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14.08.2019

Nutzung sozialer Medien und mentale Gesundheit von Jugendlichen

Anlass

Hat die häufige Nutzung sozialer Medien einen nachteiligen Einfluss auf die Psyche von Jugendlichen? Und welche zugrunde liegenden Faktoren kommen für einen möglichen Zusammenhang infrage? Eine Studie aus London will Antworten auf diese relevanten Fragen näher kommen.

Die Wissenschaftler wollen mit ihrer Untersuchung zeigen, dass nicht die sozialen Medien selbst einen nachteiligen Einfluss auf die psychische Gesundheit Jugendlicher haben, sondern andere Faktoren, die durch die Nutzung erst entstehen, sogenannte Mediatoren. Sie fassen dabei vor allem drei Mediatoren ins Auge: Durch die erhöhte Nutzung sozialer Medien könnten Jugendliche weniger schlafen, sich weniger bewegen und mehr Berührungspunkte mit Mobbing im Internet haben. Die Autoren der Studie haben einen großen, bereits bestehenden Datensatz aus dem Vereinigten Königreich reanalysiert. Die Daten stammen aus einer Längsschnittstudie mit Schulbefragungen in den drei aufeinanderfolgenden Jahren 2013 bis 2015. Befragt wurden Jugendliche im Alter von 12 bis 13 im ersten Jahr bis hin zu 15 bis 16 Jahren im letzten Jahr der Studie. In jedem Jahr haben die Jugendlichen die Häufigkeit ihrer Nutzung von sozialen Medien eingeschätzt, im zweiten Jahr haben sie einen Fragebogen zur mentalen Gesundheit ausgefüllt sowie Angaben zu Schlafdauer, körperlicher Aktivität und Erfahrungen mit Mobbing im Internet gemacht und im dritten Jahr einmal Fragen zum eigenen Wohlbefinden beantwortet.

Bei Mädchen kann man dabei einen leichten Trend in den Daten erkennen: bei stärkerer Nutzung sozialer Medien steigt auch der Anteil der Mädchen, die in Tests zur psychischen Gesundheit schlechter abschneiden. Dabei sind die berichteten Stärken dieser Effekte jedoch nicht sehr groß: Mädchen, die viele Male am Tag soziale Medien nutzen haben eine 1,3-fach erhöhte Chance bei einem Fragebogen zur mentalen Gesundheit schlechter abzuschneiden als Mädchen, die nur einmal am Tag soziale Medien frequentieren. Nur dieser Vergleich der Extremgruppe mit dem Referenzwert ist dabei statistisch signifikant. Bei den Mädchen erklären die drei betrachteten Mediatoren zusammengenommen 58 Prozent des statistischen Zusammenhangs zwischen der Nutzung sozialer Medien und schlechterem Ergebnis im Fragebogen zur mentalen Gesundheit.

Bei Jungen ist ein steigender Trend – bei stärkerer Nutzung sozialer Medien eine erhöhte Chance eines schlechten Gesundheitstests – nicht zu erkennen. Sie haben jedoch in der Extremgruppe der Nutzer (über drei Mal täglich) eine 1,67-fache Chance in der psychischen Gesundheit eingeschränkt zu sein. Die drei Mediatoren erklären bei ihnen auch nur zwölf Prozent dieses Zusammenhangs – bei Jungen sind also andere vermittelnde Faktoren in Betracht zu ziehen als Mobbing, Schlaf und körperliche Aktivität.

Die Londoner Forscher haben neben der psychischen Gesundheit auch noch das allgemeine Wohlbefinden im Zusammenhang mit sozialen Medien untersucht. Dabei konnten sie nur bei Mädchen signifikante Effekt in der Gruppe der Vielfachnutzer feststellen: Von ihnen gaben mehr Mädchen an, weniger glücklich, weniger zufrieden mit dem Leben und mehr ängstlich zu sein. Auch diese Effekte waren eher von geringerer Stärke. Bei Jungen konnte das Wohlbefinden nicht mit der Häufigkeit der Nutzung sozialer Medien in Zusammenhang gebracht werden.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler klingt einleuchtend: Genug Schlaf und körperliche Aktivität sowie weniger Erfahrungen mit Mobbing im Internet könnten die psychische Gesundheit von Jugendlichen unterstützen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal „The Lancet Child and Adolscent Health“ (siehe Primärquelle).

