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15.12.2021

EU-Kommission schlägt Methan-Regulierung vor

Anlass

Um die Methan-Emissionen aus dem Energiesektor zu senken, hat die EU-Kommission am 15.12.2021 einen Vorschlag für eine rechtsbindende Regulierung vorgelegt [I]. Diese sieht Maßnahmen für die Überwachung und Minderung des Methan-Ausstoßes in der Kohle- Öl-, und Gasförderung vor. Bis 2030 soll so der Methan-Ausstoß in diesen Sektoren um 80 Prozent zurückgehen. Die Regulierung ist Teil des zweiten „Fit-for-55-Pakets“ – einer Sammlung von Rechtsvorschriften, mit der die EU eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen von mindestens 55 Prozent bis 2030 erreichen will.

Die Kommission will Öl-, Gas- und Kohleförderer in der EU dazu verpflichten, ihre Methan-Emissionen zu überwachen und jährlich den zuständigen Behörden zu melden. Auch Förderanlagen, die nicht mehr in Betrieb sind, sollen von zuständigen Firmen oder den EU-Mitgliedsstaaten auf Methan-Emissionen überprüft werden. Das International Methane Emissions Obersatory [II] – eine Initiative, die kürzlich vom UN Environment Programme angekündigt wurde – soll diese Daten prüfen, zusammenfassen und veröffentlichen. Ferner müssen Betreiber von Gas- und Öl-Infrastrukturen diese regelmäßig auf Leckagen untersuchen und größere Leckagen reparieren. Das Ablassen von Methan in die Atmosphäre („Venting“) sowie das kontrollierte Abfackeln von Methan („Flaring“) soll nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sein.

Förderer außerhalb der EU, die fossile Brennstoffe in die EU exportieren, sollen künftig ebenfalls ihren Methan-Ausstoß transparent machen. Konkrete Verpflichtungen, Methan-Emissionen zu verringern, sieht der Regulierungs-Vorschlag für diese jedoch nicht vor.

Die Methan-Regulierung verweist auf den von der EU und den USA angestoßenen Globalen Methanpakt, dem sich kürzlich mehr als 100 Länder anschlossen haben. Ziel des Paktes ist, die globalen Methan-Emissionen bis 2030 um mindestens 30 Prozent zu senken. Eine SMC-Aussendung dazu finden Sie hier [III]. Allerdings ist der Energiesektor in der EU nur für rund ein Fünftel der anthropogenen Methan-Emissionen verantwortlich [IV]. Größere Anteile entfallen auf die Landwirtschaft (53 Prozent) und Abfallwirtschaft (26 Prozent), die der aktuelle Regulierungs-Vorschlag nicht erfasst. Laut einer Pressemitteilung der EU-Kommission liegt der Anteil des Energiesektors jedoch weit höher, wenn man auch Methan-Emissionen aus importiertem Gas, Öl und Kohle berücksichtigt [V].

Statement

Prof. Dr. Stefan Lechtenböhmer

Abteilungsleiter Zukünftige Energie- und Industriesysteme, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, Wuppertal

„Nach meiner Einschätzung ist die Energiewirtschaft in der EU in vielen Bereichen auch jetzt schon im internationalen Vergleich recht gut aufgestellt. Das heißt, ihre Emissionsfaktoren sind auch heute schon recht gut im internationalen Vergleich. Die Tatsache, dass Kontrollen und Reparaturen jetzt verpflichtend werden und Lücken in der Überwachung der Methan-Emissionen geschlossen werden, wird die Situation hier sicher nochmals verbessern und wichtige Minderungen erschließen. Die meisten Fortschritte werden aber eher inkrementell sein.“

„Nach den Angaben aus der Pressemitteilung [1] erwartet die Kommission, dass die Methanemissionen der EU-Energiewirtschaft bis 2030 um rund 80 Prozent verringert werden. Die erste Hälfte davon ist ,Business as Usual‘, die zweite Hälfte soll durch die jetzt vorgeschlagene Regulierung umgesetzt werden. Das ist sehr wichtig, aber viel mehr an Emissionsminderungen ist dann auch nicht mehr möglich. Ein Grund dafür ist auch, dass der Großteil der Methan-Emissionen unseres Gas-, Öl- und Kohlebedarfs im Ausland anfällt.“

