Moderatorin [00:00:02] Ich begrüße Sie alle recht herzlich, hallo liebe Kolleginnen und Kollegen da draußen, die zuhören und liebe Forschende auf dem Podium. Ich freue mich, Sie heute wieder zu einem Press Briefing des Science Media Centers begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Marleen Halbach, ich leite die Redaktion im Science Media Center und heute wollen wir zusammen sprechen über die Maul- und Klauenseuche (MKS), die ausgebrochen ist, und zwar in Brandenburg. Freitag kam die erste Meldung rein, übers Wochenende ging es dann rund. Deutschland hat die letzte Bekanntschaft mit diesem doch sehr hochansteckenden und erstaunlich widerstandsfähigen Virus 1988 gemacht, zum Glück muss man ja sagen. 2001 gab es in UK, im Vereinigten Königreich noch einen großen Ausbruch, der zu verheerenden Folgen geführt hat. Derzeit tagen deshalb auch Bund und Länder ungefähr täglich in verschiedenen Konstellationen, um zu beraten, wie es jetzt hier im aktuellen Ausbruchmanagement in Deutschland weitergeht. Zentral in beratender Rolle ist das Friedrich-Loeffler-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, von dem wir nun auch zwei Expert:innen hier begrüßen dürfen. Zur Vorstellung komme ich gleich. Ich würde gerne an die Journalist:innen da draußen an den Bildschirmen noch gerne das Wort richten und sagen: Sie können auch jetzt gerne schon Ihre Fragen an diese Runde richten und zwar im Frage und Antwort -Tool von Zoom. Da sieht es meine Kollegin im Hintergrund, die sortiert die Fragen und schiebt sie mir hier in mein Dokument rein, dass ich die auch sehr zeitnah stellen kann. Darum geht es heute vor allen Dingen, Raum für Fragen zu schaffen von Journalist:innen, die an dem Thema arbeiten aktuell. Also vielen Dank, dass Sie da sind. Ich begrüße hier in der Runde in alphabetischer Reihenfolge: Professor Dr. Martin Beer, Sie sind Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut. Wie gerade schon erwähnt, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Gleiche Institution, andere Funktion hat Professor Dr. Carola Sauter-Louis. Sie sind Leiterin des Instituts für Epidemiologie am Friedrich-Loeffler-Institut. Herzlich willkommen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen in diesen doch sehr aufregenden Tagen könnte ich mir vorstellen. Ich würde gerne mal einsteigen. Was wissen wir eigentlich jetzt gerade? Gestern hat sich noch der Zentrale Krisenstab Tierseuchen getroffen, Herr Beer, ich weiß, dass Sie dabei waren. Auf welcher Wissensgrundlage wird diskutiert, was wissen wir eigentlich und welche Lücken gibt es da auch noch?
Martin Beer [00:02:16] Ja, vielen Dank. Ich kann berichten, dass wir den Ausbruch am 10.01.2025 in den frühen Morgenstunden bestätigt haben. Die Probe kam spät in der Nacht und wir haben dann innerhalb von drei Stunden die Bestätigung durchgeführt und informiert und damit ist das seit 1988 tatsächlich der erste MKS-Ausbruch in Deutschland. Wir haben das Virus weiter charakterisiert, um die weiteren Maßnahmen einleiten und planen zu können. Was dann aber das Wichtigste ist, es ist ja ein Wasserbüffelbestand als initialer Bestand betroffen gewesen, dass dort die Maßnahmen beginnen und dann um diesen Bestand herum unverzüglich entsprechende Zonen errichtet werden: Schutzzone drei Kilometer, Überwachungszone zehn Kilometer und auch in der Ein-Kilometer-Zone sofort Maßnahmen ergriffen werden, um eine mögliche Ausbreitung unverzüglich einzudämmen. All das ist der Status und ich wiederhole das immer: Wir sind immer noch am Daumen drücken und bitten jeden, die Daumen zu drücken, dass es bei diesem einen Bestand bleibt und bis vorhin war das auch so, also ich habe keine neuen Informationen dazu. Wir sind bei einem Bestand bisher geblieben.
Moderatorin [00:03:40] Vielen Dank erst mal für die Lage. Anschließend noch eine Frage, die mich interessiert direkt an Frau Sauter-Louis. Etwas, was ja auch noch in der Schwebe oder unbekannt ist: Woher kommt denn jetzt das Virus ganz genau, wie ist der Eintragungsweg? Können Sie dazu aus epidemiologischer Perspektive noch was sagen, welche Proben wurden jetzt untersucht, was wurde beprobt, in welchem Umkreis, gibt es eine heiße Hypothese oder gibt es die nicht, wo es herkam?
Carola Sauter-Louis [00:04:08] Da würde ich von vorne beginnen. Am 10.01. ist bestätigt worden, danach sind Kollegen aus dem Veterinäramt und aus dem Land Brandenburg zusammen mit der Task Force mit zwei Kollegen aus unserer Gruppe auf den Betrieb gegangen und haben sich diesen Betrieb angeschaut. Haben die Tiere, die an genau dem Tag getötet wurden, ganz genau klinisch inspiziert. Es waren elf Tiere und die sind wirklich von morgens bis zur Dunkelheit angeschaut worden, die letzten Tiere haben sie mit der Taschenlampe noch angeleuchtet, damit sie nach Läsionen von dieser Krankheit schauen können. Maul- und Klauenseuche verursacht ja Läsionen im Maul und im Klauenbereich. Dann haben sie die Tiere klinisch untersucht, haben diese Läsionen, die sie gefunden haben, dokumentiert, sie haben auch Proben davon genommen, sie haben Blutproben, Abstrichproben, Tupferproben von den Tieren genommen und diese Proben sind dann alle ins Labor gegangen. Diese Proben helfen auch zu entscheiden, wie lange die Tiere schon infiziert sind und auch, da wird Herr Beer drauf eingehen, aus welcher Region diese Viren kommen. Es gibt verschiedene Eintragsmöglichkeiten. Bei MKS werden wie bei jeder epidemiologischen Untersuchung verschiedene Eintragswege beurteilt oder auch bewertet. Ganz vorne an sind Tierbewegungen. Also man fragt, was ist in diesen Bestand reingegangen, aber auch was ist rausgegangen. Man muss ganz klar sagen: Bei diesem Betrieb waren die letzten Zugänge im September 2024, also das ist sehr unwahrscheinlich, dass die Tiere es damit reingebracht haben. Dann wird gefragt nach Personenverkehr, nach Fahrzeugverkehr. Auch da kann man schon sagen, dass der Besitzer nicht in irgendwelchen Regionen war, wo MKS endemisch vorkommt und auch keinen Besuch aus diesen Ländern erhalten hat. Also auch diesen Eintragsweg kann man schon ausschließen. Dann geht es darum, das Puzzlespiel zu vervollständigen und herauszufinden, wie es da reingetragen worden ist. Da helfen auch sehr die Virusgenom-Untersuchungen. Ich würde jetzt wieder an Martin Beer übergeben.
