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15.06.2021

Künftige Herausforderungen der langfristigen Corona-Überwachung

Anlass

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist bereits Teil unserer Geschichte geworden – und immer klarer wird, dass seine Varianten voraussichtlich nicht einfach verschwinden werden. Zu Beginn der Pandemie gab es die leise Hoffnung, eine immunisierte Bevölkerung biete keine Angriffsfläche mehr für den Erreger. Inzwischen geht die Wissenschaft davon aus, dass SARS-CoV-2 bleiben wird. Mehrere neue Varianten zeugen davon. Bei hohem evolutionärem Druck, zum Beispiel bedingt durch Impfstoffe, findet der Erreger immunologische Ausflüchte, den sogenannten immune escape. Die Erreger erproben dabei Wege, das Immunsystem zu täuschen und Immunreaktionen zu umgehen. Die dadurch entstehenden Virusvarianten bedeuten nicht zwangsläufig, dass das Virus dadurch gefährlicher oder ansteckender wird, doch der Erreger sorgt damit dafür, dass er immer wieder neue Menschen erfolgreich infizieren kann. Die Zeitschrift „Foreign Affairs” nannte SARS-CoV-2 daher jüngst „The Forever Virus”.

Eine wichtige Aufgabe für die Wissenschaft und die Behörden wird es künftig sein, SARS-CoV-2 mit all seinen bekannten und neu auftretenden Varianten auch bei niederschwelligen Inzidenzwerten langfristig regelmäßig zu überwachen und die Verbreitung in der Bevölkerung zu erfassen. Um immer dann schnell reagieren zu können, falls sich erneut ein wachsendes Infektionsgeschehen abzeichnet, das verschärfte Maßnahmen erforderlich macht – oder aber sich die Eigenschaften des Virus derart verändern, dass Impfstoffe angepasst werden müssen wie bei den jährlichen Influenza-Impfungen. Je früher ein Ausbruch neuer Varianten von Coronaviren erkannt würde, desto höher wäre die Wahrscheinlichkeit, deren Verbreitung schnell eindämmen zu können. Doch sind wir global und national dafür überhaupt gut aufgestellt?

Auf dem G7-Gipfel im Cornwall regten die Staats- und Regierungschefs an, die kollektive Abwehr von Bedrohungen der globalen Gesundheit voranzutreiben. Man sei sich bewusst, dass die Menschheit noch einen langen Weg vor sich habe, um die Risiken von neuen SARS-CoV-2-Varianten zu bewältigen, die Fortschritte zunichtemachen könnten, heißt es in der Abschlusserklärung [I].

Eine globale Überwachung findet bereits bei Influenzaviren Anwendung: Verschiedene Wissenschaftsdisziplinen beobachten weltweit das Grippevirus, um Vorhersagen über sein Auftreten und geeignete Präventionsmaßnahmen zu treffen. Das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) der Weltgesundheitsorganisation bietet zum Beispiel die dringend benötigte Überwachungsabdeckung, hat aber nur begrenzten Zugriff auf klinische Daten von Patienten. Hinzu kommt: Die globalen krankenhausbasierten Analysenetzwerke sowie die Labore, die einst stark unterstützt wurden, haben in den vergangenen Jahren unter schwindenden Investitionen gelitten.

Um herauszufinden, was in Zukunft für eine globale und nachhaltige Überwachung von SARS-CoV-2 vonnöten wäre, und um Journalistinnen und Journalisten schon jetzt einen Überblick und Hintergrundinformationen über den weiteren Umgang mit dem Pandemievirus zur Verfügung zu stellen, hat die Redaktion des SMC folgende Fragen an Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen gestellt:

1. Welche Strukturen sind nötig, um künftig eine effiziente globale Überwachung von SARS-CoV-2 und dessen Varianten aufzubauen? Inwiefern sind die nationalen und internationalen Arbeitsgruppen zum Influenzavirus ein Vorbild? Was müsste verbessert oder an SARS-CoV-2 angepasst werden?

