Lebenserwartung: Wie viel Einfluss haben die Gene?
Gene könnten etwa die Hälfte der Unterschiede des Sterbealters zwischen Menschen erklären, wenn äußere Todesursachen wie Unfälle oder Infektionskrankheiten herausgefiltert werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Modellierungsstudie, die im Fachjournal „Science“ erschienen ist (siehe Primärquelle). Bisherige Studien gingen von einem genetischen Anteil von etwa 20 bis 25 Prozent aus. Diese untersuchten vor allem historische Zwillingskohorten, die aber potenzielle Störfaktoren beinhalteten, betonen die Forschenden der „Science“-Studie. So gebe es keine Angaben zum Grund des Todes der Studienteilnehmenden.
Um genauer auf die Vererbbarkeit der Lebensspanne schließen zu können, unterscheidet das Forschungsteam zwischen intrinsischen und extrinsischen Todesursachen. Ersteres bezieht sich auf körperliche Prozesse wie genetische Mutationen oder den physiologischen Abbau im Alter. Zweiteres umfasst neben Unfällen und Infektionskrankheiten auch beispielsweise Tötungen oder Umweltgefahren. Diese äußeren Todesursachen würde die Rolle der Genetik bei der Vererbbarkeit der Lebensspanne verzerren, so die Autorinnen und Autoren.
wissenschaftliche Mitabeiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie, Fakultät für Life Sciences und Medizin, King's College London, Vereinigtes Königreich, und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Europäischen Translationalen Onkologie Prävention und Screening Institut, Institut für biomedizinische Alternsforschung, Universität Innsbruck, Österreich
Einordnung der Ergebnisse
„‚Vererblichkeit‘ (engl. heritability) ist eine populationsbasierte statistische Größe, die aus Zwillings- und Familienstudien abgeleitet wird und sich auf eine bestimmte Bevölkerung und einen definierten Beobachtungszeitraum bezieht; sie ist keine feste Konstante, sondern kann je nach Population und Zeitraum variieren. Die vorliegende Studie untersucht systematisch, wie methodische Annahmen, die in früheren Studien nicht ausreichend berücksichtigt wurden – etwa das minimale Alter der einbezogenen Personen oder der Einfluss extrinsischer Faktoren wie Unfälle oder Infektionskrankheiten – diese Schätzung beeinflussen.“
„Die Modellierungen der Forscher:innen sowie die Validierung anhand realer Daten zeigen überzeugend, dass frühere Studien die Vererblichkeit der Lebensspanne unterschätzt haben. Die berichteten Werte einer Vererblichkeit der Lebensspanne von rund 50 Prozent sind zudem auch mit Ergebnissen aus Tiermodellen vereinbar, etwa aus Mausstudien. Eine Verdopplung gegenüber früheren Schätzungen erscheint daher plausibel.“
Einordnung der Methodik
„Die verwendete Modellierung ist gut geeignet, um systematisch zu untersuchen, wie unterschiedliche Faktoren die Schätzung der Vererblichkeit beeinflussen. Die Forscher:innen testen ihre Annahmen umfassend und validieren sie anhand realer historischer Daten. So zeigen sie beispielsweise, dass sich im Zeitraum von 1900 bis 1935 – einer Phase, in der die extrinsische Mortalität etwa um den Faktor drei zurückging – die geschätzte Vererblichkeit nahezu verdoppelt. Dies spricht dafür, dass das Herausrechnen extrinsischer Todesursachen den relativen Einfluss genetischer Faktoren sichtbar macht. Insgesamt sind die Ergebnisse methodisch gut abgesichert.“
Verteilung von genetischer Veranlagung vs. Umweltfaktoren und eigenes Verhalten
„Es ist gut belegt, dass sowohl genetische Faktoren als auch Umwelt- und Lebensstilfaktoren die menschliche Lebensspanne beeinflussen. Der Mehrwert der Studie liegt darin zu zeigen, dass Genetik auf Bevölkerungsebene stärker zur menschlichen intrinsischen Mortalität beiträgt als bislang angenommen.“
