell denkbar, dass das Studiendesign von diesem Interessenkonflikt beeinflusst war. Es ist aber ein schlüssiges, vorab registriertes Studiendesign ohne Hinweise auf methodische Verzerrungen. Die Publikation in einem hochrangigen Journal wie ‚Nature Medicine’ stellt zudem üblicherweise sicher, dass die Durchführung und Auswertung der Studie nicht von Interessenkonflikten beeinflusst wird.“
Mögliche Mechanismen
„Die Forschungsgruppe hat verschiedene Mechanismen untersucht, die allesamt plausibel sein können. Bestimmte Darmbakterien können die Aufnahme bestimmter Nährstoffe blockieren, sodass sie nicht im Blutkreislauf landen, sondern über den Stuhl wieder ausgeschieden werden. Das scheint hier zumindest teilweise der Fall zu sein. Darmbakterien können untereinander konkurrieren – in dieser Studie konnte das nicht beobachtet werden. Denkbar sind zusätzliche Effekte des Mikrobioms auf Nervenbahnen zum Gehirn, sodass Sättigungsmechanismen beeinflusst werden. Spezifische Darmbakterien können auch Signalmoleküle oder Stoffwechselprodukte freisetzen, die unseren eigenen Stoffwechsel unterstützen. Weder für das Sättigungshormon GLP-1 noch für die Stoffwechselprodukte der Darmbakterien – die kurzkettigen Fettsäuren – wurde aber in dieser Arbeit ein mechanistischer Beleg gefunden.“
„Die vorliegende Arbeit weist auch darauf hin, dass Menschen mit bereits starkem Akkermansia-Vorkommen im Darm zu Beginn der Studie relativ wenig von der zusätzlichen Zufuhr profitieren. Nicht allen Menschen nützt das Präparat also gleichermaßen. Und: Es braucht offenbar diese spezifische Variante von Akkermansia für den biologischen Nutzen. Während der gesamten Behandlungsdauer mit dem Supplement hatten Placeboproband:innen eine durchschnittlich höhere Besiedelung im Darm mit klassischer Akkermansia, aber trotzdem die schlechtere Gewichtsentwicklung.“
Interpretation und Therapieempfehlungen
„Die vorliegende Studie ist ein Zwischenschritt der Forschung, kein Endergebnis. Selbst für dieses spezifische Präparat braucht man Bestätigungsstudien mit deutlich mehr Teilnehmenden, um auszuschließen, dass in dieser Studie nur der Zufall einen Vorteil erbracht hat. Auch Fragen der Sicherheit wie Nebenwirkungen wird man darin erneut untersuchen.“
„Für den Gewichtserhalt nach einer starken Gewichtsreduktion stehen nach medizinischen Leitlinien medikamentöse Therapien und verschiedene Ernährungsansätze zur Verfügung. Die beste Quelle dazu sind die Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), die alle genannten Punkte abgewogen und mit Angabe der Priorisierung aufgreifen [1].“
Hinweise für die Berichterstattung
„Diese Studie wird vermutlich über viele Kanäle den Weg in die Öffentlichkeit finden. Es ist daher sinnvoll proaktiv darüber zu berichten, um große Erwartungen einzufangen. Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar. Es braucht weitere Studien, um das Ergebnis bestätigen zu können. Eine automatische Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel ergibt sich daraus nicht.“
Fachärztin für Innere Medizin und Clinician Scientist, Klinik und Poliklinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Leipzig
Aktuelle Empfehlungen und Ergebnisse
„In den aktuellen Leitlinien zur Adipositasbehandlung spielen Nahrungsergänzungsmittel und Probiotika bislang keine Rolle – weder in der Leitlinie der Deutschen Adipositas Gesellschaft [1], der AWMF oder internationaler Fachgesellschaften. Die evidenzbasierten Strategien zur Gewichtserhaltung umfassen strukturierte Verhaltenstherapie, kalorienmodifizierte Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und – wo indiziert – pharmakologische Optionen wie GLP-1-Rezeptoragonisten. Die Studie von Mount et al. ist in diesem Kontext relevant, weil sie erstmals in einer randomisiert kontrollierten Studie zeigt, dass ein mikrobiombasiertes Präparat die Gewichtserhaltung nach einer Diät signifikant verbessern kann – ein Effekt, der in keiner bestehenden Leitlinie vorgesehen ist. Allerdings rechtfertigt eine einzelne Studie noch keine Änderung der Empfehlungen.“
