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08.06.2020

Wie lässt sich die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre gerecht verteilen?

Anlass

Ohne Kohlendioxid aktiv aus der Atmosphäre zu entfernen, wird sich der Klimawandel kaum auf 1,5 Grad Celsius begrenzen lassen. Wie aber können die Anstrengungen und Kosten dafür gerecht auf die Länder Welt und ihre verfügbaren Ressourcen verteilt werden? Dieser Frage ging das Autorenteam um Carlos Pozo für seine aktuelle Studie nach. Sie werfen in ihrer globalen Analyse einen detaillierteren Blick auf die Länder der EU und kommen zu dem Ergebnis, dass nur wenige Länder ihren Anteil tatsächlich aus eigener Kraft einbringen könnten und diese Herausforderung nur durch enge internationale Zusammenarbeit zu meistern ist.

Wir möchten diese Studie zum Anlass nehmen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch zu fragen, inwiefern technische Methoden zur Erzielung negativer Emissionen noch von einem tatsächlichen Einsatz im notwendigen Umfang entfernt sind.

Das Pariser Klimaschutzabkommen aus dem Jahr 2015 hält fest, dass jeder Staat eigene Klimaschutzbeiträge – die so genannten NDC’s (nationally determined contributions) – erarbeitet, kommuniziert, Pläne für deren Einhaltung festlegt und alle fünf Jahre nachschärft. In keinem der nach Paris veröffentlichten NDCs wurden Methoden zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre erwähnt. In den vergangenen Jahren wird das Thema „negative Emissionen“ jedoch immer stärker diskutiert, sicherlich auch, weil die Emissionen der Treibhausgase trotz aller Dringlichkeit bis Ende 2019 nicht nur nicht gesunken , sondern sogar weiter angestiegen sind.

Alle im 1,5-Grad-Sonderbericht des Weltklimarates IPCC beschriebenen Szenarien, in denen die Pariser Klimaziele erreicht werden, müssen in großem Maßstab auf die Entfernung von bereits emittiertem CO2 zurückgreifen. Anders lässt sich ein stärkeres Ansteigen der globalen Durchschnittstemperatur nicht vermeiden. Somit stellt sich die Frage, welcher Staat in welchem Ausmaß zu diesen negativen Emissionen beitragen kann und muss. Dabei ist zu klären, wie die Belastungen ‚fair‘ verteilt werden können und inwiefern die Staaten dann auch in der Lage sind, Kohlendioxid durch die vier Methoden Aufforstung, direkte Abscheidung aus der Luft (DACCS), Abscheidung bei der Gewinnung von Bioenergie (BECCS) und finale Lagerung des CO2 in geologischen Formationen dauerhaft aus der Atmosphäre zu entziehen.

Das Autorenteam der Studie hat fast alle Staaten einer detaillierten globalen Analyse unterzogen und am Beispiel der EU ermittelt, wie sich die nationalen Potentiale kooperativ nutzen lassen, um die Verpflichtungen in internationaler Zusammenarbeit zu erfüllen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass nur eine handvoll Staaten autonom in der Lage wären, ihren Beitrag zu einer global fairen Lösung beizusteuern. Die Studie erschien im Fachjournal „Nature Climate Change“ (siehe Primärquelle).

Übersicht

     

  • Dr. Johannes Emmerling, Senior Researcher, RFF-CMCC European Institute on Economics and the Environment (EIEE), Mailand, Italien
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  • Dr. Wilfried Rickels, Leiter des Forschungszentrums Umwelt und natürliche Ressourcen, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), Kiel
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  • Dr. Jessica Strefler, Wissenschaftlerin im Forschungsbereich III – Transformationspfade, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam
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  • Prof. Andreas Oschlies, Leiter der Forschungseinheit Marine Biogeochemische Modellierung, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), Kiel, er koordiniert das DFG-Schwerpunktprogramm „Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?“
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  • Prof. Dr. Sabine Fuss, Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin
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Statements

