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22.06.2020

Medienkompetenz gegen Falschinformationen

Anlass

Gesteigerte Medienkompetenz kann dazu führen, dass Nutzer besser zwischen Artikelüberschriften von anerkannten Medien und Überschriften von Medien, die Falschnachrichten verbreiten, unterscheiden können. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von einem Autorenteam um Andrew Guess, die im Journal „PNAS“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).

Die Autoren haben für die Studie drei Gruppen von Probanden getestet: eine Gruppe aus den USA online und jeweils eine Gruppe aus Indien online und im persönlichen Gespräch. Die Probanden haben sich vor den Tests Facebooks landesspezifische Tipps, um Falschnachrichten zu erkennen, durchgelesen [I]. Diese Tipps wurden über Facebook verbreitet – eine Aktion, die von den Autoren als die wahrscheinlich größte Kampagne für mehr Medienkompetenz bezeichnet wird. Danach sollten die Probanden einschätzen, für wie korrekt („accurate“) sie Überschriften von anerkannten Medien und Überschriften von Artikeln, die von mindestens einer Fact-Checking-Organisation als falsch deklariert wurden, halten. Das Ergebnis: Die meisten Nutzer glaubten nach Lektüre der Facebook-Tipps falsche Überschriften weniger als zuvor, einige trauten aber zum Teil auch Überschriften der traditionellen Medien etwas weniger. Die Fähigkeit, Nachrichten traditioneller Medien und nicht vertrauenswürdiger Medien zu unterscheiden, wurde bei den meisten Probanden erhöht: durchschnittlich um 26 Prozent in den USA, um 17 Prozent in Indien im Online-Test, allerdings nicht signifikant in Tests im persönlichen Gespräch.

Online-Hinweise wie solche von Facebook könnten günstig und mit großer Reichweite die Medienkompetenz stärken, wenn ihre Wirkung erwiesen ist. Die Effekte in der aktuellen Studie sind allerdings sehr gering, wie die Autoren selbst anmerken. Außerdem nahm die Wirkung mit der Zeit ab und in der Realität, dürften nicht alle Menschen, denen die Tipps zugespielt werden, diese auch vollständig lesen – wie die Probanden der Studie.

Übersicht

     

  • Dr. Josephine B. Schmitt, Forschungsreferentin, Center for Advanced Internet Studies (CAIS), Bochum
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  • Dr. Claudia Riesmeyer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
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Statements

Dr. Josephine B. Schmitt

Forschungsreferentin, Center for Advanced Internet Studies (CAIS), Bochum

„Die Bemühungen, Online-Desinformationen entgegenzuwirken, sind zahlreich. Die Wirksamkeit dieser Ansätze ist jedoch meist nicht überprüft. Insofern ist das aktuelle Paper von größter Relevanz.“

„In der Studie lasen Personen Tipps zum Aufdecken von ‚Fake News‘. Ihre Einschätzung unter anderem der Richtigkeit von ‚Fake News‘ und Mainstream News wurden dann mit Personen verglichen, die diese Tipps nicht lasen. Das experimentelle Design eignet sich grundsätzlich gut, um mögliche Lerneffekte zu überprüfen. Positiv ist auch, dass die Studie mit großen Stichproben in Indien und den USA durchgeführt wurde, um Hinweise auf eine mögliche Generalisierbarkeit zu erhalten.“

„Die Studie zeigt, dass Personen nach dem Lesen der Tipps insgesamt kritischer im Umgang mit Nachrichten werden – unabhängig davon, ob es sich um ‚Fake News‘ oder News handelt. Zudem sind diese Befragten minimalkritischer gegenüber ‚Fake News‘. Die Ergebnisse scheinen positiv, jedoch sind sie mit Vorsicht zu genießen: Die Effekte sind sehr klein, große Stichproben bergen die Gefahr falsch-positiver Ergebnisse und es sind kurzzeitige Effekte, die schnell zu verblassen scheinen.“

„Offen bleiben zudem folgende Fragen: Inwiefern unterscheidet sich die Interventionsgruppe von der Kontrollgruppe, gab es einen statistisch bedeutsamen Lerneffekt durch die Intervention? In der Studie wurden Teilnehmende ‚gezwungen‘ die Tipps zu lesen – inwiefern werden solche Tipps im Netz jedoch durch Nutzende überhauptwahrgenommen?“

Auf die Frage, wie überraschend es ist, dass die Wirkung der Maßnahmen bei den indischen Probanden schnell wieder verblasste und wie man dem entgegenwirken kann:
„Die Stichprobe in Indien unterscheidet sich teilweise deutlich von der in den USA. Teile der indischen Stichprobe wurden offline rekrutiert und befragt. Unterschiede im Sample könnten also eine Erklärung für die Befunde darstellen (gegebenenfalls im Durchschnitt niedriger formal gebildet, geringere Erfahrung mit digitalen Nachrichtenageboten). Weiterhin kann dieser Befund auch auf falsch-positive Effekte in der ersten Welle hinweisen.“

