Zum Hauptinhalt springen
06.08.2018

Spendernieren von Hepatitis C-Patienten sind sicher

Anlass

Spendernieren von Patienten mit Hepatitis C könnten sicher für Transplantationen eingesetzt werden. Um das zu belegen, haben amerikanische Wissenschaftler 20 Transplantationen untersucht, bei denen mit Hepatitis C infizierte Patienten Nieren an nicht-erkrankte Empfänger gespendet hatten. Im Normalfall gelten Organe von Spendern mit Infektionskrankheiten wie Hepatitis C oder HIV als nicht zur Transplantation geeignet [I] und werden nicht verwendet. In letzter Zeit mehren sich in der Wissenschaft jedoch Hinweise, dass auch Hepatitis C-Patienten geeignete Organspender sein können, wenn die Empfänger entsprechende Medikamente erhalten.

Auch in der aktuellen Studie haben die Empfänger der infizierten Spendernieren am dritten Tag nach der Transplantation eine antivirale Therapie bekommen. Die Wissenschaftler konnten nach einem Jahr Beobachtung feststellen, dass keiner der untersuchten Organempfänger an Hepatitis C erkrankt war und die Spenderorgane offenbar in einem sehr guten Zustand und funktionstüchtig waren. Diese Ergebnisse haben die Forscher im Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht.

Übersicht

  • Prof. Dr. Ulrich Kunzendorf, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
  • Prof. Dr. Reinhart Zachoval, Leiter der hepatologischen Nachsorge am Transplantationszentrum München, Klinikum der Universität München (LMU)

Statements

Prof. Dr. Ulrich Kunzendorf

Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

„20 Patienten erhielten die Organe von Hepatitis C positiven Spendern. Bei allen Empfängern ließ sich das Virus nach der Transplantation im Blut nachweisen, das heißt, es kam zur Infektion, die jedoch mit modernen Medikamenten gegen Hepatitis C bei allen Patienten wieder geheilt werden konnte. Die Transplantatfunktion unterschied sich nicht von der einer Kontrollgruppe, die Hepatitis C-negative Organe erhalten hatte. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die betrachtete Transplantation sicher ist, ob jedoch das Virus immer eliminiert werden kann, wenn eine große Zahl von Patienten Hepatitis C-positive Organe erhält, oder unter der laufenden Immunsuppression in wenigen Fällen Resistenzen gegen die Hepatitis C-Medikamente auftreten, bleibt offen.“

„Gerade aufgrund des Organmangels wird diese Option für Deutschland in der Deutschen Transplantationsgesellschaft diskutiert. Auch sind bereits einige Patienten in Deutschland erfolgreich mit Hepatitis C-positiven Organen transplantiert worden. Wie auch von der Amerikanischen Transplantationsgesellschaft vorgeschlagen [1], sollten Patienten, die ein Hepatitis C-positives Organ erhalten, in einem Register nachverfolgt werden, um auch seltene Komplikationen zu entdecken. Diese Patienten müssen besonders aufgeklärt und gegebenenfalls besonders versichert werden.“

„Die vorliegende Studie entspricht wissenschaftlichen Standards, auch wenn sich die Hepatitis C-Therapie stetig weiterentwickelt. Die Heilungsraten liegen in allen kürzlich publizierten Studien bei nahezu 100 Prozent – aber einzelne Rezidive (Wiederauftreten der Erkrankung; Anm. d. Red.) und einige Resistenzen gibt es. Bei einigen Patienten, die geheilt waren – das heißt, das Virus war im Blut nicht mehr nachweisbar –, ließen sich Hepatitis C-Gene in der Leber nachweisen [2].“

„Die Hepatitis C-Therapie ist ausgesprochen verträglich. Die Kosten dieser Therapie sind hoch. Allerdings führt die Verkürzung der Wartezeit an der Dialyse nicht nur zu einer signifikanten Erhöhung der Lebenserwartung der transplantierten Patienten, sondern spart auch noch Dialyse-Kosten.“

Prof. Dr. Reinhart Zachoval

Leiter der hepatologischen Nachsorge am Transplantationszentrum München, Klinikum der Universität München (LMU)

„In vielen Ländern wächst die Kluft zwischen der großen Zahl der Patienten auf den Wartelisten und den möglichen Organspendern dramatisch – insbesondere bei Leber und Niere.“

„Eine denkbare Maßnahme zur Erweiterung des ‚Spenderpools‘ besteht in der Verwendung der Organe von Hepatitis C-positiven Patienten.“

