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09.11.2020

Bildung hat Priorität – Rolle von geöffneten Schulen in der Pandemie und weiterer Umgang

Anlass

Die Infektionszahlen unter Kontrolle bringen, weiterhin aber Bildung ermöglichen und die Schulen offenhalten: Das ist die erklärte Strategie der Bundesregierung hinter den Kontaktbeschränkungen über vier Wochen im November. Dazu sollen Bürgerinnen und Bürger ihre Kontakte vor allem im Privaten und Freizeitbereich stark einschränken. Die Regierungen des Bundes und der Länder ziehen damit Lehren aus der Kritik an den ersten Maßnahmen im Frühjahr, als Schulen und Kitas prioritär geschlossen wurden.

Allerdings zieht die bildungspolitische Entscheidung, Bildung Vorrang einzuräumen, auch Kritik nach sich: Elternverbände drücken ihren Unmut über einen zu lockeren Umgang mit der Virusverbreitung in Schulen in einem offenen Brief aus [I] und fordern die Einhaltung des Hygienekonzepts für Schulen des Robert Koch-Institut [II]. Das Konzept sieht vor, bei hoher Inzidenz Klassen zu verkleinern und Mund-Nasen-Schutz im Unterricht zu tragen. Auch Schulschließungen sollen in Betracht gezogen werden. In eine ähnliche Richtung ging eine Empfehlung der Gesellschaft für Virologie im August [III]. Einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, die sich nach diesen Konzepten richten wollte, verbot die Landesregierung geteilten Präsenz- und Digitalunterricht.

Kinder und Jugendliche können sich mit SARS-CoV-2 infizieren und auch weitere Menschen anstecken. Sie gelten jedoch nach aktueller Datenlage nicht als größte Anheizer des Pandemieverlaufs, da sie sich scheinbar weniger häufig als Erwachsene infizieren: Je jünger die Kinder, desto weniger scheinen sie für das Virus empfänglich. Allerdings verläuft eine Infektion in den meisten Fällen mild oder gar asymptomatisch und kann deshalb leicht übersehen werden. Erst kürzlich zeigte eine bayerische Antikörper-Studie, dass im April sechsmal so viele Kinder mit SARS-CoV-2 infiziert waren als aus offiziell berichteten Fallzahlen bekannt [IV].

Ist das Infektionsgeschehen generell gering, findet sich das Virus auch bei kleinen Kindern nicht, wie eine aktuelle, noch nicht begutachtete Studie aus Frankfurt zeigt [V]. Steigen die diagnostizierten Fälle einer Infektion insgesamt an, steigen sie auch in den jüngeren Altersgruppen [VI] und durch eine hohe Kontaktrate der Kinder [VII] finden auch Übertragungen statt. Die Frage ist, unter welchen Umständen Schulen und Kindertagesstätten weiterhin geöffnet bleiben können oder welche Alternativen wann zu ergreifen sind. Zu diesen Aspekten antworten Expertinnen und Experten. Nach ihrer Einschätzung sollten weitere Maßnahmen beispielsweise an das Infektionsgeschehen in den betroffenen Einrichtungen gekoppelt werden, nicht an das Gesamtgeschehen in der Bevölkerung.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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  • Dr. Folke Brinkmann, Oberärztin für Pädiatrische Pneumologie und Allergologie, Katholisches Klinikum Bochum – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
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  • Prof. Dr. Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Düsseldorf
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Statements

Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk

Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

„Anhand der bisher vorliegenden Informationen ist davon auszugehen, dass die Kinder bei der Übertragung von SARS-CoV-2 generell eine geringere Rolle als bei Influenza spielen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Übertragung innerhalb von Schulen gering ist – und man kann annehmen, dass die Hygienekonzepte deutlich zur Reduktion des Risikos beitragen können. Abstandsregeln können effektiv insbesondere die intensiven Kontakte reduzieren, die auch für die Übertragung besonders relevant sind – ein eindrucksvolles Beispiel dafür lieferte vor Kurzem die RESTART-19 Studie [1], allerdings in der einem anderen Kontext. Die aktuellen Erfahrungen aus Testung in Schulklassen, die wegen aufgetretener Fälle erfolgen, sollten weitere Erkenntnisse liefern. Neben Abstandseinhaltung ist auch die Lüftung sehr wichtig, um Ansteckungen über Aerosole zu reduzieren.“