Übersicht

  • Dr. Johannes Breuer, Leitender Wissenschaftler im Team Data Linking & Data Security im Datenarchiv für Sozialwissenschaften, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln
  • Prof. Dr. Christopher Ferguson, Professor für Psychologie, Stetson University, DeLand, Vereinigte Staaten von Amerika
  • Jun.-Prof. Dr. Malte Elson, Leiter der Forschungsgruppe Psychologie der Mensch-Technik-Interaktion, Ruhr-Universität Bochum
  • Dr. Claudia Lampert, Senior researcher im Themenfeld Mediensozialisation & Gesundheitskommunikation, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI), Hamburg

Statements

Dr. Johannes Breuer

Leitender Wissenschaftler im Team Data Linking & Data Security im Datenarchiv für Sozialwissenschaften, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln

„Abgesehen von der Größe und Repräsentativität der Stichprobe sowie dem längsschnittlichen Design, welches die Überprüfung von Kausalannahmen ermöglicht, ist die Berücksichtigung zentraler Mediatorvariablen die große Stärke dieser Studie. Der Befund, dass direkte Effekte der Nutzung sozialer Medien auf psychische Gesundheit und Wohlbefinden sehr klein ausfallen und durch die Berücksichtigung relevanter Kontrollvariablen mitunter verschwindend gering werden, passt in die aktuelle Forschung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt beispielsweise die sehr empfehlenswerte Studie von Orben, Dienlin und Przybylski [1], die ebenfalls Daten aus dem Vereinigten Königreich verwendet hat. Ein wichtiger Beitrag der vorliegenden Arbeit ist, dass sie klarmacht, dass die reine Quantität der Nutzung sozialer Medien kein guter Prädiktor für Indikatoren psychologischer Gesundheit und psychologischen Wohlbefindens ist. Vielmehr kommt es darauf an, wie die sozialen Medien genutzt werden und welchen Einfluss sie auf andere Lebensbereiche – zum Beispiel Schlaf oder Freizeitgestaltung – haben.“

„Die Nutzung einer repräsentativen Stichprobe sowie eines längsschnittlichen Designs sind die methodischen Stärken der Studie. Natürlich ist es immer möglich, andere Variablen und Modelle zur Auswertung der Daten heranzuziehen – eine Studie von Orben und Przybylski zeigt die Bedeutung dieser sogenannten ‚researcher degrees of freedom‘, zu Deutsch Forscherfreiheitsgrade in diesem Bereich sehr eindrucksvoll [2] –, aber die gewählte Aufbereitung und Analyse der Daten ist nachvollziehbar, angemessen und im Artikel sehr gut dokumentiert und begründet. Dass psychische Gesundheit und Wohlbefinden jeweils nur einmal abgefragt wurden, ist eine gewisse Schwäche der Studie, da es aus diesem Grund nicht möglich ist, Einflüsse der Nutzung sozialer Medien auf Veränderungen in diesen Dimensionen zu untersuchen. Die Verwendung von Daten, die auf Selbstauskünften basieren, ist eine weitere Limitation. Gerade im Hinblick auf die Mediennutzung haben mehrere Studien gezeigt, dass Selbstauskünfte oftmals nicht sehr verlässlich sind [3][4]. Neben dem Problem der sozialen Erwünschtheit ist es für Befragte schwierig, einzuschätzen, wie häufig sie bestimmte Medien nutzen. Dieses Problem ist nochmal größer, wenn die Nutzung für lange oder länger zurückliegende Zeiträume oder in Bezug auf sehr spezielle oder vergleichsweise seltene Nutzungsformen abgefragt wird.“