Moderatorin [00:06:37] Herr Beer, der Serotyp wurde mit O bestimmt, es ist keine Null, es ist ein O, das kann man ja Geschrieben schwer unterscheiden. Es ist der Serotyp O, das habe ich auch schon anders gelesen. Was kann man daraus ableiten, woher es wohl kommt: Asien und Afrika ist da glaube ich wahrscheinlich so im Hintergrund. Was können Sie jetzt daraus ableiten, wo es herkommt?
Martin Beer [00:06:56] Zum einen gibt es sieben Serotypen: A, O, C, SAT1, SAT2, SAT3 und Asia1. Ich will jetzt nicht darauf eingehen, wie diese Namen zustande kommen, aber diese Serotypen sind sehr unterschiedlich. Deswegen müssen Impfstoffe auch immer auf den Serotyp und noch besser auf den Stamm passen. Es gibt also unterhalb dieses Serotyps nochmal Klassifizierungen und wir haben sowohl über eine Antigen-Analyse als auch über die Sequenzierung – wir haben das komplette Genom innerhalb eines Tages sequenziert – dann die nächsten Verwandten in Datenbanken gesucht, analysiert. Das ist ein Virus aus der sogenannten ME-SA-Gruppe, das ist Middle East, South Asia. SA-2018 ist die Linie (O/ME-SA/SA-2018) und diese Viren kommen im asiatischen Bereich, im Nahen Osten, in Iran und Türkei vor. Das nächstverwandte Virus in den Datenbanken – da muss man immer vorsichtig sein, weil nur die Viren, die auch sequenziert werden, tauchen dann in diesen Genomdatenbanken auf – die sind aus dem Iran und aus der Türkei. Das sind die nächstverwandten genetischen Hinweise, die wir im Moment haben. Die helfen uns bei der Ursachenermittlung nur zum Teil, aber sie sagen uns auch, dass in Lebensmitteln beispielsweise aus diesen Regionen, wenn sie nicht erhitzt oder behandelt sind, durchaus solche Viren enthalten sein können. Viele Regionen in der Welt sind endemisch mit MKS durchseucht. Dort wird entweder geimpft oder es sind verschiedene Serotypen unterwegs und gerade dieser Serotyp O ist sehr weit verbreitet. Wir sind schon lange frei. Und diese ganze Zeit der MKS-Freiheit haben wir kontinuierlich davor gewarnt, sich zurückzulehnen, denn es kann versehentlich zu diesen Einträgen kommen. Es ist auch der Grund, warum es verboten ist, Lebensmittel einzuführen aus solchen Ländern, wenn sie nicht behandelt sind oder auch Tiere. Das heißt, die EU schottet sich natürlich als freie Region ab und die Maßnahmen sind drastisch und deswegen ist auch die Furcht vor dieser Seuche so groß. Sie macht eben nicht nur die Tiere unter Umständen krank oder sogar sehr krank, auch drei Wasserbüffel sind in dieser Herde verstorben. Die Maßnahmen, die damit in Verbindung stehen, sind drastisch und so ein MKS-Virus kann sich eben sehr, sehr schnell ausbreiten. Das ist das, was wir im Moment wissen. Wir können jetzt nicht sagen, was genau die Eintragsursache war. Wir können eher, so wie es Frau Sauter-Louis gesagt hat, einige Dinge wie Tierbewegungen, Kontakte, was den Umkreis dieses Betriebes angeht oder die Betriebsbesitzer, weitestgehend ausschließen.
Moderatorin [00:10:09] Es geht dann eher um Wahrscheinlichkeiten, als jetzt wirklich die eine Ursache zu finden. Also da sind sie jetzt auch nicht mehr hoffnungsvoll, da Sie jetzt das Stück Wurst aus der Türkei finden, was irgendwer mitgebracht hat – rein hypothetisch gesprochen –, das wird wahrscheinlich nicht passieren.
Martin Beer [00:10:23] Man kann ja weiter gehen und sich auch in dem Bestand [umschauen], da haben wir ja die meisten Daten. Wir haben das erste initiale Tier und man muss da einfach sagen, das ist im Rahmen eines Programmes entdeckt worden, das es seit vielen Jahren gibt, das der differentialdiagnostischen Abklärung. Das heißt, wenn ich vermute, dass eine exotische Tierseuche wie MKS hinter einer Erkrankung steckt, dann sind die Untersuchungsämter in Deutschland mit diesen Tests ausgestattet. Auch in diesem Fall wurde zunächst eine andere Erkrankung vermutet. Wenn eine Krankheit 37 Jahre weg ist, ist es gar nicht so einfach zu sagen: Denk auch da dran. Aber das Landeslabor in Brandenburg und die muss man wirklich ganz besonders loben, hat dann auch neben anderen Erkrankungen einen MKS-PCR-Test durchgeführt und so das Tier gefunden. Alle größeren Untersuchungsämter machen das jetzt gerade und im letzten Jahr während der Blauzungen-Erkrankungssituation. Denn diese Krankheit ist nicht leicht zu differenzieren und wir haben das ganze Jahr über darauf hingewiesen: Wenn Blauzungenkrankheit nicht als Ursache in Frage kommt, muss auch MKS beispielsweise ausgeschlossen werden.
Moderatorin [00:11:42] Sie adressieren hier in dem, was Sie jetzt in den letzten drei Minuten gesagt haben, so viele meiner Fragen. Ich versuche jetzt einfach, Frau Sauter-Louis wieder rein zu nehmen. Ich komme gleich auf Sie zurück. Ich würde gerne noch mal Umgebungsfaktoren wissen. Die Wasserbüffel standen draußen auf einer Weide, drei sind dort auch verendet, wenn ich das richtig verstanden habe. Es war ja auch in einem Landschaftsschutzgebiet dort in Hönow. Welche Faktoren könnten jetzt aus epidemiologischer Perspektive im Umfeld noch dazu beitragen, wie gut entweder sich das Virus verbreiten kann oder auf der anderen Seite, wie gut man es eindämmen kann. War das jetzt ein Glück, dass die irgendwo auf einer Wiese in Hönow standen und es kein Masttierbetrieb irgendwo mit hunderten Tieren war oder welche Faktoren sehen Sie und wie kann man die gewichten?