Dr. Johannes Emmerling

Senior Researcher, RFF-CMCC European Institute on Economics and the Environment (EIEE), Mailand, Italien

„Nachdem das Thema negative Emissionen bisher vor allem auf globaler Ebene und unter dem Gesichtspunkt der Generationengerechtigkeit diskutiert wurde, thematisiert die vorgelegte Studie zum ersten Mal die Verteilungsaspekte zwischen Ländern. Basierend auf den drei wesentlichen und relevanten normativen Kriterien zeigen die Autoren, dass vor allem für Aufforstung und BECCS (BioEnergy with Carbon Capture and Storage; Gewinnung von Bioenergie bei gleichzeitiger Abscheidung und Lagerung des entstehenden CO2; Anm. d. Red.) die Landnutzungseffekte der Entfernung des Kohlendioxids sich regional stark unterscheiden können. Die größten Unterschiede bestehen dabei zwischen der EU und China/Indien: aus historischer oder ökonomischer Verantwortung sollte die EU einen sehr hohen Anteil des CDR (Carbon Dioxde Removal; Anm. d. Red.) implementieren – in einer Größenordnung von etwa 300 Gigatonnen CO2.“

„Während bereits einige Anlagen in Betrieb sind, so ist der Durchbruch für eine umfangreiche Anwendung von BECCS/DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage; direkte Gewinnung des CO2 aus der Luft; Anm. d. Red.) noch Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – entfernt. Zumal, wenn die angepeilten 300 bis 1.200 Gigatonnen CO2 erreicht werden sollen. Nicht umsonst sind in den meisten Szenarien, die auch dieser Studie zugrunde liegen, umfangreiches CCS nicht vor 2030 oder 2050 – je nach Szenario und Modell – prognostiziert. Neben technologischen Herausforderungen und (noch) hohen Kosten ist der niedrige – und sehr unsichere zukünftige – CO2-Preis dafür ein Grund, dass sich umfangreiche Investitionen in diese Technologien (noch) nicht lohnen. Dafür wären höhere und stabile CO2-Preise ab 100 bis 200 Euro pro Tonne CO2 notwendig.“

„Konzeptionell sind die verschiedenen Technologien zur Entfernung von CO2 realistisch, und von daher ist deren Beitrag zur Lösung des Klimaproblems zu betrachten. Jedoch bestehen noch hohe Unsicherheiten bezüglich technologischer Aspekte, der Lagerung, und den effektiven Kosten. In den Modellen, die der Analyse der verschiedenen Technologien auch für den IPCC zugrunde liegen, werden diesbezüglich Annahmen aus heutiger Sicht genommen. Im konkreten Fall von CDR heißt das auch: Wir vergleichen zukünftige und unsichere Kosten des CDR mit Kosten von heute verfügbaren Technologien, wie zum Beispiel der Windenergie, zur Reduktion von Emissionen. Von daher spielt auch die Diskontrate eine große Rolle, inwieweit zukünftige Kosten mit heutigen Kosten ‚verglichen‘ werden. In der Tat führt eine niedrigere Diskontrate dazu, dass deutlich weniger CDR implementiert wird [1].“

„Unsicherheit ist ein weiterer Punkt, der für die Anwendung reiferer Technologien sprechen würde. Daher ist CDR aus ökonomischer Sicht vor allem eine Möglichkeit, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, ohne hohe kurzfristige Kosten zu vermeiden auf Kosten von zukünftigen – ebenfalls möglicherweise sehr hohen und zudem mit großen Unsicherheiten behafteten – Kosten von CDR. Als letzten Ausweg, und mit der Möglichkeit auf neue Technologien wie zum Beispiel beschleunigter Verwitterung, meeresbasiertes CDR oder Solar Radiation Management (Methode des Climate Engeneering, Reduzierung der Sonneneinstrahlung etwa durch Reflektoren im All oder Ausbringung von Aerolsoen in die Atmosphäre; Anm. d. Red.) – besteht selbstverständlich immer die Möglichkeit, eine praktikable Lösung aus weiteren Alternativen zu finden.“