„Eine Alternative zu Selbstauskünften sind sogenannte digitale Spurdaten. Diese können beispielsweise über spezielle Software/Apps zur Aufzeichnung von Browseraktivitäten oder der Verwendung von Apps oder über den Zugriff auf die sogenannten API (Application Programming Interfaces) von Social-Media-Plattformen erhoben werden. Dies ist aber technisch aufwändig und zudem speziell in der Forschung mit Minderjährigen auch rechtlich und forschungsethisch schwierig. Auch Schlafdauer und -qualität ließen sich prinzipiell beispielsweise mittels bestimmter Fitness-Tracker messen. Für große repräsentative Stichproben sind solche apparativen Messungen jedoch aus praktischen und Kostengründen nur sehr schwer umsetzbar. Wenngleich die Verknüpfung von Befragungs- und digitalen Spurdaten weitere und detailliertere Erkenntnisse liefern könnte [5], hängen solche Möglichkeiten von den verfügbaren Ressourcen der Studienprogramme sowie der Teilnahmebereitschaft der Befragten und der Verfügbarkeit beziehungsweise Nutzbarkeit entsprechender API ab [6].“

Auf die Frage, was aus solchen Untersuchen folgen sollte:
„Die Autor_innen der Studie geben in der Diskussion ihrer Befunde selbst bereits einige gute Hinweise dazu. Präventionsmaßnahmen sollten weniger den reinen Umfang der Social-Media-Nutzung ins Auge fassen und mehr auf konkrete Qualitäten oder Arten der Nutzung eingehen. Beispielsweise ist es zur Verbesserung der Schlafqualität sicher sinnvoller, die Nutzung unmittelbar vor dem Schlafengehen, also abends und nachts im Bett, einzuschränken als die Gesamtzahl der Stunden pro Tag. In der englischsprachigen Diskussion ist zudem in jüngster Zeit häufig die Rede von einem Wechsel von Monitoring zu Mentoring: Anstelle von fixen Zeitbudgets oder pauschalen Verboten von Geräten und Anwendungen ist es – speziell bei älteren Kindern und Jugendlichen – hilfreicher, über die Nutzung zu sprechen, um mögliche Probleme zu identifizieren und (gemeinsam) zu verarbeiten. Dies setzt allerdings voraus, dass sich Eltern mit der Mediennutzung ihrer Kinder auseinandersetzen und aktiv das Gespräch suchen. Speziell im Hinblick auf das Thema Cybermobbing, welches in der vorliegenden Studie als wichtiger Mediator untersucht wurde, spielt zudem auch das schulische Umfeld eine große Rolle. Auch dort können Präventionsmaßnahmen auf Risiken hinweisen, bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für das Problem schaffen und Hinweise auf den Umgang mit entsprechenden Erlebnissen geben.“

„Wie bereits zuvor gesagt, ist eine reine zeitliche Beschränkung der Nutzung sozialer Medien als alleinige Maßnahme nicht ausreichend. Wichtiger ist es, dass sich Eltern mit der Nutzung sozialer Medien ihrer Kinder beschäftigen und mit ihnen darüber und die damit verbundenen Risiken und möglichen Auswirkungen sprechen. Die in der vorliegenden Arbeit identifizierten Mediatoren Schlaf, Cybermobbing und physische Aktivität liefern gute Anhaltspunkte für mögliche Gesprächsinhalte und -impulse sowie möglicherweise effektivere Maßnahmen zum Umgang – beispielsweise Smartphone/Tablet nicht mit ins Bett nehmen, keine ‚Screen Time‘ unmittelbar vor dem Zubettgehen oder Förderung von körperlicher Aktivität, auch im Familienkreis.“

„Die emotionalen und mittel- bis langfristig auch gesundheitlichen Auswirkungen der Nutzung sozialer Medien können ebenfalls ein guter Kommunikationsanlass für Gespräche zwischen Eltern und ihren Kindern sein – beispielsweise über die Frage, wie sich die Kinder/Jugendliche bei und nach der Nutzung oder bestimmten Erlebnissen fühlen. Was die konkret in der Studie betrachteten Auswirkungen anbelangt, so kann sich reduziertes psychisches Wohlbefinden beispielsweise negativ auf soziale Beziehungen mit der Familie oder den Freunden oder auch auf schulische Leistungen auswirken. Im schlechtesten Fall entsteht dadurch eine Art Abwärtsspirale: Reduziertes Wohlbefinden verschlechtert die Qualität sozialer Beziehungen, was sich wiederum negativ auf das Wohlbefinden auswirkt. Soziale Medien können Teil dieses Negativkreislaufs sein, wenn sie zum Beispiel als Coping-Mechanismus genutzt werden – also als Mittel zum Umgang mit unangenehmen Erfahrungen oder Zuständen, zum Beispiel um sich von solchen abzulenken.“

