Mehr als Infektionsschutz: Impfungen mindern auch das Risiko für Folgeerkrankungen
wissenschaftliche Belege häufen sich, dass Impfungen mehr positive Effekte haben als nur Infektionsschutz
diese Erkenntnisse bestärken die Relevanz von Impfungen
Forschende erläutern, welche Schutzeffekte vor Folgeerkrankungen weitreichend belegt sind und welche sich zusätzlich abzeichnen
Impfungen schützen in erster Linie vor einem schweren Verlauf einer Krankheit oder vor einer Infektion an sich. Der Effekt, den Impfungen auf unsere Gesundheit haben können, geht allerdings über den reinen Infektionsschutz hinaus. Darauf weisen immer mehr Studien hin. Beispielsweise erleiden Menschen, die gegen Influenza geimpft sind, seltener ein Herzleiden . Personen, die sich gegen Gürtelrose impfen lassen, haben wiederum ein geringeres Risiko an Demenz zu erkranken .
Diese zusätzlichen Effekte von Impfungen auf die Gesundheit werden „nicht-spezifische Effekte“ oder auch „heterologe Effekte“ genannt. Über einige Impfungen ist bekannt, dass sie indirekt das Risiko für eine Folgeerkrankung verringern. Beispielsweise schützt die HPV-Impfung vor einer Infektion mit Humanen Papillomviren, welche wiederum Eierstockkrebs verursachen können. Auch andere Krebserkrankungen stehen mit Infektionskrankheiten im Zusammenhang. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie im Fachjournal „The Lancet Oncology“ waren im Jahr 2024 weltweit schätzungsweise 2,3 Millionen neue Krebsfälle auf Infektionen zurückzuführen, was zwölf Prozent aller Krebsfälle entspricht . Ein Prozent der Krebsfälle gingen auf Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus zurück, welches auch die Hauptursache für Multiple-Sklerose-Erkrankungen ist. Eine Impfung gegen das Epstein-Barr-Virus könnte also nicht nur Pfeiffersches Drüsenfieber verhindern, sondern auch das Risiko für schwere Folgeerkrankungen minimieren.
Leitender Oberarzt der Infektiologie, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II, TUM Klinikum
Nicht-spezifische Effekte von Impfungen
„Impfungen wirken über den Schutz vor dem Impferreger allein hinaus, das ist unbestritten. Zwei Effekte sind dabei besonders erkennbar:“
„Erstens, der kardiovaskuläre Schutz: Wer sich gegen Atemwegserreger wie Influenzaviren, Pneumokokken oder SARS-CoV-2 impfen lässt, hat ein geringeres Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Die Vakzine verhindern systemische Entzündungskaskaden und damit das Einreißen von Gefäßplaques oder die Zunahme einer weiteren Gefäßverengung.“
„Zweitens, der Mechanismus der heterologen Immunität (‚trainierte Immunität‘): Hierbei scheinen vor allem Lebendimpfstoffe Zellen des angeborenen Immunsystems zu stimulieren, sodass sie die Morbidität und Mortalität auch über den Effekt des verimpften Erregers reduzieren.“
Evidenzgrad, konkrete Zahlen und Studienbedarf
„Der Schutz der Blutgefäße ist sehr gut belegt: Ein Konsensus-Papier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2025 hebt beispielsweise hervor, dass eine Influenza-Impfung nach einem Herzinfarkt das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) um etwa 28 bis 45 Prozent senkt; die absolute Risikoreduktion liegt bei zwei bis vier Prozent .“
„Der Schutz durch die ‚trainierte Immunität‘ ist zwar biologisch schlüssig bewiesen, schwankt klinisch jedoch stark je nach Zielgruppe. Hier braucht es gezielte Studien zu validen Biomarkern, zur Haltbarkeit der epigenetischen Prägung und zur optimalen Abfolge von Lebend- und Totimpfstoffen im Praxisalltag.“
Weitere Erkenntnisse aus der Forschung
„Aus epidemiologischen Daten zeichnen sich interessante Effekte ab. So ist im Kontext von Routineimpfungen im Alter – etwa gegen Gürtelrose oder Grippe – eine Reduktion des Risikos beschrieben, an Demenz zu erkranken. Wahrscheinlich spielt hier die Dämpfung chronischer, schleichender Entzündungsprozesse im Gehirn eine Schlüsselrolle. Zudem verringern Impfungen das Risiko für post-virale Syndrome wie Long-COVID in Studien messbar. Und selbst in der Immunonkologie prüft man derzeit, ob die unspezifische Aktivierung des angeborenen Immunsystems die Tumorbekämpfung unterstützen kann.“