„Insgesamt waren die Effekte in beiden Stichproben (USA, Indien) nicht besonders nachhaltig. Größere (Lern-)Effekte lassen sich gegebenenfalls durch Maßnahmen erzielen, die interaktiv und weniger textbasiert sind. In der vorliegenden Studie lasen die Menschen die Tipps in Form eines Textes beziehungsweise wurde er ihnen vorgelesen.“

„‚Fake News‘ bieten häufig eine leicht verständliche Geschichte. Derartige narrative Angebote können anziehender wirken und dazu führen, weniger kritisch reflektiert, hinterfragt und widersprochen zu werden. Gleichzeitig werden Nachrichten eher für wahr gehalten, wenn Sender*innen den Rezipient*innen vertraut sind beziehungsweise ähnliche Weltanschauungen vertreten.“

„Zwar versuchen verschiedene ‚Fakten-Checker‘ (zum Beispiel [1][2][3]), ‚Fake News‘ zu widerlegen beziehungsweise in ihrer Wirkung zu entkräften, jedoch ist anzunehmen, dass diese nicht in die relevanten Echokammern vordringen, in denen ‚Fake News‘ entstehen und sich verbreiten. Versuche, ‚Fake News‘ als solche zu enttarnen, können sogar bewirken, dass Menschen erst recht an ihren Überzeugungen festhalten, ‚Backfire Effect‘ genannt.“

„Aus pädagogischer und demokratietheoretischer Perspektive ist die Förderung von Medienkritikfähigkeit ein möglicher präventiver Ansatz. Neben der Sensibilisierung für die Anwesenheit und Funktionsweise manipulativer Medieninhalte kann so ein analytisch-reflexiver und ethisch-urteilender Umgang mit Medieninhalten gefördert und Personen dazu befähigt werden, sich gegenüber etwaigen manipulativen Inhalten in sozialen Diskursen selbstbewusst zu positionieren.“

„Im Umgang mit sogenannten ‚Fake News‘ scheint insbesondere die Förderung von Medienkritikfähigkeit – eine Facette von Medienkompetenz – von Bedeutung. Die pädagogischen Ansätze dafür sind vielfältig. In der Hoffnung auf einen ‚Gießkanneneffekt‘ findet eine Vielzahl von diesen online statt. Als Zielgruppe stehen oft nur Jugendliche und junge Erwachsene im Fokus, wenngleich auch ältere Erwachsene Gefahr laufen, ‚Fake News‘ zu verbreiten und zu glauben.“

„Die Wirksamkeit der unterschiedlichen Ansätze ist in der Regel nicht systematisch (wissenschaftlich) überprüft.Insbesondere bei den online verfügbaren Angeboten ist nur selten klar, ob die Zielgruppe überhaupt erreicht werden, geschweige denn Lerneffekte beziehungsweise gegebenenfalls Einstellungs- und Verhaltensänderungen ausgelöst werden konnten. Gleichzeitig bringen Online-Angebote eine Vielzahl an Herausforderungen mit sich, die Lerneffekte beeinträchtigen könnten – zum Beispiel algorithmische Verschränkung, Kommentare, selbstgesteuertes Lernen.“

„Optimale Ansätze sollten eine möglichst genaue Eingrenzung der Zielgruppe vornehmen und diese gezielt adressieren. Dies ist insbesondere in pädagogisch gerahmten Offline-Settings möglich, welche die jeweilige Lebenswelt der Zielgruppe berücksichtigen.“

Dr. Claudia Riesmeyer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

„Studien zu den Effekten von Medienkompetenz, noch dazu ländervergleichend und im Zeitverlauf, sind nach wie vor selten. Häufiger finden bislang punktuelle Messungen von bestimmten Medienkompetenzfähigkeiten statt, beispielsweise erfasst über Wissenstests, die auf bestimmte Altersgruppen fokussiert sind. Dabei stehen oft Kinder und Jugendliche im Fokus. Die aktuelle Studie von Guess und Kollegen bereichert den Forschungsstand, indem sie zwei zweiwellige Panel in den USA und in Indien während des jeweiligen Präsidentschaftswahlkampfes erhob. Die Befunde zeigen, dass Medienkompetenz bei der kritischen Reflexion wahrgenommener Medienbotschaften – zum Beispiel der Identifikation von Falschnachrichten – helfen kann und damit eine zentrale Grundlage einer bewussten Mediennutzung ist [4]. Ein Manko weist die Studie allerdings auf: Das Forschungsteam spricht stets von ‚digital media literacy‘, ohne zu thematisieren, wodurch sich digitale Medienkompetenz auszeichnet, sich von Medienkompetenz insgesamt unterscheidet und ab wann jemand als kompetent gelten kann – oder nicht.“