Dr. Wilfried Rickels

Leiter des Forschungszentrums Umwelt und natürliche Ressourcen, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), Kiel

„Die Studie bestätigt, dass bislang noch relativ unklar ist, wer – Länder und private Akteure – in welchem Umfang CDR (Carbon Dioxde Removal; Anm. d. Red.) einsetzen wird beziehungsweise muss, um ambitionierte Klimaziele zu erreichen. Die Verteilung der CDR-Anteile in der Studie ist aber wenig aufschlussreich. Diese Verteilungsprinzipien sind bereits hinreichend bei der Verteilung der Emissions-Vermeidungen diskutiert worden, ignorieren aber die politische Realität. Das heißt, hier werden bestehende, kaum praxisnahe Verteilungsprinzipien jetzt auf die Verteilung eines neuen Kuchens angewandt, der diesmal CDR heißt.“

„Aus ökonomischer Sicht ist es grundsätzlich nicht effizient, zwischen Vermeidungs- und CDR-Zielen zu unterscheiden. Ziele für CDR sind höchstens temporär sinnvoll, um die damit verbundenen Technologien zu entwickeln. Sinnvoll sind Ziele für Nettoemissionen.“

„Grundsätzlich kann man argumentieren, dass gerade europäische Länder mit einem hohen Anteil an den kumulativen Emissionen (Summe aller Emissionen seit Beginn des industriellen Zeitalters; Anm. d. Red.) eigentlich kein positives verbleibendes Emissionsbudget mehr haben, sondern ein negatives Budget. Das lässt sich anhand einer aktuellen Graphik aus dem Global Carbon Budget [3, Folie 87] sehr deutlich sehen. Die EU28 übersteigt kumulativ immer noch den gemeinsamen Beitrag von China und Indien.“

„Ebenfalls in einer Grafik des Global Carbon Budget [3, Folie 82] sieht man deutlich, dass Überlegungen zu inländischer Emissionsvermeidung und CDR zu kurz greifen, weil die CO2-Emissionen in einem komplexen Netz aus Lieferketten entstehen. Entsprechend steht einer Nachfrage nach negativen Emissionen – zum Beispiel aus Europa – einem Angebot an negativen Emissionen zum Beispiel aus Australien, Brasilien, den USA oder auch gerade Afrika gegenüber. Letzteres ist insbesondere spannend, wenn man CDR im Kontext einer CO2-Kreislaufwirtschaft denkt, bei der Kohlenstoff in Kombination mit Wasserstoff genutzt wird, um Energie in Form von synthetischen Kraftstoffen zu transportieren.“

„Die Nachfrage nach negativen Emissionen auszuweiten, ist für die EU eine wichtige Möglichkeit, um einen globalen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung zu leisten. Ein ausschließlicher Fokus auf die innereuropäischen Emissionen und CDR-Anstrengungen greift zu kurz.“

„Eine Schwäche der Studie ist, dass nur ein Teil der möglichen CDR-Methoden diskutiert wird. Dabei handelt es sich um eine systematische Schwäche der modellgestützten Untersuchung von CDR, weil die Modelle – insbesondere BECCS (BioEnergy with Carbon Capture and Storage; Gewinnung von Bioenergie bei gleichzeitiger Abscheidung und Lagerung des entstehenden CO2; Anm. d. Red.) – vergleichsweise prominent abbilden. Gleichzeitig gehen Experten davon aus, dass es gerade bei dieser Maßnahme die größten Hindernisse geben könnte. [4]“