2. Welche Parameter sollten vorrangig überwacht werden – nationales Infektionsgeschehen, Genomveränderungen, Immunstatus der Bevölkerung? Welche Art der Proben und deren Erhebung eignen sich dafür am besten? Wer sollte hierzulande dafür zuständig sein, welche Ressourcen braucht es?

3. Welche Bedeutung werden künftig regionale Hotspots spielen, wenn das Infektionsgeschehen insgesamt weiter zurückgeht, und wie könnten diese gezielt überwacht (und bekämpft) werden?

4. Auf welche Kennzahlen des Infektionsgeschehens schauen Forschende und auf welche sollte vor allem der Journalismus in der Beobachtung der COVID-19-Pandemie kurzfristig schauen, um das Geschehen richtig einordnen zu können?


Übersicht

     

  • Prof. Dr. Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe emerging viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Universität Genf, Schweiz
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  • Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig
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  • Prof. Dr. Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel, Schweiz
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  • Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith, Professorin für neu auftretende Infektionskrankheiten an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, Vereinigtes Königreich, und Professorin am Heidelberg Institut für Global Health, Universitätsklinikum Heidelberg
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Statements der Expertinnen und Experten zu den Fragen

1. Welche Strukturen sind nötig, um künftig eine effiziente globale Überwachung von SARS-CoV-2 und dessen Varianten aufzubauen? Inwiefern sind die nationalen und internationalen Arbeitsgruppen zum Influenzavirus ein Vorbild? Was müsste verbessert oder an SARS-CoV-2 angepasst werden?


Prof. Dr. Isabella Eckerle

„Da es sich um ein globales Problem handelt, braucht diese Art der Surveillance eine internationale Struktur, und zwar eine, die LMICs (low and middle income countries) genauso miterfasst wie Industrienationen. Strukturen und Netzwerke, die bereits zur Influenza-Surveillance bestehen, können hier tatsächlich als Ausgangspunkt genutzt werden, müssen aber deutlich erweitert werden. Besonders jene Regionen, in denen der Zugang zu Impfstoffen limitiert ist und die noch lange auf eine Durchimpfung der Bevölkerung warten müssen, und in denen gleichzeitig weitgehend unkontrollierte Viruszirkulation stattfindet, stellen Risikogebiete für neue Varianten dar. Genau diese Länder jedoch haben in der Regel die schwächste Laborkapazität. Welche Faktoren bei der Zirkulation von SARS-CoV-2 eine Rolle spielen, ist noch sehr viel weniger gut verstanden als bei der Influenza, sodass man viel breiter und umfassender überwachen muss. Ein weiterer wichtiger Punkt ist in meinen Augen ebenso der Hergang in Tierpopulationen, der überwacht und sofort erkannt werden muss, wie es bereits mehrfach etwa auf Nerzfarmen geschehen ist. Eine solche Surveillance sollte einen sogenannten One Health-Aspekt miteinschließen, der sowohl Mensch als auch (Nutz- und Wild-)Tierpopulationen im Fokus hat.“

Prof. Dr. Gérard Krause

„Das internationale Influenzanetzwerk ist ein gutes Beispiel, sofern es die molekulare Surveillance betrifft. Analog zu dort wäre in Deutschland das nationale Konsiliarlabor zuständig, also das Institut unter der Leitung von Professor Christian Drosten. Anders als bei Influenza stehen aber inzwischen molekulare Daten auch aus sehr vielen Laboren in Deutschland zur Verfügung und gelangen unter anderem über die Meldungen der Gesundheitsämter zum RKI. Somit müsste man diese Quellen ebenfalls berücksichtigen. Diese Daten sollten öffentlich und in Echtzeit der Forschung zugänglich gemacht werden, denn immerhin sind sie mit öffentlichen Mitteln bezahlt und produziert worden, und zwar primär zum Zweck der Diagnostik und öffentlichen Gesundheit und nicht im Rahmen einzeln beantragter Forschungsprojekte. Wenn diese Daten öffentlich verfügbar würden, könnte dem oftmals in einzelnen Instituten vorherrschende Engpass bezüglich der Bioinformatik-Ressourcen eventuell besser begegnet werden.“