„Dies ist grundsätzlich nicht überraschend, da die maximale Lebensspanne von Säugetieren genetisch bedingt ist: Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artspezifische Obergrenze besteht – auch unter besten Haltungsbedingungen kann eine Maus nach heutigem Kenntnisstand keine 200 Jahre alt werden.“
„Innerhalb dieser biologischen Grenzen bleibt jedoch großer Spielraum: auf individueller Ebene haben Umwelt- und Lebensstilfaktoren einen starken Einfluss darauf, wie lange und wie gesund wir tatsächlich leben. Zwillingsstudien zeigen seit Langem, dass selbst eineiige Zwillinge mit identischer Genetik im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erkrankungen entwickeln können – und dass diese Unterschiede mit zunehmendem Alter größer werden.“
„Zudem variiert die Vererblichkeit altersassoziierter Erkrankungen deutlich: während Krebserkrankungen eine vergleichsweise geringe Vererblichkeit von 30 Prozent aufweisen, ist sie bei kardiovaskulären Erkrankungen oder Demenz deutlich höher. Das zeigt, dass unterschiedliche Erkrankungen in unterschiedlichem Ausmaß genetisch geprägt sind.“
Implikationen
„Meiner Ansicht nach ist es entscheidend, diese Ergebnisse im richtigen Kontext zu interpretieren. Vererblichkeit ist eine populationsbasierte Kenngröße und erlaubt keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Personen. Auf individueller Ebene spielen Verhaltensfaktoren wie Bewegung, Ernährung, und soziale Einbindung ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen – etwa der Zugang zu sauberer Luft, Wasser, und Grünflächen – weiterhin eine zentrale Rolle, nicht nur dafür wie lange, sondern auch wie gesund wir innerhalb dieser Zeit leben.“
„Ich sehe diese Ergebnisse daher nicht als Argument, individuelle oder gesellschaftliche Präventionsmaßnahmen zu vernachlässigen. Vielmehr eröffnen sie neue Möglichkeiten, genetische Faktoren der Langlebigkeit besser zu verstehen und die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen zu entschlüsseln. Langfristig könnten daraus neue Ansätze für Prävention und Therapie entstehen.“
Professor für Computergestützte Biologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Leiter der Arbeitsgruppe Bioinformatik für Alterungsprozesse, Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena
Einordnung der Ergebnisse
„Zur Berechnung der Vererbbarkeit der Lebensspanne ist es erforderlich ‚äußere‘ von ‚inneren‘ Todesursachen zu unterscheiden, etwa einen Unfall von einem Herzinfarkt. Die neue Schätzung beruht auf einer mathematischen Korrektur der Anteile intrinsischer und extrinsischer Todesursachen.“
„Studien an Tieren schätzen den vererbbaren Anteil der Lebensspanne bereits seit geraumer Zeit deutlich höher ein, als dies bislang für den Menschen angenommen wurde. Auch diese Arbeiten gehen von einer Vererbbarkeit im Bereich von etwa 50 Prozent aus. Die Autoren stützen ihre Argumentation hier vor allem auf eine Studie in Mäusen [1]. Unter den kontrollierten Bedingungen der Tierhaltung ist die Unterscheidung zwischen äußeren und inneren Todesursachen deutlich einfacher. Gerade vor diesem Hintergrund erscheint die Korrektur der Schätzung der Vererbbarkeit der menschlichen Lebensspanne nicht unrealistisch.“
Einordnung der Methodik
„Zur Schätzung des vererbbaren Anteils der Lebensspanne sind nur solche Todesursachen von Bedeutung, die grundsätzlich durch das Erbgut beeinflusst werden können. Häufig liegen jedoch keine verlässlichen Informationen zur Todesursache vor, sodass es notwendig ist, intrinsische und extrinsische Sterblichkeit mithilfe mathematischer Verfahren zu schätzen. Wie alle Modelle unterliegen auch die Modelle von Shenhar und Kollegen einer Reihe von Grundannahmen, die ihre Anwendbarkeit und Aussagekraft begrenzen. Laut der Studie zeigen die eingesetzten Modelle jedoch eine sehr gute Übereinstimmung mit den tatsächlich beobachteten Daten. Zukünftig werden die Daten großer Kohortenstudien dazu beitragen, die Ergebnisse dieser Arbeit zu überprüfen und gegebenenfalls auszubauen.“