Beurteilung der Methodik
„Die Studie hat wichtige Stärken: doppelblind, randomisiert, placebokontrolliert, mit einer klar definierten Gewichtsverlustphase mit mindestens acht Prozent des Körpergewichts als Einschlussvoraussetzung und einer 24-wöchigen Erhaltungsphase. Das primäre Ergebnis – rund zwei Kilogramm weniger Gewichtswiederanstieg in der Therapie-Gruppe mit MucT (1,2 versus 3,2 Kilogramm, P-Wert 0,012) – ist statistisch signifikant, aber der absolute Unterschied ist klinisch nicht sehr stark.“
„Methodisch problematisch ist das Fehlen einer aktiven Kontrollgruppe mit einem inaktivierten Bakterienstamm ohne die relevante Komponente Amuc_1100. Ohne diesen Vergleich lässt sich keine Aussage über die Spezifität des Effekts treffen, wie die Autoren selbst gestehen. Zudem war die Studie für einen Unterschied von vier Kilogramm gepowert, der tatsächlich beobachtete Effekt ist halb so groß, und ein Langzeit-Follow-Up über ein Jahr fehlt vollständig.“
Einfluss von Interessenkonflikten
„Die Interessenkonflikte sind erheblich und müssen transparent kommuniziert werden: Willem de Vos ist Co-Gründer und Technischer Direktor (CTO) der Akkermansia Company SA, die das Produkt herstellt und die Studie finanziert hat. Anneleen Segers ist Mitarbeiterin des Unternehmens, und die Letztautorin Ellen Blaak ist Scientific Advisor des Unternehmens und Miterfinderin eines Patents, das mit dieser Studie zusammenhängt. Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse falsch sind, aber es bedeutet, dass Replikation durch unabhängige Gruppen dringend erforderlich ist.“
Mögliche Mechanismen
„Drei Mechanismen sind biologisch plausibel und von den AutorInnen diskutiert: Über sein äußeres Membranprotein Amuc_1100 stärkt A. muciniphila die Darmbarrierefunktion. Das dürfte besonders bei Personen mit niedrigem endogenem (körpereigenem; Anm. d. Red.) Akkermansia-Spiegel und damit einhergehend erhöhter Darmpermeabilität (Durchlässigkeit der Darmschleimhaut; Anm. d. Red.) relevant sein. Das wiederum ist nur hypothetisch und dazu gibt es keine Untersuchungen. Der überzeugendste Effekt ist ein Energiehaushalt-Effekt: In der MucT-Gruppe korrelierte eine erhöhte Energieausscheidung im Stuhl invers mit dem Gewichtswiederanstieg, Das deutet auf eine reduzierte Kohlenhydrataufnahme im Darm hin, konsistent mit Befunden aus Mausmodellen. Interessant ist auch der Befund im subkutanen Fettgewebe: Die Therapie-Gruppe zeigte eine Hochregulation mitochondrialer und thermogener Signalwege (Prozesse, die die Wärmebildung im Körper erhöhen, um den Stoffwechsel und die Fettverbrennung zu steigern; Anm. d. Red.) sowie eine Herunterregulation von Entzündungsmarkern und damit möglicherweise eine teilweise Auflösung des ‚Adipositas-Gedächtnis‘, das nach Gewichtsverlust im Fettgewebe persistiert. Die begleitende Verbesserung der Insulinsensitivität ist wahrscheinlich überwiegend gewichtsvermittelt.“
Interpretation und Therapieempfehlungen
„Wer darüber nachdenkt, pasteurisiertes A. muciniphila zur Gewichtserhaltung einzunehmen, sollte wissen: Es handelt sich bislang um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt. Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Die Daten legen nahe, dass Personen mit bereits niedrigem endogenen Akkermansia-Spiegel am stärksten profitieren könnten. Aber eine Stuhltestung auf Akkermansia ist weder standardisiert noch klinisch etabliert.“
„Wer ernsthaft Gewicht halten möchte, sollte in erster Linie auf gut evidenzbasierte Maßnahmen setzen: GLP-1-Rezeptoragonisten (Semaglutid, Tirzepatid) mit starker Evidenz zur Gewichtserhaltung, strukturierte Verhaltenstherapie, ausreichend Bewegung – mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche – und eine mediterrane oder ballaststoffreiche Ernährung. Sollten sich die Ergebnisse in unabhängigen Studien bestätigen, könnte A. muciniphila eines Tages als zusätzliche Maßnahme eine Rolle spielen, insbesondere nach Absetzen von GLP-1-Rezeptoragonisten, wo Gewichtswiederanstieg ein bekanntes Problem ist.“
