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Wissen von Journalisten
für Journalisten
22.07.2021

SMC Corona Report

Dieser wöchentliche Report des Science Media Center Germany (SMC) fasst das aktuelle Corona-Geschehen anhand relevanter Kennzahlen zusammen und bietet neue Blickwinkel auf die verfügbaren Daten.

Das SMC verschafft Ihnen damit einen raschen Überblick über den Verlauf der gegenwärtigen Pandemie in Deutschland. Wir liefern nicht nur die nackten Zahlen, sondern ordnen die Statistiken und ihre zeitliche Entwicklung auch ein. So können Sie mit einem Blick die sich dynamisch verändernde aktuelle Situation erfassen.

Überblick

  • Die aktuelle Lage
  • Der Fortschritt der Impfungen
  • Fallzahlen in Deutschland und den Bundesländern
  • Fallzahlen auf den Intensivstationen
  • Fallzahlen in den Altersgruppen
  • Fälle nach Meldedatum
  • Die Verteilung der Infektionsfälle auf die Kreise
  • Auffällige Kreise
  • Die Datenbasis
  • Corona Zeitreihen – die SMC Apps

Die aktuelle Lage

  • Wöchentliches exponentielles Wachstum der Inzidenzen in Deutschland liegt bei über 60 Prozent.
  • Anstieg der Inzidenzen in den oberen Altersgruppen kann zu Wachstum auf den Intensivstationen führen.
  • Zahl der nicht durchgeführten Zweitimpfungen vermutlich weiterhin niedrig.

Das wöchentliche Wachstum der Izidenzen lag zuletzt bei über 60 Prozent. Damit steigen die Fallzahlen in Deutschland seit ungefähr zwei Wochen schon exponentiell. Ein Wachstum von 60 Prozent würde in nur sechs Wochen zu neuen Höchstständen bei der Inzidenz führen, und noch vor Oktober die Marke von 1000 überschreiten. Bei solchen Überschlagsrechnungen sind allerdings mehrere Punkte zu beachten, die die Hochrechnung fragwürdig erscheinen lässt:

  • Schon etwas geringere Wachstumsquoten von 50 Prozent führen zu deutlich niedrigeren Inzidenzen im Herbst (bei 50 Prozent wöchentlichem Wachstum würde bis Ende September eine Inzidenz von 700 erreicht werden).
  • Infektionswellen wachsen nicht beliebig exponentiell, insbesondere durch die Impfungen wird die maximale Höhe der Welle beschränkt. Hier lohnt sich ein Blick nach Großbritannien um die Dynamik in einer geimpften Bevölkerung abzuschätzen. Wichtig dabei ist, dass die genaue Höhe der Inzidenz aufgrund der unterschiedlichen Teststrategien nicht direkt vergleichbar ist.
  • Der Zusammenhang zwischen der Inzidenz und den Hospitalisierungen verschiebt sich. Mit steigender Impfquote, insbesondere in den Risikogruppen, sinkt der prozentuale Anteil der infizierten Personen, die eine stationäre Behandlung im Krankenhaus oder sogar eine Intensivmedizinische Behandlung benötigen. Eine vollständige Entkopplung der Maßzahlen findet allerdings nicht statt: Bei konstanter Impfquote verursacht eine Inzidenzsteigerung um beispielsweise 50 Prozent auch wieder einen vergleichbaren prozentualen Anstieg auf den Intensivstationen, solange die anderen Faktoren, wie zum Beispiel die Altersverteilung konstant bleibt.

Aktuell sinkt die Zahl der mit COVID-19-Fällen belegten Betten auf den Intensivstationen noch, wenn auch mit etwa 10 Prozent deutlich langsamer als in den Vorwochen. Da die Inzidenzen auch in den Altersgruppen ab 50 Jahren wieder steigen und diese zuletzt laut Intensivregister rund 80 Prozent der Fälle auf den Intensivstationen ausgemacht haben, kann es auch hier Ende Juli oder Anfang August zu erneut steigenden Zahlen kommen. Dieser Effekt wird allerdings aktuell noch durch die steigenden Impfquoten in diesen Altersklassen gebremst.