Carola Sauter-Louis [00:12:33] Also all diese Faktoren, die Sie gerade angesprochen haben, die spielen eine große Rolle und unter anderem eben auch diese Tierdichte. Da ist unser ganz großer Vorteil in diesem Ausbruchsbestand, dass wir da tatsächlich eine sehr geringe Tierdichte haben. Es ist nicht Bauernhof an Bauernhof und Tier an Tier, sondern es ist weitläufiges Gelände. Das ist ein Vorteil. Was die Sache vor allen Dingen auch die Bekämpfung und auch die Untersuchung etwas erschwert, ist, dass es eine Freilandhaltung war, wo natürlich gewisse andere Risikofaktoren eine Rolle spielen, als in einem geschlossenen Bestand. Den Freilandbetrieb kann ich natürlich nicht so hermetisch abriegeln und der war auch die letzten Tage, als die Tiere krank waren, bevor sie dann verendet sind oder drei davon verendet sind, ja auch nicht hermetisch abgeriegelt. Das heißt, da wissen wir, dass das Virus aus dieser Region nach außen getragen werden konnte. Die Umgebungsproben werden zeigen, ob da irgendetwas nach außen getragen wurde. Es ist am einfachsten, man fängt mit den Beständen an, die in der Umgebung liegen, weil wir ja auch nicht wissen, ob dieser Fall in Hönow unser erster, wie wir es nennen, Indexfall ist. Es kann natürlich auch gut sein, dass wir den Fall entdeckt haben, aber ein anderer Bestand ihn schon angesteckt hat. Demzufolge werden die ganzen Betriebe außen herum jetzt untersucht. Die ganzen Ergebnisse, die uns bisher vorliegen, deuten alle darauf hin, dass es negativ ist. Ich war am letzten Samstag mit bei einem Nachbarbetrieb und auch da war es so, dass die Tiere klinisch unauffällig waren und auch die Laborergebnisse inzwischen gezeigt haben, dass sie negativ sind. Das ist das, was man da versucht. Was man in diesem Fall auf jeden Fall mit berücksichtigen muss, sind natürlich die Wildtiere, weil es ein offener Bestand ist und demzufolge auch diese Interaktion zwischen Wildtier und Nutztier zustande kommen kann. Auch das hat man epidemiologisch auf dem Schirm, wo man sagen kann, okay, die muss man auch untersuchen, um zu sehen, ist es da hereingetragen worden oder ist es vielleicht auch von dort hereingetragen in die Büffelherde.
Moderatorin [00:14:53] Also das heißt, sie beproben jetzt auch Wildschweine, wenn sie welche finden?
Carola Sauter-Louis [00:14:58] Genau. Die Kollegen in Brandenburg haben das schon angestoßen. Das heißt, nicht nur Wildschweine, sondern auch das Schalenwild ist empfänglich für die Krankheit, auch das Schalenwild, was in der in der Region gefunden wird, erlegt wird, das wird auf MKS untersucht.
Moderatorin [00:15:18] Wenn Sie jetzt sagen, Sie haben da auch überall Proben genommen, wie lange würde das jetzt dauern? Wie viele sind noch offen, wie lange dauert so eine Untersuchung einer Probe und wie viel Evidenz kann noch dazukommen bei Ihnen?
Carola Sauter-Louis [00:15:30] Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Proben gehen momentan ins Landeslabor und dann geht ein Teil der Proben auch ins Friedrich-Loeffler-Institut. Das kommt drauf an, wieviel die schaffen, wieviel wir schaffen. Es wurden nicht nur Proben genommen, sondern ein komplett verendetes Tier wurde ins Labor gebracht. Das muss zuerst in die Pathologie und dann werden die Proben genommen. Die Brandenburger Kollegen haben einen sehr guten Überblick, wie viele Betriebe es gibt, wie viele Betriebe auch untersucht werden, die haben genau drauf, was noch fehlt. Ich denke, bei den Betrieben ist wesentlich einfacher zu klassifizieren, was noch aussteht. Bei den Wildtieren können wir nur das untersuchen, was wir finden und was uns zugetragen wird.
Moderatorin [00:16:19] Es ist schwer, systematischer da vorzugehen. Angenommen, hypothetisch, wir finden jetzt gar nichts mehr und es kommt nichts mehr herum bei den Proben, das Virus ist einfach weg. Wie auch immer es da hingekommen ist, jetzt ist es nicht mehr da. Wie lange würde es denn jetzt dauern, dass man sagt: Okay, das war es jetzt wirklich, das war dieser kleine Ausbruch und wir haben einfach super Glück gehabt, da wird nichts mehr nachkommen, sprich auch etwaige Schutzmaßnahmen lockern zu können und daran anknüpfend dann Exportstopps von anderen Ländern. Können Sie da einen Ausblick geben, wie lange sich die Prozedur jetzt noch zieht, gibt es da Pläne?
Carola Sauter-Louis [00:16:55] Die Pläne gibt es, sie sind auch von der EU ganz klar vorgeschrieben. Wenn das letzte Tier, das gekeult wurde, positiv war, dann muss eine Mindestzeit eingehalten werden. Es müssen Untersuchungen dargestellt werden, dass man wirklich nachweisen kann, das Virus ist nicht mehr in dieser Region. Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis wir tatsächlich diesen Überblick haben und ob alle Umgebungssproben, alle Kontaktproben negativ sind und dann kann man anfangen systematisch zu untersuchen und dann dauert es mindestens drei Monate, bis man versuchen kann, den Status der Freiheit zu erlangen.
Moderatorin [00:17:38] X plus drei Monate und X eher Wochen?
Carola Sauter-Louis [00:17:43] Das ist momentan schwer zu sagen, weil wir einfach noch zu wenig Informationen haben. Mit jedem Tag, der vergeht und mit jedem Ergebnis, das negativ reinkommt, steigt unsere Chance, dass X nur bei Tage/Wochen bleibt. Wenn jetzt noch Fälle dazukommen, dann sieht die Sache ganz anders aus.
Moderatorin [00:18:02] Verstehe ich. Ich würde noch mal auf das Virusgeschehen und auch die Folgen des Virus in den Tieren zu sprechen kommen. Herr Beer, einerseits haben Sie die Mortalität vorhin schon angesprochen. Drei Tiere sind verendet von 14, die infiziert waren, wenn ich richtig informiert bin. Das macht für mich eine Mortalität in dieser Kohorte von 21 Prozent. Die Weltorganisation für die Gesundheit sagt aber, eins bis fünf Prozent bei adulten Tieren. Wie kommen wir jetzt zu 21, ist da irgendwas besonders in Wasserbüffeln oder wie würden Sie das einschätzen?