Prof. Dr. Richard Neher

„Das Influenza-Überwachungssystem kann tatsächlich ein Vorbild sein. Hier besteht seit Jahren ein globales Netzwerk, das Influenzaviren sammelt und Inzidenzen misst. Die Viren werden in WHO-Zentren laufend charakterisiert. Alle sechs Monate wird eine Empfehlung für die Zusammensetzung des Grippe-Impfstoffs gemacht. Die genomische Surveillance von SARS-CoV-2 (Überwachung der Erbgutsequenz und neu auftretenden Mutationen; Anm. d. Red.) funktioniert mittlerweile in Europa sehr gut, aber bei der Charakterisierung der Varianten und der Risikobewertung wäre mehr internationale Koordination sinnvoll. Dies ist vor allem für die Aktualisierung von Impfstoffen wichtig, die vermutlich für COVID-19 notwendig sein werden. Aber wir sollten hier nicht bei SARS-CoV-2 stehenbleiben. Genomische Überwachung wäre für viele Erreger sinnvoll. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel die Gründung eines Zentrums für genomische Überwachung, das eine solche Überwachung für viele Pathogene koordiniert und die Daten ständig analysiert.“

Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith

„Bei der saisonalen Influenza erfordern Antigendrifts (Zufällige Veränderung von immunitätsbildenden Oberflächenstrukturen (dem Antigen) von Viren; Anm. d. Red.) jährliche Aktualisierungen der Antigenzusammensetzung, da die Wirksamkeit des Impfstoffs deutlich abnimmt, wenn eine Nichtübereinstimmung mit dem Antigen des Vorjahres besteht. Daher gibt es ein von der WHO koordiniertes System zur Vorhersage von Antigendrifts und zur jährlichen Anpassung der Antigenzusammensetzung der Grippeimpfstoffe. Influenza-Impfstoffe werden derzeit jährlich, in der Regel zu Beginn der nächsten Grippesaison, allen Personen mit erhöhtem Risiko für eine schwere Influenza und dem Gesundheitspersonal angeboten. Die Frage ist, ob ein solches System auch für COVID-19-Impfstoffe gelten würde. Um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig, zunächst zu verstehen, ob neue Varianten tatsächlich zu einer deutlich reduzierten Wirksamkeit des Impfstoffs führen, wie es bei der Influenza der Fall ist. Zwar deuten alle bisherigen Erkenntnisse auf eine verringerte Wirksamkeit gegen die besorgniserregenden Varianten hin, aber die Wirksamkeit ist erfreulicherweise nur mäßig verringert, nicht in demselben Ausmaß wie bei Influenza-Impfstoffen. Die Verringerung variiert von Variante zu Variante und von Impfstoffplattform zu Impfstoffplattform, aber im Durchschnitt ist die Wirksamkeit lediglich um 10 bis 30 Prozent reduziert [1][2], obwohl für die Beta(B.1.351)-Variante in einer Studie eine deutliche Reduktion zumindest gegen milde SARS-CoV-2-Infektionen festgestellt wurde [3].“

„Beruhigend ist auch, dass alle bisherigen Erkenntnisse darauf hindeuten, dass die Wirksamkeit gegen leichte Infektionen zwar stärker reduziert sein kann, die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Krankenhausaufenthalte, schwere COVID-Verläufe und Tod jedoch stets hoch bleibt, selbst nach nur einer Dosis [4]. Studien zur Wirksamkeit des Impfstoffs nach der Einführung in Großbritannien zeigten sowohl für die Alpha- als auch für die Delta-Variante einen anhaltend hohen Schutz vor Hospitalisierungen [5][6]. Da die Senkung der Sterblichkeitsrate das wichtigste Ziel der öffentlichen Gesundheit in der derzeitigen Phase der Pandemie ist, sollte der Schwerpunkt weiterhin darauf liegen, einen größeren Anteil der Bevölkerung rasch zu impfen, anstatt Auffrischungsdosen bereitzustellen. Dies ist eine wichtige Botschaft angesichts der Tatsache, dass die Welt nicht über genügend Impfstoffe verfügt, um in diesem Stadium auch nur jedem eine erste Dosis zu verabreichen [7].“

2. Welche Parameter sollten vorrangig überwacht werden – nationales Infektionsgeschehen, Genomveränderungen, Immunstatus der Bevölkerung? Welche Art der Proben und deren Erhebung eignen sich dafür am besten? Wer sollte hierzulande dafür zuständig sein, welche Ressourcen braucht es?


