Außergewöhnlich warmes Wetter beeinflusst Klimasorgen und Wahlverhalten
außergewöhnlich warme Tage verstärken Klimasorgen und führen zu mehr Stimmen für grüne Parteienbündnisse in Europa
dies könnte Implikationen für zukünftiges Wahlverhalten als auch für Kommunikationsstrategien politischer Parteien haben
Forschende halten Studie für methodisch robust, weisen auf grundsätzliche Limitationen hin und sehen mögliche Implikationen für die politische Kommunikation
Außergewöhnlich warmes Wetter führt in Europa statistisch signifikant zu mehr Klimasorgen und zu mehr Stimmen für grüne Parteienbündnisse bei Wahlen. Insbesondere bei Männern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen gab es teils einen besonders großen Effekt. Dies ist das Resultat einer Analyse von Umfragedaten des European Social Survey aus dem Zeitraum von 2012 bis 2022. Darin wurden alle zwei Jahre jeweils neu ausgewählte Personen aus 25 europäischen Ländern befragt. Die Ergebnisse sind im Fachjournal PNAS erschienen (siehe Primärquelle).
In ihren Analysen verknüpften die Forschenden Daten zu Wahlverhalten, Umwelteinstellungen und Demografie mit Klimadaten zum Wohnort der jeweiligen Individuen, aufgeschlüsselt nach Regionen. Mittels eines statistischen Modells rechneten sie andere Einflüsse auf Wahlverhalten und Umwelteinstellungen heraus. Das Ergebnis: Durchschnittlich ein zusätzlicher außergewöhnlich warmer Tag pro Woche in den 52 Wochen vor einer Wahl oder vor dem Umfragezeitpunkt erhöhte statistisch signifikant die Wahrscheinlichkeit, sich über den Klimawandel zu sorgen, um 7,3 Prozentpunkte, und bei einer nationalen Wahl eine grüne Partei oder ein grünes Parteienbündnis zu wählen, um 5 Prozentpunkte. Die Wahrscheinlichkeit, sich verantwortlich für den Klimawandel zu fühlen, erhöhte sich um 3,2 Prozentpunkte, allerdings war dieser Wert nicht statistisch signifikant. Als außergewöhnlich warm definierten die Forschenden alle Tage, die zu einer Reihe von mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen gehörten, bei denen die Temperaturen weit über den für diese Jahreswoche üblichen Temperaturen der vergangenen zehn Jahre lagen. Die Anzahl dieser Tage mittelten sie dann über die Zahl der Wochen. Da diese Wetterextreme nicht mit den weiteren Variablen, die Wahlverhalten beeinflussen, zusammenhängen würden, lässt sich laut den Autoren der Effekt kausal interpretieren. Allerdings diskutieren sie in der Studie nicht, wie viele außergewöhnlich warme Tage pro Woche normalerweise erwartbar wären und wie groß der Effekt in der Realität daher üblicherweise ausfällt.
Professor für quantitative Sozialwissenschaft am Center for Critical Computational Studies, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main
Methodik der Studie und kausale Interpretation
„Die Studie ist methodisch sehr überzeugend umgesetzt. Besonders hervorzuheben ist, dass die Autoren sowohl länderspezifische zeitliche Trends als auch Zeit-konstante regionale Eigenschaften kontrollieren. Insgesamt erhöht dies die Glaubwürdigkeit einer kausalen Interpretation der Ergebnisse.“
„Gleichwohl bleibt zu beachten, dass auch die vorliegende Arbeit bestimmte Annahmen für eine kausale Interpretation braucht. Der Zeitpunkt und die räumliche Verteilung von Extremwetterereignissen sind nicht völlig zufällig. Extreme Hitze tritt beispielsweise in vielen europäischen Ländern häufiger und früher in südlichen als in nördlichen Regionen auf. Sollten sich diese Regionen gleichzeitig hinsichtlich politischer Entwicklungen oder Wahltrends systematisch unterscheiden, könnte dies die kausale Interpretation verzerren. Die umfangreichen Robustness Checks der Autoren sprechen allerdings dafür, dass solche Alternativerklärungen die Ergebnisse nicht stark beeinflussen.“
Bedeutung der Studie
