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26.11.2021

Neue Coronavirus-Variante B.1.1.529

Anlass

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD berichtet von einer neuen womöglich bedrohlichen Variante des Coronavirus mit dem Namen B.1.1.529. Die Zahl der Mutationen ist außergewöhnlich hoch. Erste Analysen zeigen unter anderem zahlreiche Mutationen am Spike-Protein, mit dessen Hilfe das Virus in die Zelle eindringt. Die bisher beobachteten Veränderungen in den Rezeptor-Bindungsregionen deuten darauf hin, dass B.1.1.529 einem vorhandenen Immunschutz (in Teilen) entkommen könnte – was nicht zwangsläufig bedeutet, dass B.1.1.529 andere Varianten verdrängt oder zu schwereren Krankheitsverläufen führt.

In Südafrika ist die Variante zunächst durch eine rasche Ausbreitung aufgefallen. Die Infektionsfallzahlen im Land steigen derzeit an. Nur rund 24 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft [I]. Zahlreiche Staaten schränkten den Flugverkehr in südafrikanische Länder ein. Deutschland erklärt Südafrika ab Samstag zum Virusvariantengebiet. In Israel, Hongkong und Belgien gibt es bereits erste Fälle der neuen Mutante. Die Weltgesundheitsorganisation beruft derzeit ihre Expertinnen und Experten ein. In der Sitzung heute soll auch entschieden werden, ob B.1.1.529 als „Variant of interest“ oder „Variant of concern“ eingestuft werden soll.

Das SMC Germany hat Fachleute um ihre Einschätzung zu B.1.1.529 gebeten.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien, Biozentrum, Universität Basel, Schweiz
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  • Prof. Dr. Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Düsseldorf
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  • PD Dr. Roman Wölfel, Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München
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Statements

Prof. Dr. Richard Neher

Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien, Biozentrum, Universität Basel, Schweiz

„Die Variante ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Zum einen unterscheidet sie sich an vielen Stellen im Spike-Protein von den ursprünglichen Varianten und kombiniert viele Mutationen, die wir aus anderen besorgniserregenden Varianten kennen. Viele dieser Veränderungen fallen in Regionen, an die Antikörper binden, in die Rezeptor-Binde-Stelle und die Furin cleavage site. Es ist also durchaus vorstellbar, dass die Variante sowohl sehr übertragbar ist als auch Teilen der Immunantwort entkommt. Zum anderen haben wir bislang keine intermediären Varianten zwischen B.1.1.529 und denen vom Anfang 2020 beobachtet. Die Variante kam also unerwartet und scheint sich jetzt im Süden Afrikas rasch auszubreiten. Eingehende klinische und virologische Untersuchungen stehen noch aus.“

„Da die Impfstoffe gegen alle bisherigen Varianten effizient sind, gehe ich davon aus, dass auch gegen diese Variante Impfschutz besteht. Gerade die T-Zell-Antwort sollte gegenüber den Veränderungen robust sein. Allerdings ist es durchaus vorstellbar, dass es vermehrt zu Durchbruchsinfektionen kommt, sodass eine dritte Dosis umso wichtiger wird.“

Auf die Frage, ob B.1.1.529 hierzulande per PCR-Testung schnell bemerkt werden würde:
„Diese Variante hat die gleiche PCR-Signatur wie Alpha, das heißt eine Deletion an Position 69/70 im Spike-Protein. Daher sollten die PCR-Assays, die vor einem knappen Jahr entwickelt wurden, auch für diese Variante effizient sein.“

Auf die Frage nach den Unterschieden zur Delta-Variante:
„Hierzu kann man im Moment nicht viel Bestimmtes sagen. Das Immunevasions-Potenzial (Immunflucht; Anm. d. Red.) scheint größer und die Variante scheint sich in Südafrika gegen Delta durchzusetzen. Allerdings sind in Südafrika die Fallzahlen derzeit recht niedrig, was die Interpretation erschwert. Unter welchen Bedingungen sich diese Variante schneller überträgt als Delta, ist im Moment nicht klar. Die nächsten Tage werden hier hoffentlich mehr Antworten liefern.“

Prof. Dr. Jörg Timm

Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Düsseldorf

„Obwohl es bisher keine funktionellen Daten gibt, deutet das Muster der Mutationen darauf hin, dass die Variante das Potenzial für einen Immune Escape und gleichzeitig eine höhere Übertragungsrate hat. Das lässt sich aktuell nicht genau quantifizieren. Die Dynamik bei der Verbreitung von B.1.1.529 in Südafrika ist auf jeden Fall ein Grund zur Sorge.“

„Es gibt Hinweise aus Labordaten, dass einige der Mutationen der B.1.1.529-Variante die Bindung von Antikörpern beeinträchtigen. Welche Bedeutung das für die Impfimmunität hat, ist derzeit nicht klar. Das muss jetzt geprüft werden, Biontech hat solche Untersuchungen bereits angekündigt. Die Erfahrungen mit den bisherigen Varianten haben gezeigt, dass die Impfung weiterhin zum Schutz beiträgt, auch wenn die Wirksamkeit reduziert ist.“

„In der Ganzgenomsequenzierung würde die Variante auffallen. In den Laboren werden aktuell auch spezifische PCR-Verfahren entwickelt, mit denen die neue Variante gezielt nachgewiesen werden kann. Die werden sicherlich ab der nächsten Woche breiter eingesetzt.“