Verteilung von genetischer Veranlagung vs. Umweltfaktoren und eigenes Verhalten
„Die vorliegende Schätzung ist lediglich ein Anhaltspunkt für eine ‚durchschnittliche‘ Vererbbarkeit der Lebensspanne. Ob dieser Anteil nun bei 25 Prozent oder bei 50 Prozent liegt, der Einfluss nicht-erblicher Faktoren bleibt auch nach dieser Schätzung hoch. Umweltbedingungen und das eigene Verhalten sind daher entscheidende Einflussgrößen für die Länge und Qualität unseres Lebens. Darüber hinaus machen mathematische Modelle häufig die vereinfachende Annahme, dass intrinsische und extrinsische Faktoren strikt unabhängig voneinander sind. In der Realität können genetische und externe Faktoren jedoch in komplexer Weise zusammenwirken – sowohl in förderlicher als auch nachteiliger Weise. In diesem Bereich werden wir in Zukunft sicher noch viel lernen können.“
Auf die Frage, welche Auswirkungen die Ergebnisse der Studie auf das Verhalten von Menschen haben könnte:
„Die Ergebnisse dieser Arbeit werden mich definitiv nicht dazu bringen, wieder zu rauchen.“
Leiter des Instituts für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung und Wissenschaftlicher Direktor des CECAD Exzellenzcluster Aging and Aging-Associated Diseases, Universität zu Köln
Einordnung der Ergebnisse
„55 Prozent ist in der Tat ein sehr hoher Wert verglichen mit den vorherigen Studien. Dieser Wert ist überraschend, weil vorherige Studien auf 20 bis 30 Prozent kommen. Andere Studien, die ‚assortative mating‘, also einrechnen, dass menschliche Paarung nicht zufällig ist, kommen sogar auf Werte unter zehn Prozent. Hier wird nun extrinsische Mortalität als Einflussgröße herausgerechnet und in der Simulation der Daten steigt die Korrelation von 0,23 auf 0,5. Eine Einschränkung würde ich darin sehen, dass die extrinsische Mortalität über die Lebensdauer relativ gering erscheint. Es stellt sich daher die Frage, wie groß der Einfluss damit wirklich wäre. Zudem ist auch nicht klar, ob etwa epigenetische Einflüsse sich auf die intrinsische Mortalität auswirken könnten.“
„Nach der Modellierung in der Studie hätte das Herausrechnen der extrinsischen Mortalität in der Tat einen massiven Effekt. Dies ist erstaunlich, da die extrinsische Mortalität über die Lebensdauer, etwa in Abbildung 1A und in Tabelle 1 doch eher gering erscheinen.“
Verteilung von genetischer Veranlagung vs. Umweltfaktoren und eigenes Verhalten
„Generell geht die Literatur eher davon aus, dass genetische Faktoren zu 20 bis 30 Prozent die Lebensspanne beeinflussen. Diese basieren ebenfalls auf eineiigen Zwillingsstudien. Daher wären Umweltfaktoren von großer Bedeutung. Aus einer UK-Biobank-Studie im vergangenen Jahr hat sich Rauchen als der wichtigste Umweltfaktor herausgestellt, der den Alterungsprozess ungünstig beeinflusst. Im Gegensatz verzögern Sport und ein besserer sozioökonomischer Status das Altern. Wesentliche weniger ist bekannt, ob und welche Genvarianten zur Langlebigkeit bei Menschen beitragen. Das Gen ApoE4 ist hier die Ausnahme, da hier ein relativ klarer Zusammenhang zwischen Genvarianten und Alzheimerrisiko und Sterblichkeitsrisiko besteht. Es gibt noch ein paar weitere Genvarianten aus Centenarianstudien (Studien mit Menschen die 100 Jahre oder älter sind; Anm. d. Red.), aber im Vergleich zum Wissen über Umweltfaktoren ist das sehr wenig.“