Hinweise für die Berichterstattung
„Die Studie verdient Berichterstattung. Sie ist in ‚Nature Medicine’ erschienen, methodisch besser als die meisten Vorgänger-Studien in diesem Bereich, und das Thema Gewichtserhaltung ist gesellschaftlich hochrelevant. JournalistInnen sollten jedoch unbedingt betonen, dass der Effekt zwar statistisch signifikant, aber mit etwa zwei Kilogramm klein ist – eine Tatsache, die in einer begeisterten Schlagzeile leicht untergeht. Zwingend zu kommunizieren ist die außerordentliche Interessenkonflikt-Situation: Die Herstellerfirma hat die Studie finanziert, und mehrere Schlüsselautoren sind Mitgründer, Mitarbeiter oder Patentinhaber. Ohne unabhängige Replikation ist die Studie ein interessanter, aber keinesfalls abschließender Befund. Eine treffende Zusammenfassung für die breite Öffentlichkeit könnte lauten: Ein vielversprechender Schritt in einem neuen Forschungsfeld, aber noch kein Rezept, das man zum Arzt tragen sollte.“
Leiter des Institut für Ernährungsmedizin und Prävention, Universität Hohenheim
Hintergrund
„‚Weight maintenance‘ – Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion wegen Übergewicht – ist die vielleicht größte Herausforderung in der langfristigen Adipositastherapie. Bislang wurde auf umfassende Lebensstil- beziehungsweise Verhaltensänderung unter professioneller Anleitung gesetzt, gegebenenfalls mit ‚kleinen Helferlein‘ wie proteinreicher Formuladiät als Mahlzeitenersatz oder pharmakologischer Unterstützung mit Inkretinmimetika.“
„Bislang gibt es keine Nahrungsergänzungsmittel, für die in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden konnte, dass sie wirksam zur Unterstützung des Gewichtserhalts sind. Das könnte sich möglichweise mit dem Postbiotikum Akkermansia ändern. Dabei handelt es sich um das pasteurisierte Akkermansia muciniphila MucT, das 2021 von der Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit als neuartiges Lebensmittel zugelassen wurde. Es wurde von der ‚Akkermansia Company‘ vermarktet, die im Juni 2025 von der Firma Danone übernommen wurde [2].“
„Eine erste kleinere Studie dazu wurde 2019 veröffentlicht [III], nachdem zuvor gezeigt worden war, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Akkermansia muciniphila und Übergewicht beziehungsweise Adipositas und Folgeerkrankungen gibt. In dieser randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Pilotstudie an 32 übergewichtigen Probanden wurden primär Sicherheit, Verträglichkeit und Stoffwechsel-Parameter untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass die tägliche orale Supplementierung mit 10¹⁰ A. muciniphila-Bakterien – entweder lebend oder pasteurisiert – über drei Monate sicher und gut verträglich war.“
„Im Vergleich zu Placebo verbesserte pasteurisiertes A. muciniphila die Insulinsensitivität sowie das Gesamtcholesterin im Plasma. Es führte aber nur zu einer leichten Abnahme des Körpergewichts (-2,27 ± 0,92 kg, P = 0,091). Die Autoren vermuteten, dass die positiven Effekte auf den Stoffwechsel zumindest teilweise auf Aktivierung des Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptors (Rezeptoraktivierung senkt unter anderem die freien Fettsäuren- und Glucosekonzentrationen im Blut; Anm. d. Red.) durch Monopalmitoylglycerine zurückzuführen sein könnten [3].“
„Eine zweite randomisierte kontrollierte Studie wurde 2025 publiziert [4]. In dieser wurden adipöse Patienten mit Typ-2-Diabetes untersucht, die zwölf Wochen mit A. muciniphila (AKK-WST01) oder Placebo behandelt wurden. Beide Gruppen zeigten eine Abnahme des Körpergewichts und des HbA1c (Blutwert, der die langfristige Blutzuckerkontrolle anzeigt; Anm. d. Red.), allerdings ohne signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen. Bei Teilnehmern mit niedrigem Ausgangswert an A. muciniphila zeigte die Supplementierung eine hohe Kolonisierungseffizienz und signifikante Reduktionen des Körpergewichts und des HbA1c-Wertes, die in der Placebo-Gruppe nicht festgestellt wurden. Die metabolischen Vorteile einer A. muciniphila-Supplementierung scheinen von den Ausgangswerten im Darm abzuhängen, was für eine personalisierte Therapie je nach individuellen Darmbakterienbefund spricht.“
