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08.06.2021

Wie lassen sich der Kampf gegen den Klimawandel und der Erhalt der Biodiversität vereinbaren? Erstmals gemeinsame Analyse von Weltklimarat IPCC und Weltbiodiversitätsrat IPBES

Anlass

Der fortschreitende Klimawandel und die Bedrohung der Artenvielfalt sind zwei der größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit aktuell und in den kommenden Jahrzehnten stellen muss. Zahlreiche Studien und Assessments zeigen eindeutig: der Klimawandel ist menschengemacht, er ist inzwischen fast überall auf der Welt spürbar und nimmt immer mehr an Fahrt auf. Genauso belegt ist die Bedrohung der Biodiversität durch die immer intensivere Nutzung beinahe aller Lebensräume der Erde durch den Menschen und die oft einseitig zum Vorteil des Menschen ausgelegte Nutzung natürlicher Ressourcen.

Beide Themen sind eng miteinander verwoben und beeinflussen sich wechselseitig. Der Klimawandel verändert die Lebensräume, steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster bringen viele Arten an den Rand ihrer biologischen Toleranz und zwingen sie dazu, sich unvergleichlich schnell anzupassen, die angestammten Lebensräume zu verlassen oder auszusterben. Umgekehrt vermindern aus dem ökologischen Gleichgewicht geratene Ökosysteme deren Fähigkeit, Treibhausgase aufzunehmen und zu binden, Wetterextreme zu überstehen und für den Menschen wichtige Ökosystemleistungen wie sauberes Trinkwasser und saubere Luft zu erbringen. Und obwohl Klimawandel und Biodiversität eng verwoben sind, werden sie wissenschaftlich und politisch meist noch immer getrennt voneinander diskutiert und adressiert. Es gibt Sachstands- und Sonderberichte des Weltklimarates IPCC, und es gibt die Assessments des Weltbiodiversitätsrates IPBES, die umfassend den jeweiligen Stand der Forschung zusammenfassen. Auf beiden Gebieten ist eindeutig: Die Situation ist extrem angespannt. Sowohl Klimawandel als auch Artenschutz erfordern nach jahrzehntelangem Zögern nun schnelle Reaktionen und gesellschaftliche Transformationen. Doch immer, wenn es schnell gehen muss, steigt die Gefahr, dass die Auswirkungen auf andere, jedoch nicht unwichtigere Problemfelder aus dem Blick geraten.

Zum ersten Mal haben sich nun fast 50 Expertinnen und Experten des IPCC und des IPBES getroffen, um Biodiversität und Klimawandel nicht unabhängig voneinander, sondern gemeinsam zu diskutieren und dabei auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit mit in den Blick zu nehmen. Der Report wurde am 10.06.2021 veröffentlicht (siehe Primärquelle). Wir konnten eine Autorin und zwei Autoren der Analyse vorab für ein Press Briefing am 08.06.2021 unter Embargo gewinnen, um gemeinsam mit Ihnen unter der Überschrift „Wie lassen sich der Kampf gegen den Klimawandel und der Erhalt der Biodiversität vereinbaren? Erstmals gemeinsame Analyse von Weltklimarat IPCC und Weltbiodiversitätsrat IPBES“ über die großen Herausforderungen zu sprechen. Wie lassen sich Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt gemeinsam erreichen und dabei die Auswirkungen auf die soziale Gerechtigkeit berücksichtigen? Wie kann es gelingen, bestmöglich Klimaschutz zu betreiben, ohne dabei den Erhalt der Natur mit ihren Ökosystemen und ihrer Artenvielfalt nicht oder nur zweitrangig mitzudenken? Welche Synergien sind möglich, welche absehbaren Konflikte sind erkennbar und wie lassen sich diese bestmöglich lösen? Wo steht Nachhaltigkeit dem Klimaschutz entgegen und umgekehrt? Und inwiefern besteht die Gefahr, dass die gemeinsame Kommunikation zwei für sich schon überkomplexer Herausforderungen die Resonanz in Politik und Gesellschaft zusätzlich erschwert?

Diese und vor allem Ihre Fragen beantworteten eine Expertin und zwei Experten bei einem virtuellen Press Briefing.

Expertin und Experten auf dem Podium

     

  • Prof. Dr. Almut Arneth
    Leiterin der Arbeitsgruppe Modellierung Globaler Landökosysteme und Leiterin der Abteilung Ökosystem-Atmosphäre Interaktionen, Institut für Meteorologie und Klimaforschung Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Garmisch-Patenkirchen
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  • Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner
    Leiter der Sektion Integrative Ökophysiologie im Fachbereich Biowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut (AWI), Bremerhaven, und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
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  • Prof. Dr. Josef Settele
    Leiter Department Naturschutzforschung, Umweltforschungszentrum (UFZ), Halle/Saale, und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertin und die Experten am Ende des Press Briefings um kurze Zusammenfassungen gebeten, die wir Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung stellen möchten.