„Zwar ist es noch sehr schwierig, den Beitrag von CDR-Methoden an den Küsten, im Küstenmeer und im offenen Ozean abzuschätzen, gleichzeitig ist es fragwürdig, warum diese Methoden in der Studie nicht erwähnt werden. Auch wird gerade in Bezug auf Residualemissionen aus der Schwerindustrie – die einen Teil ihrer Emissionen durch die Alkalinisierung neutralisieren könnten – nicht der aktuelle Stand der Forschung abgebildet.“

„Allerdings haben BECCS und DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage; direkte Gewinnung des CO2 aus der Luft; Anm. d. Red.) den Vorteil, dass die Entnahme von CO2 vergleichsweise einfach verifizierbar ist und diese Methoden in Emissionshandelssysteme eingebunden werden können. Sowohl bei BECCS und DACCS gibt es bereits Testanlagen.“

„BECCS hat den Vorteil, dass dabei Strom erzeugt wird. Das bedeutet aber auch, dass diese Anlagen in der Nähe von Netzen beziehungsweise der Stromnachfrage gebaut werden müssen. Das wiederum erfordert, dass die Biomasse über weitere Strecken transportiert werden muss und reduziert die Effizienz.“

„DACCS hingegen kann in der Nähe geeigneter Lagerstätten und dem Vorkommen regenerativer Energien, die anderweitig nur schwer ins Netz gebracht werden können, genutzt werden. Bei DACCS stellt sich die Frage, inwieweit die Kosten durch Skalierbarkeit gesenkt werden können. Hier ergeben sich insbesondere durch die hohen Kapitalkosten bislang nur geringe Anreize für Unternehmen, da die Zeiträume auf denen sich solche Investitionen für private Unternehmen amortisieren müssen noch nicht mit der Rentabilität von CO2-Entnahme übereinstimmen.“

„Das heißt, man muss grundsätzlich zwischen physikalischen und ökonomischen Knappheiten unterscheiden. Die physikalischen Knappheiten werden nach meiner Einschätzung in dem Artikel nicht richtig dargestellt beziehungsweise übertrieben. Die tatsächliche Knappheit ergibt sich dadurch, dass viele der CDR-Methoden – im Moment – schlicht noch zu teuer sind.“

„Tatsächlich ist die öffentliche Debatte über negative Emissionen teilweise wenig zielführend, wenn nicht sogar irrational.“

„Sagen wir es so: Wenn sich die verschiedenen CDR-Maßnahmen nicht in dem gewünschten Umfang realisieren lassen, lassen sich die Pariser Klimaziele nicht erreichen, es sei denn man möchte auf solares Geoengineering zurückgreifen.“

„Bei der Diskussion über separate Ziele sowohl für Emissionsvermeidung als auch für CDR, damit nicht ‚zu viel‘ CDR anstatt von Emissionsvermeidung gemacht wird, vergessen viele einen wichtigen Punkt: Beide Maßnahmen dienen dazu, den anthropogenen Klimawandel einzugrenzen. Wenn CDR kostengünstiger darstellbar ist als angenommen, kommt es zwar zu einer teilweisen Verdrängung der Emissionsvermeidung, gleichzeitig wird dann aber auch der Klimawandel stärker eingegrenzt. Alle Budgetrechnungen für das 1,5- und 2-Grad-Ziel unterstellen gewisse Wahrscheinlichkeiten, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen. Daraus werden die Emissionsbudgets abgeleitet. Wenn jetzt CDR im größeren Umfang hinzukommt, ist es möglich, bestehende Ziele mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu erreichen und langfristig die Erwärmung möglicherweise auf Werte unter 1,5 Grad zu begrenzen.“

Dr. Jessica Strefler

Wissenschaftlerin im Forschungsbereich III – Transformationspfade, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam

„Die Studie wendet die gängigen Konzepte, die genutzt wurden, um die noch mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbaren Emissionsrechte von CO2 gerecht auf einzelne Länder aufzuteilen, nun nicht auf den Ausstoß, sondern auf die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre an. Dabei wird deutlich, dass Regionen wie die EU diese moralische Verpflichtung zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre nur schwer erfüllen können, jedenfalls mit den in der Studie betrachteten Optionen. Die Schlussfolgerung der Autoren ist wichtig: Die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre muss schnell angegangen werden und braucht internationale Kooperation.“