Die genaue Zahl der Personen, die nach einer Erstimpfung die Zweitimpfung nicht nutzen, ist nicht bekannt, kann aber grob abgeschätzt werden. Aktuell stehen noch etwa 10 Millionen Erstimpfungen aus. Vergleicht man diesen Wert mit der Zahl der Erstimpfungen, die in den vergangenen 6 Wochen durchgeführt wurden, ergibt sich eine Differenz von einer halben Millionen Zweitimpfungen. Es gibt also mindestens eine halbe Millionen Zweitimpfungen, die nicht durchgeführt wurden, obwohl die Erstimpfung mehr als sechs Wochen in der Vergangenheit liegt. Die Abschätzung ist aber ungenau, da zum Teil Zweitimpfungen auch schon nach vier Wochen vorgenommen werden, der Impfabstand bei ausstehenden AstraZeneca Impfungen aber andererseits auch bis zu 12 Wochen beträgt, sodass die Zweitimpfung geplant später stattfindet.

Der Fortschritt der Impfungen

Die Grafik zeigt den über sieben Tage geglätteten Verlauf der täglichen Impfungen insgesamt und nach Erst- beziehungsweise Zweitimpfung getrennt. Die Zahl der durchgeführten Impfungen sinkt weiterhin. In Deutschland werden inzwischen nur noch etwa eine halbe Millionen Impfungen pro Tag durchgeführt.

2021-07-22_Impfungen_erst_und_zweit.png

Alle Impfstoffe werden langsamer verimpft als sie geliefert werden.

2021-07-22_Impfungen_Hersteller.png

Fallzahlen in Deutschland und den Bundesländern

Die Grafik zeigt die Inzidenzen einmal für alle Altersgruppen und einmal ab 60 Jahren. Die Fallzahlen steigen wieder. Auch in der Altersgruppe ab 60 Jahren nimmt die Zahl der Fälle zu.

2021-07-22_Inzidenzen_deutschland.png

Die Grafik zeigt für jeden Tag das prozentuale Wachstum der geglätteten Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche. Dabei werden einmal alle gemeldeten Fälle berücksichtigt und einmal nur Fälle mit einem Alter von mindestens 60 Jahren. Das Wachstum steigt stark an. In der Altersgruppe ab 60 Jahren ist das Wachstum nicht ganz so stark, aber auch hier wird ein deutliches Wachstum der Fallzahlen verzeichnet.

2021-07-22_wachstum_fallzahlen.png

Im Folgenden wird das Wachstum der Inzidenz vom 17.07.2021 im Vergleich zur Vorwoche betrachtet. Aktuell steigen die Inzidenzen wieder in allen Bundesländern.

2021-07-22_wachstum_bundeslaender.png

2021-07-22_fallzahlen_bundeslaender.png

Fallzahlen auf den Intensivstationen

Die Zahl der COVID-19-Fälle auf den Intensivstationen sinkt weiterhin. Sollte der Anstieg der Inzidenzen dauerhaft bestehen bleiben, wird auch die Intensivstationen wieder stärker belastet, auch wenn das Verhältnis zwischen Inzidenz und Hospitalisierung insbesondere durch die Impfungen verschoben wird.

2021-07-22_ICU_fallzahlen.png

Einen besseren Eindruck von der aktuell beschleunigten Dynamik bekommt man – wie immer bei exponentiellem Wachstum –, wenn man auf das prozentuale Wachstum schaut. In der folgenden Grafik ist das prozentuale Wachstum der mit COVID-19-Fällen belegten Intensivbetten im Vergleich zur Vorwoche abgetragen. Zusätzlich ist auch das um eine Woche verschobene Wachstum der gemeldeten Fallzahlen der Altersgruppen ab 60 Jahren dargestellt. Da gemeldete Fälle in der Regel erst nach einigen Tagen intensivmedizinisch behandelt werden müssen – sofern sie diese Behandlung benötigen, sind durch diese Verschiebung die Wachstumsraten besser zu vergleichen.

Der Rückgang der Zahl der mit COVID-19-Fällen belegten Betten verlangsamt sich, gleichzeitig wachsen die Inzidenzen in der Altersgruppe ab 60 Jahren.

2021-07-22_wachstum_ICU.png

Fallzahlen in den Altersgruppen

Die Grafik zeigt die Inzidenzen in den Altersgruppen nach Kalenderwoche.

Alle Altersgruppen weisen ein Wachstum der Inzidenzen auf. Die höchsten Meldeinzidenzen weisen die Altersklassen zwischen 15 und 29 Jahren auf, aber auch in den oberen Altersgruppen ab 50 Jahren ist zum Teil ein deutliches Wachstum zu bemerken.

2021-07-22_altersgruppen_abs.png

2021-07-22_altersgruppen_rel_vorwoche.png

Fälle nach Meldedatum

Da die Zahl der neu bestätigten Infektionsfälle (blaue Balken) im Wochenrhythmus schwankt, wird an dieser Stelle auch ein Mittelwert der jeweils vergangenen sieben Tage angegeben (blaue Linie). Da die vergangenen sieben Tage betrachtet werden, läuft dieser Wert den Meldezahlen immer etwas nach.