„Die Relevanz der vorgelagerten Lieferketten der fossilen Energien ist deutlich größer als das, was innerhalb der EU passiert. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die EU auch hier aktiv werden will. Sollte es gelingen, international auf ein vergleichbares Emissionsminderungs-Niveau von rund 80 Prozent bis 2030 zu kommen, wäre das eine extrem wichtige Sofortmaßnahme für das Klima – aufgrund der sehr hohen kurzfristigen Wirksamkeit von Methan als Treibhausgas. Hier können wir wirklich Zeit kaufen, um den Klimawandel kurzfristig zu verlangsamen.“

„Der Ansatz, zunächst Berichtspflichten zu implementieren und Transparenz über die Emissionen und mögliche Maßnahmen zu schaffen, ist sicher notwendig. Es ist aber wichtig, hier sehr schnell auch starke Minderungs-Aktivitäten anzureizen. Über die richtigen Vorschläge der Kommission hinaus, die ja im Ausland immer nur indirekt und vor allem über ökonomische Anreize wirken können, wäre es gut, wenn man sehr kurzfristig zusätzliche monetäre Anreize schaffen würde. Das könnte erreicht werden, indem die EU sich bei der Finanzierung von Methan-Minderungsprojekten entweder direkt engagiert oder aber die Importeure fossiler Energien dazu verpflichten würde.“

Auf die Frage, ob die geforderten Maßnahmen technologisch machbar sind und welche Kosten auf die Förderer fossiler Energieträger dadurch zukommen:
„Im Grunde werden die meisten Methan-Quellen schon heute überwacht, allein schon aus Sicherheitsgründen. Das kann natürlich weiter verbessert und noch vollständiger werden. Neuere technische Entwicklungen – zum Beispiel über Drohnen mit Methan-Detektoren sowie Satellitenmessungen – haben hier die Messmöglichkeiten aber eher günstiger und einfacher gemacht. Wichtig sind daher vor allem die verbesserten und einheitlicheren Messstandards sowie die entsprechenden Regulierungen, die Daten zusammen zu führen und zugänglich zu machen. Die Kosten für die Förderer dagegen sollten sich in sehr engen Grenzen halten. Wenn Methan aufgefangen wird, statt emittiert zu werden, ist das zudem ökonomisch häufig vorteilhaft und die Einsparungen können ein Vielfaches der Messaufwendungen ausmachen.“

Auf die Frage, ob es problematisch ist, dass die vorgeschlagene Regulierung die Land- und Abfallwirtschaft außer Acht lässt:
„Die Energiewirtschaft ist in Bezug auf die Methanemissionen eine sogenannte ,low hanging fruit‘ (eine ,tiefhängende Frucht‘; Anm. d. Red.). Daher ist es richtig und wichtig hier mit sehr ambitionierten Zielen voran zu gehen. Vor allem in der Landwirtschaft ist es dagegen oftmals sehr viel schwerer, die Methan-Emissionen zu verringern. Die meisten Methan-Emissionen in der EU kommen aus der Rinder- und Milchviehhaltung und sind nur schwer technisch zu mindern. Veränderungen zum Beispiel in unserem Fleischkonsum sind politisch aber ,dicke Bretter‘.“

„Die EU-Kommission argumentiert, dass es sinnvoll ist, die Methan-Emissionsminderungen in der Land- und Abfallwirtschaft mit eigenen Regulierungen im Rahmen der Umwelt- beziehungsweise Agrargesetzgebung anzugehen. Das ist aus meiner Sicht nachvollziehbar, es ist aber wichtig, dass die Emissionsminderung in diesen Bereichen nicht in einer Vielzahl anderer Aspekte untergeht und auch hier sehr schnell wirksame Maßnahmen ergriffen werden. Themen wie der Fleischkonsum dürfen dabei nicht vergessen werden.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Stefan Lechtenböhmer: Keine Angaben erhalten.

Literaturstelle, die vom Experten zitiert wurde

[1] EU-Kommission (2021): Commission proposes new EU framework to decarbonise gas markets, promote hydrogen and reduce methane emissions. Pressemitteilung der EU-Kommission.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] EU-Kommission (2021): Regulation of the European Parliament and of the Council on methane emissions reduction in the energy sector and amending Regulation.

[II] UNEP (2021): International Methane Observatory.

[III] SMC (2021): Strategien zum Verringern von Methanemissionen. Stand: 25.11.2021

[IV] EU-Kommission (2020): Factsheet Methane Strategy.

[V] EU-Kommission (2021): Commission proposes new EU framework to decarbonise gas markets, promote hydrogen and reduce methane emissions. Pressemitteilung der EU-Kommission.