„Die Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur Frage, ob und in welchem Ausmaß Menschen auf die direkte Erfahrung von Extremwetterereignissen politisch reagieren. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die persönliche Betroffenheit durch außergewöhnliche Hitzeereignisse die Wahrscheinlichkeit erhöht, Klimaschutz als politisches Anliegen zu unterstützen und entsprechend zu wählen. Die Studie ergänzt außerdem die bestehende Forschung um Hinweise darauf, dass konkrete Erfahrungen mit Klimafolgen die politischen Einstellungen von weniger gebildeten Männern verändern können, die grundsätzlich klimapolitische Maßnahmen bislang vergleichsweise wenig unterstützen. Das spricht für ein Mobilisierungspotential außerhalb der klassischen grünen Wählerschaft.“
Mögliche Gründe für den Zusammenhang von Extremwetter und Wahlverhalten
„In den vergangenen Jahren ist eine wachsende Zahl von Studien erschienen, die einen Zusammenhang zwischen der persönlichen Erfahrung von Extremwetterereignissen auf der einen Seite und einer stärkeren Besorgnis über den Klimawandel und dem Wahlverhalten auf der anderen Seite nachweisen. Der Zusammenhang scheint also relativ robust.“
„Über die zugrunde liegenden Wirkmechanismen wissen wir allerdings noch relativ wenig. Da viele Studien darauf hindeuten, dass die Effekte oft zeitlich begrenzt sind, erscheint es plausibel, dass Extremwetterereignisse die wahrgenommene zeitliche und räumliche Distanz des Klimawandels vorübergehend verringern. Der Klimawandel wird dann nicht mehr als ein Problem wahrgenommen, das irgendwann in der Zukunft oder ausschließlich anderswo auftritt, sondern unmittelbar vor der eigenen Haustür. Gleichzeitig gibt es bislang nur begrenzte Hinweise darauf, dass solche Erfahrungen zu nachhaltigen Veränderungen des individuellen ökologischen Fußabdrucks – zum Beispiel durch nachhaltigeres Verhalten – führen. Die Unterstützung grüner Parteien könnte also als Form des ‚moral licencing‘ interpretiert werden: Anstatt den eigenen Konsum oder Lebensstil anzupassen, wird die Verantwortung für Klimaschutz an politische Akteure delegiert.“
Dauer der Auswirkung von Extremwetter und praktische Relevanz der Effekte
„Wie stark und wie dauerhaft sich häufigere Extremwetterereignisse künftig auf das Wahlverhalten auswirken werden, lässt sich derzeit nur schwer beurteilen. Auch auf Basis der vorliegenden Studie ist die substanzielle Bedeutung der geschätzten Effekte schwer zu beurteilen. Nach meinem Verständnis beziehen sich die berichteten Effekte auf zusätzliche extreme Hitzetage pro Woche (‚one additional extremely warm day per week in the previous 52‘). Entsprechend würde ich die Schätzung so interpretieren, dass die Wahrscheinlichkeit, eine grüne Partei zu wählen, um etwa fünf Prozentpunkte höher liegt, wenn eine Person im zurückliegenden Jahr durchschnittlich jede Woche einem zusätzlichen extremen Hitzetag ausgesetzt war, verglichen mit einer Person, die keinen solchen zusätzlichen Hitzetag erlebt hat.“
„Allerdings stellt sich die Frage, wie bedeutsam dieser Vergleich in der Realität tatsächlich ist. Entscheidend ist, wie groß die empirische Varianz der extremen Hitzetage pro Woche im Beobachtungszeitraum 2012 bis 2022 ausfällt. Meine Vermutung wäre, dass die tatsächliche Variation deutlich geringer ist als der Kontrast, auf den sich die Koeffizienten beziehen. Wenn beispielsweise heute im Vergleich zum Beginn des Untersuchungszeitraums durchschnittlich lediglich fünf zusätzliche extreme Hitzetage pro Jahr auftreten, entspräche dies näherungsweise einer um rund 0,5 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit, eine grüne Partei zu wählen. Ohne Informationen zur Verteilung oder Standardabweichung der Temperaturmaße lässt sich daher nur schwer beurteilen, welche praktische Relevanz die geschätzten Effekte im Alltag tatsächlich besitzen. Die Studie scheint hierzu keine näheren Angaben zu machen.“
Implikationen für Klimapolitik und politische Kommunikation
„Die sozial ungleiche Verteilung der Effekte hat aus meiner Sicht wichtige Konsequenzen für politische Kommunikation und Klimapolitik. Die Ergebnisse legen nahe, dass insbesondere Bevölkerungsgruppen, die bislang eher selten grüne Parteien unterstützen, durch die eigene Betroffenheit mobilisiert werden können.“