Auf die Frage, wie die Geschlechterunterschiede in den Ergebnissen zu bewerten sind:
„Vergleichbare Geschlechterunterschiede fanden sich beispielsweise auch in der bereits zuvor erwähnten Studie [1]. Ein wesentlicher Faktor sind – wie auch von den Autor_innen der vorliegenden Arbeit angemerkt – Unterschiede in der Nutzungsintensität bei Mädchen und Jungen: Mädchen nutzen soziale Medien im Durchschnitt intensiver. Hinzu kommen Differenzen in der Art der Nutzung. Die jährlich wiederholte JIM-Studie liefert hierzu verlässliche Daten für Deutschland. Beispielsweise gibt es deutliche Unterschiede bei der Nutzung bestimmter Plattformen – so zeigt die JIM-Studie aus dem vergangenen Jahr zum Beispiel, dass Pinterest und Snapchat deutlich häufiger von Mädchen genutzt werden, während Twitter bei Jungen deutlich populärer ist [7]. Da die verschiedenen Plattformen unterschiedliche Formen der Nutzung und Interaktion bieten, liegt die Vermutung nahe, dass sich Mädchen und Jungen auch in ihrer Motivation für die Nutzung sozialer Medien unterscheiden. Zudem haben die spezifischen Nutzungsformen der einzelnen Plattformen auch unterschiedliche (mögliche) Auswirkungen.“

Prof. Dr. Christopher Ferguson

Professor für Psychologie, Stetson University, DeLand, Vereinigte Staaten von Amerika

„Insgesamt bin ich nicht davon überzeugt, dass diese Ergebnisse auf einen direkten oder indirekten Zusammenhang zwischen sozialen Medien und psychischer Gesundheit hinweisen. Die gefundenen Effekte waren sehr schwach – so schwach, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie auf methodische Störungen zurückzuführen sind – wie zum Beispiel der umfragebasierten Forschungsanlage. Leider korreliert bei großen Stichproben fast alles mit fast allem anderen – wie zum Beispiel Kartoffeln mit Selbstmord – in einer ‚statistisch signifikanten‘ Weise, aber die meisten dieser Zusammenhänge sollten als Rauschen verworfen werden. Aber es bedarf einiger Vorsicht, um sich daran zu erinnern und Forscher können sich leicht in ‚statistischer Signifikanz‘ verstricken. Ich rate generell davon ab, Quotenverhältnisse unter 2,0 zu interpretieren (was die meisten Odds Ratios im Papier beinhaltet). Deshalb glaube ich nicht, dass es in dieser Arbeit überzeugende Beweise dafür gibt, dass soziale Medien überhaupt einen Einfluss auf die psychische Gesundheit bei Jugendlichen haben.“

„Ich bin auch besorgt darüber, dass die Autoren (und der beigefügte Kommentar) weitere Längsschnittstudien erwähnen, die die Nutzung von sozialen Medien mit psychischer Gesundheit in Zusammenhang bringen. Das ist einfach nicht wahr. Tatsächlich konnten einige der besten, vorab durchdachten/registrierten Designs keine solchen Beweise für eine Wirkung finden [2]. Bei im Vorfeld registrierten/ designten Studien müssen die Wissenschaftler ihre Hypothesen, Methoden und Analysepläne im Vorfeld der Datenerhebung öffentlich zugänglich machen. Dies erschwert es den ihnen, die Datenanalyse nach der Datenerhebung zu verändern, um zu erreichen, dass die Daten insbesondere Hypothesen stützen. Dies reduziert die Rate falsch-positiver Ergebnisse, die die Integrität der Sozial- und Medizinwissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten stark geschwächt hat.“

„Ihre Analysen sind eigentlich recht seltsam und unnötig komplex. Die mangelnde Kontrolle über die vor der Studie bereits bestehende psychische Gesundheit, ist eine kritische Schwäche des Papiers und macht es schwierig zu interpretieren. Die Verwendung allein von Selbstauskünften ist auch eine Schwäche, da bei Single-Respondern (Probanden, die nur einmal antworten; Anm. d. Red.) manchmal kleine Zusammenhänge entstehen können, die bedeutungslos sind und keine realen Effekte widerspiegeln. Es wäre besser gewesen, Daten von Eltern oder Lehrern zu erheben. Außerdem sind die einbezogenen Maße ziemlich schwach, und besser validierte klinische Maßnahmen wären wünschenswert gewesen.“

