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08.07.2021

Offene und sichere Schulen im Herbst – Mit welchen Maßnahmen kann der Präsenzunterricht gewährleistet werden?

Anlass

Die Diskussionen um einen sicheren Schulbetrieb in Präsenz nach den Sommerferien dreht sich weiter. Nachdem der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich in einer Online-Konferenz aufgrund der sich ausbreitenden Delta-Variante in Erwägung gezogen hatte, dass sich Familien im Herbst erneut auf Wechselunterricht einstellen müssten, war die Empörung groß. 

Einerseits besteht Einigkeit darin, dass es erklärtes Ziel sein sollte, den Schülerinnen und Schülern Präsenzunterricht zu ermöglichen und die Schulen auch in einer vierten Welle offen zu halten. Zu groß sei der psychisch-soziale Schaden, den die wochenlangen Schulschließungen bereits jetzt für Kinder und Jugendliche mit sich gebracht haben.  

Die rasche Ausbreitung der SARS-CoV-2-Variante Delta trübt nun allerdings die Aussicht auf den normalisierten Schulbetrieb im Herbst. In Ländern wie Großbritannien oder Israel ist zu beobachten, dass Delta ansteckender ist als andere Varianten und sich in der ungeimpften Bevölkerung schnell verbreitet. Dazu gehören auch noch ungeimpften Kinder und Jugendliche, die jedoch deutlich seltener einen symptomatischen Verlauf der COVID-19-Erkrankung erleben. Deswegen bleibt auch die Nutzen-Risikokalkulation zum Impfen aus wissenschaftlicher Sicht durchaus strittig [I]. 

Wie also lässt sich unter welchen Umständen und mit welchen Maßnahmen ein sicherer Schulbetrieb gewährleistet? Wie viele und welche Maßnahmen werden nötig sein? Welche Erfahrungen konnten bereits in Test-Projekten an Schulen gewonnen werden? Sollten Jugendliche doch möglichst rasch geimpft werden? Welche neuen Erkenntnisse gibt es zum Beispiel aus den USA, wo bereits sehr viele Jugendliche geimpft und klinische Erfahrungen zur Sicherheit und Wirksamkeit der mRNA Impfstoffe erhoben wurden? Weltweit sollen inzwischen bereits über drei Millionen Jugendliche unter 18 Jahren Impfstoffe erhalten haben [II].

Diese Fragen – und Ihre – beantworteten Expertinnen und Experten in einem 50-minütigen Press Briefing.

Expertinnen und Experten auf dem Podium

     

  • Dr. Julia Hurraß
    Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin, und Sachgebietsleiterin für Hygiene in Gesundheitseinrichtungen, Abteilung Infektions- und Umwelthygiene, Gesundheitsamt Köln, und federführend bei der Erstellung der Kapitel Lüften und Luftreinigung der S3-Leitlinie für Schulen
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  • Prof. Dr. Florian Klein
    Direktor des Instituts für Virologie, Uniklinik Köln, und beteiligt an der Erprobung schneller und kindgerechter PCR-Corona-Testmethoden für Schulen und Kitas
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  • Prof. em. Dr. Thomas Mertens
    ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)
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  • Prof. Dr. Eva Rehfuess
    Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München, und Korrespondentin der S3-Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertinnen und Experten am Ende des Press Briefings um kurze Abschlussstatements gebeten. Diese möchten wir Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung stellen.

Prof. Dr. Eva Rehfuess

Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München, und Korrespondentin der S3-Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“

Auf die Frage, inwiefern das Öffnen von Discos, Volksfesten und Fußballstadien mit dem Ziel, einen sicheren Schulbetrieb zu gewährleisten, im Einklang steht:
„Das ist tatsächlich, finde ich, ein ganz großes Problem, was wir zu Lasten der Kinder dieses Landes, und in vielen anderen Ländern natürlich genauso, austragen. Und wenn man sich die potenziellen langfristigen Folgen für Kinder in den Bereichen psychosoziale Gesundheit, in den Bereichen Ernährung und Bewegung, in Hinblick auf Adipositas zum Beispiel und natürlich in Hinblick auf Bildung anschaut, finde ich, sollten Schulen Priorität vor Fußballstadien und Discos haben. Und auch da kann ich wieder auf die WHO und auf das European CDC verweisen, aber natürlich auch auf die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Deutschland, die, glaub ich, immer gesagt haben, Schulen sollten an letzter Stelle schließen. In der Umsetzung war es dann manchmal etwas anders. Ein ganz klares Signal für die Zukunft sollte sein: Die Schulen sollten offenbleiben!“