Martin Beer [00:18:33] Wir gehen nicht davon aus, dass die Wasserbüffel dort etwas Besonderes sind. Diese Wasserbüffel sind empfänglich wie alle Rinderartigen und alle Klauentiere. Dann wird es aber, wenn man sich die Klinik betrachtet, schwieriger. Da muss man differenzieren. Schafe sehen klinisch anders aus als Schweine und Rinder und Rindeartige zeigen in der Regel diese ganz klassischen Symptome. Das geht mit einer allgemeinen Infektion los. Das Virus verbreitet sich auch über das Blut im Körper, hat aber seine Eintrittspforten an verschiedenen Stellen im Rachenraum zum Beispiel, kann auch aerogen die Infektion auslösen und dann vermehrt es sich zunächst. Nach einer Fieberphase sieht man relativ schnell diese sogenannten Aphten, diese Läsionen, diese entzündlichen Veränderungen und besonders die Haut zwischen den Klauen, der sogenannte Zwischenklauenspalt ist da ganz wichtig und auch die Oberlippe, die Unterlippe, die Zunge, der Rachen. Das ist für die Tiere auch sehr schmerzhaft. Gerade jüngere Tiere können sehr akut und schwer erkranken und da ist dann häufig auch die Lunge und das Herz beteiligt. Es gibt eine ganz klassische Myokarditis-Möglichkeit und die führt dann unter Umständen sehr schnell zum Tod. Und auch bei dem letzten Tier, was als erstes identifiziert worden ist, könnte es so sein, dass das eben ein [technische Störung] akuter Tod ist. Denn wir haben die Tiere, die dann getötet werden mussten und dieses Tier genauer untersucht. Zum einen sind die alle positiv in der PCR, aber unterschiedlich in der Menge in den Organen. Wir finden bei allen Tieren Antikörper, außer bei dem initialen Fall, was uns sehr stark dabei hilft, [zu wissen:] das ist wirklich der Letztinfizierte in der Herde gewesen, der hat auch noch keine Antikörper gebildet. Bei MKS geht die Antikörperbildung relativ zügig. Dieser Test wird positiv nach sieben bis zehn Tagen, sodass wir dann in der Folge mit Inkubationszeiten von drei bis sieben Tagen auch den Zeitraum tatsächlich im Dezember festmachen können. Die Infektion ist nicht vor dem Dezember, sondern eben am ehesten im Dezember [geschehen]. Wann dann genau, das hängt von der Dynamik in der Herde ab. Damit sieht man aber schon die Komplexität, um Dinge wie Mortalitäten im Kleineren zu bestimmen. Das ist von Herde zu Herde unterschiedlich. Da zählt auch dazu: Wie ist der Gesamtzustand der Tiere, welche Tierspezies ist es genau und dann gibt es zum Teil auch noch Stammunterschiede. Deswegen ist es nicht so genau festzulegen, aber es kann auch eine schwerwiegende Erkrankung geben und das kann bis zu 25 Prozent [Mortalität gehen], das ist ist auch in der Literatur durchaus beschrieben. Da sind es in der Regel Kälber, also junge Rinder, die eine schwere Symptomatik zeigen.
Moderatorin [00:21:48] Ich würde noch mal ein ganz anderes Thema aufwerfen, weil von außen auch tatsächlich viele Fragen zum Thema Impfungen kommen. Frau Sauter-Louis, Sie haben gerade schon mal gesagt, dass andere Länder ja impfen und dann auch ein ganz anderer Eintrag passiert. In Deutschland impfen wir ja nicht gegen MKS. Das können Sie auch gerne gleich noch mal erläutern. Es könnte ja aber geimpft werden, wenn die Entscheidung getroffen wird von diesen Bund-Länder-Versammlungen, von denen ich vorhin schon gesprochen habe. Was müsste da jetzt passieren, dass geimpft würde?
Carola Sauter-Louis [00:22:19] Ich glaube, man muss da unterscheiden. Es gibt Länder, die sind endemisch mit der Krankheit betroffen. Da gibt es tatsächlich Impfungen, die machen diese Impfung regelmäßig jedes Jahr. Das haben wir auch in den 50er-, 60er- bis in die 80er-Jahre hinein gemacht, wo die Tiere einfach geimpft wurden. Das war dann die sogenannte präventive Impfung. Die kommt aber jetzt für uns in Europa nicht mehr in Frage. Europa hat sich entschieden, MKS aus ihrem Gebiet zu verbannen. Wir haben es ja auch erfolgreich bekämpft und demzufolge kommt eine präventive Impfung gar nicht mehr in Frage. Was in Frage kommt, ist eine Notimpfung und die gilt nur im Ausbruchsfall. Da muss man unterscheiden, ob man impfen möchte und welche Konsequenzen das hat. Das hat natürlich nicht nur die Konsequenz, dass es die Tiere schützt, sondern es hat auch die Konsequenz, dass es ganz starke Handelsrestriktionen mit sich zieht. Und es ist tatsächlich so, Herr Beer hat es vorher erwähnt und deshalb würde ich die Frage jetzt auch gleich an ihn weitergeben: Es gibt zum Glück eine europäische und es gibt eine deutsche Impfstoffbank, wie eine Versicherung, wo man Impfstoff kurzfristig abrufen kann. Aber die Details kann sicher Herr Beer erklären.
Moderatorin [00:23:41] Darf ich kurz eine Nachfrage bei Ihnen stellen? Sie hatten es über Handelsrestriktionen. Das war mir nicht klar, dass eine Impfung auch wiederum dazu führen würde, dass man wahrscheinlich stärkere Restriktionen hätte im Export, weil es so gehandhabt wird, als würde noch ein Virusgeschehen da sein, obwohl es durch eine Impfung kommt und nicht durch einen Ausbruch, ist es so zu erklären?
Carola Sauter-Louis [00:23:58] Das ist häufig so. Viele Länder, viele Drittländer sagen: Nein, wir gehen auf null Risiko und wir wollen aus keinem Land, das auch nur gegen MKS impft [importieren]. Von daher wird es Handelsrestriktionen nach sich ziehen.
Moderatorin [00:24:14] Aber Herr Beer, gehen Sie gerne noch mal auf die Impfdatenbanken oder Impfstoffbanken ein und ich würde die Frage anschließen: Den Serotyp kennen wir ja jetzt und wie schnell könnten wir den da abrufen und wo würde der genau produziert werden der Impfstoff?