„Ich tendiere auch dazu, bei Analysen von Mediatoren im Allgemeinen vorsichtig zu sein. Diese werden oft verwendet, um Daten vor Nichteffekten zu retten, und eröffnen mehrere Möglichkeiten der Datenanalyse, um positive Ergebnisse zu erzielen, aber oft auch falsch-Positive erzeugen. In Abwesenheit einer Vorregistrierung, die dieses Papier durchlaufen hat (siehe oben), habe ich wenig Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Ergebnisse.“

„Ich glaube nicht, dass man viel mit diesen Studienergebnissen anfangen muss. Letztendlich finde ich bessere Beweise gegen jede Art von Effekt durch soziale Medien – direkt oder indirekt – als dafür. Die Autoren scheinen das Schulumfeld nicht adäquat in die Analyse einbezogen zu haben, so dass es schwer ist, darüber Aussagen zu treffen. Ich denke nicht, dass diese Studie eine solide Grundlage für politische Entscheidungen bilden sollte, die Ergebnisse sind einfach zu unsicher und schwach.“

„Eltern sollten auf Grundlage dieser Ergebnisse nicht die Nutzung sozialer Medien verbieten. Nochmals: Ich glaube nicht, dass von dieser Studie ausgehend irgendeine zuverlässige Handlungsempfehlung aussprechen können. Im Allgemeinen würde ich selbstverständlich sagen, dass die Nutzung von sozialen Medien immer im Gleichgewicht mit anderen Aktivitäten wie Schlaf, Bewegung und schulischer Fokussierung sein sollte. Aber das ist nur ein allgemeiner Rat, nichts, was auf dieser Studie basiert.“

„Ich denke, aus dieser Studie geht hervor, dass es keine indirekten Effekte von der Nutzung sozialer Medien gibt, die durch diese drei untersuchten Variablen zuverlässig vermittelt werden. Es gibt winzige Effekte, die ‚statistisch signifikant‘ sind, aber ich denke, es ist vernünftiger zu schließen, dass diese auf die Designfehler der Studie und nicht auf tatsächliche Effekte zurückzuführen sind. Es könnte hilfreich sein, einen Teil des Fokus von sozialen Medien abzulenken und sich stattdessen auf Cybermobbing, Schlaf und Bewegung als eigenständige Themen zu konzentrieren. Zum Beispiel stammen in den Vereinigten Staaten viele der Schlafprobleme von Jugendlichen aus Schulplänen, die zu früh beginnen und im Widerspruch zu den normalen zirkadianen Rhythmen stehen, die eher späte Nachtstunden bevorzugen.“

Auf die Frage, wie die Geschlechtsunterschiede zu bewerten sind:
„Generell würde ich es vorziehen, dass das Geschlecht als Ko-Variable in eine größere Analyse einbezogen wird, anstatt es separat zu analysieren. Die dahingehenden Unterschiede in den Ergebnissen, unterstützen meines Erachtens noch die Vermutung, dass die Ergebnisse wenig mehr als sporadische falsche Positive sind – wie zufällig zu früh knallendes Popcorn im Beutel, wenn man beginnt es zu erhitzen.“

„Es wäre toll, gut konzipierte, vorab registrierte Längsschnittstudien zu haben, die mehrere Informationsquellen nutzen, bestehende Probleme der psychischen Gesundheit gut kontrollieren und gut validierte klinische Messungen der psychischen Gesundheit verwenden. Leider ist dies keine solcher Studien.“

Jun.-Prof. Dr. Malte Elson

Leiter der Forschungsgruppe Psychologie der Mensch-Technik-Interaktion, Ruhr-Universität Bochum