Wichtig für die Berichterstattung
„Wir sollten diese zusätzlichen Effekte eindeutig benennen, aber dabei auch klar als Zusatznutzen (‚Added Benefit‘) benennen. Für Kardiologie- und Risikopatienten ist das Argument, mit dem Pieks auch das Infarktrisiko zu senken, ein starker Motivator. Solche Effekte sind jedoch keine Hauptindikation oder Garantie für die Impfung. Ausbleibende Sekundäreffekte könnten sonst das Vertrauen in die Kerneffektivität der Impfaufklärung untergraben. Der Schwerpunkt sollte daher weiterhin der spezifische Schutz vor der jeweiligen Infektionskrankheit bleiben.“
Vorsitzende der Vaccine Safety Initiative, Berlin und Forschungsdirektorin an der University Marie et Louis Pasteur, Besançon Cedex, Frankreich
Nicht-spezifische Effekte von Impfungen
„ Dass Impfungen gesundheitliche Wirkungen haben können, die über den Schutz vor der akuten Zielinfektion hinausgehen, ist wissenschaftlich gut begründet. Allerdings werden unter dem Begriff ‚nicht-spezifische Effekte‘ häufig sehr unterschiedliche Phänomene zusammengefasst. Man sollte unterscheiden zwischen der Verhinderung von Folgeerkrankungen einer Infektion und echten heterologen (nicht-spezifischer Effekt; Anm. d. Red.) immunologischen Effekten einer Impfung.“
Kardiovaskulärer Nutzen der Influenzaimpfung
„Ein gutes Beispiel für nicht-spezifische Effekte ist die Influenza-Impfung. Influenza ist nicht nur eine Atemwegsinfektion, sondern kann über systemische Entzündung, Gerinnungsaktivierung und Destabilisierung atherosklerotischer Plaques (krankhafte Ablagerungen von Fetten, Cholesterin, Calcium und Entzündungszellen in den inneren Wänden der Arterien; Anm. d. Red.) akute kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen. Randomisierte Studien und Metaanalysen sprechen dafür, dass eine Influenza-Impfung insbesondere bei Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse reduzieren kann. Dieser Nutzen ist vergleichsweise gut belegt. Streng genommen muss es sich dabei aber nicht um einen ‚nicht-spezifischen‘ Impfeffekt handeln: Wenn die Impfung Influenza verhindert oder abschwächt und zum Beispiel dadurch einen infektions-getriggerten Herzinfarkt verhindert, ist dies zunächst eine Folge des spezifischen Schutzes gegen Influenza.“
Effekt auf das Demenz-Risiko
„Spannend, aber noch deutlich weniger gesichert, ist die Beobachtung, dass verschiedene Impfungen mit einem niedrigeren späteren Demenzrisiko assoziiert sind. Entsprechende Signale gibt es unter anderem für Influenza-, Pneumokokken- und Herpes-zoster-Impfungen. Besonders interessant sind neuere natürliche Experimente zur Zoster-Impfung, weil sie weniger anfällig für den sogenannten ‚healthy-vaccinee bias‘ (geimpfte Personen sind oft von vornherein gesünder sind als ungeimpfte; Anm. d. Red.) sind als klassische Beobachtungsstudien. Trotzdem ist derzeit noch nicht abschließend geklärt, in welchem Umfang Impfungen tatsächlich kausal Demenz verhindern und welche Mechanismen dafür verantwortlich wären. Denkbar sind die Verhinderung neuroinflammatorisch relevanter Infektionen, die Eindämmung systemischer Entzündungen und echte immunmodulatorische Effekte.“
„Für solche immunmodulatorischen Wirkungen gibt es inzwischen eine plausible biologische Grundlage. Unter dem Begriff ‚trainierte Immunität‘ versteht man längerfristige funktionelle, metabolische und epigenetische Veränderungen des angeborenen Immunsystems nach bestimmten immunologischen Reizen. Besonders gut untersucht ist dies für die BCG-Impfung. Dass Impfungen heterologe Immunantworten auslösen können, ist daher biologisch gut belegt. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jede Impfung klinisch relevant vor anderen Infektionen, Demenz oder Krebs schützt.“