2021-07-22_fallzahlen_deutschland.png

Die Verteilung der Infektionsfälle auf die Kreise

Für die Bewertung der aktuellen Situation ist die Einschätzung wichtig, ob sich das Infektionsgeschehen gleichmäßig über Deutschland verteilt oder ob es einzelne Hotspots und lokale Ausbrüche gibt. Auch wenn die Meldedaten nur ein unzureichendes Bild über das Infektionsgeschehen bieten, können sie daraufhin analysiert werden.

Ein bekanntes Maß für Ungleichheit ist der sogenannte Gini-Koeffizient, eine Zahl zwischen Null und Eins. Nehmen wir etwa die Vermögensverteilung in einem Land. Der Gini-Koeffizient nimmt den Wert Eins an, wenn einer allein alles hat und Null, wenn alle gleich viel besitzen.

Angewendet auf die tägliche Zahl der Neuinfektionen in den Kreisen würde allerdings schon allein durch die unterschiedliche Größe der Kreise eine Ungleichheit entstehen und Unterschiede vorgetäuscht. Aus diesem Grund wird die Ungleichheit im Infektionsgeschehen hier auf Basis der Inzidenz berechnet.

Ende Februar war die Ungleichheit bei den gemeldeten Fällen noch sehr groß, fiel dann aber mit steigender Fallzahl ab, da sich das Virus über Deutschland verteilte. Auch in den Hochzeiten waren die gemeldeten Inzidenzen nicht gleichmäßig verteilt.

2021-07-22_gini_deutschland.png

Neben der zeitlichen Betrachtung ist als Querschnitt auch eine Betrachtung der Verteilung in den Landkreisen zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich. Die sogenannte Lorenzkurve zeigt, wie viel Prozent der Landkreise (X-Achse) wie viel Prozent der pro Landkreis aufsummierten Inzidenzen ausmachen. Dabei ist wichtig, dass es sich um diese relative Maßzahl handelt und nicht um die absolute, direkte Zahl der Infektionsfälle! München geht in diese Berechnung mit dem gleichen Gewicht ein wie Zweibrücken.

Je näher eine Lorenzkurve an der Diagonalen liegt, desto gleichmäßiger ist die Maßzahl verteilt, eine Kurve, die weit davon entfernt ist, zeugt von einer ungleichen Verteilung.

Betrachtet werden verschiedene Zeitpunkte:

  • Am 8. März wurde die Grenze von 1000 gemeldeten Neuinfektionsfällen in Deutschland überschritten.
  • Am 2. April wurde die größte Zahl an Neuinfektionen gemeldet. Die Verteilung über die Landkreise ist deutlich gleicher geworden, trotzdem gibt es noch regionale Unterschiede.

2021-07-22_lorenz_deutschland.png

Auffällige Kreise

Die Tatsache, dass die Kreise in Deutschland sehr unterschiedliche Einwohnerzahlen haben, macht die Vergleichbarkeit schwer. Relative Maßzahlen können bei kleinen Kreisen dazu führen, dass Zufallsschwankungen großen Einfluss haben, große Kreise haben bei gleicher relativer Anzahl viel mehr Fälle, sodass sie bei absoluten Maßzahlen eher auffallen.

Die folgenden beiden Tabellen enthalten vier verschiedene Maßzahlen. Für den 19.07.2021 werden jeweils die für sieben Tage geglätteten Fallzahlen pro Tag und die Inzidenz angegeben. Darüber hinaus wird jeweils die Differenz der Maßzahl zu dem Wert vom 12.07.2021 angegeben, um eine Veränderung zur Vorwoche zu betrachten.

Die erste Tabelle zeigt die zehn Kreise mit den höchsten Differenzen der Fallzahlen zur Vorwoche, in der zweiten Tabelle werden die Kreise mit den höchsten Differenzen der Inzidenz zur Vorwoche angegeben. Während auf Grund der absoluten Maßzahl in der ersten Tabelle eher große Kreise enthalten sind, werden in der zweiten Tabelle tendenziell kleinere Kreise aufgezählt. Beide Tabellen geben keine Aussage darüber, ob hier steigende Fallzahlen im gesamten Kreis oder nur in einigen Einrichtungen vorliegen.