Dr. Julia Hurraß

Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin, und Sachgebietsleiterin für Hygiene in Gesundheitseinrichtungen, Abteilung Infektions- und Umwelthygiene, Gesundheitsamt Köln, und federführend bei der Erstellung der Kapitel Lüften und Luftreinigung der S3-Leitlinie für Schulen

„Ich finde es auch wichtig, dass die Schulen offen sein können und, dass man an anderer Stelle vielleicht nicht ganz so viel öffnet. Lüftung war in Schulen schon immer wichtig und jetzt haben wir hoffentlich endlich durch Corona gelernt, dass es auch für den Infektionsschutz wichtig ist und einfach gemacht werden muss. Und auch da hoffe ich, dass man aus der Pandemie lernt und in Zukunft einfach die Schulen besser ausstattet.“

Prof. Dr. Florian Klein

Direktor des Instituts für Virologie, Uniklinik Köln, und beteiligt an der Erprobung schneller und kindgerechter PCR-Corona-Testmethoden für Schulen und Kitas

„Kinder haben in der Pandemie sehr viele Einschränkungen schon hinnehmen müssen. Es ist jetzt ganz klar das Ziel, dass man dem jetzt wirklich gut entgegensteuert. Dazu können alle Erwachsenen einen ganz wichtigen Beitrag leisten, indem dafür gesorgt wird, dass insgesamt das Infektionsgeschehen niedrig ist. Und das ist eben auch möglich durch die Impfung und durch das Verhalten, das auch natürlich eine wichtige Rolle spielt. Und dann müssen wir eben zusätzlich die Dinge zusammennehmen, die es erlauben, dass Schulen und Kitas ein sicherer Ort sind. Da gibt es eben Maßnahmen, die wir jetzt haben und die sollte man dann auch einsetzen. Natürlich muss das ganz, ganz wichtig wissenschaftlich begleitet und die Evidenz und die Wirksamkeit der Maßnahmen immer wieder auch überprüft werden. Da ist noch viel Platz nach oben und das ist, glaube ich, ganz wichtig für die Zukunft sollte jetzt immer wieder auch im Blick behalten werden.“

Prof. em. Dr. Thomas Mertens

ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)

„Wir sollen Evidenz schaffen und wir sollen dann auch nach der Evidenz handeln. Das ist ganz wichtig und ich denke, man sollte vor allen Dingen nicht hingehen und so tun, als sei die Impfung der Ersatz für alle anderen Maßnahmen. Wichtig ist eben, dass man all das, was heute auch besprochen worden ist, hier tut und nicht ein Gegensatz aufbaut, indem man sagt ‚Wir müssen impfen und dann brauchen wir die anderen Maßnahmen nicht mehr‘. So wird der Herbst und auch das nächste Frühjahr nicht gut zu überwinden sein. Also wir müssen wirklich alle Maßnahmen durchführen, denn auch die mathematischen Modellierungen haben gezeigt, dass es eben sehr wichtig ist, dass eben alle Maßnahmen gemeinsam sinnvoll eingesetzt werden, um zum Erfolg zu kommen.“

Video-Mitschnitt & Transkript

Ein Transkript finden Sie hier.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Faust S et al. (04.07.2021): Covid-19 is a greater risk to young people than the vaccines. New York Times.

[II] Stahnke J (07.07.2021): Die Impfung für Kinder ist sicher. Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Weitere Recherchequellen

S3-Leitlinie: Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen. AWMF. Registernummer 027-076. Stand: 01.02.2021.

Science Media Center (2021): Corona-Maßnahmen in der Schule nach dem Sommer. Rapid Reaction. Stand: 02.07.2021.