„Medienkompetenz zu erwerben, ist ein lebenslanger Lernprozess, der alle Generationen gleichermaßen betrifft. Medienkompetenz besteht aus einem Kompetenzbündel, das Fähigkeiten des Wissens, der Selbst- und Sozialkompetenz beinhaltet und das medienunabhängig besteht [5][6]. Nimmt man diesen Prozessgedanken ernst, dann bedeutet dies einerseits, dass die Nutzenden ihre Medienkompetenzfähigkeiten immer wieder aktivieren und aktualisieren müssen, beispielsweise durch Anpassung an das neugenutzte Medium. Andererseits müssen nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch das Handeln analog der Fähigkeiten untersucht werden. Denn auch wenn die Fähigkeiten vermittelt worden sind – beispielsweise durch eine Intervention wie bei der aktuellen Studie – dann bedeutet dies nicht zwingend, dass jemand analog seines Wissens handeln muss [7].“

„Die Vermittlung von Medienkompetenz ist elementarer Bestandteil des Mediensozialisationsprozesses. In diesem Prozess sollten wir durch andere oder uns selbst lernen, wie wir Medien nutzen können, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, welche Normen für diese Nutzung bestehen und wie wir Chancen nutzen und Risiken umgehen können. Die Vermittlung dieser Fähigkeiten ist Aufgabe verschiedener Instanzen, angefangen von den Eltern, über Lehrkräfte und Gleichaltrige. Ziel dieses Prozesses ist es, die Nutzenenden in die Lage zu versetzen, kritisch über wahrgenommene Medienbotschaften zu reflektieren und so beispielsweise Falschinformationen identifizieren, einordnen und bewerten zu können. Alternative Ansätze zur Identifikation von Falschnachrichten, wie Fact Checking, betonen hingegen die Verantwortung von Medienproduzent*innen, wahrheitsgemäß zu berichten.“

„In Deutschland bestehen zahlreiche Maßnahmen, um Medienkompetenzfähigkeiten zu fördern. Dabei finden sich zwei Richtungen: Einerseits zielen Angebote auf Kinder und Jugendliche, um ihnen Fähigkeiten zu vermitteln. Andererseits können sich Eltern und Lehrkräfte weiterbilden, um ihre Vermittlungsfunktion wahrnehmen zu können. Ein Manko der Medienkompetenzförderung in Deutschland besteht in deren Verbindlichkeit: In manchen Bundesländern gibt es ein eigenes Unterrichtsfach Medienkunde, in anderen sind Medien Bestandteil verschiedener Unterrichtsfächer. Wann wie welche Medienkompetenzförderung erfolgt, variiert aufgrund der föderalen Strukturen im Bildungsbereich zwischen den Bundesländern enorm. Im Schulalltag Raum für Gespräche über Medieninhalte zu liefern und dabei Medienkompetenz zu vermitteln, ist allerdings vor allem dann wichtig, wenn Kindern und Jugendlichen alternative Ansprechpartner, zum Beispiel im Elternhaus, fehlen [8].“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Dr. Josephine Schmitt: „Es bestehen keinerlei Interessenkonflikte.“

Dr. Claudia Riesmeyer: „Es bestehen keinerlei Interessenkonflikte mit Blick auf die zu beurteilende Studie.“

Primärquelle

Guess AM et al. (2020): A digital media literacy intervention increases discernment between mainstream and false news in the United States and India. Proceedings of the National Academy of Sciences. DOI: 10.1073/pnas.1920498117.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Hoaxmap – Neues aus der Gerüchteküche.

[2] Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch.

[3] ARD-Faktenfinder – Angebot auf tagesschau.de.

[4] Buckingham D (2019): The Media Education Manifesto. Cambridge: Polity Press.

[5] Pfaff-Rüdiger S et al. (2016): Moved into action. Media literacy as social process. Journal of Children and Media; 10 (2): 164-172. DOI: 10.1080/17482798.2015.1127838.

[6] Schorb B (2005): Medienkompetenz. In J. Hüther & B. Schorb (Hrsg.), Grundbegriffe Medienpädagogik (S. 257-262). München: kopaed.

[7] Riesmeyer C et al. (2016): Wenn Wissen zu Handeln wird: Medien-kompetenz aus motivationaler Perspektive. Medien & Kommunikationswissenschaft; 64 (1): 36-55. DOI: 10.5771/1615-634X-2016-1-36.

[8] Reinemann C et al. (2019): Verdeckter Extremismus, offener Hass? Eine Mehr-Methoden-Studie zur Nutzung und Rezeption extremistischer Online-Botschaften unter Jugendlichen. Wiesbaden: VS Verlag.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Facebook: Tipps zum Erkennen von Falschmeldungen.