Prof. Dr. Isabella Eckerle

„Eine Surveillance mittels Vollgenomsequenzierung kann den besten Überblick über zirkulierende Varianten geben, allerdings ist die Auswahl der Proben hier sehr wichtig und nicht trivial. Eine gute Surveillance muss geographisch weite Regionen erfassen und repräsentative Proben beinhalten. Es ist also nicht besonders aufschlussreich, wenn viele Proben aus nur einer Region oder einem lokalisierten Ausbruch sequenziert werden, und nicht die Breite des Infektionsgeschehens widerspiegeln. Neben der technisch aufwendigen und teuren Vollgenomsequenzierung, die gerade in ressourcenarmen Regionen ein Problem darstellen kann, können mutationsspezifische PCRs auf Marker-Mutationen einen Überblick verschaffen. Eine weitere wichtige Frage wird ebenso sein, wie viel noch auf SARS-CoV-2 überhaupt getestet wird, wenn die Pandemie vorüber ist, sodass viele milde Infektionen unerkannt bleiben werden. Hier können Sentinel-Untersuchungen (Stichprobenerfassung in repräsentativen Teilen der Bevölkerung zur epidemiologischen Überwachung; Anm. d. Red.) beziehungsweise symptomatische Surveillance für respiratorische Infektionen, zum Beispiel in Hausarztpraxen, eine wichtige Rolle spielen.“

Prof. Dr. Gérard Krause

„Wir müssen definitiv die eindimensionale Bewertung der Pandemie überwinden, die sich auf die nahezu alleinige Betrachtung der Fallzahlen beschränkt. Die im Jahr 2020 ad hoc angelegten großen und repräsentativen Antikörper-Studien müssen nun in eine Art repräsentative Antikörper-Kohorte überführt werden. Anhand einer solche Kohorte kann man die Veränderungen des Immunstatus in der Bevölkerung überwachen. Das Naturwissenschaftliche und Medizinische Institut in Tübingen und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung haben dazu gemeinsam eine Nachweismethode entwickelt, die es erlaubt, den Unterscheid zwischen Antikörpern nach Impfung und Antikörpern nach Infektion zu differenzieren und teilweise auch Virusvarianten zu identifizieren, die die Antikörper verursacht haben.“

Prof. Dr. Richard Neher

„Inzidenzen werden ein wichtiger Parameter bleiben. Sie sind ein guter Indikator für das Infektionsgeschehen. Wir sollten den Fokus aber ebenso weiterhin auf die Genomsequenzierungen legen. Sie kosten nicht viel und helfen uns sehr bei der Charakterisierung der grassierenden Virusvarianten. Wichtig ist auch die serologische Charakterisierung der Varianten und in der Bevölkerung. Hierzu brauchen wir eine Art Biodatenbank, in der Seren von Impflingen liegen und auf die man zurückgreifen kann, wenn neue Virusvarianten auftauchen und man bestimmen will, inwiefern diese vom Immunsystem noch erkannt werden. Werden Varianten beobachtet, vor denen Teile der Bevölkerung nicht mehr ausreichend geschützt sind, wäre es Zeit für eine Auffrischimpfung mit einem aktualisierten Impfstoff. Dies hängt eventuell vom bisherigen Infektionsgeschehen und den verwendeten Impfstoffen ab.“

Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith

„Für Auffrischungsdosen gibt es vier verschiedene Szenarien: Erstens: keine Notwendigkeit für kurzfristige Auffrischungsdosen innerhalb von ein bis drei Jahren nach Ausbruch der Pandemie aufgrund der Tatsache, dass die meisten, wenn nicht alle COVID-19-Impfstoffe eine starke T-Zell-Antwort zusätzlich zur humoralen Antwort induzieren. Zweitens: eine Auffrischungsimpfung mit dem ursprünglichen Stamm, um die Antikörpertiter zu erweitern und zu erhöhen, da es Hinweise darauf gibt, dass höhere Antikörpertiter einen besseren Schutz auch gegen bedenkliche Varianten bieten. Drittens: eine Auffrischungsdosis mit einem variantenangepassten Impfstoff, um einen spezifischen Schutz gegen die zum jeweiligen Zeitpunkt vorherrschende bedenkliche Variante zu bieten. Viertens: eine multivalente Auffrischungsimpfung, die die angestammte Antigenzusammensetzung plus bedenkliche Varianten enthält. Der beste Zeitpunkt für Auffrischungsdosen (innerhalb des ersten Jahres, jedes Jahr oder nur eine einmalige zusätzliche Auffrischung) kann nur durch prospektive Studien bestimmt werden, die die Dauer des Schutzes nach einer natürlichen Infektion und nach einer Impfung untersuchen. Die vorliegenden Daten zum Schutz nach natürlicher Infektion und auch die zunehmende Zahl von Belegen zum impfinduzierten Schutz sind beruhigend, da nur eine geringe Abschwächung berichtet wurde. Es wurde berichtet, dass der Schutz nach einer natürlichen Infektion bis zu elf Monate anhält, und es ist wahrscheinlich, dass bald über eine längere Dauer berichtet wird, wenn die Zeit seit dem Ausbruch der Pandemie vergeht. Nur prospektive Booster-Studien werden beantworten können, welche der vier Optionen die kosteneffektivste wäre. Zusätzlich muss die genomische Überwachung fortgesetzt werden, um neue bedenkliche Varianten zu identifizieren.“

„Die beste Strategie, um die Entwicklung von bedenklichen Varianten zu reduzieren, ist ganz klar die schnelle Immunisierung eines großen Teils der Bevölkerung. Israel ist mit gutem Beispiel vorangegangen: Eine hohe bevölkerungsbezogene Durchimpfungsrate mit zwei Dosen innerhalb weniger Monate führte zu einem deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen und Todesfälle, selbst als die Gesellschaft die Abriegelung und andere nicht-pharmazeutische Maßnahmen lockerte [8]. Trotz der Tatsache, dass die Beta-Variante gemeldet wurde, hat diese Variante angesichts der hohen Durchimpfungsraten nicht zugenommen.“

3. Welche Bedeutung werden künftig regionale Hotspots spielen, wenn das Infektionsgeschehen insgesamt weiter zurückgeht, und wie könnten diese gezielt überwacht (und bekämpft) werden?


Prof. Dr. Isabella Eckerle

„Regionale Hotspots werden dort eine Rolle spielen, wo geringe Impfraten vorliegen und das Virus weiterhin in einer teil-immunen Bevölkerung zirkuliert. Dies kann ganze Länder umfassen, die benachteiligten Zugang zu Impfstoff haben, oder aber bestimmte Bevölkerungsgruppen, die die Impfung aus den verschiedensten Gründen ablehnen. Auch die Rolle von Immunsupprimierten, die über lange Zeit Virus ausscheiden und als einen Ursprung neuer Varianten diskutiert wurden, sollten hier im Auge behalten werden.“

Prof. Dr. Gérard Krause

„Lokale Geschehen werden an Bedeutung wieder zunehmen und damit auch die Rolle der Gesundheitsämter. Deren Personalunterstützung von außen wird aber gerade abgebaut und kann auch nicht nachhaltig in dem Maße wie im vergangenen Jahr aufrechterhalten werden. Somit kommt der Digitalisierung der Arbeitsprozesse weiterhin eine sehr große Bedeutung zu.“

Prof. Dr. Richard Neher

„Ich glaube, regionale Hotspots werden keine große Rolle spielen. Mit zunehmender Impfrate wird das Infektionsgeschehen an Dynamik weiter verlieren und eher nach dem Muster der Grippe oder Erkältungswellen ablaufen. Es wird also voraussichtlich nicht mehr zu einer Karnevalsfeier kommen, bei der die Zahl der Ansteckungen durch die Decke geht. Regionale Unterschiede bleiben aber bei der Nachverfolgung neuer Varianten wichtig.“

Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith

„Regionale Hotspots werden für das Auftreten von Varianten von der Durchimpfungsrate abhängig sein. Hotspots für Varianten werden dort erwartet, wo die Inzidenz hoch und die Durchimpfungsrate noch niedrig ist.“

4. Auf welche Kennzahlen des Infektionsgeschehens schauen Forschende und auf welche sollte vor allem der Journalismus in der Beobachtung der COVID-19-Pandemie kurzfristig schauen, um das Geschehen richtig einordnen zu können?


Prof. Dr. Isabella Eckerle

„Ein wichtiger Punkt ist, dass Surveillance allein noch keine Infektionskontrolle darstellt. Das Monitoring neuer Varianten ist zwar wichtig, um diese möglichst frühzeitig zu erkennen und ihre Dynamik zu beschreiben. Die Vorstellung jedoch, dass man sich durch massive Vollgenomsequenzierung vor der Verbreitung von Varianten schützen kann, ist in meinen Augen ein Trugschluss. Eine effektive Eindämmung kann nur dann stattfinden, wenn sich das Infektionsgeschehen in sehr niedrigen Inzidenzen bewegt, sodass die Nachverfolgung von Kontakten umfassend möglich ist beziehungsweise geeignete Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden, wenn es zum Nachweis einer neuen Variante in einer bestimmten Region kommt. Wenn die Eindämmung schon bei den früheren, weniger ansteckenden Linien von SARS-CoV-2 nicht funktioniert hat, wird dies erst recht nicht bei den ansteckenderen Varianten klappen. Global ist die wichtigste Maßnahme die möglichst schnelle und breite Durchimpfung, sodass dem Virus weniger Gelegenheit gegeben wird, durch evolutionären Druck neue Varianten entstehen zu lassen. Erfreulicherweise allerdings scheinen es bei vielen Varianten unabhängig voneinander die gleichen Mutationen zu sein, die entstehen. Es erscheint so, als habe das Virus nur ein begrenztes Repertoire an Mutationen vorzuweisen, um sich besser anzupassen. Wenn es zeitnah auch Impfstoffe gegen Varianten geben wird, die diese Mutationen abdecken, könnte sich ebenso eine recht stabile Situation einstellen, in der das Auftreten von immer weiteren, neuen Varianten ausgebremst wird.“

Prof. Dr. Gérard Krause

„Die eigentliche Krankheitslast sollte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit liegen, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Politik und die Gesellschaft. Die Krankheitslast berücksichtigt die Folgen einer Erkrankung zum Beispiel durch Arbeitsunfähigkeit, Invalidität oder Tod. Bei der Bewertung der Krankheitslast der Pandemie muss versucht werden, nicht nur die Last in Folge der eigentlichen Infektionen zu betrachten, sondern auch die Last in Folge der Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pandemie zum Einsatz kamen oder kommen. Wir sollten zunehmen auch die Effizienz der Maßnahmen bewerten. Wie viele Infektionen oder Erkrankungen müssen mit wieviel Aufwand und unerwünschten Wirkungen verhindert werden? Derartige Berechnungen sind sehr komplex und konnten in der frühen Phase der Pandemie naturgemäß nicht abgewartet werden. Nun aber ist es an der Zeit, diese Fragen zu beantworten. Vielleicht insgesamt ebenso wichtig ist es, wieder andere gesundheitliche Belange zu betrachten.“

Prof. Dr. Richard Neher

„Wichtig wäre es, stets zu wissen, wie die Virusvarianten von verschieden immunisierten Menschen erkannt werden und welche Varianten wo zirkulieren. Wie sich Wiederinfektionen und Impfdurchbrüche klinisch präsentieren ist ein weiterer wichtiger Parameter. Ein Fokus auf tages-aktuelle Inzidenzen macht, so wichtig diese Kennzahl im Moment noch ist, vermutlich bald keinen großen Sinn mehr. Wichtig ist eine hohe Impfrate, sowohl hier als auch global.“

