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28.10.2019

Wirkung von Süßstoffen auf die Gesundheit von Kindern

Anlass

Kinder und Jugendliche konsumieren zunehmend Süßstoffe, ohne dass bekannt ist, wie sich das langfristig auf ihre Gesundheit auswirkt. Eine neue Leitlinie der American Academy of Pediatrics (AAP) fasst die aktuelle Datenlage zu nicht-nahrhaften Süßstoffen („Nonnutritive Sweeteners“, NNS) zusammen und empfiehlt eine genauere Kennzeichnung von Lebensmitteln. Sie wurde in der Fachzeitschrift „Pediatrics" veröffentlicht (siehe Primärquelle).

Die Anzahl an NNS-haltigen Produkten hat sich in den USA in den vergangenen Jahren vervierfacht. Bereits 2012 konsumierten etwa 20 Prozent der US-amerikanischen Kinder solche Produkte täglich. Eltern achten bei der Wahl von Produkten häufig nur auf das Label „zuckerreduziert“. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass diese oft Süßungsmittel enthalten.

Die aktuelle Datenlage zu potenziellen – vor allem langfristigen – Wirkungen auf die Gesundheit ist widersprüchlich und lückenhaft. Ursprüngliche Bedenken, dass NNS das Krebsrisiko erhöhen, wurden mittlerweile größtenteils entkräftet; inwiefern sich die meist kalorienfreien Ersatzstoffe aber auf Stoffwechsel, Appetitregulation, Geschmackswahrnehmung und das Mikrobiom auswirken und dadurch möglicherweise die Entstehung von Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen fördern, lässt sich aufgrund der fehlenden Daten zum Konsum nicht abschließend klären. Umstritten ist sogar, ob Süßstoffe – die häufig auch zu Diätzwecken eingesetzt werden – tatsächlich beim Abnehmen helfen oder womöglich das Gegenteil bewirken.

Auch für den europäischen Raum ist anzunehmen, dass die Anzahl an süßstoffhaltigen Produkten und ihr Konsum durch Kinder und Jugendliche zugenommen hat. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat gerade begonnen, alle vor 2009 zugelassenen Süßungsmittel bezüglich ihrer gesundheitlichen Unbedenklichkeit neu zu bewerten [I]. Eine Bewertung durch die EFSA ist Pflicht, bevor ein Süßungsmittel in einem EU-Mitgliedsstaat zugelassen werden kann; dabei setzt die Behörde auch die für ein Produkt zulässigen Höchstmengen fest. In die neue Risikobewertung soll einfließen, was bislang zu gesundheitlichen Auswirkungen bekannt ist, welche Mengen die Lebensmittelindustrie ihren Produkten zusetzt und in welchem Ausmaß diese Produkte von der Bevölkerung konsumiert werden. Sie soll bis Ende 2020 abgeschlossen sein.

 

Übersicht

     

  • PD Dr. Sandra Hummel, Leiterin der Arbeitsgruppe Gestationsdiabetes, Institut für Diabetesforschung, Helmholtz-Zentrum München
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  • Prof. Dr. Susanne Klaus, Leiterin der Abteilung Physiologie des Energiestoffwechsels, Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE), Potsdam-Rehbrücke
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Statements

PD Dr. Sandra Hummel

Leiterin der Arbeitsgruppe Gestationsdiabetes, Institut für Diabetesforschung, Helmholtz-Zentrum München

Zu den Inhalten der Leitlinie:
„Die Aussagen kann ich nur unterstützen – die Empfehlungen sind angemessen und auf Europa übertragbar. Ich würde noch hinzufügen, dass bei Kindern mit einem überdurchschnittlich hohen Süßstoffkonsum (zum Beispiel bei Kindern mit Typ 1-Diabetes) gelegentliche ADI-Überschreitungen (akzeptable tägliche Aufnahmemenge, wird von der EFSA festgelegt; Anm. d. Red.) für Cyclamat beobachtet werden konnten und dass betroffene Familien dahingehend beraten werden sollten.“

„Eine klare Kontraindikation besteht für den Verzehr von Aspartam-haltigen Lebensmitteln oder Süßstoffen bei Kindern mit der angeborenen Stoffwechselstörung Phenylketonurie. Diese Kinder können die Aminosäure Phenylalanin, ein Bestandteil von Aspartam, nicht richtig in ihrem Körper abbauen und sollten deshalb Aspartam-haltige Lebensmittel und Süßstoffe unbedingt meiden.“

„Darüber hinaus gibt es bislang keine Anhaltspunkte, dass Süßstoffe bei einer Dosierung unterhalb des ADI-Wertes gesundheitlich bedenklich sind. Allerdings ist die Datenlage zu Langzeiteffekten eines regelmäßigen Konsums von NNS bei Kindern und Jugendlichen immer noch unzureichend, um eine abschließende Einschätzung abgeben zu können.“