Effekte auf das Krebs-Risiko
„Auch beim Thema Krebs ist eine klare Trennung wichtig. HPV- und Hepatitis-B-Impfungen können bestimmte Krebserkrankungen verhindern, weil sie die zugrunde liegenden onkogenen Infektionen verhindern. Das ist sehr gut belegt, aber kein klassischer nicht-spezifischer Effekt. BCG wiederum besitzt breite immunmodulatorische Eigenschaften und wird therapeutisch bei bestimmten Formen des Blasenkarzinoms eingesetzt. Daraus lässt sich jedoch kein allgemeiner Krebspräventionseffekt beispielsweise der Influenza-Impfung ableiten.“
Wichtig für die Berichterstattung
„Für die Kommunikation über Impfungen halte ich diese zusätzlichen gesundheitlichen Effekte durchaus für relevant – allerdings sollte immer deutlich werden, wie sicher die jeweilige Evidenz ist. Kardiovaskuläre Vorteile der Influenza-Impfung bei Risikopatientinnen und -patienten können bereits vergleichsweise klar kommuniziert werden. Eine mögliche Demenzprävention sollte dagegen derzeit als vielversprechendes Forschungssignal und nicht als gesicherter Nutzen dargestellt werden. Gerade diese Unterscheidung zwischen etabliertem Nutzen, epidemiologischer Assoziation und biologisch plausibler Hypothese ist wichtig, um weder interessante Forschungsergebnisse zu unterschlagen noch Erwartungen zu wecken, die durch die Daten noch nicht gedeckt sind.“
Dem Statement lagen die Quellen 2 bis 13 zugrunde (siehe Literaturstellen, die von den Expertinnen und Experten zitiert wurden).
Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg
„Impfungen schützen nicht nur vor der jeweiligen Infektion beziehungsweise einem schweren Krankheitsverlauf, sondern können auch weitergehende gesundheitliche Wirkungen entfalten. Dabei ist allerdings zwischen indirekten Folgen des spezifischen Infektionsschutzes und echten unspezifischen beziehungsweise heterologen Effekten auf das Immunsystem zu unterscheiden.“
Kardiovaskulärer Nutzen der Influenzaimpfung
„Vergleichsweise gut belegt ist der kardiovaskuläre Nutzen der Influenzaimpfung bei Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Grippeerkrankung kann durch systemische Entzündungsreaktionen, eine erhöhte Gerinnungsneigung und die Destabilisierung arteriosklerotischer Plaques Herzinfarkte oder Schlaganfälle auslösen. Randomisierte Studien und Metaanalysen sprechen dafür, dass die Impfung dieses Risiko insbesondere nach einem Herzinfarkt oder bei anderen kardiovaskulären Hochrisikokonstellationen senken kann. Dabei handelt es sich jedoch eher um eine mittelbare Folge der verhinderten Influenza als um einen unspezifischen Impfeffekt im engeren Sinne.“
Effekt auf das Demenz-Risiko und Krebstherapien
„Weitere Befunde sind vielversprechend, aber weniger gesichert. So deuten größere Beobachtungsstudien beispielsweise auf ein geringeres Demenzrisiko nach einer Gürtelroseimpfung hin. Noch ist jedoch unklar, ob dies auf die Vermeidung von Virusreaktivierungen und Entzündungen oder auf eine darüber hinausgehende Immunmodulation zurückzuführen ist. Randomisierte Studien mit Demenz als Endpunkt fehlen bislang.“
„Experimentelle und retrospektive klinische Daten haben gezeigt, dass COVID-19-mRNA-Impfungen bei einigen Tumoren mit einem besseren Ansprechen auf eine Immuncheckpoint-Therapie assoziiert sind. Andere Untersuchungen konnten dies jedoch nicht bestätigen und fanden lediglich geringe oder zeitlich begrenzte Zusammenhänge. Zur eindeutigen Klärung sind daher prospektive, randomisierte Studien erforderlich, die Impfzeitpunkt, Tumorart, Immuntherapie, Behandlungserfolg und mögliche weitere Einflussfaktoren systematisch erfassen.“
Die ‚trainierte Immunität‘
