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21.03.2019

Wahrscheinlich nicht wirksam – klinische Studie zu Alzheimer-Medikament abgebrochen

Anlass

Die Pharmahersteller Biogen und Eisai stoppen die Phase-III-Studien ENGAGE und EMERGE zum potenziellen Alzheimer-Medikament Aducanumab (siehe Primärquelle). Wie das Unternehmen berichtet, haben die Analysen eines unabhängigen Gremiums ergeben, dass der Wirkstoff – ein Antikörper gegen das krankheitsassoziierte Proteinfragment Beta-Amyloid – die gesetzten Ziele hinsichtlich der Effektivität in der Behandlung von mildem Alzheimer (primäre Endpunkte) nicht erreichen wird. Die Entscheidung sei nicht aufgrund von Sicherheitsbedenken getroffen worden. Damit verabschiedet sich ein weiterer monoklonaler Antikörper [I] aus dem Rennen, ein „Disease Modifying Drug“ für die Alzheimer-Erkrankung zu finden.

Übersicht

  • Prof. Dr. Hans-Ulrich Demuth, Leiter der Außenstelle Halle (Saale) für Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung, Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI), Leipzig
  • Prof. Dr. Dr. Pierluigi Nicotera, Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender, Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE), Bonn

Statements

Prof. Dr. Hans-Ulrich Demuth

Leiter der Außenstelle Halle (Saale) für Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung, Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI), Leipzig

„Ganz schlicht: Es ist ein Desaster für das ganze Feld. In diese Forschung wurde viel reininterpretiert: Eine frühe Behandlung sollte wirksamer sein als alle Behandlungen mit Antikörpern bisher. Die bekannten Phase 2 Ergebnisse waren vielversprechend: es gab eine dosisabhängige Reduktion von Beta-Amyloid. Außerdem konnten leichte Kognitionsverbesserungen beobachtet werden, allerdings nur in den höchsten Dosen in der Nähe des Toxizitätslevels.“

Auf die Frage, inwiefern es Sinn macht, laufende Forschung an Antikörpern gegen Beta-Amyloid weiterzuführen:„Eigentlich macht es keinen Sinn. Es ist teuer für die Geldgeber, am Ende enttäuschend für Geldgeber, Angehörige, Pflegende und vor allem die Patienten. Man hat wider besseres Wissen in all diesen Studien ‚nur‘ auf Anti-Amyloid-Beta-Antikörper gesetzt und andere, innovative Ansätze ignoriert.“

„Spätestens ab jetzt sollten Wirkstoffe für eine Arzneimittelzulassung weiter entwickelt werden, die selbst bei geringen Patientenzahlen schon kognitive Verbesserungen zeigen und in der Herstellung viel billiger sind. Beispielsweise könnte in Zukunft auf die Verhinderung der Bildung von toxischen posttranslationalen Modifikationen gesetzt werden. Forschungsergebnisse aus Deutschland sind dazu interessante Hoffnungsträger. So hat ein Team um Dieter Willbold an der Universität Düsseldorf und am Forschungszentrum Jülich einen wirksamen Ansatz entwickelt. Die Kollegen machen kleine D-Peptide, die oral verfügbar sind und das Verklumpen der am meisten toxischen Amyloid-beta-Peptide behindern.“

Prof. Dr. Dr. Pierluigi Nicotera

Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender, Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Bonn

„Die wissenschaftliche Community des DZNE ist sehr enttäuscht über die Nachricht von der Beendigung der Aducanumab-Studie. Es wird deutlich, dass nur eine frühzeitige Intervention, wie in Präventivstudien, eine Chance auf Erfolg hat und uns eine Antwort auf mögliche Therapien gegen die Alzheimer-Erkrankung geben kann. Wie unsere eigenen Studien [1] zeigen, sind frühe Anzeichen einer Erkrankung bis zu 16 Jahre vor dem Auftreten von Symptomen nachweisbar. Dies deutet darauf hin, dass eine Intervention zu einem sehr frühen Zeitpunkt beginnen sollte. Neben Therapien gegen Amyloid-beta entwickeln wir am DZNE alternative Therapieansätze, die bei Entzündungen und dem Immunsystem ansetzen. Wir glauben, dass die Zukunft in einer sehr frühen Behandlung und kombinatorischen Therapien liegen wird.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Herr Prof. Dr. Hans-Ulrich Demuth: „Ich bin Mitgründer der Probiodrug AG, die ich mittlerweile verlassen habe und noch als externer Berater im Projekt QC-Inhibtion betreue. In meinem Institut (Fraunhofer IZI-MWT in Halle) entwickeln wir weitere spezifische Antikörper gegen besonders aggressive Amyloid beta-Formen und kleine Inhibitoren gegen alternative Beta-Sekretasen.“

Alle anderen: Keine angegeben.

Primärquelle

Pressemitteilung Biogen (21.03.2019): Biogen and Eisai to discontinue phase 3 ENGAGE and EMERGE trials of aducanumab in Alzheimer's disease.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Preische O et al. (2019): Serum neurofilament dynamics predicts neurodegeneration and clinical progression in presymptomatic Alzheimer’s disease. Nature Medicine; 25: 277–283. DOI: 10.1038/s41591-018-0304-3.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Science Media Center Germany (2016): Alzheimer-Medikament Solanezumab nicht wirksam: Erste Ergebnisse der Studie "Expedition 3". Rapid Reaction. Stand: 23.11.2016.