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29.03.2017

Zunehmend prophylaktische Mastektomien bei jungen Frauen mit einseitigem Brustkrebs

Anlass

Junge Frauen mit lokal invasivem Krebs in einer Brust lassen sich zunehmend häufiger prophylaktisch auch die andere, gesunde Brust abnehmen. Dabei gibt es keine Evidenz, dass diese Mastektomie einen lebensverlängernden Effekt hat. Die zunehmende Häufigkeit der Operation zeigt eine Studie aus den USA, in der die regionalen Unterschiede des Eingriffs in den Jahren 2004 bis 2012 untersucht wurden und die am 29.03.2017 im Fachjournal JAMA Surgery veröffentlicht wurde.

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinikum Köln

Statements

Frau Prof. Dr. Rita Schmutzler

Direktorin des Zentrums Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinikum Köln

„Diesen Trend hatten zuvor bereits Daten aus dem kalifornischen Krebsregister [1] gezeigt. Der Anstieg geht einher mit einer zunehmenden Kenntnis über mögliche genetische Risikofaktoren für Brustkrebs, die durch das Outing berühmter Personen wie Angelina Jolie vorangetrieben wurden. Denn die Risikogene BRCA1 und BRCA2 begünstigen auch das Risiko für die Entstehung eines zweiten Brustkrebses in der kontralateralen Brust. Daher ist bei diesen Patientinnen tatsächlich eine kontralaterale Brustdrüsenentfernung unter Berücksichtigung der Prognose des Erstkarzinoms in Erwägung zu ziehen.“

„Allerdings wird nur in einem Bruchteil der Familien mit gehäuftem Auftreten von Brustkrebs auch tatsächlich eine genetische Veränderung in diesen beiden Hochrisikogenen gefunden. Es wurde in der Folge jedoch fälschlicherweise angenommen, dass die Zweiterkrankungsrisiken in den BRCA1/2 negativen Familien ähnlich hoch seien und der konkrete Gendefekt nur noch gefunden werden muss. Dieser Annahmen wiedersprachen schon vor Jahren epidemiologische Daten des deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Eine umfangreiche Auswertung der prospektiven Inzidenzraten für das Zweitkarzinom zeigten nämlich, dass die BRCA1/2 negativen Patientinnen trotz familiärer Belastung ein deutlich niedrigeres Risiko haben, an einem kontralateralen Zweitkarzinom zu erkranken als die BRCA1/2 Mutationsträgerinnen [2]. Die wahrscheinlichste Erklärung war, dass die noch unbekannten Risikogene ein niedrigeres Risiko vermitteln. Dies konnte in jüngster Zeit durch die Identifizierung neuer Risikogene mittels genomweiter Analysen bestätigt werden – das heißt, die überwiegende Zahl der neuerdings identifizierten Risikogene und Risikoloci vermittelt ein nur wenig bis moderat erhöhtes Risiko [3].“

„In Deutschland haben die Zentren des deutschen Konsortiums diese Ergebnisse über die vergangenen Jahre hinweg intensiv kommuniziert und in führende Leitlinien wie die der AGO Mamma oder die S3-Leitlinie Brustkrebs eingebracht. Es scheint, als dass dadurch eine unreflektierte und nicht evidenzbasierte Übertherapie im Ausmaß wie in den USA vermieden werden konnte.“„Um vergleichbare Zahlen für Deutschland zu denen aus der vorliegenden Studie habe ich mich im vergangenen Jahr bemüht. Die epidemiologischen Krebsregister dokumentieren diese aber nicht, die klinischen Krebsregister laufen noch nicht ausreichend gut und die Datenerhebung der Deutschen Krebsgesellschaft aus den zertifizierten Zentren lässt dazu auch keine Aussage zu.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Nash R et al. (2017): State Variation in the Receipt of a Contralateral Prophylactic Mastectomy Among Women Who Received a Diagnosis of Invasive Unilateral Early-Stage Breast Cancer in the United States, 2004-2012. JAMA Surgery. DOI: 10.1001/jamasurg.2017.0115.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Kurian AW et al. (2014): Use of and mortality after bilateral mastectomy compared with other surgical treatments for breast cancer in California, 1998-2011. JAMA 312(9):902-14. DOI: 10.1001/jama.2014.10707.

[2] Rhiem R et al. (2012): The risk of contralateral breast cancer in patients from BRCA1/2 negative high risk families as compared to patients from BRCA1 or BRCA2 positive families: a retrospective cohort study. Breast Cancer Res, 14(6): p. R156. DOI: 10.1186/bcr3369.

[3] Neidhardt G et al. (2016): Association Between Loss-of-Function Mutations Within the FANCM Gene and Early-Onset Familial Breast Cancer. JAMA Oncology, DOI: 10.1001/jamaoncol.2016.5592

Weitere Recherchequellen

Kurzfassung der Leitlinie „Mammakarzinom der Frau; Diagnostik, Therapie und Nachsorge“ vom Juli 2012.

Aktuelle Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie, Kommission Mamma.