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13.08.2019

Mediale Repräsentation verschiedener Meinungen zum Klimawandel

Anlass

US-Forscher der University of California, Merced, haben in einer Studie zwei gleich große Gruppen von je 386 Akteuren untersucht, die sich zum Klimwandel äußern – die einen vertreten den Konsens, der Klimawandel sei menschengemacht, die anderen dagegen sind Kritiker dieser Theorie. Das Team um Alexander Petersen ermittelte, wie oft Vertreter beider Gruppen in den Medien erwähnt wurden. Ihr Ergebnis: Kritiker wurden 49 Prozent mal häufiger in den Medien repräsentiert, zum Beispiel auch in Blogs, also nicht nur in Medien, die nach journalistischen Standards arbeiten. In klassischen journalistischen Medien war die Verteilung ungefähr ausgeglichen. Die Studie erschien im Journal „Nature Communications“ (siehe Primärquelle).

In diesem Fall haben wir neben einem Kommunikationswissenschaftler zwei Experten aus dem Bereich der Statistik gebeten, die Methodik der Studie zu analysieren.

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Philipp Doebler, Professor für Statistische Methoden in den Sozialwissenschaften, Technische Universität Dortmund 
  • Prof. Dr. Karsten Lübke, Professor für Wirtschaftsmathematik und Statistik, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Dortmund
  • Prof. Dr. Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation, Universität Hamburg

Statements

Prof. Dr. Philipp Doebler

Professor für Statistische Methoden in den Sozialwissenschaften, Technische Universität Dortmund

„Eines der Hauptergebnisse der Studie ist, dass es eine Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Autorität (im Sinne von Zitationen) und der Berichterstattung in den Medien gibt. Die Pressemeldung stellt die ‚49 Prozent höhere Sichtbarkeit in den Medien‘ an den Anfang. Diese Zahl findet sich zwar im Artikel, ist aber ohne Kontext nicht ganz leicht einzuordnen. Wichtig ist insbesondere zu wissen, dass die Autoren hier zwei sehr unterschiedliche Gruppen miteinander vergleichen: Klimwandelskeptiker, die nicht unbedingt primär wissenschaftlich arbeiten, und Klimawandelwissenschaftler, die typischerweise eine klassische Publikationsstrategie bedienen dürften und deren Hauptziel vielleicht nicht eine große Sichtbarkeit in den Medien sein dürfte.“

„Zu den Stärken der Methodik gehört die umfassende und in weiten Teilen durchaus facettenreiche Analyse eines komplexen Datensatzes, der sogar für die Nachnutzung verfügbar ist, was die Transparenz der Ergebnisse verbessert. Viele Visualisierungen sind gelungen und dem Gegenstand angemessen. Der Artikel arbeitet bewusst nur mit deskriptiver Statistik und verzichtet auf die Nutzung von statistischen Hypothesentests, was in diesem nicht-experimentellen Kontext korrekt ist. Die größte Schwäche ist, dass zwei sehr unterschiedliche Gruppen kontrastiert werden, was die Autoren aber auch korrekt benennen. So heißt es auf Seite 5: ‚These results highlight the nuances associated with comparing groups comprised of individuals with fundamentally different professional orientations.‘ Anders ausgedrückt: Wäre die Kontrollgruppe von Klimawandelwissenschaftlern etwa nach ihrer sonstigen publizistischen Tätigkeit zusammengestellt worden und nicht primär nach wissenschaftlichen Meriten, hätte der resultierende Vergleich einen anderen Charakter bekommen. Ähnlich wird die Gruppe Klimawandelskeptiker vergleichsweise ad hoc gebildet, und hat ein vergleichsweise schwammiges Einschlusskriterium. Die 49 Prozent aus der Pressemitteilung könnten es schwer haben, repliziert zu werden.“

„Alle Ergebnisse, die sich jeweils auf nur eine Gruppe beziehen, scheinen belastbar. Schwieriger sind die Gruppenvergleiche, insbesondere erscheint es schwierig, den Vergleich auf eine Zahl (das heißt 49 Prozent) herunterzubrechen. Die auch im Titel zu findende Hauptaussage ist ausgehend von der Datengrundlage korrekt, also dass wissenschaftliche Autorität nicht direkt dazu führt, dass Ergebnisse oder Personen von Medien dargestellt werden. Allerdings ist das Ergebnis wegen der Gruppenzusammenstellung nicht zu überraschend, verfolgen doch die beiden Gruppen a priori unterschiedliche Publikationsstrategien. Spannender sind vielleicht die Netzwerkanalysen, die eine ‚Echokammer‘ innerhalb der klimawandelskeptischen Community herausarbeiten.“

Prof. Dr. Karsten Lübke

Professor für Wirtschaftsmathematik und Statistik, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Dortmund

„Der Artikel ‚Discrepancy in scientific authority and media visibility of climate change scientists and contrarians‘ vergleicht die Medienpräsenz in ausgewählten Medien einer jeweils gleich großen, ausgewählten Gruppe von Wissenschaftler*innen über den Klimawandel mit der von Kritiker*innen der Theorie eines menschlichen Einflusses auf den Klimawandel. Insbesondere die Aufmachung der Pressemitteilung könnte eventuell falsch interpretiert werden. Es wird nicht die Häufigkeit von Artikeln je Meinung verglichen, sondern die Häufigkeit der Artikel der ausgewählten Personen der jeweiligen Meinung. Eine Folgerung, dass allgemein mehr über die Kritiker*innen als über die Wissenschaftler*innen berichtet beziehungsweise zitiert wird, erscheint auf dieser Datenbasis nicht gerechtfertigt.“