„Die Autoren der Studie haben den Zusammenhang von Nutzung sozialer Medien und psychischer Gesundheit sowie allgemeinem Wohlergehen untersucht. Diese Studie ist eine Sekundäranalyse bereits vorliegender Daten – das heißt, es wurden keine neuen Daten erhoben, um die Hypothesen der Autoren zu überprüfen. Die vorliegenden Daten stammen aus einer Befragung britischer Jugendlicher und ihrer Familien, die im Zeitraum von 2013 bis 2015 einmal jährlich zu einer Reihe von unterschiedlichen Aspekten ihres Lebens Auskunft gaben. Allerdings wurde nicht jeder Aspekt zu jedem Zeitpunkt abgefragt, siehe unten. Die Autoren haben sich insbesondere dafür interessiert, ob die Nutzung sozialer Netzwerkseiten einen direkten Effekt auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen hat, oder ob dieser Zusammenhang indirekt ist – das heißt, ob die Mediennutzung bestimmte Konsequenzen für den Nutzer hat, die dann wiederum die psychische Gesundheit beeinflussen. Man spricht hier auch von einem Mediationseffekt.“

„Die Ergebnisse der Arbeit von Viner et al. lassen sich wie folgt zusammenfassen. Erstens: Die Nutzung sozialer Netzwerkseiten hängt, wenn überhaupt, nur schwach mit der psychischen Gesundheit von Jugendlichen zusammen. Zweitens: Dieser schwache Zusammenhang ist vor allem ein indirekter und wird bei Mädchen nahezu vollständig durch Drittvariablen erklärt. Laut der Daten sind Mädchen, die viel Zeit auf sozialen Netzwerkseiten verbringen, häufiger Opfer von Cyberbullying (digitales Mobbing; Anm. d. Red.), sie schlafen nachts weniger, und sie betätigen sich weniger körperlich. Diese drei Faktoren bedingen wiederum eine geringere psychische Gesundheit. Viner et al. sind die ersten, die diesen komplexen Zusammenhang beschreiben. Ihre Ergebnisse untermauern die von anderen Langzeitstudien, die ebenfalls nur schwache Zusammenhänge von der Nutzung sozialer Netzwerkseiten und psychischer Gesundheit oder allgemeinem Wohlbefinden berichten, insbesondere im Kontext anderer, deutlich stärkerer Wirkfaktoren im Lebensalltag von Jugendlichen [1] [2].“

„Die Methode der Selbstauskunft schränkt die Verlässlichkeit der Ergebnisse sicherlich ein – wie bei jeder Studie dieser Art. Insbesondere die Erinnerung an die Nutzungshäufigkeit von sozialen Netzwerkseiten beziehungsweise Smartphones im Allgemeinen über einen längeren Zeitraum ist etwas, das Menschen schwerfällt und bei dem sie häufig deutlich von den tatsächlichen Nutzungszeiten abweichen. Besser wäre es hier gewesen, ein ‚Medientagebuch‘ zu verwenden, oder technische Lösungen, die Nutzungszeiten automatisiert aufzeichnen. Die größte Schwäche der Studie ist, dass psychische Gesundheit sowie alle drei Mediationsvariablen nur zu einem Zeitpunkt abgefragt wurden. Die für die Aussage der Autoren wichtigsten Analysen sind dadurch querschnittlich, und nicht längsschnittlich. Wir können also aus den Daten gar nicht nachvollziehen, welche Wirkrichtung die Variablen haben und wie sie sich zueinander verhalten. Der Vorteil, den Langzeitstudien durch wiederholende Datenerhebungen ja haben sollen, verblasst damit deutlich. Die Autoren hätten das in ihrer Pressemeldung, aber auch in der veröffentlichten Studie deutlicher machen müssen, um Leserinnen und Leser nicht irrezuführen.“

„Es wäre beispielsweise genauso plausibel, dass Jugendliche mit einer geringeren psychischen Gesundheit häufiger soziale Netzwerkseiten aufsuchen: die vermutete Wirkrichtung wäre also umgekehrt. Leider wird diese denkbare Vermutung mit den vorliegenden Daten überhaupt nicht überprüft – kann sie auch gar nicht!“