Auf die Frage, ob Art und Menge aller in einem Produkt enthaltenen Süßungsmittel gekennzeichnet werden sollten:
„Ein Labeling wäre hilfreich – sowohl für den Verbraucher, wenn es um die individuelle Abschätzung der täglichen Zufuhr an NNS geht, als auch für die Wissenschaft, um zum Beispiel die tägliche Aufnahme von Süßstoffen bei Kindern zu erfassen. Bislang wurde für Deutschland zwar über die Verzehrhäufigkeit von künstlich gesüßten Lebensmitteln (Getränken) berichtet, Daten zur genauen Menge und Art der verzehrten Süßstoffe liegen jedoch (meines Wissens) für deutsche Kinder nicht vor.“

„Eine Gewichtsabnahme durch den Gebrauch von NNS ist wohl vor allem durch eine verminderte Kalorienaufnahme zu erklären, wenn bei gleichbleibender Nahrungsmittelaufnahme Zucker durch Süßstoff ersetzt wird.“

„Forschungsbedarf besteht vor allem in der Langzeitwirkung von Süßstoffen auf die Gewichtsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Dabei sollte insbesondere die Menge und Art des verzehrten Süßstoffes berücksichtigt und deren potenzielle Wirkmechanismen untersucht werden: Wie beeinflusst der Süßstoffkonsum die tägliche Energiezufuhr, das Appetitverhalten beziehungsweise die Geschmackspräferenzen? Dabei gilt es auch andere Faktoren, die die Gewichtsentwicklung beeinflussen können, zu berücksichtigen.“

„Einige Studien deuten darauf hin, zeigen aber nicht abschließend, dass die Verwendung von Süßstoffen die Aufnahme von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken fördern kann, indem sie die Geschmacksvorlieben beeinflussen. Auch hier müssen noch weitere Langzeituntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden, um den Effekt von Süßstoffen auf Geschmacksvorlieben, Appetitregulation, Gesamtenergiezufuhr und Stoffwechsel besser bewerten zu können.“

Prof. Dr. Susanne Klaus

Leiterin der Abteilung Physiologie des Energiestoffwechsels, Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE), Potsdam-Rehbrücke

„Ich teile die Meinung der Autoren, dass die Langzeitwirkungen von künstlichen Süßstoffen bei Kindern unzureichend bekannt sind. Obwohl akute toxische Effekte oder Stoffwechselwirkungen höchst unwahrscheinlich sind, ist es noch weitgehend unklar wie diese Süßstoffe die Nahrungswahrnehmung und dadurch das Appetitverhalten langfristig beeinflussen.“

„Die langfristigen Auswirkungen des regelmäßigen Konsums von NNS bei Kindern sind bisher noch nicht untersucht worden. Daher ist es schwierig, einzuschätzen, ob gesundheitsbedenkliche Wirkungen auch unterhalb des ADI-Wertes eintreten können.“

„Die Empfehlung zur besseren Kennzeichnung von Lebensmitteln ist sehr begrüßenswert und wäre sicherlich auch in Europa sinnvoll in Anbetracht der zunehmenden Verbreitung von stark verarbeiteten Lebensmitteln, auch für Kinder und Kleinkinder.

„Nach bisherigen Erkenntnissen kann der Einsatz von NNS hilfreich bei der Gewichtsreduktion sein. Es funktioniert aber nur dann, wenn die Energiezufuhr insgesamt reduziert wird. Meiner Meinung nach besteht ein potenzielles Problem bei langfristiger NNS-Einnahme in der Gewöhnung an den Süßgeschmack und einer dadurch eventuell veränderten Geschmackspräferenz. Dazu besteht noch dringender Forschungsbedarf.“

Auf die Frage, wie sich kalorienfreie Süßstoffe auf Appetitregulation, Energie- und Fettstoffwechsel auswirken:
„Dazu ist die Forschungslage noch sehr widersprüchlich. Tierversuche sind in dieser Hinsicht oft schwierig, da die Geschmacksrezeptoren von Mäusen oder Ratten teilweise andere Eigenschaften und Sensitivitäten haben als beim Menschen. Auch gibt es sehr viele verschiedene NNS, die natürlich auch unterschiedliche Wirkungen haben können.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Sandra Hummel: „Ich haben keine Interessenkonflikte zu melden“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Baker-Smith CM et al. (2019): The Use of Nonnutritive Sweeteners in Children. Pedriatics; 144(5). DOI: 10.1542/peds.2019-2765

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] European Food Safety Authority (EFSA): Süßungsmittel.