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20.04.2021

Aktuelle Belastung des Gesundheitssystems und künftige Beurteilung der Situation durch neue Indikatoren

Anlass

Die Bundesregierung hat eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes auf den Weg gebracht, die eine bundesweite Notbremse und entsprechende Maßnahmen verankern soll. Sie sollen die COVID-19-Pandemie eindämmen helfen, ohne das Gesundheitssystem zu überlasten. Die Notbremse soll demnach greifen, wenn ein Landkreis den Wert der Sieben-Tage-Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen überschreitet. Der zugehörige Gesetzentwurf [I] war am vergangenen Freitag bereits Gegenstand einer kontroversen Debatte im Bundestag [II]. Über einen Beschlussentwurf des Gesundheitsausschusses soll der Bundestag am 21.04.2021 und am 22.04.2021 anschließend der Bundesrat abstimmen.

Die geplanten Grenzwerte der regionalen Inzidenz als Indikator für Maßnahmen werden von einigen Fachleuten aus der Wissenschaft kritisiert. Die Aussagekraft der Inzidenz sei stark gekoppelt an die aktuellen Teststrategien in den Regionen und daher nicht länger geeignet, die relevante Infektionslage sinnvoll abzubilden. Gegenvorschläge verweisen auf mehrdimensionale oder gänzlich neue Indikatoren – so etwa die Anzahl an Neuaufnahmen auf den Intensivstationen in einem Zeitraum oder die Rate an positiven SARS-CoV-2-Tests. Bisher mangelt es jedoch an praktikablen Vorschlägen, welche konkreten Werte welcher Indikatoren als Äquivalent der regionalen Inzidenz einsetzbar und kurzfristig verfügbar wären. In einem aktuellen Bericht stellt die COVID-19 Data Analysis Group (CODAG) der LMU München die bestehenden Kritikpunkte an dem Entwurf scharf und präsentiert ein eigenes Schätzverfahren für einen neuen Schwellenwert, der aus regionalen Neuaufnahmen auf Intensivstationen errechnet wird [III].

Aktuell laufen die Intensivstationen in Deutschland weiter voll: Nach einem kurzen Ostereffekt und der damit verbundenen Pause im Wachstum, steigt die Zahl der COVID-19-Fälle derzeit erneut an. Kurzfristig ist noch keine Entlastung für Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegekräfte in Sicht – das Gesundheitssystem steht weiter vor Extremsituationen, vor allem weil jüngere COVID-19-Kranke derzeit länger auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

Gibt es alternative Parameter-Kombinationen, anhand derer die akute Infektionslage sowie die Belastung der Intensivstationen künftig zuverlässiger eingeschätzt werden könnte? Macht es Sinn, in der akuten Situation die Methodik zu ändern? War das stagnierende Wachstum auf den Intensivstationen ein Ostereffekt oder sehen Intensivmediziner erste Anzeichen dafür, dass die Impfeffekte in älteren Bevölkerungsgruppen mittelfristig ein Ende der extremen Belastung bedeuten könnten? Wie stark unterscheidet sich der Bedarf an Intensivbetten zwischen jüngeren und älteren Erkrankten derzeit? Wie hoch ist die Belastung des Gesundheitspersonals jetzt im Vergleich zum vergangenen Jahr? Welche bleibenden Schäden hinterlässt die erneute Kraftanstrengung auf den deutschen Intensivstationen und beim Pflegepersonal? Wie müsste sich Deutschland künftig besser aufstellen?

Diese beiden Themenbereiche – die aktuelle Belastung des Gesundheitssystems sowie die künftige Beurteilung der Situation – haben wir gemeinsam mit Fachleuten in einem virtuellen Press Briefing besprochen. 

Expertin und Experten auf dem Podium

     

  • Prof. Dr. Uta Gaidys
    Professorin für Pflegewissenschaft (Ethik, Kommunikation) und Leiterin des Departments Pflege und Management, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Hamburg, und Mitglied des Wissenschaftsrat der Bundesregierung und der Länder
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  • Prof. Dr. Christian Karagiannidis
    Geschäftsführender Oberarzt und Leiter des ECMO-Zentrums sowie Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin, Klinikum Köln-Merheim, und Professur für Extrakorporale Lungenersatzverfahren, Universität Witten/Herdecke, und Medizinisch-Wissenschaftlicher Leiter DIVI Intensivregister
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  • Prof. Dr. Gérard Krause
    Leiter der Abteilung Epidemiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig
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  • Prof. Dr. Helmut Küchenhoff
    Professor am Institut für Statistik und Leiter des Statistischen Beratungslabors, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), München
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Video-Mitschnitt & Transkript

Das Video finden Sie hier auf unserem YouTube-Kanal.

Ein Transkript finden Sie hier.

Wenn Sie die im Video angesprochenen Präsentationen haben möchten, können Sie eine Anfrage an redaktion@sciencemediacenter.de schicken.

Literaturstellen, die vom SMC verwendet wurden

[I] Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD (13.04.2021): Entwurf eines Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite.

[II] Deutscher Bundestag (16.04.2021): Heftiger Streit über neues Bevölkerungs­schutzgesetz.

[III] Kauermann G et al. (16.04.2021): CODAG Bericht Nr. 13 – 16.04.2021. Siehe vor allem Kapitel 1: Neuaufnahmen auf Intensivstationen als Alternative zu den Meldeinzidenzen als gesetzliche Grundlage für Maßnahmen zum Infektionsschutz.