„Zu den stärksten Hinweisen auf echte heterologe Impfeffekte zählen Befunde zur BCG-Impfung. Bereits 1932 wurde in Schweden beobachtet, dass BCG-geimpfte Kinder in ihren ersten vier Lebensjahren deutlich seltener starben als ungeimpfte Kinder, obwohl Tuberkulose-Todesfälle in Skandinavien schon damals selten waren und nur einen kleinen Teil des Unterschieds erklären konnten. Später zeigte eine randomisierte kontrollierte Studie mit 2320 Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht in Guinea-Bissau, dass die Sterblichkeit in der BCG-Gruppe während der ersten vier Lebenswochen um 45 Prozent niedriger war (95-Prozent-Konfidenzintervall: 11 bis 66 Prozent) . Der Rückgang wurde vor allem auf weniger Todesfälle durch Sepsis und Pneumonie zurückgeführt. Da BCG gezielt gegen Tuberkulose eingesetzt wird, sprechen diese Ergebnisse für Schutzwirkungen, die über die Abwehr des eigentlichen Zielerregers hinausgehen.“
„Als möglicher Mechanismus solcher Effekte wird eine längerfristige Aktivierung beziehungsweise funktionelle Umprogrammierung des angeborenen Immunsystems diskutiert, die als ‚trainierte Immunität‘ bezeichnet wird. Dadurch könnte eine Impfung auch die Abwehr anderer Erreger beeinflussen. Solche Wirkungen sind biologisch plausibel und insbesondere für BCG vergleichsweise gut untersucht; wie groß und dauerhaft ihre klinische Bedeutung in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist, muss jedoch weiter erforscht werden. Andere zusätzliche Wirkungen, etwa die Verhinderung von HPV- oder Hepatitis-B-bedingter Krebserkrankungen, sind dagegen eindeutig nachgewiesen, beruhen aber auf dem spezifischen Schutz vor dem jeweils ursächlichen Erreger.“
Wichtig für die Berichterstattung
„In der Impfkommunikation sollten solche weitergehenden, möglicherweise positiven Wirkungen durchaus erwähnt werden, jedoch mit dem klaren Hinweis, dass sie noch nicht vollständig verstanden und nicht in allen Fällen abschließend bewiesen sind. Gesicherte indirekte Vorteile, plausible Mechanismen und bislang lediglich beobachtete Zusammenhänge dürfen nicht gleichgesetzt werden. Eine sachliche Kommunikation sollte deshalb sowohl das Potenzial dieser Effekte als auch die bestehenden Unsicherheiten und den weiteren Forschungsbedarf transparent machen. Bislang werden diese Aspekte in der öffentlichen Berichterstattung über Impfungen allerdings nur selten differenziert beleuchtet.“
Leiter der Abteilung Zelluläre Neurobiologie, Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig, und Leiter der AG Neuroinflammation und Neurodegeneration am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig
Nicht-spezifische Effekte von Impfungen
„Mehrere unabhängig voneinander durchgeführte Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Impfungen das Potenzial haben, auch vor Alterserkrankungen des Gehirns zu schützen. Dies ist besonders für die Alzheimer-Erkrankung gut belegt und für Impfungen gegen Herpesviren. Es ist wahrscheinlich, aber nicht abgesichert, inwieweit dies auf andere Impfungen übertragen werden kann.“
Evidenzgrad und Studienbedarf
„Die Effekte sind in sehr guten epidemiologischen Studien belegt. Diese Studien sind Beobachtungsstudien, die die notwendigen Kontrollen enthalten und mögliche Störfaktoren versuchen auszuschließen. Was fehlt ist der ‚Goldstandard‘ klinischer Studien: doppelt-blind durchgeführte, randomisierte, multizentrische Studien. Diese würden allerdings Jahrzehnte dauern und haben das ethische Problem, dass es einen Teil der Studienteilnehmer von wichtigen Impfungen ausschließen würde. Tierexperimentelle Studien, die diesen Standard erfüllen, liegen allerdings vor und bestätigen die epidemiologischen Befunde.“
Weitere nicht-spezifische Effekte
„Aus SARS-CoV-2-Studien ist sehr gut belegt, dass Post-(Long)-Covid-Symptome im Auftreten und Schweregrad durch Impfungen um 50 Prozent reduziert werden können. Dies beinhaltet den Verlust der Riechfähigkeit, den sogenannten ‚brain fog‘ (Konzentrations-/Gedächtnisprobleme), das ‚Fatigue-Syndrome‘ und andere langanhaltende Beeinträchtigungen nach einer Virusinfektion für Wochen und Monate nach einer Infektion. Daten über Grippeviren zeigen vergleichbare Beeinträchtigungen, deren Auftreten und Schweregrad durch Impfungen reduziert werden können.“