„Dass entschlossen gegen Bullying – offline wie online – vorgegangen werden muss, Jugendliche ausreichend Schlaf bekommen und sich körperlich betätigen sollen, sagt uns selbstverständlich der gesunde Menschenverstand. Gespräche über diese Themen gab es schon am Familientisch weit vor Instagram, Smartphones oder dem Internet. Aus den Ergebnissen dieser Studie gezielte Präventionsmaßnahmen für die Nutzung sozialer Netzwerkseiten abzuleiten, wäre aber deutlich verfrüht. Die Arbeit von Viner et al. muss eher hypothesengenerierend verstanden werden. Das heißt, sie gibt einen ersten Hinweis für ein mögliches und durchaus interessantes Erklärungsmodell, aber ob sich die Belege dafür verdichten oder es verworfen werden muss, kann nur in weiteren Studien überprüft werden – im Idealfall in (1) präregistrierten Studien (2) mit neuen Daten und (3) ohne die genannten Schwachstellen. Zudem liefert der sehr schwache, längsschnittliche Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Netzwerkseiten und psychischer Gesundheit nicht gerade einen Anlass zu Aktionismus oder gar Panik.“

„Welche Rolle das schulische Umfeld spielt wurde in dem Artikel von Viner et al. leider kaum angesprochen, obwohl der verwendete Datensatz durchaus interessante Informationen enthält, beispielweise zum Sozialverhalten von Mitschülern oder den Gründen der Eltern für die Anmeldung ihres Kindes bei der jeweiligen Schule. Natürlich war aber auch die Entwicklung einer pädagogischen Handlungsanleitung für Schulleiter, Lehrer oder Eltern nicht Ziel dieser Studie.“

„Die zwischen Jungen und Mädchen sehr unterschiedlichen, querschnittlichen Zusammenhänge bei der Nutzung sozialer Medien mit Cyberbullying, Schlafqualität, und körperlicher Betätigung sind äußerst interessant. Dass Mädchen soziale Medien anders Nutzen als Jungen, und damit auch anderen Wirkungen und Wirkmechanismen ausgesetzt sind, wurde bereits in anderen Studien beobachtet [1]. Die Studie von Viner et al. ist dabei ein wichtiger Baustein, diese Unterschiede besser zu verstehen.“

Dr. Claudia Lampert

Senior researcher im Themenfeld Mediensozialisation & Gesundheitskommunikation, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI), Hamburg

„Die Studie ist insbesondere aufgrund der Einbeziehung von Längsschnittdaten einer sehr umfangreichen Studie innovativ und aufschlussreich. Überdies können die Hinweise auf die Rolle der untersuchten Mediatoren zu einer differenzierteren Diskussion über die gesundheitsbezogenen Auswirkungen der Nutzung von sozialen Medien sowie notwendige Unterstützungsbedarfe und -möglichkeiten beitragen.“

„Für die Untersuchung von psychischer Gesundheit sind Befragungen ein anerkannter und probater methodischer Zugang. In der Regel – und auch in der vorliegenden Studie – werden erprobte Instrumente beziehungsweise getestete Skalen eingesetzt. Dass der psychische Status nur einmal abgefragt wurde, wirkt sich nicht auf die Qualität der Studie aus. Es wird in der Diskussion darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse keine Aussage darüber erlauben, inwieweit der psychische Status Einfluss auf die Nutzung sozialer Medien hat (S. 13).“

„Die Ergebnisse verweisen auf verschiedene Präventionsansätze und -möglichkeiten für das Setting Schule. Neben Anti-Mobbing-Projekten, die es bereits vielfach an Schulen gibt [8], wären Angebote sinnvoll und notwendig, die Heranwachsenden Möglichkeiten bieten, ihre eigene, aber auch die Nutzung von sozialen Medien im Schulkontext, beispielsweise Klassenchats, und dessen gesundheitsbezogenen Auswirkungen reflektieren und entsprechende Selbstregulierungsstrategien entwickeln können. Für die Nutzung von einer WhatsApp-Klassengruppe könnten das beispielsweise Regeln sein, um übermäßige Nutzung, Stress, aber auch unsoziale Verhaltensweisen zu reduzieren oder gar zu unterbinden.“

„Ein grundsätzliches Verbot von Social-Media-Angeboten ist weder angemessen noch sinnvoll. Vielmehr sollten Eltern ihrem Kind signalisieren, dass sie im Fall von negativen Online-Erfahrungen wie Mobbing als Ansprechpartner unterstützend zur Verfügung stehen. Wenn das Kind ein Nutzungsverbot befürchten muss, wird es sich kaum an die Eltern wenden.“