„BECCS, DACCS, und die unterirdische Lagerung von CO2 werden bereits in kleinerem Maßstab erprobt und eingesetzt. Um auch in großem Maßstab angewendet zu werden, bedarf es vor allem eines finanziellen Konzepts, das die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre beziehungsweise die Speicherung von CO2 vergütet. Außerdem muss die Nachhaltigkeit und die gesellschaftliche Akzeptanz der Maßnahmen sichergestellt sein.“

„Die Möglichkeiten zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre sind begrenzt. Wir befinden uns mittlerweile in einer Lage, in der sich die Wahl zwischen schnellen Emissionsminderungen, großskaligem Einsatz von CDR (Carbon Dioxde Removal; Anm. d. Red.) und zunehmenden Klimafolgen immer weiter verschärft. Jedes Jahr, in dem die globalen Emissionen weiter steigen und in dem Länder keine stringenten Klimaschutzpläne umsetzen, erhöht sich die Abhängigkeit von CDR.“

Prof. Andreas Oschlies

Leiter der Forschungseinheit Marine Biogeochemische Modellierung, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), Kiel, er koordiniert das DFG-Schwerpunktprogramm „Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?“

„Es gibt bereits ähnliche Studien zu möglichen Verteilungsschlüsseln des verbleibenden CO2-Emissionsbudgets. Die in der aktuellen Publikation behandelte CO2-Entnahme ist bisher aber aus politischen Gründen weitgehend ignoriert worden und taucht auch in den bisherigen Absichtserklärungen der meisten Staaten zum Erreichen der Klimaziele nicht auf. Die neue Studie zeigt konkret, wie die notwendige CO2-Entnahme auf einzelne Akteure der internationalen Klimapolitik heruntergebrochen werden kann und macht deutlich, welche enormen Anstrengungen auf die einzelnen Länder zukommen werden. Sie konkretisiert damit ein bisher bewusst oder unbewusst ausgeblendetes notwendiges Übel der versprochenen Klimaziele.“

„Die angenommenen Verteilungsschlüssel wirken zum Teil etwas willkürlich. Die historische Emissionsschuld eines Landes wird zum Beispiel nicht aus den Gesamtemissionen des Landes, sondern aus seinen Pro-Kopf-Emissionen berechnet. Haben zwei Länder dieselben Klimaschäden verursacht, wird in dem Falldie Schuld des bevölkerungsärmeren Landes höher gewichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Verteilungsschlüssel, der einer so berechneten Emissionsschuld zugrunde läge, international Bestand haben könnte, da ja massiv die inneren Angelegenheiten – nämlich die Bevölkerungszahl – eines Landes bewertet werden würde.“

„Wenn man die notwendige globale CO2-Entnahme gleichmäßig auf die Weltbevölkerung herunterbricht und sowohl historische Schuld als auch wirtschaftliche Potenz außer Acht lässt, bedeutet das für Deutschland zusätzlich zu massiver Emissionsreduktion eine notwendige Entnahme und sicherer Speicherung von mindestens fünf Milliarden Tonnen CO2 bis zum Ende des Jahrhunderts – mehr als die sechsfache CO2-Menge, die Deutschland in 2019 emittiert hat. Wenn die historische Emissionsverantwortung beim internationalen Verteilungsschlüssel berücksichtigt werden sollte, würden sich notwendige CO2-Entnahme und Speicherung vervielfachen.“

