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23.08.2019

G7 soll über Waldbrände in Brasilien sprechen

Anlass

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat die Waldbrände in Brasilien zu einem G7-Thema in Biarritz gemacht. Es handele sich um eine internationale Krise, weil 20 Prozent des Sauerstoffs aus dem Tropischen Regenwald stamme. Dieser Vorschlag wurde im Vorfeld intensiv diskutiert (auch wurde kritisiert, dass Macron zu dem Tweet ein Bild beifügte, das bereits Jahre alt ist).

Wie viele Brände in den vergangenen Jahren in den Bundesstaaten entlang des Amazonas wüteten, zeigt die Global Fire Emissions Database – ein Forschungsprojekt, das Daten der NASA zu Waldbränden sammelt und analysiert. Diese sind bis jetzt vor allem im Bundesstaat Amazonas besonders stark gestiegen, in anderen Bundesstaaten des Amazonasgebiets kletterte die Zahl der Waldbrände im Vergleich zu den vergangenen Jahren nicht so stark an.

Laut der Brasilianischen Weltraumagentur  hat die Anzahl der Waldbrände in ganz Brasilien im Vergleich zum letzten Jahr bereits um 84 Prozent zugenommen. (Die Website ist jedoch momentan schlecht zu erreichen.) 

Übersicht

  • Dr. Rico Fischer, Department of Ecological Modelling, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig
  • Prof. Dr. Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft, Georg-August-Universität Göttingen
  • Prof. Dr. Heiko Faust, Geographisches Institut, Abteilung Humangeographie, Georg-August-Universität Göttingen

Statements

Dr. Rico Fischer

Department of Ecological Modelling, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig

„In der Trockenzeit (Mai-Oktober) kommen Waldbrände im brasilianischen Regenwald häufiger vor. Allerdings haben laut Satellitenanalysen der Brasilianischen Weltraumagentur (INPE) die Anzahl der Waldbrände in Brasilien in diesem Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Verglichen mit dem letzten Jahr hat man für den gleichen Zeitraum 85 Prozent mehr Feuer detektieren können. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, sind aber oft durch den Menschen verursacht (Feuer, die durch die Abholzung entstehen oder auch das absichtliche Abbrennen von riesigen Waldflächen um neue Weideflächen zu schaffen). Gerade in der Trockenzeit können sich diese Brände dann unkontrolliert ausbreiten.“

„Eine vollständige Regeneration dieser Waldflächen wird zirka hundert Jahre dauern. Besonders unter dem Einfluss des Klimawandels könnte sich diese Regeneration noch verlangsamen. Die genauen Auswirkungen des Klimawandels sind Gegenstand der Forschung.“

„Die tropischen Wälder sind eines der artenreichsten Ökosysteme unserer Erde. Über die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten leben dort. Der Amazonas-Regenwald ist der größte intakte Tropenwald mit einem Anteil von ca. 18 Prozent an der globalen Waldfläche [1]. Durch die Brände und Rodungen wären viele Arten bedroht, weil ihnen der Lebensraum weggenommen wird.“

„Regenwälder spielen eine entscheidende Rolle im Wasser- und im Kohlenstoffkreislauf der Erde. Diese Wälder sind bisher eine Kohlenstoffsenke, speichern also mehr Kohlenstoff als sie in die Atmosphäre abgeben. Der Amazonas Regenwald spielt dabei eine wichtige Rolle, da er insgesamt fast 80 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert. Waldbrände sorgen aber für immense Kohlenstoffemissionen. Werden diese Waldgebiete nicht zeitnah wieder aufgeforstet, dann fehlt auf diesen Flächen das Potenzial, Kohlenstoff zu binden. Es könnte somit in den nächsten Jahrzehnten dazu führen, dass die Wälder von einer Kohlenstoffsenke zu einer Quelle werden. Der Klimawandel könnte diesen Prozess noch beschleunigen.“

„Höhere Kohlenstoffemissionen durch Waldbrände führen zu einem schnelleren Anstieg von CO2 in der Atmosphäre mit weitreichenden Folgen für das Klima auf der Erde, nicht nur in den tropischen Gebieten, sondern auch in Europa. Die Temperaturen würden weiter steigen und Extremereignisse wie Dürren und Hitzewellen würden zunehmen.“

Prof. Dr. Matin Qaim

Professor für Welternährungswirtschaft, Georg-August-Universität Göttingen

„Die massiven Brände im Amazonas sind eine Katastrophe für das Weltklima, die Biodiversität und die Luft- und Wasserkreisläufe unserer Erde. Wir müssen mit viel höherer Priorität Mechanismen finden und umsetzen, um den Regenwald zu schützen.“

„Das erfordert politischen Willen, ein breites Verständnis der komplexen Zusammenhänge und Geld. Ernsthafte Konservierungsmaßnahmen gibt es nicht zum Nulltarif, aber die Investitionen lohnen sich, denn die Kosten des Nichtstuns – im Sinne wirtschaftlicher und gesundheitlicher Schäden – werden um ein Vielfaches größer sein.“