Ergebnisse
„Nun ist mit dieser aktuellen Studie eine dritte randomisierte, kontrollierte Studie erschienen, in der gegenüber den ersten beiden klinischen Studien ein anderer Ansatz gewählt wurde: Das Ziel dieser Studie war nicht die primäre Therapie von Adipositas und Folgeerkrankungen, sondern der Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion. Es wurden 90 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas untersucht, die sich zuerst einer achtwöchigen kalorienreduzierten Diät unterzogen – mit einem Gewichtsverlust von mindestens acht Prozent des Körpergewichts – dann gefolgt von einer 24-wöchigen gesunden Ad-libitum-Diät mit täglicher Einnahme von pasteurisiertem A. muciniphila MucT oder Placebo. Der primäre Endpunkt war die Veränderung des Körpergewichts während der Erhaltungsphase. MucT führte im Vergleich zu Placebo zu einer geringeren Gewichtszunahme (MucT: 1,2 ± 0,7 kg, Placebo: 3,2 ± 0,4 kg, P = 0,012). Die anfängliche Häufigkeit von Akkermansia-Arten im Darm beeinflusste die Effektivität der MucT-Supplementation – wie zuvor bereits gezeigt [4]. Es wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse im Zusammenhang mit der Behandlung beobachtet. Die Autoren folgern aus ihren Daten, dass pasteurisiertes A. muciniphila MucT wirksam zum Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion ist.“
„MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte. Das ist ein relevantes Ergebnis, weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.“
Beurteilung der Methodik
„Die Studie ist methodisch korrekt, zeigt aber dennoch Limitationen: Die Fallzahl ist mit 80 Probanden, die die Studie abgeschlossen haben, eher klein. Die Untersuchungsdauer ist mit einem halben Jahr eher kurz für eine Maintenance-Studie, eine Dosisfindung fehlt und die molekularen Mechanismen des Effekts bleiben vage. Dadurch wird die Einordnung der Bedeutung der Daten schwierig. Für eine pharmakologische Zulassung einer solchen Intervention wäre die Studie unzureichend. Dies wird aber wahrscheinlich nicht angestrebt. Für eine Empfehlung als Nahrungsergänzungsmittel ist die Studie wiederum mehr, als die meisten Nahrungsergänzungsmittel zu bieten haben.“
Einfluss von Interessenkonflikten
„Interessenkonflikte können nicht ausgeschlossen werden, denn einige Co-Autoren der Arbeiten sind Mitarbeiter – zum Teil in leitender Position – der Akkermansia Company, die MucT initial entwickelt hat. Diese Interessenkonflikte sind in der Arbeit unter ‚Competing interests‘ angegeben).“
Mögliche Mechanismen
„Die zugrundeliegenden Mechanismen sind aktuell unklar. Die Autoren vermuten, dass die Behandlung mit MucT zu einer verminderten Energieaufnahme im Darm führen könnte, was aber allenfalls indirekt gezeigt wird. Eine andere Erklärung könnten Befunde aus ‚abdominal subcutaneous adipose tissue (ScAT)transcriptomics‘ (RNA-Informationen aus dem Unterhautfettgewebe; Anm. d. Red.) sein, nach denen weniger Entzündungssignale generiert und eine metabolisch aktivere Stoffwechsellage induziert werden könnte. Transcriptomics ist hierfür allerdings im besten Fall ein vorläufiger Ansatz, das heißt: Weitere Forschung ist erforderlich, um die zugrundeliegenden Mechanismen verlässlich zu benennen.“
„Klar ist: Es profitieren offensichtlich vor allem die Individuen von einer MucT-Therapie, die vor der Therapie eine geringe Anzahl von A. muciniphila im Stuhl hatten. Dies erlaubt eine sinnvolle Selektion der Patienten für die Therapie und auch für eventuelle Folgestudien.“
Interpretation und Therapieempfehlungen
„Es handelt sich um eine interessante Studie zu einem höchst relevanten Thema. Die Daten sind interessant, aber für eine generelle Empfehlung des MucT-Behandlungskonzepts noch nicht hinreichend. Die Daten sollten aber Grund genug sein, das Thema weiter zu verfolgen und weitere Studien aufzulegen. Also: Abwarten und beobachten, es könnte spannend werden.“