Prof. Dr. Almut Arneth

Leiterin der Arbeitsgruppe Modellierung Globaler Landökosysteme und Leiterin der Abteilung Ökosystem-Atmosphäre Interaktionen, Institut für Meteorologie und Klimaforschung Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Garmisch-Patenkirchen

„Mir fallen zwei Punkte ein, die mir einfach noch mal klarer geworden sind durch diesen Bericht. Das eine, das haben wir auch schon einmal diskutiert, dass Klimaschutz nicht unbedingt Umweltschutz ist, aber sein sollte – und umgekehrt natürlich auch. Und das zweite: Wir können es uns nicht leisten, noch länger zu warten. Es geht einfach nicht mehr. Und wir können handeln. Wir können da jetzt wirklich noch was tun. Es gibt genug Möglichkeiten, zu agieren. Wir haben das auch aufgezeigt. Es ist nicht so, dass wir den Kopf in den Sand stecken müssten und irgendwie davor wegrennen. Aber die Lösungen sind auf dem Tisch und die müssen jetzt umgesetzt werden. Und das ist auch wiederum eine Sache der Politik, dass sie da jetzt wirklich mal bitte in die Pötte kommt – und zwar schnell.“

Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner

Leiter der Sektion Integrative Ökophysiologie im Fachbereich Biowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut (AWI), Bremerhaven, und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

„Das Einhalten der Pariser Klimaziele ist die erste Voraussetzung dafür, dass wir auf den anderen Gebieten wie Biodiversitätsschutz parallel mit dem Etablieren einer Klimaneutralität und letztendlich auch mit dem sozialen Ausgleich, Gesundheitsschutz für den Menschen erfolgreich sein können. Es gibt viel zu tun in der Transformation, die wir brauchen. Die Skala dessen, was angegangen werden muss, umfasst im Prinzip viele Bereiche der menschlichen Gesellschaft. Aber Warten geht nicht mehr. Ich denke, der schnelle Einstieg in die Emissionsreduktion und in den Naturschutz und Gesellschaftsschutz ist enorm wichtig. Es stimmt schon, dass bisher oft erst in den einzelnen Bereichen geguckt wurde. Was machen wir mit Klima? Was machen wir mit Biodiversität? Beides betrifft menschliche Gesellschaft. Wie bringen wir das zusammen? Das ist letztendlich das, was wir versucht haben mit diesem Bericht und wo wir eine Keimzelle gelegt haben für die Diskussion, auch für die gesellschaftliche Diskussion. Man kann nur hoffen, dass im Prinzip alle Ministerien sich dem anschließen und sich öffnen. Das Verkehrsministerium bei uns genauso wie das Finanzministerium und so weiter – und, dass eben das Umweltministerium nicht das einzige ist, das dort letztendlich die Fahnen hoch hält für die verschiedenen Bereiche.“

Prof. Dr. Josef Settele

Leiter Department Naturschutzforschung, Umweltforschungszentrum (UFZ), Halle/Saale, und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung

„Ich denke, wir müssen in der Politik die verschiedenen Skalen zusammenbringen. Zum einen international die Dinge angehen. Ich denke an Lieferketten als Thema. Es geht um Globalisierung. Es geht um Export von Artenverlust. Es ist ein ganz wichtiger Punkt, zu bedenken, was beim Import in den Herkunftsländern verursacht wird. Dann auf EU-Skala ist die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) ein Diskussionsthema in Brüssel zurzeit. Wichtiger Punkt, wichtiger Schalthebel, der nach wie vor, wie mir scheint, immer noch getrieben wird von einer Grundhaltung, die wir uns nicht mehr leisten können in Sachen Landnutzung. Und dann natürlich national entsprechend, dass wir dort mehr und mehr diese Integration auf die Reihe kriegen, dass wir Leute mitnehmen, dass wir letztlich nicht sektoral vorgehen. Ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Punkt, den wir angehen müssen, in der Kommunikation auch einfach die Leute mitzunehmen. Ich glaube, die meisten Mitmenschen sind der Meinung, dass diese Sachen auch wirklich wichtig sind. Wir dürfen nicht immer nur in so Gegensätzen diskutieren, die so ganz extrem sind: Landwirt gegen Naturschützer als Beispiel. Wir müssen zusammenarbeiten, sonst haben beide keinen Erfolg.“

Video-Mitschnitt & Transkript

Ein Transkript finden Sie hier.

Primärquelle

IPBES/IPCC (2021): Biodiversity and Climate Change - Workshop Report. IPBES-IPCC Co-Sponsored Workshop.