„Die Angst vor einer Hepatitis C-Übertragung durch diese Organe erscheint nicht mehr gerechtfertigt, da in den letzten drei bis vier Jahren eine Revolution der Hepatitis C-Therapie durch Einführung neuer direkt antiviraler Substanzen stattfand. Sie zeichnen sich aus durch Ausheilungsraten von über 95 Prozent bei kurzer Behandlungsdauer – meist zwölf Wochen – und durch vernachlässigbare Nebenwirkungen.“

„Die Studie umfasst zwar ‚nur‘ 20 Patienten, zeigt jedoch eindeutig die Sicherheit, die Wirksamkeit und den Nutzen – klinisch sowie für die Lebensqualität – einer früh einsetzenden antiviralen Behandlung bei der Transplantation Hepatitis C-Virus (HCV) positiver Nieren auf nicht-erkrankte Empfänger. Die Methoden dieser Studie entsprechen hohem wissenschaftlichen Standard, die Nachbeobachtungszeit ist ausreichend lang – sechs bis zwölf Monate –, um ein Wiederauftreten der HCV-Infektion unwahrscheinlich zu machen.“

„In den Leitlinien der amerikanischen [3] und europäischen [4] Lebergesellschaften wird beispielsweise bei der Lebertransplantation die Übertragung HCV-positiver Organe auf HCV-positive Empfänger im Einzelfall durchaus diskutiert, die Transplantation HCV-positiver Organe auf HCV-negative Empfänger jedoch nicht befürwortet. Die Leitlinien stammen von 2014 beziehungsweise 2015, sodass eine Revision aufgrund der dramatischen, sensationellen Verbesserung der Therapiemöglichkeiten in Zukunft zu erwarten ist. Auch die schon sehr weitsichtigen Experten-Empfehlungen der DGVS [5] (Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten; Anm. d. Red.) weisen darauf hin.“

„Die Übertragbarkeit der stimulierenden, sehr hoffnungsvollen Ergebnisse der vorliegenden Studie auf andere Organe – wie Leber, Herz und Lunge – ist in kleinen Fallserien und Fallberichten bei sorgfältiger Auswahl von Spendern und Empfängern bereits nachgewiesen.“

„Oberstes Prinzip in der Transplantationsmedizin ist die Aufklärung und dann die Einholung des Einverständnisses des Patienten. Nötig sind weitere, größere und gut geplante sowie sorgfältig durchgeführte Studien zu Nutzen, Wirksamkeit und Risiko zum Thema ‚HCV-positiver Organspender‘. Geklärt werden muss auch unter anderem die Bezahlung der antiviralen Therapie, die im Moment noch relativ teuer ist – jedoch beim Durchrechnen der Wartezeitverkürzung, Minderung von Mortalität und Morbidität der Patienten sich sicher auch ökonomisch ‚rechnet‘.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Reese PP et al. (2018): Twelve-Month Outcomes After Transplant of Hepatitis C–Infected Kidneys Into Uninfected Recipients. Annals of Internal Medicine, DOI: 10.7326/M18-0749.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Levitsky J et al. (2017): The American Society of Transplantation Consensus Conference on the Use of Hepatitis C Viremic Donors in Solid Organ Transplantation. Am J Transplant; 2790-2802. DOI: 10.1111/ajt.14381.

[2] Gambato M et al. (2016): Hepatitis C Virus RNA Persists in Liver Explants of Most Patients Awaiting Liver Transplantation Treated With an Interferon-Free Regimen. Gastroenterology; 151 (4): 633. DOI: 0.1053/j.gastro.2016.06.025.

[3] European Association for the Study of the Liver (2015): EASL Clinical Practice Guidelines: Autoimmune hepatitis. Journal of Hepatology; 63, 971-1004.

[4] Martin P et al. (2014): Evaluation for Liver Transplantation in Adults: 2013 Practice Guideline by the American Association for the Study of Liver Diseases and the American Society of Transplantation. Hepatology; 59 (3). DOI: 10.1002/hep.26972.

[5] Zimmermann T et al. (2016): Expert recommendations: Hepatitis C and transplantation. Gastroenterol; 54: 665. DOI: 10.1055/s-0042-107360.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Bundesärztekammer: Richtlinien fur die Wartelistenführung und die Organvermittlung zur Nierentransplantation.

Weitere Recherchequellen

Transplantationsgesetz – TPG. Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben.

Goldberg DS et al. (2017): Trial of Transplantation of HCV-Infected Kidneys into Uninfected Recipients. N Engl J Med; 276 (24), 2394-95. DOI: 10.1056/NEJMc1705221.