„Es ist zu befürchten, dass eine alleinige Einschränkung von Kontakten im Freizeitbereich die Epidemie nicht unter Kontrolle bringen kann – insbesondere deshalb, weil anscheinend die kälteren Temperaturen mehr Anstrengungen als im Sommer verlangen. Insbesondere ein anhaltender Anstieg der Belegung von Intensivbetten kann dazu führen, dass zusätzliche Maßnahmen zu den bisherigen ergriffen werden müssen. Das kann noch nicht jetzt entschieden werden, weil man die Auswirkungen der aktuellen Maßnahmen aktuell noch nicht sehen kann. Allerdings wäre meine dringende Empfehlung, die aktuelle Situation dafür zu nutzen, die Voraussetzungen für ein digitales Unterrichten zu schaffen, fallsdies zu einem späteren Zeitpunkt nötig sein sollte. Es ist denkbar, dass zumindest regional weitere Maßnahmen erfolgen müssen.“

Dr. Folke Brinkmann

Oberärztin für Pädiatrische Pneumologie und Allergologie, Katholisches Klinikum Bochum – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

„Die Übertragungen von SARS-CoV-2-Infektionen in Kitas sind in Deutschland in verschiedenen Studien untersucht worden, zum Beispiel der Düsseldorfer Kita-Studie oder aktuell der Safe-Kids Studie. Hier sind jeweils kaum Infektionen bei Kindern nachgewiesen worden. Infektionen gingen meist von Erziehern aus. Dies wird auch in den vom Robert Koch-Institut (RKI) gesammelten Informationen von Ausbrüchen in Kitas so formuliert [2].“

„In Grundschulen wird aktuell in den meisten Bundesländern im Klassenraum kein Mund-Nasen-Schutz getragen. Die Zahlen der Ausbrüche in den Grundschulen sind angestiegen, eine Auswertung der Infektionsgeschehen bei den Sechs- bis Zehnjährigen von März bis August 2020 in Deutschland [3] zeigte jedoch im Vergleich zu den älteren Schülern eine geringere Zahl an Ausbrüchen und Infizierten.“

„Auch in anderen Ländern, beispielsweise in Schweden, sind keine vermehrten Infektionen und Antikörperraten in dieser Altersgruppe nachgewiesen worden, obwohl die Schulen nie geschlossen wurden und die Kinder viele ungeschützte Kontakte hatten [4].“

„In weiterführenden Schulen in Deutschland – aber auch in anderen Ländern, wie Israel [5] – wurden Ausbrüche beschrieben, während andere Studien aus Australien, Irland und Frankreich nur wenige Ansteckungen beschreiben. In einer chilenischen Studie [6] mit einer Serokonversionsrate von zehn Prozent (zehn Prozent der Getesteten wiesen Antikörper gegen das Virus im Blut auf; Anm. d. Red.) nach einem Schulausbruch werden vor allem Übertragungen in Mittel- und Oberstufe beschrieben, oft jedoch ausgehend von Lehrern und/oder Elternversammlungen.“

„Insgesamt erschwert die wahrscheinlich große Zahl asymptomatischer Infektionen bei Kindern und Jugendlichen die Erhebung verlässlicher Daten.“

„Eine Umsetzung der AHA-Regeln – insbesondere das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes von Lehrern und Schülern, regelmäßiges Lüften sowie eine Trennung der Gruppen/Klassen – sind nach aktuellen Erkenntnissen sinnvoll, um Infektionsraten zu verringern.“

„So ist es zum Beispiel bei konsequentem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Klasse möglich, die Zahl der Kontaktpersonen 1. Grades mit hohem Infektionsrisiko und Quarantänenotwendigkeit auf die in direkter Umgebung sitzenden Schüler einzugrenzen [7].“

„Vor einigen Monaten wurde in mehreren Bundesländern überlegt, die Einschränkungen in Kita- und Schulbetrieb an die Gesamtinzidenz der SARS-CoV-2-Infektionen in einer Region zu koppeln. Da aber gerade Kitas und Grundschulen wahrscheinlich in kleinerem Maße zur Verbreitung der Infektionen beitragen und in den weiterführenden Schulen durch Einhaltung der Hygieneregeln inklusive des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Infektion gesenkt werden kann, ist es wahrscheinlich gesellschaftspolitisch sinnvoller, die Öffnung der Institutionen, Größe der Gruppen und weitere Maßnahmen an dem Infektionsgeschehen in den jeweiligen Einrichtungen zu orientieren.“

