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03.09.2018

Bluthochdruck bei Nachwuchs nach künstlicher Befruchtung?

Anlass

Kinder, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, könnten später ein höheres Risiko haben, an Bluthochdruck zu erkranken. Das legt eine Schweizer Studie nahe, die 54 Jugendliche, die mithilfe von In-vitro-Fertilisation auf die Welt gekommen sind, auf ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit untersucht und sie mit den Daten von natürlich gezeugten Jugendlichen vergleicht.

Die Forscher haben in einer vorangegangenen Studie [1] bei Kindern aus künstlicher Befruchtung festgestellt, dass diese im Alter von durchschnittlich elf Jahren eine vorzeitige Gefäßalterung aufgewiesen hatten, im Vergleich zu etwa gleichaltrigen Kindern natürlicher Zeugung. Einige Messwerte der Gefäßalterung, wie zum Beispiel steifere Blutgefäße, sind Risikofaktoren für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Wissenschaftler haben in der aktuellen Studie viele der Kinder fünf Jahre später, also im durchschnittlichen Alter von knapp 17 Jahren, erneut untersucht und dabei festgestellt: Die Zeichen für eine vorzeitige Gefäßalterung bleiben offenbar auch im Jugendalter bestehen; hinzu kommt ein sechsfach höheres Risiko für arteriellen Bluthochdruck bei den durch künstliche Befruchtung gezeugten Kindern im Vergleich zu den natürlich gezeigten Kindern.

Einflüsse der Eltern und eine Hormontherapie, die der Befruchtung vorangegangen war, schließen die Autoren als Ursache für das erhöhte Risiko aus. Vielmehr sehen die Forscher die Technik der In-vitro-Fertilisation selbst als Grund an. In der weiteren Forschung [2] wird in diesem Zusammenhang untersucht, welchen Einfluss das Kulturmedium, auf dem die Embryonen zur künstlichen Befruchtung herangezüchtet werden, auf die spätere Gesundheit der so entstandenen Kinder hat. Die Schweizer Arbeitsgruppe hat ihre Ergebnisse im „Journal of the American College of Cardiology“ veröffentlicht (siehe Primärquelle).

Statement

Prof. Dr. Michael von Wolff

Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Universitätsspital Bern, Schweiz

„Es handelt sich um ein Follow-Up einer Initialstudie von 2012 [1] der gleichen Arbeitsgruppe. In der aktuellen Studie wurden weitgehend die gleichen Kinder fünf Jahre später nachuntersucht. Die aktuelle Studie zeigt in etwa die gleichen Ergebnisse wie die Initialstudie 2012. Bemerkenswert an den Ergebnissen der aktuellen Studie ist, dass die kardiovaskulären Veränderungen auch mehrere Jahre später noch nachweisbar waren. Meta-Analysen von anderen Studien, die den Effekt der IVF-Therapien (In-vitro-Fertilisation bzw. künstliche Befruchtung; Anm. d. Red.) auf den Blutdruck untersucht haben, zeigen ebenso einen kardiovaskulären Effekt in Form einer minimalen Erhöhung des Blutdrucks.“

„Die Autoren interpretierten ihre Studienergebnisse bereits in der Initialstudie und jetzt auch in der aktuellen Studie dahingehend, dass ausschliesslich die IVF-Therapie als solche ursächlich sein muss. Diese Interpretation ist jedoch nicht haltbar. Ursächlich können nicht nur die IVF-Technik – das heißt die Fertilisierungstechnik, das Einfrieren überzähliger Embryonen und die Embryokultur im Brutschrank – von Bedeutung sein, sondern auch die Hormonstimulation.“

„Eine der möglichen Konsequenzen ist: Der Einfluss der Hormonstimulation ist reduzierbar, da auch IVF-Therapien ohne eine Hormonstimulation durchgeführt werden können. Auch kann dadurch zum einen die Notwendigkeit des Einfrierens überzähliger Embryonen vermieden werden, da ohne eine Hormonstimulation keine überzähligen Embryonen entstehen, und zum anderen kann der Effekt der Embryokultur durch eine Verkürzung der Kulturdauer reduziert werden, da eine Embryoselektion, die eine fünftägige Kultur erfordert, dann nicht nötig ist. Mit diesen Maßnahmen könnten seitens der Reproduktionsmediziner möglicherweise die Risiken der IVF-Therapien vermindert werden. Aber: Ob diese Maßnahmen wirklich die Risiken vermindern können, ist noch unklar.“

„IVF-Therapien sollten definitiv nur dann durchgeführt werden, wenn andere Sterilitätstherapien nicht möglich sind.“

„Weitere Studien sind erforderlich, um abzuschätzen, ob IVF-Therapien auch langfristig zu gesundheitlichen Risiken führen.“

„Es ist relativ sicher, dass Kulturmedien einen Effekt haben [2]. Es gibt jedoch keine schlüssigen Studien, die aufzeigen, welche Zusammensetzung des Kulturmediums das Risiko erhöht oder verringert.“

„Meta-Analysen haben gezeigt, dass Kinder, die im Jahr 2000 und später geboren wurden, eine geringere Erhöhung des Blutdrucks aufwiesen [3]. Somit könnten die Risiken der IVF-Therapie in den vergangenen Jahren tatsächlich abgenommen haben. Ob dies mit der Veränderung der Kulturmedien oder mit anderen Faktoren zusammenhängt, ist jedoch unklar.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Keine angegeben.

Primärquelle

Meister TA et al. (2018): Association of Assisted Reproductive Technologies With Arterial Hypertension During Adolescence. J Am Coll Cardiol; 72 (11): 1267-74. DOI: 10.1016/j.jacc.2018.06.060.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Scherrer U et al. (2012): Systemic and pulmonary vascular dysfunction in children conceived by assisted reproductive technologies. Circulation; 125 (15): 1890-1896. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.111.071183. 

[2] Zandstra H et al. (2018) Association of culture medium with growth, weight and cardiovascular development of IVF children at the age of 9 years. Hum Reprod; 1; 33(9): 1645-1656. DOI: 10.1093/humrep/dey246.

[3] Guo XY et al. (2017): Cardiovascular and metabolic profiles of offspring conceived by assisted reproductive technologies: a systematic review and meta-analysis. Fertil Steril; 107 (3):622-631.e5. DOI: 10.1016/j.fertnstert.2016.12.007.

Weitere Recherchequellen

Dayan N et al. (2017): Cardiovascular Risk Following Fertility Therapy. J Am Coll Cardiol; 70 (10): 1203-12. DOI: 10.1016/j.acc.2017.07.753.

Fauser BCJM et al. (2014): Health outcomes of children born after IVF/ICSI: a review of current expert opinion and literature. Reprod Biomed Online; 28(2):162-82. DOI: 10.1016/j.rbmo.2013.10.013.