„Die Befunde verweisen zudem darauf, dass Eltern darauf achten sollten, dass die Nutzung sozialer Medien in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Aktivitäten, wie Sport oder anderen Hobbies, steht. In Bezug auf das Thema Schlaf empfiehlt es sich, dass die Kinder und Jugendlichen abends ihr Smartphone außerhalb ihres Zimmers deponieren. Auf diese Weise werden sie nicht von eingehenden WhatsApp-Nachrichten geweckt und verlieren sich nicht in den unendlichen Angeboten von Youtube und Instagram.“

„Mobbingerfahrungen, Schlafmangel und geringe körperliche Aktivität sind allgemein zentrale Faktoren, die die psychische Gesundheit von Heranwachsenden belasten. Die Nutzung von digitalen Medien und damit verbunden Social-Media-Angeboten kann insofern negativ verstärkend wirken, da das Risiko von Onlinemobbing und Schlafmangel mit zunehmender Nutzung steigt.“

„Im Hinblick auf die Geschlechterunterschiede ist es sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, welche Angebote von Mädchen und Jungen favorisiert werden. Während die WhatsApp-Nutzung keine geschlechtsspezifischen Unterschiede aufweist, zeigt sich, dass Angebote wie Instagram und Snapchat eher von Mädchen und Youtube eher von Jungen genutzt werden [7]. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Angebote in sehr unterschiedlicher Weise genutzt werden können – passiv oder aktiv, zur Information oder Unterhaltung, zur Kommunikation und Vernetzung, zur Auseinandersetzung mit Facetten der eigenen Identität. Diese Unterschiede sind insofern relevant, als es zum Beispiel bei einer aktiven Nutzung häufig um Selbstdarstellung und sozialen Vergleich geht, was mitunter mit einer höheren Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und Stress korrelieren kann. Einer australischen Studie zufolge wiesen Mädchen mit einem Social-Media-Profil stärkere depressive Verstimmungen und ein geringeres Selbstbewusstsein auf als Jungen [9].“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Dr. Johannes Breuer: „Ein Interessenskonflikt liegt auf meiner Seite nicht vor.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Viner RM et al. (2019): Roles of cyberbullying, sleep, and physical activity in mediating the effects of social media use on mental health and wellbeing among young people in England: a secondary analysis of longitudinal data. Lancet Child Adolesc Health. DOI: 10.1016/S2352-4642(19)30186-5.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Orben A et al. (2019): Social media’s enduring effect on adolescent life satisfaction. PNAS; 116 (21): 10226-10228. DOI: 10.1073/pnas.1902058116.

[2] Orben A et al. (2019): The association between adolescent well-being and digital technology use. Nature Human Behaviour; 3: 173–182. DOI: 10.1038/s41562-018-0506-1.

[3] Scharkow M (2016): The Accuracy of Self-Reported Internet Use—A Validation Study Using Client Log Data. Communication Methods and Measures; 10 (1): 13-27. DOI: 10.1080/19312458.2015.1118446.

[4] Araujo T et al. (2017): How Much Time Do You Spend Online? Understanding and Improving the Accuracy of Self-Reported Measures of Internet Use. Communication Methods and Measures; 11 (3): 173-190. DOI: 10.1080/19312458.2017.1317337.

[5] Stier S et al. (2019): Integrating Survey Data and Digital Trace Data: Key Issues in Developing an Emerging Field. Social Science Computer Review. DOI: 10.1177/0894439319843669.

[6] Al Baghal T et al. (2019): Linking Twitter and Survey Data: The Impact of Survey Mode and Demographics on Consent Rates Across Three UK Studies. Social Science Computer Review. DOI: 10.1177/0894439319828011.

[7] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2018): JIM 2018 – Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland.

[8] Techniker Krankenkasse: Mobbing­freie Schule - Gemeinsam Klasse sein!

[9] Blomfield Neira CJ et al. (2014): Social networking site use: Linked to adolescents’ social self-concept, self-esteem, and depressed mood: SNS use and adolescent indicators of adjustment. Australian Journal of Psychology; 66 (1): 56–64. DOI: 10.1111/ajpy.12034.