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28.02.2018

Neonicotinoide: EFSA beurteilt Risiko für Bienen neu

Anlass

Die Anwendung von drei Neonicotinoiden ist in den meisten Fällen ein Risiko für Wildbienen und Honigbienen. Zu diesem Ergebnis kommt ein am 28.Februar 2018 veröffentlichtes Update der Risiko-Bewertung der drei Insektizide Clothianidin, Imidacloprid and Thiamethoxam durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA.

Die Nutzung dieser drei Neonicotinoide ist seit 2013 eingeschränkt, um vor allem Honigbienen vor negativen Auswirkungen der Substanzen zu schützen. So dürfen sie seither nicht bei Kulturpflanzen eingesetzt werden, die stark von Bienen besucht werden – unter anderem Mais, Raps und Sonnenblumen. Ausnahmen gelten beim Anbau in Gewächshäusern, bei Einsatz bei einigen Kulturpflanzen nach der Blüte und bei Wintergetreide. Diese Beschränkungen basieren auf einer Risiko-Beurteilung aus dem Jahre 2012. Das nun veröffentlichte Update erfolgte im Auftrag der EU-Kommission und soll offene Fragen unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Arbeiten beantworten. Die Kommission hat damit die erbetene Grundlage zur Entscheidung erhalten und kann somit ihren Entscheidungsprozess fortsetzen.

Die Ergebnisse werden auf der Webseite der EFSA zum Download angeboten. 

Übersicht

  • Prof. Dr. Dr. Randolf Menzel, Professor emeritus und Arbeitsgruppenleiter am Institut für Biologie – Neurobiologie, Freie Universität Berlin
  • Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • Prof. Dr. Robert Paxton, Leiter der Arbeitsgruppe Allgemeine Zoologie, Institut für Biologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Mitglied Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Statements

Prof. Dr. Dr. Randolf Menzel

Professor emeritus und Arbeitsgruppenleiter am Institut für Biologie – Neurobiologie, Freie Universität Berlin

„Ein wichtiger Befund ist, dass für alle drei Neonicotinoide, die hinsichtlich der Effekte von gebeiztem Samen untersucht wurden, Risiken festgestellt wurden, die je nach Exposition oder Art – Honigbiene, Hummel, Wildbiene – zwischen niedrigem Risiko und hohem Risiko liegen. Dort, wo kein Risiko festgestellt wurde, liegt das ausschließlich an den fehlenden Daten dazu. Diese Einschätzung gibt die augenblickliche Datenlage aus meiner Sicht recht korrekt wieder, wobei man natürlich die diplomatische und vorsichtige Formulierung der EFSA berücksichtigen muss. Es ist aber eindeutig, dass auf der Grundlage dieser Beurteilung nicht mit einer Aufhebung der Anwendungssperre für diese drei Neonicotinoide zu rechnen ist.“

„Diese Einschätzung muss man auch vor dem Hintergrund sehr begrenzter und unempfindlicher Messgrößen betrachten: obwohl solche Einschränkungen vorliegen, kommt die EFSA zu einem eindeutigen Urteil. Diese drei Neonicotinoide sind in der Tat höchst gefährlich für die bestäubenden Insekten. Damit werden manche Berichte, die keine Effekte gefunden haben, zurückgewiesen – insbesondere solche, die mit Mitteln der Industrie durchgeführt wurden. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, denn schließlich ist die EFSA nicht gerade dafür bekannt, besonders kritisch zu sein, wenn es um die Aussagen der Industrie geht.“

„Es zeigt sich auch, dass Honigbienen robuster gegenüber solchen Belastungen sind als Hummeln und Wildbienen. Dies liegt aber, wie wir bereits wissen - an der hohen Regelungsfähigkeit der Honigbienen-Kolonie.“

„Die EFSA gibt aus meiner Sicht die Datenlage der vertrauenswürdigen wissenschaftlichen Literatur ziemlich korrekt wieder. Allerdings – wie oben betont – unter der Maßgabe von recht unsensiblen Messgrößen, insbesondere wenn es um die Honigbienen-Kolonien geht, und nicht um einzelne Honigbienen.“

„Es steht außer Frage: es dürfen keine gebeizten Samen mehr ausgebracht werden. Das ist der allererste und aller wichtigste Schritt. Die nächsten Schritte müssen zu einer wesentlichen Einschränkung und sehr genauen Kontrolle der Anwendung von Neonicotinoiden in wenigen gut begründeten Ausnahmefällen führen.“

Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein

Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

„Für Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Thematik beschäftigen, liefert dieses Update keine größeren neuen Ergebnisse. Die EFSA präsentiert hier eine sehr gut durchdachte und durchgeführte Zusammenfassung von Studien, alles ist kritisch diskutiert. Im Detail stecken interessante Ergebnisse in dem Report, aber etwas wirklich Neues bringt diese Studie nicht und dies war eigentlich auch nicht zu erwarten.“

„Bis jetzt wurde viel darüber diskutiert, dass Feldstudien im Hinblick auf die Effekte von Neonicotinoiden fehlen. Diese fehlen, weil es extrem schwierig bis unmöglich ist, solche Feldversuche experimentell so durchzuführen, dass klare Effekte nachgewiesen werden können. Die Schwierigkeiten, diese Studien nicht nur durchzuführen, sondern auch zu beurteilen, zeigt die EFSA-Studie eindeutig auf. Somit wäre es sinnvoll, politische Entscheidungen anhand von Experimenten aus dem Labor und semi-Feld Konditionen – Käfig- bzw. Tunnelexperimente – zu treffen und nicht weiter auf das perfekte, nicht-angreifbare Feldexperiment zu warten.“

„Exemplarisch kann ich für die Dokumente über Chlothianidin sagen: die Argumentationen und die methodischen Ansätze sind gut durchdacht und führen zu einer sehr guten Zusammenfassung der Effekte für verschiedenste Bienengruppen. Auch sind Interaktionen zwischen den verschiedenen Neonicotinoiden berücksichtigt und die Ergebnisse werden kritisch betrachtet.“

auf die Frage, welche möglichen Auswirkungen der Publikation auf die landwirtschaftliche Praxis denkbar wären:
„Das Problem ist zum Beispiel, dass wir schwer Raps anbauen können, ohne Neonicotinoide einzusetzen. Insektizide schädigen Insekten – und dazu gehören auch Bienen . Negative Effekte auf Bienen durch Neonicotinoide in der Landwirtschaft können wir schon lange nicht mehr ausschließen. Leider ist ein großer Teil der heutigen Landwirtschaft von Pestiziden abhängig. Wenn es durch diese und weitere Studien zu immer strikteren Verboten von Pestiziden kommt – in dieser Studie werden nur drei wichtige Neonicotinoide betrachtet – dann muss die Landwirtschaft mit neuen Anbau- und Managementkonzepten antworten.“

Prof. Dr. Robert Paxton

Leiter der Arbeitsgruppe Allgemeine Zoologie, Institut für Biologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Mitglied Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

„Der Bericht der EFSA bringt keine neuen Erkenntnisse - aber dies war nicht Ziel des Berichtes. Er bringt die Ergebnisse vieler Publikationen zusammen, die wir schon kennen. Der Bericht ist umfassend, ausgewogen und er zeigt, wie wenig wir wissen über die Effekte von Neonicotinoiden auf Hummeln und andere Wildbienen - im Gegensatz zu den Auswirkungen auf Honigbienen. Hier gibt es eine große Wissenslücke.“

„Die Argumentationen der EFSA erscheinen mir logisch und vernünftig.“

auf die Frage, welche möglichen Auswirkungen der Publikation auf die landwirtschaftliche Praxis denkbar wären:
„Es mag sein, dass viele aus dem Bericht schlussfolgern, weiter ‚Business as usual’ zu betreiben. Allerdings denke ich, dass das bestehende Problem – nämlich die Verwendung von Neonicotinoiden – große Aufmerksamkeit in der Bevölkerung erweckt hat. Vielleicht führt das ja zu einer nachhaltigeren Produktion von Lebensmitteln und einem im Allgemeinen nachhaltigeren Lebensstil.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Download auf der Webseite der EFSA

Weitere Recherchequellen

Sciene Media Center – Research in Context (2017): Wirkung von Neonicotinoiden auf Bienen: Freiland-Experimente auch in Deutschland