Auf die Frage, ob man darüber berichten sollte: „Ja, auf jeden Fall, denn wie gesagt: Es handelt sich um eine interessante Studie zu einem höchst relevanten Thema.“
„Ich erhielt in den vergangenen Jahren für eigene Studien projektbezogene Fördermittel des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung e.V. (DZD), der Deutschen Diabetes Gesellschaft, vom Almond Board of California, der California Walnut Commission, der Wilhelm-Doerenkamp-Stiftung, projektbezogene Sachmittel von J. Rettenmaier & Söhne und Beneo Südzucker. Ich war/bin beteiligt an Studien, die vom DZD, von AstraZeneca, von Boehringer Ingelheim, vom FEI, der EU oder der EFSD gefördert werden. Ich erhielt persönliche Zuwendungen (für Tagungsvorträge und zugehörige Reisekosten) von Lilly Deutschland, Sanofi, Berlin Chemie, Boehringer Ingelheim und der JuZo-Akademie.“
„Es bestehen meinerseits keine Interessenkonflikte.“
„Ich war für Danone beratend tätig, habe aber bezogen auf die Publikation keinerlei Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Mount S et al. (2026): Pasteurized Akkermansia muciniphila MucT for weight loss maintenance in people with overweight and obesity: a controlled randomized trial. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04394-7.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. (2024): Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“.
[2] The Akkermansia Company (07.07.2025): The Akkermansia Company is acquired by Danone. Pressemitteilung.
[3] Depommier C et al. (2021): Beneficial Effects of Akkermansia muciniphila Are Not Associated with Major Changes in the Circulating Endocannabinoidome but Linked to Higher Mono-Palmitoyl-Glycerol Levels as New PPARα Agonists. Cells. DOI: 10.3390/cells10010185.
[4] Zhang Y et al. (2025): Akkermansia muciniphila supplementation in patients with overweight/obese type 2 diabetes: Efficacy depends on its baseline levels in the gut. Cell Metabolism. DOI: 10.1016/j.cmet.2024.12.010.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Iwaza R et al. (2022): Akkermansia muciniphila: The state of the art, 18 years after its first discovery. Frontiers in Gastroenterology. DOI: 10.3389/fgstr.2022.1024393.
[II] Liu E et al. (2024): Akkermansia muciniphila for the Prevention of Type 2 Diabetes and Obesity: A Meta-Analysis of Animal Studies. Nutrients. DOI: 10.3390/nu16203440.
[III] Depommier C et al. (2019): Supplementation with Akkermansia muciniphila in overweight and obese human volunteers: a proof-of-concept exploratory study. Nature Medicine. DOI:10.1038/s41591-019-0495-2.
Dr. Stefan Kabisch
Studienarzt in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (Deutsches Zentrum für Diabetesforschung / DZD), Campus Benjamin Franklin (CBF), Charité – Universitätsmedizin Berlin
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich erhielt in den vergangenen Jahren für eigene Studien projektbezogene Fördermittel des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung e.V. (DZD), der Deutschen Diabetes Gesellschaft, vom Almond Board of California, der California Walnut Commission, der Wilhelm-Doerenkamp-Stiftung, projektbezogene Sachmittel von J. Rettenmaier & Söhne und Beneo Südzucker. Ich war/bin beteiligt an Studien, die vom DZD, von AstraZeneca, von Boehringer Ingelheim, vom FEI, der EU oder der EFSD gefördert werden. Ich erhielt persönliche Zuwendungen (für Tagungsvorträge und zugehörige Reisekosten) von Lilly Deutschland, Sanofi, Berlin Chemie, Boehringer Ingelheim und der JuZo-Akademie.“
PD Dr. Rima Chakaroun
Fachärztin für Innere Medizin und Clinician Scientist, Klinik und Poliklinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen meinerseits keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Stephan Bischoff
Leiter des Institut für Ernährungsmedizin und Prävention, Universität Hohenheim
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich war für Danone beratend tätig, habe aber bezogen auf die Publikation keinerlei Interessenkonflikte.“