Martin Beer [00:24:30] Noch einmal auf die Frage, die Carola [Sauter-Louis] hatte mit den Restriktionen durch Impfung – da muss man immer unterscheiden, so wie es jetzt bei den Handelsrestriktionen auch ist: Drittländer, die nicht zur EU gehören, können dort andere Maßnahmen ergreifen. Die EU ist eine Gemeinschaft, die sich geeinigt hat, eben nicht vorher schon alles zu sperren, sondern lässt eine Regionalisierung zu. Deswegen gibt es Unterschiede, ob ein Drittland wie Südkorea gar nichts mehr annimmt. Das gilt innerhalb der EU nicht. Da ist das tatsächlich über die Zonen geregelt. Und so ist es auch – deswegen sage ich das – bei den Impfstoffen. Da gibt es ganz klare EU-Regeln. Es gibt aber auch internationale Regeln. Und es ist wichtig zu verstehen, dass das ein markierter Impfstoff ist, also die Impfstoffe, die wir zu einer Notimpfung einsetzen würden. Und das ist auch der Unterschied zu der prophylaktischen Impfung. Wir sind ein Land, das frei ist ohne Impfung. Die Impfung ist erst einmal grundsätzlich verboten, denn das erlaubt den höchsten Status und hat keinerlei Handelsrestriktionen. Den Status haben wir jetzt verloren, und falls man sich entscheiden würde, zur Eindämmung zu impfen, dann ist das eine Notimpfung, zum Beispiel in Form eines Ringes, der verhindert, dass das Virus sich weiter ausbreiten kann in andere Regionen. Das ist das Konzept, und man hat natürlich vorsorglich für diese Notimpfung, damit dieser Impfstoff nicht monatelang produziert werden muss, für die meisten Serotypen eine Impfbank. Und das haben mehrere Länder. Das hat die Europäische Union und auch Deutschland. Die Impfbank wird finanziert von den Bundesländern, weil Tierseuchenbekämpfung in ganz vielen Bereichen Ländersache ist. Und dort wird bei einer sehr großen Firma das inaktivierte, das abgetötete Antigen eingelagert, bei sehr niedrigen Temperaturen in flüssigem Stickstoff, aber in sehr hoher Konzentration, sodass innerhalb von etwa einer Woche bis zu 1,5 Millionen Dosen pro Serotyp produziert werden können. Und dann kann man da sehr schnell sehr spezifisch reagieren. Wichtig ist: Die Aktivierung ist dafür da, gerüstet zu sein. Sie ist aber unabhängig vom Einsatz. Es kann auch sein, dass man diese, Frau Sauter-Louis hat es gesagt, Versicherungskarte zieht, um nicht noch einmal warten zu müssen, wenn sich das Geschehen verschlechtern sollte. Das Auslösen der Impfstoffbank bedeutet noch nicht automatisch, dass auch geimpft wird, sondern es ist ein Verfahren im Rahmen dieser ganzen Notfallsituationen, die jetzt so, wie wir es seit 37 Jahren besprechen, planen, diese Banken einsetzen, umgesetzt werden. Und da es ein markierter Impfstoff ist, der die Unterscheidung geimpfter von infizierten Tieren zulässt, und zwar in Form von Antikörpern, haben wir auch eine Diagnostikabank bei einer anderen Firma. Da liegt genau dieser Test, der die Unterscheidung zulässt, weil wenn ich impfe, dann muss ich ganz, ganz viel testen, um zu zeigen, dass sich auch die geimpften Tiere nicht infiziert haben. Das ist dann der Beweis, dass ich keine Seuche mehr habe, und dann kann ich sogar mit Impfung nach einer gewissen Zeit die Freiheit erlangen. Aber, Frau Sauter-Louis hat es angesprochen, Drittländer sehen das zum Teil anders. Und die Zeiten können dann auch länger werden. Deswegen hängt die Impfentscheidung immer von der Situation ab. Die erste Entscheidung ist oder die erste Maßgabe ist: das Geschehen eingrenzen, verstehen, wie groß es ist. In dieser Zeit kann man dann auch schon die Impfstoffbank auslösen, und im Verlauf des weiteren Geschehens, ohne Verzögerung dann, könnte eine Impfentscheidung fallen oder eben nicht. Das ist das Vorgehen.
Moderatorin [00:28:39] Und das heißt, bisher ist noch keiner der beiden Schritte ausgelöst worden, also weder die Impfstoffbank wurde beauftragt: "Jetzt macht mal bitte die 1,5 Millionen Dosen, die ihr könnt" noch ist der Antrag gestellt worden: "Ich möchte jetzt aber gerne impfen." Das müssten dann die Länder machen. Hab ich es richtig verstanden, dass ein Land sagt: "Es ist hier jetzt zu heikel. Ich würde gerne schon einmal Schritt A und dann bitte auch Schritt B machen."
Martin Beer [00:29:04] Es würde einer gemeinschaftlichen Diskussion und Entscheidung der Länder [bedürfen], und mindestens ein Bundesland müsste dann die Bank aktivieren.
Moderatorin [00:29:15] Und das ist noch nicht geschehen?
Martin Beer [00:29:17] Nach meiner Kenntnis, bis vor dieser Sitzung habe ich nicht davon gehört. Natürlich laufen die Diskussionen.
Carola Sauter-Louis [00:29:26] Vielleicht darf ich noch ergänzen: Man muss ganz klar Schritt A und B unterscheiden. Man kann Schritt A auslösen, ohne dass über B diskutiert wird.
Moderatorin [00:29:37] Ja.
Martin Beer [00:29:38] Die Diskussionen [gehen] in erster Linie über Schritt auslösen oder nicht, weil das Auslösen gibt mir Zeit, falls doch noch in den nächsten Tagen beispielsweise ein zweiter Betrieb gefunden würde. Und mit jedem weiteren Betrieb und eventuell auch in weiteren Entfernungen oder in einer Region die Vieh-dichter ist, steigt die Impfwahrscheinlichkeit. Und wenn man sehr lange damit wartet, dann muss man immer diese sieben Tage dazuzählen. Und das sind die Entscheidungsabläufe, die ineinandergreifen müssen und die, wie ich schon gesagt habe, in den letzten mehr als 30 Jahren Schritt für Schritt vorbereitet wurden. Wir befinden uns jetzt tatsächlich in einem Notfallszenario, das auch auf internationaler Ebene immer wieder durchgespielt wird und natürlich nach so vielen Jahren häufig auch vielleicht am Anfang gar nicht ernst genommen wird. Man sieht aber, man muss solche Bedrohungen durch Viren, die sich außerhalb befinden, mit denen wir nichts mehr zu tun haben, auf jeden Fall ernst nehmen.
Moderatorin [00:30:52] Und müsste die EU solch einem Verfahren noch zustimmen? Oder ist Deutschland befähigt, das allein für sich zu entscheiden? Wenn dann ein Bundesland das auslöst, dann wird diskutiert innerhalb Deutschlands und dann macht man das und berichtet dann nur an die EU?
Martin Beer [00:31:07] Es wäre in erster Linie eine Anzeige an die EU, dass man das jetzt macht. Aber natürlich finden auch dort immer Abstimmungen [statt] und auch international. Die Bundesländer informieren sich gegenseitig, Bundesländer und Bund stehen in täglicher stündlicher Diskussion. Und Deutschland ist auch in Dauerdiskussionen natürlich oder informiert alle Länder in der EU. Wir sind eine Gemeinschaft dort, und [diese transparente Information ist ganz wichtig].
Moderatorin [00:31:41] Ich habe noch einmal ein ganz anderes Thema, das mir so ein bisschen unter den Nägeln brennt, muss ich sagen. Das alles ist ja im Prinzip eine Abwägung von Tierleid auf der einen Seite – [Tiere,] die eine Erkrankung kriegen, von der sie sich aber erholen könnten. Zwar sterben auch x Prozent daran. Allerdings ist das keine Krankheit, die alle Bestände dahinraffen würde. So habe ich es zumindest wahrgenommen. Abgewogen [wird das] mit ökonomischen Bedenken: Das Virus könnte uns die Bestände oder die Produktion sogar so einschränken, sodass wir [nicht] exportieren können als Wirtschaftsnation. Wie werden solche Abwägungen getroffen? Wird das sehr aktuell dann auch diskutiert mit: "Oh, jetzt steht das auf dem Spiel, jetzt impfen wir lieber." Ich finde diese Abwägung zwischen Ökonomie, Tierleid oder Tiergesundheit – das könnte man ja auch so drehen – äußerst schwierig. Und mich würde interessieren, inwiefern das Thema ist in solchen Runden. Können Sie da Einblicke geben? Ich weiß, das ist nicht unbedingt Ihre Expertise, das geht ja in die Ethik.