Wichtig für die Berichterstattung
„Nicht-spezifische Effekte sollten unbedingt mit kommuniziert werden, um alle Aspekte einer Impfung für die Entscheidung, ob man sich impfen lässt, berücksichtigen zu können: mögliche Risiken ebenso wie das, was man durch eine Impfung gewinnt. Dazu gehören auch bei Kindern, dass diese weiter am Sozialleben und an Schulveranstaltungen teilnehmen können, wenn sie gar nicht erst erkranken oder nur sehr kurz. Ähnliches gilt für Arbeitnehmer und deren Ausfall am Arbeitsplatz. Gerade bei Kindern wird oft vergessen zu kommunizieren, dass sich eine erkrankungsbedingte Isolation negativ auf die Gehirnentwicklung der Kinder – im Lernen und im sozialen Kontakten zu Peers – auswirkt.“
Professorin für Vakzinologie, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universität Groningen, Niederlande
Kardiovaskulärer Nutzen der Influenzaimpfung
„Grippeinfektionen haben neben den bekannten akuten Symptomen wie Husten, hohem Fieber und allgemeiner Schwäche auch weniger bekannte Folgen, wie neurologische Probleme und ein fünf- bis sechsmal erhöhtes Risiko auf einen Herzinfarkt und ein zwei- bis dreimal erhöhtes Risiko auf einen Schlaganfall.“
„Eine aktuelle Übersichtsstudie belegt, dass Personen, die eine Grippeimpfung erhalten haben, in den ersten Monaten nach der Impfung, also während der Grippesaison, ein stark reduziertes Sterberisiko haben. Das ist vor allem auf eine deutliche Reduktion des Herzinfarktrisikos zurückzuführen. Interessanterweise findet sich dieser Effekt selbst bei Personen, die trotz Grippeimpfung infiziert werden, also eine sogenannte Durchbruchinfektion durchmachen. Das zeigt eine Studie aus Dänemark .“
Nutzen der Influenzaimpfung
„Aufgrund der aktuellen Datenlage ist von einem positiven Effekt der Grippeimpfung auf die Herzgesundheit während der Grippesaison auszugehen. Allerdings sind viele Studien mit häufig kaum zu vermeidenden Unvergleichbarkeiten der Studienteilnehmer behaftet (‚bias‘). So sind zum Beispiel Personen, die sich für eine Grippeimpfung entscheiden, häufig allgemein gesünder und mehr auf ihre Gesundheit bedacht als diejenigen, die sich nicht impfen lassen. Randomisierte kontrollierte Studien wären wünschenswert, sind aber aus ethischen Gründen bei Grippe oft schwer durchzuführen. Möglicherweise können Gesundheitsdaten herangezogen werden, die in einigen Ländern, wie zum Beispiel in Dänemark, routinemäßig erhoben werden. Auch sollte erforscht werden, auf welche Weise die Grippeimpfung Effekte auf Herz und Kreislauf ausübt; dazu gibt es bisher nur Hypothesen.“
„Kürzlich ist eine Übersichtsstudie erschienen, die weitere aspezifische Effekte der Grippeimpfung belichtet . Diese Studie beschreibt unter anderem, dass regelmäßige Grippeimpfungen mit einem verminderten Risiko für Demenz assoziiert sind. Auch wird von einem verringerten Risiko für Lungenkrebs bei Geimpften berichtet. Des weiteren schützt die Grippeimpfung möglicherweise auch vor anderen Infektionen der Atemwege. Aber bei all diesen Effekten kann bislang ein ‚bias‘, wie oben beschrieben, nicht ausgeschlossen werden. Weitere Forschung ist nötig, sowohl was die Stärke dieser Effekte als auch ihre Ursachen angeht.“
Wichtig für die Berichterstattung
„Ich halte es für sinnvoll, auf die Effekte einer Grippeimpfung auf die Herzgesundheit hinzuweisen. Die vorhandenen Daten zeigen überzeugend, dass eine Impfung vor Herzkranzgefäßerkrankungen schützen und einem Herzinfarkt vorbeugen kann. Diese Information ist vor allem wichtig für Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen. Ein möglicher Schutz durch eine Grippeimpfung vor anderen Infektionen, Demenzentwicklung oder Lungenkrebs ist weniger gut belegt. Hier wäre ich vorsichtig.“
Leiterin der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Infektiologie und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Gießen und Marburg