Landkreis Differenz Fälle pro Tag Fallzahlen pro Tag Differenz Inzidenz Inzidenz
Region Hannover 18.4 38.6 11.1 23.3
SK Hamburg 17.7 48.3 6.7 18.3
SK München 12.6 41.9 5.9 19.7
SK Köln 12.4 40.3 8.0 25.9
SK Frankfurt am Main 12.3 35.6 11.2 32.6
Städteregion Aachen 12.0 16.6 15.1 20.8
SK Berlin Friedrichshain-Kreuzberg 10.6 16.9 25.4 40.6
SK Berlin Mitte 9.1 17.1 16.6 31.1
SK Stuttgart 8.9 19.3 9.7 21.2
SK Berlin Pankow 8.0 13.6 13.7 23.2
Landkreis Differenz Fälle pro Tag Fallzahlen pro Tag Differenz Inzidenz Inzidenz
LK Birkenfeld 6.0 7.0 51.9 60.5
LK Grafschaft Bentheim 5.6 5.9 28.4 29.9
SK Bamberg 2.9 4.4 25.9 40.1
LK Neuburg-Schrobenhausen 3.6 3.6 25.7 25.7
SK Berlin Friedrichshain-Kreuzberg 10.6 16.9 25.4 40.6
SK Kaiserslautern 3.3 4.1 23.0 29.0
SK Solingen 5.1 7.4 22.7 32.7
LK Hildburghausen 2.0 2.9 22.1 31.6
SK Landau i.d.Pfalz 1.4 1.7 21.3 25.6
SK Amberg 1.3 1.9 21.3 30.8

Die Datenbasis

Diesem Report liegen die Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zu Grunde, die im esri COVID-19 GeoHub zur Verfügung gestellt werden. Da ein Teil der Daten erst Tage nach dem offiziellen Meldedatum vom RKI erfasst werden, können sich diese auch nachträglich ändern. Insbesondere die jüngsten Daten unterliegen in der Regel noch starken Veränderungen und werden in diesem Report deswegen grau hinterlegt. Der Datensatz ist nach den Landkreisen und kreisfreien Städten, Berlin zusätzlich in die Bezirke aufgeteilt. Die Zahl der nicht diagnostizierten Fälle ist unbekannt und daher nicht enthalten.

Weitere Datenquellen sind die SurvStat-Datenbank des RKI und das DIVI-Intensivregister. Bevölkerungsdaten stammen aus der Genesis-Datenbank des statistischen Bundesamts beziehungsweise des Landesamts Berlin-Brandenburg.

Der in diesem Bericht verwendete Begriff Inzidenz ist allgemein als die Häufigkeit der in einer Zeitspanne neu auftretenden Fälle einer Erkrankung innerhalb einer Population definiert. Hier sind damit immer die in den vergangenen sieben Tagen gemeldeten Fälle pro 100 000 Personen gemeint.

Corona Zeitreihen – die SMC Apps

Seit Beginn des Jahres 2020 und verstärkt in Zeiten der Corona-Pandemie verfolgt und bewertet die Redaktion und das SMC Lab täglich alle zugänglichen Daten und Meldezahlen zu COVID-19. Doch Zahlen, Fakten und Grafiken reichen für sich allein nicht aus, das komplexe Geschehen angemessen zu beschreiben und zu verstehen, was relevant ist.

Für informierte Diskussionen hatte das SMC Lab, seine Programmierer, Software-Experten und unser Statistiker bereits zu Jahresbeginn Tools zur Verfügung gestellt, damit die Redaktion interaktiv Daten zu COVID-19 verfolgen, diese visuell leicht erfassbar darzustellen und um wichtige Maßzahlen in Zeitreihen beobachten zu können - für Deutschland, die Bundesländer, die Kreise und kreisfreien Städte sowie International.

Diese Tools stellen wir nun schrittweise in interaktiven Apps zur Verfügung, damit Nutzerinnen und Nutzer dort Daten anschauen und downloaden können, die für Sie relevant sind.

Die Meldezahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zur Corona-Epidemie in Deutschland finden Sie unter diesem Link.

Die internationalen Meldezahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO finden Sie unter diesem Link.

Ihre Ansprechpartner in Redaktion und SMC Lab

Wenn Sie Fragen zu diesen Daten haben oder Auswertungen für weitere Länder erhalten wollen, das SMC Lab kann Auswertungen erzeugen.

Lars Koppers, Gastwissenschaftler am SMC Lab

Heinz Greuling, Leiter Innovation Digitale Medien

Marleen Halbach, Redaktionsleiterin

Telefon: +49 221 8888 25-0
E-Mail: