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09.09.2020

Tragen von Masken und mögliche Immunisierung der Bevölkerung

Anlass

Nach Ansicht US-amerikanischer Forschende könnte das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit die Immunisierung der Bevölkerung unterstützen. Diese Hypothese stellen sie in einem Meinungsbeitrag in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ (NEJM) auf (siehe Primärquelle).
Sie vertreten die Annahme, dass durch das Tragen von Masken eine Übertragung des Virus nicht komplett ausgeschlossen ist, da ein Teil der Atemtröpfchen und Aerosole immer noch über die Ränder der Maske austreten könne. Diese geringe Menge an Viruspartikeln, die beim Maskentragen eine gesunde Person erreichen, wäre dann allerdings so gering, dass es nicht mehr zu einer schweren Infektion kommen könne, sondern nur eine schwache, womöglich asymptomatische Infektion ausgelöst würde. Die Forschenden führen verschiedene Beispiele aus COVID-19- und historischen Kontexten an, in denen sich aus ihrer Sicht Hinweise auf eine Effektivität dieser „Variolisierung“ finden lassen.
In Zeiten, in denen noch kein sicherer und effektiver Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zur Verfügung steht, könnte nach der Hypothese der Autoren das konsequente Tragen von Masken also zur Immunisierung der Bevölkerung beitragen und damit die Weiterverbreitung des Virus hemmen. Die Autoren betonen allerdings auch, dass dieser mögliche Effekt noch experimentell überprüft werden muss.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Melanie Brinkmann, Leiterin der Nachwuchsgruppe Virale Immunmodulation, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig
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  • Prof. Dr. Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektologie an der Medizinischen Klinik II, Universitätsklinikum Frankfurt
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  • PD Dr. Julian Schulze zur Wiesch, Leitender Oberarzt Sektion Infektiologie und Leiter des Ambulanzzentrum Virushepatologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg
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Statements

Prof. Dr. Melanie Brinkmann

Leiterin der Nachwuchsgruppe Virale Immunmodulation, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig

„Der Artikel ist prinzipiell sehr interessant und in vielen Punkten plausibel. Ich bin aber etwas skeptisch, denn er basiert auf zwei Annahmen die wissenschaftlich für SARS-CoV-2 noch nicht belegt sind: Erstens, dass eine geringere Dosis an Virus weniger starke Symptome oder Krankheit auslöst und zweitens, dass milde oder asymptomatische Infektionen einen langlebigen Immunschutz auslösen.“

„Zu Erstens: Aus Tierstudien kennen wir einen Dosis-Wirkungs-Effekt. Und wir sehen einen positiven Effekt durch die Masken, die ja tatsächlich viel ‚abhalten‘, sprich die Menge an Virus reduziert, die ‚herumfliegt‘ und aufgenommen werden kann. Deshalb ist Annahme eins plausibel, aber experimentell am Menschen sehr schwer zu belegen. Prinzipiell ist das Thema ‚Übertragung von Pathogenen durch Bioaerosole‘ sehr wichtig und bedarf dringend intensiverer Forschung– dabei ist vieles noch nicht gut verstanden beziehungsweise erforscht worden.“

„Immunologische Studien werden zeigen, ob Annahme zwei stimmt. Das dauert aber noch viele Monate. Wir sehen eine Immunantwort bei Menschen mit milden Verläufen, aber die große Frage ist ja, wie langlebig sie ist – also wie lange sie geschützt sind.“

Prof. Dr. Maria Vehreschild

Leiterin des Schwerpunkts Infektologie an der Medizinischen Klinik II, Universitätsklinikum Frankfurt

„Bei dem genannten Artikel handelt es sich um eine Expertenmeinung und keine Originalarbeit, in der eigens erhobene Daten diskutiert werden.“

„Die Hypothese an sich ist aus meiner Sicht plausibel, allerdings gibt es bisher keine Studien, die diesbezüglich ganz eindeutige Evidenz für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung liefern würden. Als indirekte Evidenz werden Ergebnisse aus einem Hamstermodell sowie die Rate asymptomatischer Infektionen in Gruppen mit und ohne Maskenpflicht herangezogen.“

„Man kann nun bemängeln, dass es sich eben nur um eine gut begründete Hypothese handelt, aber weitere Evidenz noch generiert werden sollte. Für unser Verhalten sehe ich aber keine Konsequenzen, denn es ist bereits belegt, dass Masken schützen, und aus diesem Grunde sind sie Teil weltweiter Hygienekonzepte. Bei Einhaltung dieses grundsätzlich sinnvollen Hygienekonzeptes entsteht nun potenziell ein weiterer positiver Effekt. Die Frage, ob man in Risikosituationen eine Maske tragen sollte oder nicht, ist aber längst beantwortet und sollte jetzt nicht neu in Frage gestellt werden.“

PD Dr. Julian Schulze zur Wiesch

Leitender Oberarzt Sektion Infektiologie und Leiter des Ambulanzzentrum Virushepatologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg

„In diesem aktuellen Perspective-Artikel im New England Journal of Medicine werden verschiedene Aspekte der universellen Maskenpflicht, die unbestritten insgesamt als wichtiger Pfeiler der Infektionskontrolle von allen Experten als sinnvoll erachtet wird, besprochen. Insbesondere wird die Hypothese aufgestellt, dass auch das Tragen von Masken, wenn auch nicht eine Infektion komplett vermeidet, ihren Verlauf jedoch stark abschwächt. Dabei wird in dem Artikel neben bekannten Fakten und trivialen Zusammenhängen gleichzeitig aber auch eine interessante, aber hoch-spekulative und unbewiesene Hypothese aufgestellt: Träger von Masken werden im besten Fall geschützt oder könnten in einigen Fällen mit geringen Virusmengen (Inokulum) infiziert werden.“