„Ich persönlich bin mir sicher, dass Klimapolitik erfolgreicher kommuniziert werden kann, wenn sie stärker mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit verknüpft wird . Ein gutes Beispiel ist die grüne Partei in Großbritannien, die wesentlich stärker von den Extremwetterereignissen der letzten Jahre profitieren kann als die Grünen in Deutschland. Die Grünen in Großbritannien – vor allem Polaski – haben viel stärker betont, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammengehören. Sie haben auch viel stärker argumentiert, dass Klimaschutz mit sozialer Umverteilung verbunden werden muss, damit vor allem ärmere Bevölkerungsschichten davon profitieren können. Und sie scheinen damit Erfolg zu haben. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie passen dazu: Gerade unter Männern mit niedrigerem Bildungsniveau scheint ein bislang nicht ausgeschöpftes Mobilisierungspotenzial zu bestehen. Um das zu mobilisieren, müsste Klimaschutz nicht als Elitenprojekt, sondern als Frage sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit vermittelt werden.“
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Survey Data Curation, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln
Methodik der Studie und Limitationen
„Grundsätzlich finde ich das eine sehr gut gemachte Studie, die auf einem sehr großen und hochwertigen Datensatz basiert. Ich sehe trotzdem eine Reihe von Einschränkungen:“
„In meiner eigenen Arbeit zum Einfluss von Extremwetter auf politische Einstellungen zeigt sich, dass sich die politikwissenschaftliche Literatur bisher nicht auf eine einzige oder auch nur eine kleine Anzahl von Definitionen für Extremwetter einigen kann . Unter anderem liegt das daran, dass wir keine klaren theoretischen Vorarbeiten dazu haben, was durchschnittliche Bürgerinnen und Bürger überhaupt als Extremwetter wahrnehmen oder an welche Zeithorizonte sie dabei denken. Die Herausforderung für die Forschung ist, dass die Verwendung unterschiedlicher Operationalisierungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führt.“
„Im vorliegenden Papier nutzen die Autoren verschiedene Definitionen von Extremtemperaturen und verschiedene Modelle in ihren Robustness Checks, was sehr viel besser ist als nur eine einzige Operationalisierung. Es wäre noch besser, wenn sie noch klarer erklären würden, warum sie genau diese Operationalisierungen gewählt haben. Es ist auch theoretisch keinesfalls klar, dass durchschnittliche Bürger und Bürgerinnen unbedingt an das letzte Jahr denken, wenn sie an Extremwetter denken. In einer anderen Studie habe ich gefunden, dass die subjektive Wahrnehmung von Extremwetter nicht unbedingt stark mit objektiv messbarem Extremwetter korreliert, egal welche Referenzperiode man dafür verwendet .“
„Mit diesen Einschränkungen will ich vor allem darauf hinweisen, dass dies ein sehr aktives Forschungsfeld ist und wir aus meiner Sicht noch sehr viel mehr Studien in diesem Bereich brauchen. Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag, ich würde aber nicht erwarten, dass ihre Ergebnisse in jedem Kontext gelten.“
„Die Daten der European Social Survey sind grundsätzlich von sehr hoher Qualität. Eine Einschränkung ist, dass sie aus Datenschutzgründen nur auf Ebene der Regionen geocodiert sind und somit auch die Wetterdaten nur auf diesem geographischen Level zugespielt werden können. Das eröffnet das Risiko von ökologischen Fehlschlüssen. Wenn das Forschungsteam stattdessen genauer am Wohnsitz der Befragten das Wetter messen könnte, wären die Ergebnisse noch belastbarer.“
Bedeutung der Studie
„Basierend auf vorherigen Erkenntnissen finde ich vor allem interessant, dass das Forschungsteam findet, dass es Gruppen mit eher niedrigem Umweltbewusstsein sind, bei denen das Erleben von Extremwetter einen größeren Effekt hat – Männer und Befragte mit niedrigerem Bildungsabschluss.“
„Es sind genau diese Gruppen, die überzeugt werden müssen, um Mehrheiten für striktere Umwelt- und Klimapolitik zu erreichen. Das ist nicht selbstverständlich: Andere Studien hatten das Ergebnis, dass diese Gruppen Extremwetter weniger wahrnehmen – oder dies zumindest in Befragungen behaupten – als zum Beispiel sehr grün orientierte Befragte, und dass sie deswegen vielleicht sogar schwieriger dadurch zu beeinflussen sind. Ich wäre noch überzeugter von den Ergebnissen der Studie, wenn das Forschungsteam seine Erwartungen präregistriert hätte – das scheint nicht der Fall zu sein.“
