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20.12.2019

Große Vorteile von Green New Deals für viele Staaten

Anlass

Green New Deals könnten 143 Staaten helfen, erheblich Geld und Energie zu sparen und viele neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zu diesem Schluss sind Forscher der Stanford-University im Fachjournal „One Earth” aus „Cell” gekommen. Die Wissenschaftler stützen sich für Energieverbrauch, Arbeitsplätze, Investitionssummen und Ersparnisse auf sehr umfangreiche Simulationsrechnungen, die Strombedarf, Elektromobilität, Speicherkapazitäten und mehr einbeziehen. Die Ergebnisse zeigen, wie viele Wind- oder Photovoltaikanlagen, Gezeiten- oder Erdwärmekraftwerke in den kommenden drei Jahrzehnten installiert werden müssten.

So ist es der Berechnung zufolge notwendig, weltweit über 2,2 Millionen Windräder onshore mit einer Leistung von fünf GW aufzustellen. Davon sind derzeit knapp fünf Prozent installiert. Schon in den kommenden zehn Jahren müsste diese Zahl jedoch rasant steigen, nehmen die Wissenschaftler an.

 

Übersicht

     

  • Eva Hauser, Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin, Institut für Zukunftsenergiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (IZES), Saarbrücken
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  • Dr. Jan Steckel, Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin
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Statements

Eva Hauser

Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin, Institut für Zukunftsenergiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (IZES), Saarbrücken

„Diese Studie der kalifornischen Forscher widmet sich einer gewagten, aber sehr wichtigen Frage: Sie stellt für den gesamten Planeten die Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses einer vollständigen Umstellung bis 2050 auf Erneuerbare Energien. Gleichzeitig modelliert sie eine globale Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien, hauptsächlich Wind-, Wasser- und Sonnenenergie, um die resultierende Versorgungssicherheit auszuloten. Dabei werden ein ‚Business-as-usual‘-Szenario und vier Szenarien mit unterschiedlichen Elektrifizierungsgraden definiert. Ein solches Unterfangen bedeutet immer, eine Menge unbekannte Entwicklungen vorauszusetzen und zu modellieren. Die gemachten Annahmen und Methoden sind oft mutig, aber transparent und nachvollziehbar hinterlegt.“

„Damit ist es ein großes Verdienst dieser Studie, mögliche Wege hin zu einer globalen Energiewende und der Einhaltung des 1,5-Grad-Zieles aufzuzeigen. Weiterhin ist es begrüßenswert, dass die Forscher*innen eine Auflösung in 24 einzelne Regionen vorgenommen haben: Hierdurch werden regionale Unterschiede bei Aufwand und Nutzen für die einzelnen Regionen sichtbar.“

„Nicht zuletzt zeigt die Studie auch klar auf, dass der Verzicht auf fossil-nukleare Verbrennungsprozesse zur Energiegewinnung die Endenergieeffizienz massiv steigern und viele Umwelt- und Gesundheitsbelastungen abwenden kann. Gerade hierdurch können prinzipiell viele Schäden für Mensch und Umwelt vermieden werden. Somit kann eine Umstellung auf Erneuerbare Energien zusätzlichen gesellschaftlichen Nutzen bringen und die Kosten der Energieversorgung im Gesamten sogar senken.“

„‚Last but not least‘ kann diese Studie dazu beitragen, einen Beitrag zur Schaffung der notwendigen gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen für eine globale Energiewende zu schaffen. Die theoretischen Potenziale Erneuerbarer Energien sind sicherlich auf jeden Fall ausreichend, um eine Versorgung des gesamten Planeten mit Erneuerbaren Energien zu gewährleisten. Wichtig ist es jedoch, dass weltweit die entsprechenden Transformationsprozesse von Politiker*innen, Unternehmen, Wissenschaftler*innen und der Zivilgesellschaft angestoßen werden.“

Dr. Jan Steckel

Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin

„Die Studie stützt sich im Kern auf ein mögliches Zukunftsszenario, wie sich Energienachfrage, Wirtschaftswachstum oder Bevölkerung entwickeln könnten. Dies ist natürlich sehr stark vereinfacht. Die Einzelergebnisse und deren Detailgrad würde ich eher mit Vorsicht betrachten.“

„Unter Berücksichtigung der sozialen Kosten von Kohle, Öl und Gas sind Energiesysteme, die auf erneuerbaren Energien aufbauen, volkswirtschaftlich sinnvoll. Um aber zu verstehen, wie der Umbau politisch vorangebracht werden kann, welche Widerstände zu erwarten sind und wie diese moderiert werden können, sind die von Jacobson et al. vorgelegten aggregierten Betrachtungen über viele Länder hinweg nicht sehr aussagekräftig.“

„Ich wäre zum Beispiel sehr vorsichtig mit den Analysen der Nettoeffekte auf dem Arbeitsmarkt. Es ist fraglich, wie brauchbar diese Information – unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität der Berechnungen – für die politische Machbarkeit eines solchen Szenarios überhaupt sind. Das sehen wir auch in der deutschen Debatte. Für die Kohlekumpel in der Lausitz ist es unwichtig, dass durch die Energiewende in Aurich, Husum oder Hamburg neue Jobs entstehen. Entscheidend für die politische Umsetzbarkeit sind vielmehr die regionalen Effekte und wie mit ihnen politisch umgegangen wird.“

„Die Studie liefert sehr viel technisches, aber eher wenig ökonomisches Detail. So werden beispielsweise Potenziale für erneuerbare Energieträger detailliert abgebildet, Unterschiede in den Finanzierungskosten in verschiedenen Ländern und für verschiedene Energieträger tauchen aber nur am Rande auf. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob man Kapital quasi zum Nulltarif mit Nullzinsen aufnehmen kann – so wie in Deutschland – oder Zinsen im zweistelligen Bereich zahlen muss, wie zum Beispiel in Vietnam oder Indonesien. Dies ist oft entscheidender für die ökonomische Attraktivität von erneuerbaren Energieträgern als regionale Unterschiede in Sonneneinstrahlung oder Windgeschwindigkeit.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Dr. Jan Steckel: „Ich habe keine Interessenskonflikte bei der Studie, beziehungsweise dem Thema.“

Alle anderen: Keine angegeben.

Primärquelle

Jacobson MZ et al. (2019): Impacts of Green New Deal Energy Plans on Grid Stability, Costs, Jobs, Health, and Climate in 143 Countries. One Earth 1, 1–15. DOI: https://doi.org/10.1016/j.oneear.2019.12.003