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18.07.2019

Neuer Angriffspunkt für Schmerzmittel?

Anlass

Einen Ansatzpunkt für neue Mittel gegen chronische Schmerzen könnte ein Prozess in Immunzellen bieten, der an der Hormonausschüttung in verletztem Gewebe beteiligt ist.

Wissenschaftler stellen im Fachjournal „Science“ eine neue Funktion einer Signalkette in der Stressantwort in Immunzellen vor (siehe Primärquelle). Blockieren sie einen Teil dieser Kette im Mausmodell, schütten die Immunzellen weniger sogenannte Prostaglandine aus. Diese Hormone verursachen normalerweise eine lokale Entzündung des Gewebes und docken an Nervenzellen – die Nozizeptoren – an, die dem Gehirn Informationen über die Verletzung, also Schmerz, vermitteln. Die Blockade der Signalkette verhindert also eine Schmerzleitung ins Gehirn.

Die Wissenschaft sucht seit längerem und nicht allzu erfolgreich nach neuen Angriffspunkten zur Kontrolle von Schmerzen, insbesondere chronischen Schmerzen [I]. Die Forscher argumentieren, dass ihre Ergebnisse eine neue Andockstelle für zukünftige Schmerzmittel aufzeigen. Herkömmliche Schmerzmittel, wie Aspirin oder Ibuprofen unterbinden jedoch auch einen anderen Teil in genau der gleichen Signalkette, haben jedoch keine langanhaltende Wirkung. Es bleibt offen, inwiefern sich die Wirkung von Medikamenten mit der neuen Zielstruktur von ihnen unterscheidet und ob sie einen wirklichen Vorteil bringen würden.

Statement

Prof. Dr. Martin Schmelz

Karl-Feuerstein Professor (Stiftungs-Professur) und Direktor der Abteilung Experimentelle Schmerzforschung, Universitätsmedizin Mannheim

„Chronischer Schmerz ist ein hoch-relevantes und bislang unzureichend gelöstes Problem, so dass jede neue Zielstruktur für eine verbesserte Schmerztherapie sehr willkommen ist.“

„Diese Publikation hat mich aber eher enttäuscht, da ich das Ergebnis für klinisch wenig relevant halte. Das entscheidende Experiment für die klinische Relevanz wäre der Test, ob durch die Blockade von IRE1a-XBP1 eine Schmerztherapie mit Standard COX-Hemmstoffen wie Aspirin oder Ibuprofen noch verbessert werden kann. Dieser (naheliegende) Test wurde aber leider nicht durchgeführt. Insofern wäre zu erwarten, dass selbst für den Fall, dass die Weiterentwicklung dieses Wirkprinzips für den Menschen gelingt, die Schmerzlinderung nicht über diejenige von bekannten COX-Hemmern hinausgeht.“

„Ich musste beim Lesen des dazugehörigen Perspective-Artikels schmunzeln: Das Wort ‚stress‘ wird im Zusammenhang mit Schmerz im Allgemeinen psychologisch interpretiert und erscheint hier eher als Effekthascherei. Darüber hinaus gibt das Bild dazu noch mehr Rätsel auf: Die Entzündungszellen sollten dort in der Peripherie an primären Nozizeptoren (freie Nervenendigungen, leiten Informationen über Gewebeschädigung ans Gehirn; Anm. d. Red.) über die Prostaglandine wirken – gezeigt ist aber ein Dendrit eines zentralen myelinisierten Neurons. Abgesehen von diesen eher technischen Fehlern ist die Annahme, dass chronischer Schmerz über die periphere Wirkung von PGE2 (Prostaglandin E2; Anm. d. Red.) ausgelöst würde, konzeptionell irreführend – um nicht zu sagen falsch. Sie ignoriert zentrale Verarbeitungsmuster und sozialen Kontext vollkommen und verschleiert das Kernproblem: Wir wissen nicht, warum die meisten akuten Schmerzzustände folgenlos ausheilen und andere in chronische Schmerzen übergehen.“

„Dieser Artikel kann insgesamt exemplarisch dafür stehen, dass Autoren die wissenschaftliche Diskussion für die Publikation in hoch zitierten Zeitschriften ‚glätten‘, um ihre Geschichte konsistenter erscheinen zu lassen, so dass sie als bahnbrechend empfunden werden kann. Veröffentlichungen in hoch zitierten Zeitschriften sind ein zentrales Kriterium für die wissenschaftliche Karriere, so dass die Motivation der Autoren durchaus verständlich ist; für eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung sind diese Abhängigkeiten aber nicht förderlich.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Keine angegeben.

Primärquellen

Chopra S et al. (2019): IRE1a–XBP1 signaling in leukocytes controls prostaglandin biosynthesis and pain. Science; 365, eaau6499. DOI: 10.1126/science.aau6499. 

Avril T et al. (2019): Stress signaling in pain control. Perspective. Science; 365 (6450). DOI: 10.1126/science.aay2721. 

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[I] Taneja A et al. (2017): Challenges in translational drug research in neuropathic and inflammatory pain: the prerequisites for a new paradigm. Eur J Clin Pharmacol.; 73 (10): 1219-1236. DOI: 10.1007/s00228-017-2301-8.