Martin Beer [00:32:41] Ich könnte ja einmal starten, und Frau Sauter-Louis ergänzt, weil es greift wirklich in alle Expertisen hinein, und es ist genau so, wie Sie es sagen, das ist ein dynamischer Prozess. Das ist ein dauerndes Abwägen und die Situation in diese Abwägung miteinbeziehen. Und da ist die Region jetzt eine sehr günstige, weil eben so wenig Tiere in dieser Region stehen. Es sind weniger als 10.000 Tiere in der Zehn-Kilometer-Zone. In anderen Regionen in Deutschland wäre das vielleicht das Zehn- bis 50-fache. Das sind ganz andere Dimensionen. Das heißt, das ist natürlich regionabhängig, situationsabhängig. Sie haben jetzt wirtschaftliche Gesichtspunkte angesprochen, aber natürlich müssen auch Tierwohl-Gesichtspunkte dort eingehen. Und beim Tierwohl gehört einerseits dazu: Können Tiere überhaupt noch den Betrieb verlassen? Was bedeutet das? Und auch die Erkrankung selber: Selbst wenn sich Tiere erholen, das wissen wir aus den vergangenen Jahrzehnten, deswegen wurde auch geimpft, weil sich häufig Tiere eben nicht mehr gut erholen. Die Leistungsfähigkeit – bei der Milch fällt das besonders auf – die kommt vielleicht nie mehr zurück, und dann kommt man wieder in die Wirtschaftlichkeit. Also hat man kranke Tiere, unwirtschaftliche Tiere. Und durch diese Bekämpfungsmaßnahmen, weil man diese ganzen Dinge nicht möchte, sind die Maßnahmen so drastisch. Und die sind bei MKS auch deswegen so drastisch, weil wenn das Virus mal in Bewegung ist, dann ist es schwer zu stoppen, weil die Übertragungstendenz durchaus hoch ist. Und in so einer Virusaphte, dass man sich das vorstellen kann, da können auch mal mehr als zehn Milliarden infektiöse Einheiten pro Milliliter sitzen, und ich brauche vielleicht nur zehn, um ein Tier zu infizieren. […] Immer dann, wenn es mehrere Tiere betrifft und diese Aphten beteiligt sind und man erkennt es nicht, dann kann das sehr dynamisch werden. Und deswegen zählt jeder Tag. Und deswegen sind wir über jeden Tag froh, wo kein zweiter Betrieb auftritt, weil die Virusquellen, die wir kennen, wurden ja jetzt getötet. Damit ist das Virus weg. Diese Quelle ist entfernt, und wenn wir Glück haben und es gibt keine Kontakte, dann ist so ein MKS-Fall "glimpflich" abgegangen. Aber es ist zu früh, das jetzt schon festzulegen.
Moderatorin [00:35:17] Frau Sauter-Louis, möchten Sie dazu noch etwas ergänzen, gerade zu den Abwägungssachen und eben vielleicht zu diesem "bigger picture"? Diesen Freiheitsstatus von MKS, den wir uns ja erarbeitet haben, haben wir im Prinzip vor allen Dingen auch aus ökonomischen Perspektiven gemacht, oder?
Carola Sauter-Louis [00:35:35] Da bin ich jetzt tatsächlich überfragt. Wahrscheinlich waren damals ökonomische Gründe mit ausschlaggebend, aber ich glaube, man darf bei MKS auch das Tierwohl nicht vergessen. Ich hatte die Gelegenheit, so muss ich vielleicht sagen, in endemisch durchseuchten Ländern schon einmal MKS-Tiere zu sehen. Und da muss ich sagen, das ist kein schöner Anblick. Die Tiere fressen über zwei Wochen lang nichts, die sehen aus wie ein Klappergestell. Die stehen da, haben Schmerzen. Man sieht das ganz klar den Tieren an, die schlucken nicht, sondern der Speichel läuft aus dem Maul heraus. Sicher, die ökonomischen Gründe spielen da alle eine Rolle, aber ich glaube, das Tierwohl spielt auch eine ganz große Rolle, weil es den Tieren so schlecht geht. Und dann ist es so, wie Herr Beer gesagt hat, die Aphten, diese Bläschen, die springen dann irgendwann auf, dann ist darunter das rohe Fleisch. Und dann können Sie sich vorstellen, dass das Tier nicht mehr fressen will. Und dann passiert eben häufig, dass es dann zu Sekundärinfektionen kommt, die Tiere dann noch mehr Fieber haben, noch mehr krank sind. Das Tierwohl, der Tierwohl-Effekt hat da sicher auch immer mit eine Rolle gespielt.
Moderatorin [00:36:53] Okay.
Martin Beer [00:36:53] Ich würde vielleicht noch ergänzen, warum das in einem freien Gebiet gar nicht so einfach ist zu sagen, ich impfe einfach weiter. Wir haben diese vielen Stämme weltweit, wir haben die sieben Serotypen, aber es gibt sogar innerhalb der Serotypen manchmal Stämme, die nicht richtig passen. Da brauche ich immer wieder einen neuen passenden Impfstamm. Diese Länder, die dauernd impfen, müssen auch nachjustieren. Und wir wissen aber jetzt nicht, welcher Stamm kommt. Der Serotyp O ist sehr weit verbreitet. Es gibt sehr gute Vakzine. In der Bank hat Deutschland sogar zwei Stämme für O, und da kann man dann abwägen, was man macht. Man kann diese Stämme sogar mischen in einer Vakzine, um den Impfstoff noch potenter zu machen. Und das heißt, wir wüssten gar nicht: Gegen was impfen wir denn jetzt? Und eine Septavalente, wenn wir alle sieben hineingeben, selbst die müssten wir anpassen. Das wäre ein horrender Aufwand. Das ist nicht wirklich wirtschaftlich abbildbar und zum Teil auch virologisch nicht sinnvoll, sondern wir müssen, so, wie wir es jetzt getan haben, in verschiedenen Szenarien denken. Und das Erste ist: Die Früherkennung muss sichergestellt sein. Und wenn ich es dann erkannt habe, wie dämme ich es ein, und dabei ist ein Puzzle-Baustein die Notfallimpfung, weil wenn ich dann den Serotyp so schnell wie möglich definiere, dann kann ich auch entscheiden, ob ich es aus der Bank schon einmal aktiviere und dann im weiteren Geschehen, ob es verwendet wird. Und diese Impfstoffe, die sind sehr potent. Das sind Hochkonzentrations-Antigenimpfstoffe. Das heißt, innerhalb von ungefähr einer Woche habe ich kompletten klinischen Schutz.