Auf die Frage, welche Auswirkungen die Ergebnisse der Studie auf das Verhalten von Menschen haben könnte:
„Das ist eine gute Frage. Wir können die Gene, mit denen wir geboren wurden, nicht ändern. Daher können wir allein die Umweltfaktoren und vor allem unser Verhalten ändern. Hier ist es wichtig, dass solche Faktoren einen ganz klaren Einfluss auf das Altern haben. Sport ist sehr wichtig, um Risiken zu senken – gesunde Ernährung ebenfalls. Natürlich ist es wichtig, mehr über die Genetik des Alterns zu erfahren. Der menschliche Alterungsprozess ist selbstverständlich von den menschlichen Genen abhängig. Dass es eine maximale Lebensspanne von bis zu 120 Jahren beim Menschen gibt, ist klar genetisch bedingt und unterscheidet die menschliche Lebensdauer von denen anderer Arten. Aber wie die Genvarianten beim Menschen diese 120 Jahre beeinflussen, ist weniger klar.“
„Keine.“
„Ich sehe keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit dieser Arbeit oder ihren Autoren.“
„Ich habe mit den Autorinnen und Autoren der Studie keine wissenschaftlichen Kooperationen. Ich organisiere mit Sara Hägg und Uri Alon im Juni die Gordon Research Conference Systems Biology in den USA.“
Primary source
Shenhar B et al. (2026): Heritability of intrinsic human life span is about 50% when confounding factors are addressed. Science. DOI: 10.1126/science.adz1187.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Klebanov S et al. (2000): Heritability of life span in mice and its implication for direct and indirect selection for longevity. Genetica. DOI: 10.1023/A:1012790600571.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Herskind AM et al. (1996): The heritability of human longevity: A population-based study of 2872 Danish twin pairs born 1870–1900. Human Genetics. DOI: 10.1007/BF02185763.
[II] Ljungquist B et al. (1998): The Effect of Genetic Factors for Longevity: A Comparison of Identical and Fraternal Twins in the Swedish Twin Registry. The Journals of Gerontology: Series A. DOI: 10.1093/gerona/53A.6.M441.
[III] Pedersen NL (2015): Swedish Adoption/Twin Study on Aging (SATSA), 1984, 1987, 1990, 1993, 2004, 2007, and 2010 (ICPSR 3843). Inter-university Consortium for Political and Social Research. DOI: 10.3886/ICPSR03843.v2.
[IV] Perls TT et al. (2002): Life-long sustained mortality advantage of siblings of centenarians. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.122587599.
Dr. Chiara Herzog
wissenschaftliche Mitabeiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie, Fakultät für Life Sciences und Medizin, King's College London, Vereinigtes Königreich, und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Europäischen Translationalen Onkologie Prävention und Screening Institut, Institut für biomedizinische Alternsforschung, Universität Innsbruck, Österreich
Information on possible conflicts of interest
„Keine.“
Prof. Dr. Steve Hoffmann
Professor für Computergestützte Biologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Leiter der Arbeitsgruppe Bioinformatik für Alterungsprozesse, Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena
Information on possible conflicts of interest
„Ich sehe keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit dieser Arbeit oder ihren Autoren.“
Prof. Dr. Björn Schumacher
Leiter des Instituts für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung und Wissenschaftlicher Direktor des CECAD Exzellenzcluster Aging and Aging-Associated Diseases, Universität zu Köln
Information on possible conflicts of interest
„Ich habe mit den Autorinnen und Autoren der Studie keine wissenschaftlichen Kooperationen. Ich organisiere mit Sara Hägg und Uri Alon im Juni die Gordon Research Conference Systems Biology in den USA.“