„Natürlich hat auch unser Handeln in Deutschland viel mit dem Verlust des Regenwaldes zu tun. Zum Beispiel importieren wir große Mengen Soja als Futtermittel für unsere Rinder und Schweine, und der steigende Sojaanbau trägt in Brasilien mit zur Regenwaldrodung bei.“

„Aber wir sollten uns nicht zu wenig durchdachten ad-hoc Lösungen verleiten lassen. Ein Verbot von Sojaimporten könnte sogar kontraproduktiv sein, weil dann andere Futtermittel benötigt würden, die noch mehr Fläche beanspruchen und zu noch mehr Rodungen führen könnten. Viel zielführender wäre es, unseren Fleischkonsum zu reduzieren, so dass insgesamt weniger Futtermittel benötigt werden.“

„Außerdem sind neue Agrartechnologien ein wichtiger Mechanismus, um mehr auf der vorhandenen Fläche zu ernten und so den Druck auf den Regenwald zu reduzieren. Leider werden in Deutschland Technologien mit großem Potential – wie die Gentechnik und das Genome Editing – fälschlicherweise oft als Teil des Problems statt als Teil der Lösung gesehen. Hier bauchen wir größere gesellschaftliche Offenheit.“

Prof. Dr. Heiko Faust

Geographisches Institut, Abteilung Humangeographie, Georg-August-Universität Göttingen

„Die Waldbrände und -rodungen in Amazonien werden zu komplexen ökologischen und sozioökonomischen Veränderungen führen: Die großen negativen Umweltauswirkungen können durch die postulierten positiven ökonomischen Effekte nicht annähernd ausgeglichen werden. Eine potenzielle Verringerung der Armut und ein verbesserter Lebensstandard einer überschaubaren Zahl von Kleinbauern und Landarbeitern stehen zudem Landnutzungskonflikte mit einer industrialisierten Landwirtschaft und den gewinnorientierten Interessen von staatlichen Akteuren, Großgrundbesitzern und transnationalen Unternehmen gegenüber.“

„Obwohl grundsätzliche Gegenüberstellungen von ökologischen und ökonomischen Effekten der Regenwaldrodung wissenschaftlich kaum messbar sind und normativ beziehungsweise ethisch bewertet werden, helfen differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse, solide nachhaltige Landnutzungspolitiken zu entwickeln. Aktuelle Ergebnisse aus bisher sechs Jahren interdisziplinärer Forschung in Sumatra und Indonesien über Landnutzungswandel von Regenwald zu Plantagenprodukten zeigen zwar, dass weitreichende negative Umweltwirkungen mit tendenziell positiven sozioökonomischen Effekten einhergehen. Doch für Amazonien sind diese tendenziell sozioökonomischen Effekte lokal nicht zu erwarten.“

„In Indonesien und Sumatra zeigten sich folgende Auswirkungen:

  • Die Landumwandlung von Wald zu Nutzpflanzen wie Ölpalme oder Kautschuk führte zu erheblichen Auswirkungen auf die Umweltprozesse, dazu zählen die Verringerung der Kohlenstoffvorräte, die Änderung der Wasserverfügbarkeit und -nutzung sowie die Erwärmung der Landoberfläche.
  • Die Landumwandlung von Regenwald zu Plantagen führte zu einer stark reduzierten lokalen Artenvielfalt und großen Verschiebungen in der Zusammensetzung der Pflanzen- und Tiergemeinschaften. Darüber hinaus werden wichtige ökologische Funktionen beeinträchtigt und von wenigen Arten abhängig gemacht.
  • Sozioökonomisch führt der Anbau von Kautschuk und Ölpalme zu wirtschaftlichen und sozialen Vorteilen wie einem höheren Einkommen für landwirtschaftliche und nicht-landwirtschaftliche Haushalte sowie einer Verringerung der Armutsraten.
  • Eine Vielzahl von Landnutzungskonflikten entstand in der Festlegung und Aushandlung von Landzugangs- und Nutzungsrechten zwischen unterschiedlichen Interessengruppen.
  • Eine belastbare Perspektive für eine nachhaltige Landnutzung besteht in lokal angepassten Bewirtschaftungsmaßnahmen wie der Anreicherung von Monokultur-Plantagen mit anderen Baumarten. Diese können einige der negativen Auswirkungen des Landnutzungswandels abschwächen. Ein Pflanzungsexperiment mit Inseln einheimischer Bäume in Ölpalmenplantagen wirkte sich in den ersten Jahren nach der Pflanzung sowohl ökologisch als auch ökonomisch positiv aus.“

„Für Amazonien sind vergleichbare negativen Auswirkungen der Umweltprozesse wie in Indonesien zu erwarten, allerdings werden die lokalen sozioökonomischen Effekte deutlich weniger positiv ausfallen als in Sumatra, da die Bevölkerungsdichte geringer und der Einbezug von unabhängigen Kleinbauern in das Plantagenwirtschaftssystem in Brasilien kaum eine Rolle spielt.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Matin Qaim: „Keine Interessenkonflikte“

Alle anderen: Keine angegeben.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Hansen M et al. (2010): Quantification of global gross forest cover loss. PNAS; 107 (19): 8650-8655. DOI:10.1073/pnas.0912668107