„Eine komplette Schließung der Schulen hat zwar nach Meta-Analysen auch einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen, ist aber weniger effektiv als andere Interventionen, zum Beispiel Reisebeschränkungen oder Begrenzung von Veranstaltungen [8] [9].“

Prof. Dr. Jörg Timm

Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Düsseldorf

„Nach den bisherigen Daten scheinen insbesondere bei jüngeren Kindern Infektionen mit SARS-CoV-2 seltener als bei Erwachsenen zu sein, ältere Kinder ab etwa 12 bis 14 Jahren unterscheiden sich nicht mehr von Erwachsenen. Eine mögliche Erklärung ist die geringere Expression des ACE2-Rezeptors bei jungen Kindern, den SARS-CoV-2 für die Infektion nutzt. Ob infizierte Kinder das Virus allerdings seltener weitergeben, ist weiterhin nicht sicher geklärt. Die Beobachtung, dass die ausgeschiedenen Virusmengen in den oberen Atemwegen bei infizierten Kindern auf einem ähnlichen Niveau sind wie bei infizierten Erwachsenen, lässt vermuten, dass infizierte Kinder ebenfalls relevante Überträger sind. Damit besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass es zu einer Verbreitung von SARS-CoV-2 auch in Schulen kommt. Es gibt zuletzt vermehrt Berichte von Infektionsketten bei Schüler*innen, wobei SARS-CoV-2-Übertragungen dann nicht zwingend in der Schule stattgefunden haben müssen, da auch im privaten Umfeld Kontakte zwischen Schüler*innen möglicherweise unter geringeren Schutzmaßnahmen stattfinden. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen unter den Bedingungen der derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen die Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen klarer wird.“

„Die konsequente Einhaltung der AHA-L-Regeln in Schulen ist sicherlich extrem wichtig. Wie gut sich das im Einzelfall umsetzen lässt, ist für mich schwer zu beurteilen, da ich die bauliche Situation in den Schulen im Detail nicht kenne. Eine Maskenpflicht im Unterricht halte ich bei der aktuellen Lage für notwendig und gehe davon aus, dass diese Maßnahme für den Infektionsschutz effektiv ist. Es ist aber genauso wichtig, den Infektionsschutz vor und nach der Schule konsequent fortzuführen, was nach meiner Einschätzung die größere Herausforderung sein dürfte.“

„Für eine bessere Einschätzung des Infektionsgeschehens in Schulen halte ich eine konsequente Testung von Kontaktpersonen für sinnvoll, wie sie vom RKI empfohlen wird. Wenn die Testkapazitäten in den Laboren ausgeschöpft sind, können hier Antigentests hilfreich sein. Diese sind zwar weniger sensitiv als PCR-basierte Tests, sie können aber Personen, von denen ein erhöhtes Infektionsrisiko ausgeht, relativ sicher identifizieren. Aufgrund der sofort verfügbaren Testergebnisse ist eine schnelle Einschätzung möglich, ob es sich um einen größeren Ausbruch handelt, der weitergehende Maßnahmen erfordert.“

„Aus rein infektiologischer Sicht ist die Verkleinerung und Trennung von Lerngruppen in Schulen ebenfalls eine sinnvolle Maßnahme, da sich damit die Zahl der Kontakte und damit die Wahrscheinlichkeit für Übertragungen reduzieren lassen. Ob die Umsetzung solcher Konzepte in Schulen praktisch möglich ist und welche weiteren gesellschaftlichen Konsequenzen das haben würde, kann ich als Virologe nicht wirklich beurteilen. Auch wurde bereits viel über Luftreinigungsanlagen diskutiert. Aus technischer Sicht gibt es da Lösungen, die theoretisch das Übertragungsrisiko durch Aerosole tatsächlich reduzieren können. Dazu ist ein hoher Luftaustausch notwendig, der bei größeren Räumen wie Klassenzimmern nur durch leistungsstarke und in der Regel eher hochpreisige Geräte erreicht wird. Praktische Erfahrungen mit diesen Geräten bezogen auf SARS-CoV-2 gibt es meines Wissens noch nicht.“