Nicht-spezifische Effekte am Beispiel Influenza-Impfung
„Es gibt zunehmend wissenschaftliche Belege dafür, dass Impfungen nicht nur vor akuten Infektionskrankheiten schützen, sondern auch das Risiko für weitere, teilweise langfristige Erkrankungen verringern können. Besonders relevant ist aus infektiologischer und pneumologischer Sicht, dass Atemwegsinfektionen wie Influenza nicht auf die Lunge beschränkt bleiben: Sie können systemische Entzündungsreaktionen auslösen, die unter anderem Herzinfarkte begünstigen und möglicherweise längerfristige Organschäden verursachen [17]. Die Grippeimpfung kann deshalb über den Schutz vor Influenza hinaus auch das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse senken.“
Evidenzgrad und Studienbedarf
„Der zusätzliche Schutz der Grippeimpfung vor schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen gehört zu den in den vergangenen Jahren am besten untersuchten gesundheitlichen Effekten von Impfungen. In einer Metaanalyse randomisierter klinischer Studien war die Grippeimpfung mit einer relativen Verringerung schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse um etwa ein Drittel verbunden, wobei insbesondere Menschen mit bereits bestehenden Herzerkrankungen profitierten .“
„Noch nicht abschließend geklärt und Gegenstand von Forschungsaktivitäten ist, in welchem Umfang dieser Effekt allein auf die Verhinderung von Influenzainfektionen zurückzuführen ist oder ob Impfungen zusätzlich entzündliche Prozesse beeinflussen, die an der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beteiligt sind. Dafür benötigen wir klinische Studien mit längerer Nachbeobachtung, die Infektionen, kardiovaskuläre Ereignisse und Veränderungen des Immunsystems gemeinsam erfassen. Außerdem ist von Relevanz, ob diese protektiven Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit auch bei anderen Impfungen in dieser Form nachweisbar sind, und wenn ja, welche gemeinsamen Mechanismen dem Effekt unterliegen.“
„Außerdem weiß man, dass unter anderem Patienten mit Adipositas oder Metabolischem Syndrom ein signifikant schlechteres Outcome bei Infektionserkrankungen haben . Impfungen können jene Risikogruppen vor schweren Verläufen oder sogar einem tödlichen Infektionsausgang schützen.“
Weitere nicht-spezifische Effekte von Impfungen
„Besonders überraschend sind neuere Forschungsergebnisse, die auf einen möglichen Schutz vor Demenz durch Impfungen hinweisen. Eine 2025 in ‚Nature‘ veröffentlichte Studie zeigte, dass eine Gürtelroseimpfung das Risiko einer Demenzdiagnose über einen Zeitraum von sieben Jahren um etwa 20 Prozent senkte ; auch für den heute verwendeten rekombinanten Impfstoff gibt es entsprechende erste Hinweise. Für die Grippeimpfung weisen Beobachtungsstudien ebenfalls auf ein geringeres Demenzrisiko hin, ein ursächlicher Zusammenhang ist hier aber noch nicht bewiesen .“
„Aus Sicht der Infektions- und Lungenforschung ist darüber hinaus besonders interessant, dass nicht nur initiale COVID-19-Impfungen, sondern auch weitere Booster-Impfungen vor langfristigen Folgen von Infektionen schützen können, wie Studien zu Long-COVID/Post-COVID zeigen . Ob diese Effekte ausschließlich auf der Verhinderung oder Abschwächung der jeweiligen Infektion beruhen oder ob Impfungen darüber hinaus das Immunsystem langfristig günstig beeinflussen, ist derzeit noch offen.“
„Erste Daten belegen darüber hinaus, dass sich mRNA-Impfungen günstig auf den Effekt von Krebstherapien auswirken könnten, dieser Effekt ist aber noch nicht abschließend in prospektiven Studien belegt .“
Wichtig für die Berichterstattung
„In der öffentlichen Kommunikation sollten wir deutlich stärker hervorheben, dass der gesundheitliche Nutzen von Impfungen über die Verhinderung akuter Infektionskrankheiten hinausgehen kann. Gerade bei der Grippeimpfung ist der zusätzliche Schutz vor schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen ein enorm wichtiger, bislang häufig unterschätzter Aspekt, insbesondere für Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“