„Ein fiktives Beispiel kann die Gefahr dieser Konfusion vielleicht verdeutlichen: Angenommen, es gäbe 2 Personen mit Meinung A, die jeweils in 10 Artikeln zu Wort kommen, aber 200 Personen mit Meinung B, die aber nur jeweils einmal zu Wort kommen. Dann gibt es 20 Artikel mit Meinung A gegenüber 200 Artikeln mit Meinung B, Meinung B kommt also zehnmal öfter vor. Wenn ich jetzt, wie in der Studie geschehen, die 2 Personen von A mit genau 2 Personen von B vergleiche erhalte ich zehnmal mehr Artikel mit Meinung A.“

„Darüber hinaus scheint es so, dass Teile der berichteten Ergebnisse auch eine Folge der Datenerhebung sind: So wurden die Klimawissenschaftler*innen aufgrund ihrer Zitationen in wissenschaftlichen Journals ausgewählt, die Kritiker*innen (auch Politiker*innen und so weiter) unter anderem auch aufgrund des DeSmog Projekts [1], welches explizit PR Aktive der Kritik als Grundlage hat. Daher überrascht es nicht, dass die Wissenschaftler*innen eine höhere wissenschaftliche Präsenz haben als die verglichenen Kritiker*innen (Fig. 3a, b), genauso wenig wie, dass PR aktive Kritiker*innen jeweils eine höhere Medienpräsenz haben (Fig. 3c, d, jeweils linke Spalte). Über ein Drittel der Kritiker*innen in der Studie sind nicht wissenschaftlich aktiv. Werden nur die 224 wissenschaftlich aktiven Personen miteinander verglichen, ergeben die Daten in den Medien schon ein anderes Bild (Fig. 3c, d, jeweils rechte Spalte).Worauf die Studie aber hindeuten kann: Die Vergleichsgruppe der Kritiker*innen ist medial aktiv(er). So gibt es zum Beispiel die meisten Artikel auf der Internetseite Climate Depot [2] (vgl. Fig. 2b).“

„Die Studie ermöglicht eine interessante, differenzierte und transparente Analyse bezüglich der wissenschaftlichen und medialen Präsenz und Aktivität der beiden Gruppen. Die in der Pressemitteilung herausgegriffenen Aspekte könnten aber eventuell zu einer verzerrten und und aufgrund der Datenbasis der Studie nicht angemessenen verallgemeinerten Interpretation verleiten.“

Prof. Dr. Michael Brüggemann

Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation, Universität Hamburg

„Die neue Studie in ‚Nature Communications‘ weist auf ein bekanntes Problem hin: Prominente Leugner des menschengemachten Klimawandels bekommen in englischsprachigen Medien eine unangemessene Aufmerksamkeit. Während sich die Klimawissenschaft einig ist, dass die aktuelle globale Erwärmung wesentlich menschengemacht ist, kommen immer noch sehr prominent Stimmen zu Wort, die diese Selbstverständlichkeit abstreiten.“

„Dabei muss man natürlich journalistische Angebote von privaten Blogs und auch von Propaganda-Websites professioneller Klimawandelleugner unterscheiden. In journalistischen Angeboten kommen weniger Abstreiter des Klimawandels zu Wort als in den Untiefen der Blogosphäre. Aber auch ein 50-zu-50-Anteil ist ein großes Problem, denn dies entspricht keineswegs einer ausgewogenen Berichterstattung. Es gibt keine wissenschaftliche Kontroverse über die Existenz des anthropogenen Klimawandels. Angemessen wäre also, Pseudo-Experten ohne wissenschaftliche Expertise zum Thema gar nicht erst zu zitieren.“

„Was die jetzt vorliegende Studie nicht untersucht, ist die Frage, wie die Abstreiter des Klimawandels zu Wort kommen. Wir haben in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie [3] gezeigt, dass es sich in etablierten journalistischen Medien eher um Meta-Berichterstattung handelt über die Leugnung des Klimawandels. Die Journalisten zeigen auf, welche Akteure vom Stand der Wissenschaft abweichen. Auch diese Form der Berichterstattung lenkt aber ab von der eigentlich relevanten Frage, was wir gegen die Klimakrise tun können.“

„Unsere eigene international vergleichende Studie hat zudem gezeigt, dass die Prominenz der Abstreiter des Klimawandels vor allem ein Phänomen in britischen und amerikanischen Medien ist. In Deutschland kommt die Leugnung des Klimawandels vor allem in abseitigen Blogs vor. Auch diese können natürlich online Verwirrung stiften.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Philipp Doebler: „Es bestehen keine Interessenkonflikte.“

Prof. Dr. Karsten Lübke: „Es bestehen keine Interessenkonflikte.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Petersen A et al. (2019): Discrepancy in scientific authority and mediavisibility of climate change scientists andcontrarians. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-019-09959-4.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] DeSmog Blog.

[2] Climate Depot.

[3] Brüggemann, M et al. (2017): Beyond false balance. How interpretive journalism shapes media coverage of climate change. Global Environmental Change 42, S. 58-67. DOI: 10.1016/j.gloenvcha.2016.11.004.