„Der erste Eindruck aufgrund der Daten der Verbreitung der B.1.1.529-Variante in Südafrika ist, dass es einen Selektionsvorteil im Vergleich zu der Delta-Variante gibt. Da gibt es aber noch eine große Unsicherheit und muss erst noch weiter untersucht werden.“

Auf die Frage, inwieweit hohe Inzidenzen die PCR-Funde erschweren:
„Bei einer hohen Inzidenz verringert sich die Chance, dass die Variante mit den existierenden Surveillance-Systemen zufällig gefunden wird. In der molekularen Surveillance werden aktuell etwa fünf Prozent der Proben sequenziert. Mit den verfügbaren Informationen können wir aber jetzt gezielt nach der Variante suchen.“

PD Dr. Roman Wölfel

Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München

„Es ist schon lange bekannt, dass sich auch SARS-CoV-2 mit der Zeit durch Mutationen verändert. Dabei setzen sich vor allem jene Mutationen durch, die dem Virus einen Vorteil verschaffen. Die jetzt beschriebene Variante B.1.1.529 wurde im November 2021 in Südafrika entdeckt. Einzelne Nachweise dieser Virusvariante gab es auch in Botswana und Hongkong, wobei es sich vermutlich auch dabei um aus Südafrika importierte Fälle handelt.“

„B.1.1.529 unterscheidet sich recht deutlich von den anderen bisher bedeutsamen Alpha-, Beta- und Delta-Varianten. Es hat einige Mutationen mit diesen Varianten gemeinsam, weist jedoch auch eine Reihe zusätzlicher Mutationen auf. Die neue Variante B.1.1.529 ist vor allem wegen der großen Anzahl von Mutationen im Gen für das Spike-Protein auffällig. Viele dieser Mutationen befinden sich ausgerechnet in der sogenannten Rezeptorbindungsdomäne, also dem Bereich des Spike-Proteins, der für das Eindringen in menschliche Zellen und für den Schutz vor einer Virusinfektion durch Antikörper eine entscheidende Rolle spielt.“

„Eine weitere Gruppe von Mutationen in der Variante B.1.1.529 liegt im Bereich der sogenannten Furin-Spaltstelle. Veränderungen an dieser Stelle im Spike-Protein können zu einer erhöhten Übertragbarkeit des Virus führen. Zwei weitere bei B.1.1.529 vorhandene Spike-Mutationen sind bekannt dafür, die Bindungsstärke des Virus an den menschlichen Zellrezeptor ACE2 stark zu erhöhen.“

„Außerdem liegen bei B.1.1.529 noch weitere Mutationen in anderen Bereichen des Virusbauplans vor: Für eine davon im sogenannten open reading frame (ORF) 1a gibt es Hinweise, dass sie dem Virus bei der Umgehung des angeborenen Immunsystems helfen könnte. Zwei zusätzliche Mutationen im Nukleokapsid-Gen des Virus sind auch von anderen Varianten bekannt und führen zu einer höheren Viruslast bei infizierten Menschen. Dadurch verbessern sie die Übertragbarkeit des Virus von Mensch zu Mensch.“

„Eine weitere Mutation, nämlich der Wegfall von Geninformationen im Bauplan des Spike-Proteins, wird 69/70-Deletion genannt. Diese Veränderung ist auch bereits bei früheren Virusvarianten, wie der Alpha- und der Eta-Variante, aufgetreten. Wenn keine ausreichenden Möglichkeiten zur Genomsequenzierung vorhanden sind, kann diese Deletion zur Erkennung der Virusvariante im Labor genutzt werden. Bei der derzeit in Deutschland vorherrschenden Delta-Variante ist die 69/70-Deletion nicht enthalten. Da sie jedoch bei den anderen genannten Varianten vorkommt, muss man darauf achten, diese nicht leichtfertig mit B.1.1.529 zu verwechseln.“

„Die Genabschnitte des Virus, die für die PCR-Diagnostik verwendet werden, sind bei B.1.1.529 kaum oder gar nicht verändert. Diese neue Variante wird also genauso sicher mit PCR-Tests erkannt werden. Die Nachweisbarkeit von SARS-CoV-2 durch Antigen-Schnelltests ist, unabhängig von der Virusvariante, im Vergleich zum PCR-Test immer schlechter. Die meisten Schnelltests identifizieren das Virus über sein Nukleokapsid-Protein. B.1.1.529 weist hier keine Mutationen auf, die eine Beeinträchtigung der Funktion von Antigen-Schnelltests erwarten lassen. Allerdings muss dies immer erst auch noch mit dem echten Virus im Labor überprüft werden.“

„Über das sogenannte Immune-Escape-Potenzial von B.1.1.529, also seine Fähigkeit der Immunabwehr zu entkommen, liegen bisher noch keine belastbaren Daten vor. Solche Untersuchungen müssen jetzt erst in den Forschungslaboren durchgeführt werden und werden einige Zeit in Anspruch nehmen. Betrachtet man die vielen Mutationen bei der Variante B.1.1.529, dann ist es allerdings durchaus denkbar, dass diese Virusvariante dem Immunsystem teilweise besser ausweichen kann als andere derzeit verbreitete Varianten.“

„Aber auch in diesem Fall ist davon auszugehen, dass die verfügbaren Impfstoffe immer noch ein hohes Maß an Schutz vor Krankenhausaufenthalten und Tod bieten werden. Die Impfung ist deshalb nach wie vor von entscheidender Bedeutung, um die Ausbreitung zu verlangsamen und die Belastung des Gesundheitssystems zu verringern.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Our World in Data (26.11.2021): Share of people vaccinated against COVID. COVID-19 Data Explorer.