Forschungsstand zum Zusammenhang von Extremwetter und Wahlverhalten
„Wenn wir den von mir verfassten oben erwähnten Artikels ernst nehmen, sind die Ergebnisse von Studien zu Extremwetter nicht sehr robust, sondern hängen von vielen kleinen Entscheidungen im Forschungsprozess ab. Bisher veröffentlichte Reviews und Metastudien finden auch eher gemischte und wenn dann kleine Effekte von Extremwettererfahrungen auf die Wahrnehmung von Klimawandel und politischen Einstellungen .“
Auf die Frage, ob zukünftig angesichts stärker werdender Extremwetterereignisse mit dadurch größeren Wahlerfolgen grüner Parteien zu rechnen ist oder ob eine zunehmende Gewöhnung einsetzen könnte:
„Interessante Frage, auf die es meines Wissens nach keine einfache Antwort gibt. Ich finde, es ist zu kurz gegriffen, dass unbedingt nur grüne Parteien von zunehmendem Extremwetter profitieren sollen. In verschiedenen Ländern gibt es durchaus auch andere Parteien, die einen sehr starken Fokus auf Klimapolitik setzen – oft eher aber nicht nur linke Parteien. Gewöhnung spielt eine Rolle, aber auch der Unterschied zwischen Mitigations- und Adaptionspolitik. Verschiedene politische Gruppen nehmen die Zunahme von Extremwetter vielleicht gleich wahr, ziehen daraus aber andere Schlüsse. Die einen wollen versuchen, den menschengemachten globalen Klimawandel aufzuhalten oder abzuschwächen, während andere einen Schwerpunkt auf die (lokale) Anpassung an die neuen Bedingungen setzen.“
Auf die Frage, wie lange die Effekte von Extremwetter auf Klimasorgen und Wahlverhalten anhalten:
„Eine sehr interessante Frage, meines Wissens hat die sozialwissenschaftliche Forschung hier noch keine klaren Antworten.“
„Ich habe mit Roman Hoffman (und anderen Koautoren) ein Sammelband in 2024 herausgeben. Daraus erwächst aber für mich kein Interessenkonflikt und ich kann mich unbefangen zur Studie äußern. Künstliche Intelligenz wurde für nur für die Unterstützung bei Grammatik und Rechtschreibung eingesetzt.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Bassetto J et al. (2026): Heterogeneous impacts of temperature extremes on climate attitudes and Green voting. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2321153122.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Beiser-Mcgrath LF et al. (2019): Could revenue recycling make effective carbon taxation politically feasible? Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.aax3323.
[] Kollberg M et al. (2025): Green but cautious. How preferences on European integration shape public opinion on the European Green Deal. Journal of European Public Policy. DOI: 10.1080/13501763.2025.2495677.
[] Quoß F et al. (2026): The Hidden Universe of Operationalizing Natural Experiments: Navigating Extreme Weather. The Journal of Politics. DOI: 10.1086/735706.
[] Quoß F (2025): The link between objective measures and subjective perceptions of extreme weather. Climatic Change. DOI: 10.1007/s10584-024-03842-y.
[] Xia Z et al. (2022): A meta-analysis of the relationship between climate change experience and climate change perception. Environmental Research Communications. DOI: 10.1088/2515-7620/ac9bd9.
[] Howe, PD et al. (2019): How will climate change shape climate opinion? Environmental Research Letters. DOI: 10.1088/1748-9326/ab466a.
Prof. Dr. Tobias Rüttenauer
Professor für quantitative Sozialwissenschaft am Center for Critical Computational Studies, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe mit Roman Hoffman (und anderen Koautoren) ein Sammelband in 2024 herausgeben. Daraus erwächst aber für mich kein Interessenkonflikt und ich kann mich unbefangen zur Studie äußern. Künstliche Intelligenz wurde für nur für die Unterstützung bei Grammatik und Rechtschreibung eingesetzt.“
Dr. Franziska Quoß
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Survey Data Curation, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“