Prof. Dr. Annelies Wilder-Smith

„Folgende Faktoren müssen überwacht werden: Inzidenz von Neuerkrankungen und Inzidenz von Krankenhausaufenthalten in geimpften gegenüber ungeimpften Bevölkerungsgruppen, in Ländern mit hoher Impfabdeckung gegenüber Ländern mit niedriger Impfabdeckung sowie die genomische Zusammensetzung der Durchbruchskrankheit bei geimpften Personen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Gérard Krause: „Von 2000 bis 2013 war ich Fachgebiets- beziehungsweise Abteilungsleiter im Robert-Koch Institut und in dieser Funktion maßgeblich an der Bewältigung epidemischer Lagen von nationaler Tragweite beteiligt (zum Beispiel SARS 2003, H5N1 Influenza 2009, EHEC 2011). Meine Abteilung am HZI ist Empfänger von Drittmitteln zu COVID-19-Forschung unter anderem von folgenden Ministerien: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Seit 2015 bin ich wissenschaftlicher Leiter des digitalen ‚Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System‘ (SORMAS), welches in Gesundheitsämtern in Deutschland und im Ausland für das Fall- und Kontaktpersonenmanagement zum Einsatz kommt. SORMAS ist open source und steht ohne Lizenzgebühren frei zur Verfügung. Außerdem folgendes Patent: Low Bandwidth Database Synchronization (LBDS): Ein Verfahren zur mobilen Datenbanksynchronisierung in Regionen ohne Internetanbindung.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die von den Expertinnen und Experten zitiert wurden

[1] Abu-Raddad LJ et al. (2021): Pfizer-BioNTech mRNA BNT162b2 Covid-19 vaccine protection against variants of concern after one versus two doses. J Travel Med; 81 (4): 495-501. DOI: 10.1007/s40265-021-01480-7.

[2] Abu-Raddad LJ et al. (2021): Effectiveness of the BNT162b2 Covid-19 Vaccine against the B.1.1.7 and B.1.351 Variants. N Engl J Med. DOI: 10.1056/NEJMc2104974.

[3] Madhi SA et al. (2021): Efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 Covid-19 Vaccine against the B.1.351 Variant. N Engl J Med; 384: 1885-98. DOI: 10.1056/NEJMoa2102214.

[4] Vasileiou E et al. (2021): Interim findings from first-dose mass COVID-19 vaccination roll-out and COVID-19 hospital admissions in Scotland: a national prospective cohort study. Lancet; 397: 1646-57. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00677-2.

[5] Lopez Bernal J et al. (2021): Effectiveness of the Pfizer-BioNTech and Oxford-AstraZeneca vaccines on covid-19 related symptoms, hospital admissions, and mortality in older adults in England: test negative case-control study. BMJ; 373: n1088. DOI: 10.1136/bmj.n1088.

[6] Lopez Bernal J et al. (2021): Effectiveness of COVID-19 vaccines against the B.1.617.2 (Delta) variant. NEJM 2021; in press. Preprint veröffentlicht bei Knowledge Hub.

[7] Wouters OJ et al. (2021): Challenges in ensuring global access to COVID-19 vaccines: production, affordability, allocation, and deployment. Lancet; 397: 1023-34. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00306-8.

[8] Leshem E et al. (2021): COVID-19 vaccine impact in Israel and a way out of the pandemic. Lancet; 397: 1783-5. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01018-7.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Offizielles G7-Summit-Communiqué: Our Shared Agenda for Global Action to Build Back Better.

Weitere Recherchequellen

Scott J et al. (2021): Identifying and Tracking SARS-CoV-2 Variants — A Challenge and an Opportunity. NEJM. DOI: 10.1056/NEJMp2103859.

Gomez GB et al. (2021): Uncertain effects of the pandemic on respiratory viruses. Science; 372 (6546): 1043-1044. DOI: 10.1126/science.abh3986.

Science Media Center (2021): Wie gelingt die Überwachung der Varianten von SARS-CoV-2 national und international? Rapid Reaction. Stand: 27.01.2021.