„Eine gesicherte Erkenntnis der bisherigen Pandemie ist der ganz überwiegend milde Erkrankungsverlauf von COVID-19 bei Kindern. Die Bewertung des Infektionsgeschehens in Schulen orientiert sich also vor allem daran, ob dadurch das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung insgesamt negativ beeinflusst wird und Übertragungen auf Risikogruppen wahrscheinlicher werden. Nach meinem Verständnis wäre dies der Fall, wenn die Zahl von gesicherten oder vermuteten Übertragungen in Schulen deutlich zunimmt und eine Infektionskontrolle über die Absonderung von Kontaktpersonen nicht mehr sichergestellt werden kann. Bei gleichzeitig schlecht kontrolliertem Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung sollten dann weitergehende Maßnahmen bis hin zu Schulschließungen geprüft werden. Aus meiner Sicht sollten sich diese weitergehenden Maßnahmen nicht an regionalen Inzidenzen orientieren, sondern konkret an der Situation in den Schulen festgemacht werden.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk: „Ich habe keine Interessenkonflikte.“

Dr. Folke Brinkmann: „Bei mir liegen (bis auf das Interesse einer Mutter eines Kita- und Schulkindes) keine Interessenkonflikte vor.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Website des Forschungsprojektes Restart-19.

[2] Deutsches Jugendinstitut & Robert Koch-Institut (2020): Quartalsbericht der Corona-KiTa-Studie.

[3] Otte im Kampe E et al. (2020): Surveillance of COVID-19 school outbreaks, Germany, March to August 2020. Eurosurveillance; 25 (28).

[4] European Center for Disease Prevention and Control (2020): COVID-19 in children and the role of school settings in COVID-19 transmission.

[5] Stein-Zamir C et al. (2020): A large COVID-19 outbreak in a high school 10 days after schools’ reopening, Israel, May 2020. Eurosurveillance; 25 (29).

[6] Torres JP et al. (2020): SARS-CoV-2 antibody prevalence in blood in a large school community subject to a Covid-19 outbreak: a cross-sectional study. Clinical Infectious Diseases; ciaa955. DOI: 10.1093/cid/ciaa955.

[7] Robert Koch-Institut (12.10.2020): Präventionsmaßnahmen in Schulen während der COVID-19-Pandemie.

[8] Banholzer N et al. (2020): Impact of non-pharmaceutical interventions on documented cases of COVID-19. Medrxiv. Dies ist eine noch nicht begutachtete Preprint-Veröffentlichung und daher mit Vorsicht zu behandeln.

[9] Viner RM et al. (2020): Susceptibility to SARS-CoV-2 Infection Among Children and Adolescents Compared With Adults. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Pediatrics. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2020.4573.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Zusammenschluss: Sicherheit für Bildung (13.10.2020): Offener Brief/ Petition: Sicherheit für Bildung/ Betreuung in der Pandemie.

[II] Robert Koch-Institut (12.10.2020): Präventionsmaßnahmen in Schulen während der COVID-19-Pandemie.

[III] Gesellschaft für Virologie (06.08.2020): Stellungnahme der Ad-Hoc-Kommission SARS-CoV-2 der Gesellschaft für Virologie: SARS-CoV-2 Präventionsmaßnahmen bei Schulbeginn nach den Sommerferien.

[IV] Hippich M et al. (2020): Public health antibody screening indicates a six-fold higher SARS-CoV-2 exposure rate than reported cases in children. Med. DOI: 10.1016/j.medj.2020.10.003.

[V] Hoehl S et al. (2020): Longitudinal testing for respiratory and gastrointestinal shedding of SARS-CoV-2 in day care centres in Hesse, Germany. Results of the SAFE KiDS Study. MedRxiv. DOI: 10.1101/2020.11.02.20223859.

[VI] Science Media Center: SMC Coronareport – Unterschiedliches Wachstum der gemeldeten Fälle in den Altersgruppen.

[VII] Massong J et al. (2008): Social Contacts and Mixing Patterns Relevant to the Spread of Infectious Diseases. PLOS Medicine; 5 (3), e474. DOI: 10.1371/journal.pmed.0050074.

Weitere Recherchequellen

Science Media Center (2020): Schulöffnungen und die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie. Rapid Reaction. Stand: 06.08.2020.

Science Media Center (2020): Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung von SARS-CoV-2? Press Briefing. Stand: 08.05.2020.