„Die CO2-Mengen, die der Atmosphäre entnommen und gespeichert werden müssen, sind gewaltig und es gibt bisher keine funktionierende Methode und auch keinen Plan, mit der man das erreichen könnte. Eine verantwortungsvolle Klimapolitik muss daher so schnell wie möglich mit der Untersuchung potenzieller CO2-Entnahme- und Speicheroptionen beginnen und diese auch in der Gesellschaft diskutieren, um über geeignete Entscheidungsprozesse zu einer verantwortungsvollen Regulierung des Einsatzes solcher Optionen gelangen zu können.“

„Die Studie zeigt, dass viele Länder ihren Beitrag zur CO2-Entnahme alleine mit den bisher betrachteten landbasierten Methoden (BECCS, Aufforstung, DACCS) nicht erreichen können. Ozeanbasierte CO2-Entnahmemethoden fehlen in der Betrachtung, könnten aber einen Ausweg bieten. Schon wegen seiner Größe besitzt der Ozean eine viel größereSpeicherkapazität für CO2. Nutzungskonflikte spielen möglicherweise eine geringere Rolle als an Land – wie beispielswiese bei der Nahrungsmittelproduktion. Potenziale und Nebenwirkungen der meisten angedachten Methoden sind bisher kaum bekannt, sehen in stark idealisierten Simulationen mit Klimamodellen für einige Verfahren aber vielversprechend aus.“

„Eine Entwicklung von Roadmaps zum Erreichen der CO2-Entnahmeziele und damit hoffentlich auch der Klimaziele ist sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene dringend erforderlich. Dabei besteht akuter Forschungsbedarf, um rechtzeitig das erforderliche Handlungswissen für verantwortungsvolle gesellschaftliche Entscheidungen über CO2-Entnahmemethoden entwickeln zu können.“

„Die aktuelle Studie zeigt, dass der Verteilungsschlüssel und die mögliche Berücksichtigung historischer Emissionen oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit einen enormen Einfluss auf die jeweiligen Landesquoten haben können. Die Arbeit ist auch ein Appell an die internationale Gemeinschaft, endlich die lang verschlafene Debatte um die Verteilung der erforderlichen CO2-Entnahme zu beginnen und die in den vereinbarten Klimazielen enthaltene, aber ungeliebte CO2-Entnahme nicht länger auszublenden.“

Prof. Dr. Sabine Fuss

Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin

„Die Autoren wenden Kriterien für die Zuweisung von Quoten für Kohlenstoffentfernung an, die zuvor im Zusammenhang mit konventionellen Klimaschutzmaßnahmen verwendet wurden [5]. In einem zweiten Schritt werden diese Kriterien auf EU-Länder angewendet, und anschließend wird geschätzt, ob die daraus resultierenden Quoten erreicht werden könnten, wenn EU-Länder diese alleine oder gemeinsam erfüllen müssen. An der Methodik ist somit nichts auszusetzen, aber wie die Autoren selber anmerken, obliegt es der Gesellschaft, ultimativ zu entscheiden, was fair ist und was nicht. Die Kriterien, die in der Arbeit genutzt werden, sind also richtungsweisend, aber sicherlich bilden sie diesen Diskurs nicht erschöpfend ab. Im Anhang bieten die Autoren daher noch eine Multikriterien-Analyse mit verschiedenen Gewichtungen der Faktoren an. Allerdings könnte man auch andere Kriterien an Bord nehmen, wie zum Beispiel Verteilungseffekte der aus der Allokation resultierenden Änderungen in Energie- oder Landpreisen.“

„Die Resultate widersprechen den bisherigen Erkenntnissen nicht. In Deutschland zum Beispiel liefert Bioenergie bereits den größten Anteil der Energie aus erneuerbaren Quellen – ein Ausbau würde aber zu erhöhten Biomasseimporten führen, da die heimischen Bioenergie-Potenziale begrenzt sind. Auch der fehlende Zugang zur Speicherkapazität würde kurz- bis mittelfristig zur Kooperation mit anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Norwegen führen müssen. Da der Einsatz von DACCS durch den noch immer hohen Energieaufwand in der Studie begrenzt ist, lassen sich die Ergebnisse mit früheren Einsichten, die sich allein auf landbasierte CDR-Methoden stützen, durchaus vergleichen. Neu ist, dass man sich über den konventionellen Klimaschutz hinaus nun auch mit der Allokation der Quoten für CO2-Entfernung beschäftigt. Das ist wichtig für einen Diskurs, den wir meines Erachtens noch nicht zur Genüge führen im Moment, den wir aber brauchen, wenn wir als EU 2050 bei Netto-Null-Emissionen sein wollen.“