„Dabei wird in Fachkreisen schon seit Längeren diskutiert, inwieweit die initiale Infektionsdosis den weiteren Krankheitsverlauf bestimmen mag. Hierzu – genauso wie zu weiteren Fragen, wie zum Beispiel den Gründen für die besonders lange Inkubationszeit, und inwieweit immungeschwächte Patienten sich eher anstecken können – gibt es aktuell noch keine verlässlichen Daten.“

„Die Autoren des NEJM-Artikels gehen gedanklich aber noch einen Schritt weiter: Vielleicht könne die Zunahme der asymptomatischen Infektionen, die in verschiedenen Teilen der Welt beobachtet werden, auf diesen Masken-Effekt zurückzuführen sein. Zeitlich nach der Einführung der Maskenpflicht sei eine Zunahme der leichten und asymptomatischen Infektionen zu beobachten gewesen. Wenn der Verlauf der Pandemie nicht aufzuhalten wäre, so die Argumentation der Autoren weiter, würde sich so – bis zur Zulassung eines Impfstoffes – mit der Zeit eine Art Herdenimmunität aufbauen.“

„Zunächst, so führen die Autoren weiter aus, müsste man allerdings Regionen mit und ohne Maskenpflicht sowie die Breite der Antikörper- und T-Zell-Antwort bei Patienten mit symptomatischem versus asymptomatischen COVID-19 genauer untersuchen.“

„Den Autoren kann man entgegenhalten, dass es viele Gründe geben kann, die dazu führen können, dass mehr Patienten einen leichten oder asymptomatischen Verlauf haben. Zum einen werden diese Patienten durch vermehrte Testung diagnostiziert, und zum anderen infizieren sich relativ mehr junge Patienten während Risikopopulationen im Verlauf besser geschützt werden beziehungsweise sich selber schützen. Auch wird es eine Herausforderung sein, die Immunantworten in diesen Kategorien so genau im Detail zu verstehen. Ob ein sehr kleines Inokulum ausreicht, um alleine eine starke Immunantwort – vielleicht gar ohne eine vollständige Infektion – auszulösen, ist völlig unklar.“

„Nach einem etwas holprigen Start und unterschiedlichen Ersteinschätzungen und Vorschlägen verschiedener Experten und Politikern sowie des RobertKoch-Instituts (RKI) zur Durchführung, ist die Maskenpflicht in Deutschland gut etabliert und hat sich erstaunlich schnell zur gesellschaftlichen Norm mit breiter Akzeptanz entwickelt. Dies ist um so mehr erstaunlich, da das Maskentragen zum Beispiel während der saisonalen Influenza-Saison traditionell eher aus asiatischen Ländern bekannt ist.“

„Es ist zu Bedenken, dass es sich um ein Perspective, einen editorialen Meinungsartikel beziehungsweise eine Standortbestimmung von Experten handelt – und dies kein regulärer wissenschaftlicher Artikel ist. Das Fachjournal NEJM wird zwar weltweit gelesen, richtet sich aber primär an eine amerikanische Leserschaft/Ärzteschaft. Insofern ist dieser Artikel auch politisch zu bewerten und ein weiterer Aufruf beziehungsweise ein weiteres Plädoyer für den Maskengebrauch. Das Maskentragen wird in den USA nicht von einem starken Konsens begleitet.“

„Unbestritten ist das Maskentragen, zusammen mit anderen Maßnahmen wie zum Beispiel Abstandhalten, Händewaschen, Verbot von Großveranstaltungen ein wichtiger Bestandteil zur Eindämmung beziehungsweise Verlangsamung der Übertragung und Dynamik der Pandemie, mit dem Ziel die Reproduktionszahl R niedrig zu halten.“

„Am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf wurde in der Tat neben vielen Maßnahmen früh die Maskenpflicht für Krankenhauspersonal eingeführt. Nach der Einführung gab es nur noch wenige Ansteckungen des Krankenhauspersonals. Gleichzeitig kam es aber nicht zu einem Anstieg der positiven Sero-Tests im Verlauf. Dies würde tendenziell gegen eine größere Anzahl von leisen beziehungsweise asymptomatischen Infektionen nach Maskengebrauch sprechen [1].“

„Wichtig ist auch der sichere und geübte Maskeneinsatz: Das Bedecken von Mund und Nase und die Maske als potenziell infektiös zu betrachten. Während FFP2-Masken sicherer sind, scheinen OP-Masken erstaunlich gut zu schützen, teilweise besser als Stoffmasken.“

„Bei der Verwendung einer Maske geht es darum, in breiteren epidemiologischen Zusammenhängen zu denken: Insgesamt wird die Weiteransteckung um 30 Prozent gesenkt, Mitmenschen werden geschützt und man schützt sich selber. Es sollten aber keine Masken mit Ventil genutzt werden! Bei ihnen kommt die Ausatemluft ungefiltert durch die Maske. Der Träger schützt sich aber nicht seine Mitmenschen.“

„Als Nebeneffekt des Maskentragens bleibt zu hoffen, dass auch die Grippesaison 2020/2021 eher milde ablaufen wird.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Ghandi M et al. (2020): Facial Masking for Covid-19 — Potential for “Variolation” as We Await a Vaccine. Perspective. New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMp2026913.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Brehm TT et al. (2020): High effectiveness of multimodal infection control interventions in preventing SARS−CoV−2 infections in healthcare professionals: a prospective longitudinal seroconversion study. medRxiv. DOI: 10.1101/2020.07.31.20165936.