Moderatorin [00:38:34] Vor Ansteckung, vor Symptomen und vor Weiterverbreitung?
Martin Beer [00:38:37] Ja, kompletten Schutz erst einmal, dass man an den Tieren noch irgendeine Klinik erkennt und auch schon eine drastische Reduktion der Ausscheidung. Und das bedeutet, wenn ich in einer Ringimpfung eine Vielzahl geimpfter Tiere habe, dann kann sich das Virus dort bereits sehr frühzeitig nach der Impfung nicht mehr ausbreiten. Deswegen funktioniert das. Ich muss also nicht Wochen warten, bis eine Impfstoffwirkung eintritt.
Moderatorin [00:39:05] Ich denke, das ist hinreichend klar geworden, wie wir zu dieser Entscheidung kommen: Impfen ja, nein und wann. Ich hab noch so drei kleine Fragen hier stehen, die ich gerne mit hineinnehmen würde, die so ein bisschen "out of the box" kommen. Die eine würde ich an Frau Sauter-Louis richten, und zwar, ob man historisch Vergleiche ziehen kann zu dem Ausbruch 1988. Ehrlicherweise: Ich war da noch nicht geboren. Ich hab mich darüber nicht richtig aufgeschlaut. Kann man da Parallelen ziehen? Gibt es Unterschiede? Kann man irgendetwas für jetzt lernen? Wahrscheinlich hat man daraus gelernt. Aber können Sie das ein bisschen vergleichen?
Carola Sauter-Louis [00:39:39] Ich glaube, aus jedem Ausbruch kann man lernen, auch aus Ausbrüchen von anderen Krankheiten. Man lernt immer dazu. Damals, 1988, war der Auslöser eine pharmazeutische Firma, die Impfstoff hergestellt hat für MKS, also genau für Maul- und Klauenseuche. Von daher ist es jetzt nicht vergleichbar [mit der jetzigen Situation]. Hier wissen wir definitiv, dass wir keine Impfstofffirma in der Umgebung haben. Das ist vielleicht noch ein bisschen zu früh zu sagen. Aber der Ausbruch 1988 war ein relativ kleiner Ausbruch, und ich hoffe sehr, dass auch das, was wir jetzt erleben, die Gemeinsamkeit hat, dass es wirklich bei so einem kleinen Ausbruch bleibt. Aber wie gesagt, man lernt aus jedem Ausbruch mit dazu und das ist das, was Herr Beer vorher auch schon gesagt hat. Wir haben es jetzt 30 Jahre wiedergekäut: Was war damals, was können wir daraus lernen, wo können wir anpassen? Dadurch ist die Impfstoffbank entstanden. Dadurch ist die Diagnostikabank entstanden. Dadurch ist auch viel Forschung durchgeführt worden. Wir lernen auch aus den Ausbrüchen, die im Ausland passieren, also wie 2001 in England oder 2011 in Bulgarien. Auch daraus lernen wir. Das ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung.
Moderatorin [00:41:00] Da will ich anknüpfen mit einer Frage, die ich mir noch gestellt habe. Das ist eine Meta-Frage. Und zwar, ehrlicherweise: Ich habe ja versucht, im Vorhinein dieses Press Briefings noch andere Expertise zu finden, die man auf diesem Podium platzieren könnte. Es ist gar nicht so einfach, weil logischerweise, 1988 war der letzte Ausbruch und da auch nur ein kleiner. Mit diesem Virus beschäftigen sich offenbar die Menschen, die sich per Surveillance damit beschäftigen müssen, aber jetzt auch nicht super viele darüber hinaus. Fehlen auch wissenschaftliche Erkenntnisse dadurch, dass es jetzt so lange her war? Sie haben jetzt gerade beide betont: "Wir beschäftigen uns die ganze Zeit damit und wir wissen eigentlich ganz genau, was zu tun ist und wir arbeiten dran." Aber angenommen, es gäbe noch drei andere Arbeitsgruppen, die daran forschen würden, wären dann noch viel weitere Erkenntnisse zu erwarten? Gibt es da Lücken, die gefüllt werden könnten, wie ist die wissenschaftliche Lage?
Martin Beer [00:41:49] Da würde ich vielleicht einmal einsteigen. Unser Institut heißt nicht umsonst Friedrich-Loeffler-Institut, weil der Herr Loeffler 1898 das Maul- und Klauenseuchevirus als erstes Tier-Virus beschrieben hat. Wir können auf die längste virologische Expertise für dieses Virus zurückblicken. Das ist das, was sich auch abbildet. Was aber auch ist: Es ist ein Virus, das für Tiere in die höchste Sicherheitsstufe fällt. Und es darf in Deutschland zum Beispiel nur am Friedrich-Loeffler-Institut mit infektiösen Viren gearbeitet werden, weil einfach die Gefährlichkeit dieser Viren für Tiere und ausschließlich für Tiere, für Klauentiere, so hoch eingestuft ist. Und es gibt deswegen in der EU nur noch einzelne Labore, die das auch dürfen, beispielsweise in Frankreich oder Italien, also alle größeren Länder, auch die Schweiz hat ein solches Institut. Und diese Experten in der EU sind eng vernetzt und vernetzen sich auch mit Expertinnen und Experten international. Die MKS-Forschungsgemeinschaft ist eine eingeschworene Gruppe. Es gibt auch einen eigenen Treffpunkt, den EUFMD. Das heißt, genau diese Dinge, die wir jetzt auch besprochen haben, werden dort mehrfach im Jahr besprochen, weil das Bedrohungsszenario immer da ist und man versucht, darauf zu reagieren. Da sind aber auch Länder beteiligt, die endemisch durchseucht sind, und dort lernt man natürlich sehr viel, weil die müssen ja jeden Tag mit der Seuche umgehen, und jeder Ausbruch wird dann sehr genau analysiert. Das ist aber der Grund, warum sie deutschsprachig jetzt nicht sofort ganz viele Expertinnen und Experten finden, weil wer wirklich wissenschaftlich mit dem Virus arbeiten will, zumindest mit infektiösem Virus, der braucht ein Speziallabor und einen Spezialstall. In Deutschland sind das nur wir.
Moderatorin [00:43:44] Und der Herr Eschbaumer ist ja hier nicht zu finden. Ich will ihn aber mal erwähnen, weil er wirklich wahnsinnige Arbeit auf dem Feld leistet, glaube ich. Der steht überall mit drauf. Der macht aber gerade seine Arbeit in dem aktuellen Ausbruchsgeschehen. Deswegen ist er nicht hier zu finden. Aber ja, an der FLI-Expertise kommt man nicht vorbei. Herr Beer, ich würde noch eine ganz kurze Frage an Sie richten: Sie haben jetzt schon von verschiedenen Serotypen gesprochen und meines Wissens ist ds MKS-Virus genetisch schon ein relativ variables RNA-Virus. Inwiefern gibt es denn ein Szenario, in dem das auch zu einer Zoonose werden könnte? Gibt es die Gefahr, dass das Virus auf den Menschen übertragen werden könnte?