„Es gibt bereits viel Erfahrung sowohl mit Bioenergie als auch mit Kohlenstoffabscheidung und Speicherung (CCS). Bisher gibt es allerdings nur wenige Installationen, die beides vereinen. CCS im kommerziellen Maßstab ist bisher auch eher in der Öl-fördernden Industrie zu verorten – zum Beispiel als Druck- und Injektionsgas zur Erhöhung der Ausbeute in Erdölfeldern. Beispiele wie Sleipner in Norwegen (Gasfelder in der Nordsee, 260 Kilometer westlich der norwegischen Küste; Anm. d. Red.) , wo CO2 bei der Erdgasgewinnung nicht in die Atmosphäre entlassen wird, sondern seit mehr als 20 Jahren abgeschieden und verpresst wird, sind Einzelfälle, die auf die frühe Besteuerung von CO2 zurückzuführen sind. Auch DACCS ist von fehlenden wirtschaftlichen Anreizen betroffen. Erste kommerzielle Anwendungen verließen sich daher auf die Nutzung des abgeschiedenen CO2 – zum Beispiel in Treibhäusern – und nicht auf die Verpressung. Teilweise werden auch sogenannte Offsets zum Kauf angeboten, um andere Emissionen auszugleichen. Zu den wirtschaftlichen Barrieren kommt hinzu, dass viele europäische Länder nicht in der Position sein werden, in nur wenigen Jahren eine heimische Speicherinfrastruktur zu etablieren. Widerstand aus Politik und Gesellschaft und die bisher fehlende Exploration sicherer Speicher sind nur zwei Beispiele für Hemmnisse in dieser Richtung.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Dr. Wilfried Rickels: „Es besteht kein Interessenkonflikt. Ich untersuche in einem DFG Projekt [2] ökonomische Anreize von CDR/negativen Emissionen.“

Prof. Dr. Sabine Fuss: „Ein Interessenkonflikt besteht nicht.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle:

Pozo C et al. (2020): Equity in allocating carbon dioxide remaoval quotas. Natrue Climate Change. DOI: 10.1038/s41558-020-0802-4.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Emmerling J et al. (2019): The Role of the Discount Rate for Emission Pathways and Negative Emissions. Environmental Research Letters; 14: 1-11. DOI: 10.1088/1748-9326/ab3cc9.

[2] Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG (2018): Nutzen und Implikationen einer optimalen und nicht-optimale Anwendung von Maßnahmen zur Reduktion atmospherischer Kohlendioxidkonzentration (CDR) in global-koordinierten und nicht-koordinierten Klimapolitiken.

[3] Global Carbon Budget (2019): Powerpoint-Präsentation.

[4] Rickels W et al. (2019): (Mis)conceptions about modeling of negative emissions technologies. Environmental Research Letters; 14: 104004. DOI: 10.1088/1748-9326/ab3ab4.
Zitat, auf das Bezug genommen wird: „IAM experts in particular consider BECCS as part of a future NETs portfolio; but at the same time, all experts judge the constraints BECCS would face regarding future overall feasibility and more particularly regarding resource competition to be the highest.”

[5] Raupach MR et al. (2014): Sharing quota on cumulative carbon emissions. Nature Climate Change, 4: 873-879. DOI: 10.1038/nclimate2384.

Weitere Recherchequellen

[a] IPCC (2018): Special Report: Global Warming of 1.5°C.