„Auch die möglichen Auswirkungen auf Demenz und langfristige Organschäden verdienen mehr Aufmerksamkeit, müssen aber sicherlich vorsichtig entsprechend der jeweiligen wissenschaftlichen Evidenz eingeordnet werden.“
„Ich bin Forschungsdirektorin an der Université Marie et Louis Pasteur in Frankreich sowie Vorsitzende der gemeinnützigen Vaccine Safety Initiative (VIVI), deren Arbeit überwiegend durch öffentliche Forschungs- und Projektförderung, insbesondere im Rahmen EU-geförderter Projekte, finanziert wird. Daneben bin ich Vorsitzende eines unabhängigen Datenüberwachungskomitees (Independent Data Monitoring Committee), das die Sicherheit der Teilnehmenden einer klinischen Studie von GSK zu einem antiviralen Influenza-Medikament bei Säuglingen überwacht. Zudem habe ich einmalig an einem Advisory Board von Pfizer zum EU Safe Hearts Plan (EU-Plan für Herz-Kreislauf-Gesundheit) teilgenommen; dieses war nicht auf ein bestimmtes Produkt bezogen. Weitere für dieses Statement relevante Interessenkonflikte bestehen nicht.“
Vor und während der COVID-Pandemie war ich als Beraterin für Janssen, Sanofi und Astra Zeneca tätig. In den vergangenen drei Jahren habe keine scientific advisory boards-Tätigkeiten für die Pharmaindustrie oder Vakzine-Studien ausgeübt.
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
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Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
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[] Science Media Center (2026): Stiko: Kinder mit Grunderkrankungen unzureichend gegen Grippe geimpft. Statements. Stand: 16.09.2026.
[] Science Media Center (2026): Impfquoten steigern: Zugangsbarrieren reduzieren. Statements. Stand: 24.09.2026.
Prof. Dr. Christoph D. Spinner
Leitender Oberarzt der Infektiologie, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II, TUM Klinikum
Prof. Dr. Barbara Rath
Vorsitzende der Vaccine Safety Initiative, Berlin und Forschungsdirektorin an der University Marie et Louis Pasteur, Besançon Cedex, Frankreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin Forschungsdirektorin an der Université Marie et Louis Pasteur in Frankreich sowie Vorsitzende der gemeinnützigen Vaccine Safety Initiative (VIVI), deren Arbeit überwiegend durch öffentliche Forschungs- und Projektförderung, insbesondere im Rahmen EU-geförderter Projekte, finanziert wird. Daneben bin ich Vorsitzende eines unabhängigen Datenüberwachungskomitees (Independent Data Monitoring Committee), das die Sicherheit der Teilnehmenden einer klinischen Studie von GSK zu einem antiviralen Influenza-Medikament bei Säuglingen überwacht. Zudem habe ich einmalig an einem Advisory Board von Pfizer zum EU Safe Hearts Plan (EU-Plan für Herz-Kreislauf-Gesundheit) teilgenommen; dieses war nicht auf ein bestimmtes Produkt bezogen. Weitere für dieses Statement relevante Interessenkonflikte bestehen nicht.“
Prof. Dr. Robert Thimme
Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg
Prof. Dr. Martin Korte
Leiter der Abteilung Zelluläre Neurobiologie, Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig, und Leiter der AG Neuroinflammation und Neurodegeneration am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig
Prof. Dr. Anke Huckriede
Professorin für Vakzinologie, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universität Groningen, Niederlande
Prof. Dr. Susanne Herold
Leiterin der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Infektiologie und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Gießen und Marburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
Vor und während der COVID-Pandemie war ich als Beraterin für Janssen, Sanofi und Astra Zeneca tätig. In den vergangenen drei Jahren habe keine scientific advisory boards-Tätigkeiten für die Pharmaindustrie oder Vakzine-Studien ausgeübt.