Martin Beer [00:44:21] Aus meiner Sicht kein mir vorstellbares Szenario. Und das will ich auch ganz einfach begründen. Wir sind ja frei, 1988 war der letzte Fall, und wir waren auch in den Jahren davor – deswegen hat sich Friedrich Loeffler ja damit beschäftigt – sehr stark endemisch betroffen. Und im Moment ist der Großteil der Welt global – Asien, Afrika – von diesem Virus betroffen, [müssen] sich [damit] auseinandersetzen, das heißt, ganz, ganz viele Menschen haben täglich Kontakt zu diesen Viren und das seit vielen, vielen, vielen Jahrzehnten, Jahrhunderten. Und es gibt überhaupt keine Hinweise. Es gibt diese ganz wenigen Berichte in der Literatur. Das sind ganz besondere Einzelfälle, wo jemand durch Kontakt mit einer phfte eine Entzündung zum Beispiel bekommen hat. Und selbst da ist man sich heute nicht mehr sicher – die meisten Berichte sind uralt –, ob das nicht Kontaminationen sind und gar keine echte Infektion. Deswegen findet man in der Literatur etwas. Die Aussage ist aber ganz klar: Dieses Virus ist für den Menschen ungefährlich.
Moderatorin [00:45:31] Eine ganz kleine Frage, an Frau Sauter-Louis, sogar eine Ja-Nein-Frage: Können Igel und Ratten als Träger des Virus infrage kommen?
Carola Sauter-Louis [00:45:39] Nein.
Moderatorin [00:45:43] Super. Dann haben wir auf jeden Fall alle Fragen von außen beantwortet. Eine könnte ich auch noch mit hineinnehmen. Ansonsten würde ich gleich schon zu meiner Abschlussfrage kommen. Und da würde ich einmal einen Blick in die Zukunft wagen. […] Wenn wir jetzt eine Woche weiter sind, was würden Sie sich wünschen? Ein bisschen Best-Case-Worst-Case-Szenario, nehmen wir zwei Wochen. Was für Erkenntnisse haben wir dann gewonnen im Best- oder Worst-Case-Szenario? Und wo stehen wir dann? Frau Sauter-Louis, mögen Sie anfangen?
Carola Sauter-Louis [00:46:17] Ich würde einmal mit dem Worst Case anfangen. […] Worst Case ist, dass Sie uns gar nicht mehr erreichen, dann haben wir Land unter, dann haben wir tatsächlich diesen Worst Case, so war es damals 2001 in England, da ging es wirklich relativ schnell. Best Case ist tatsächlich, dass wir hier in diese Runde wieder zusammensitzen würden und tatsächlich sagen würden, okay, es blieb bei diesem einen Fall.
Moderatorin [00:46:44] Heißt: Worst Case wäre großer Ausbruch, wir finden noch weitere Fälle. Und die Kette geht los.
Carola Sauter-Louis [00:46:51] Genau.
Moderatorin [00:46:53] Herr Beer, haben Sie noch eine Abschätzung?
Carola Sauter-Louis [00:46:57] Du bist stumm.
Moderatorin [00:46:58] Ach so, Entschuldigung, habe ich nicht gesehen, dass er schon gesprochen hat.
Martin Beer [00:47:01] Ich habe noch einen Mittel-Fall dazwischen. Best Case ist klar. Es bleibt bei diesem einen Fall und wir haben keinerlei Hinweise auf irgendeinen anderen Betrieb. Das ist der Best Case. Und dann können wir auch in der kürzestmöglichen Zeit nach der Gesetzgebung frei werden. Worst Case ist auch klar: der große Ausbruch, besonders wenn das Virus einen Sprung gemacht hätte, den wir jetzt erst erkennen, 20, 50, 100 Kilometer entfernt. Vielleicht auch in eine rinderdichte Region. Aber im Moment, sage ich mal, hoffnungsvolles in die Zukunft blicken. Und jede Stunde, jeder Tag ohne weiteres Ergebnis ist eine gute Nachricht. Dazwischen gibt es noch etwas, was wir im Moment auch untersuchen. Das ist, ob Wildtiere in der Region irgendeine Rolle spielen, weil wir haben das Szenario schon besprochen: Wo könnte es denn herkommen? Wir wissen es nicht. Aber wenn es beispielsweise etwas war, was als Lebensmittel weggeworfen wurde, ist das dann direkt mit den Büffeln in Kontakt gekommen oder spielen dort eventuell auch Wildschweine oder anderes Wild – also Klauentiere, und dazu gehören auch wilde Klauentiere – eine Rolle? Im Moment haben wir keine Hinweise dafür. Aber natürlich beziehen wir das mit ein, und es werden umfangreiche Tests starten, um auch diesen Punkt abzuklären. Das Best-Best-Szenario ist tatsächlich keine gehaltenen Tiere mehr und keine Wildtiere.
Moderatorin [00:48:33] Sollte es neue Ergebnisse geben, kann ich nur dafür werben: Melden Sie sich. Frau Sauter-Louis hat sich in zwei Wochen noch einmal diese Runde gewünscht, aber dann mit nichts mehr zu besprechen. Wir können in Kontakt bleiben. Und ich danke allen, die auch jetzt noch Interesse an dieser Veranstaltung hatten und dabei waren und zugehört haben, fleißig Fragen gestellt haben. Wir konnten alle beantworten. Wir haben das Ganze hier aufgezeichnet und werden das auf unserer Webseite zur Verfügung stellen, dass man es auch noch einmal nachsehen und auch nachlesen kann. Es wird nämlich auch transkribiert. Das braucht aber etwas Zeit, weil wir das qualitätsgesichert machen. Und das gibt es dann morgen Vormittag auf der Website. Eine maschinenbearbeitete Version gibt es schon vorher relativ schnell nach dem Press Briefing, wer dann noch einmal etwas nachlesen will, das ist aber dann die "unreine" Version. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Beer und Frau Sauter-Louis. Vielen Dank für Ihre Zeit in doch aufgeregten Zeiten hier für Sie. Schöne Grüße ins FLI würde ich bestellen, und ja, hoffen wir, dass wir uns nicht wiedersprechen, dass die Best-Case-Szenarien eintreten. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch eine schöne Woche.
Martin Beer [00:49:34] Vielen Dank.
Carola Sauter-Louis [00:49:35] Vielen Dank.
Martin Beer [00:49:36] Und alle bitte Daumen halten.
Moderatorin [00:49:38] Machen wir. Danke schön.
Carola Sauter-Louis [00:49:40] Tschüss.

