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25.09.2019

IPCC-Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre

Anlass

Der Internationale Weltklimarat (IPCC) legte nach seiner Tagung im Fürstentum Monaco vom 20. bis 23. September 2019 einen weiteren Sonderbericht vor. Darin ist der wissenschaftliche Kenntnisstand über den Zustand der Ozeane dieses Planeten und seiner Kryosphäre angesichts des bevorstehenden Klimawandels zusammengefasst.

Alles Leben auf der Erde hängt direkt oder indirekt vom Wasser ab. Die Ozeane bedecken 71 Prozent des Globus und enthalten 97 Prozent allen Wassers der Erde. Die Kryosphäre, die Gesamtheit des gefrorenen Wassers der Erde, umfasst unter anderem das Eis der Polregionen, der Gletscher und der Permafrostgebiete. Der „Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima“ (IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, SROCC, siehe Primärquelle) enthält auch, wie schon die vorausgegangenen Sonderberichte, eine Zusammenfassung für die Politik (Summary for the Policymakers, SPM).

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Ben Marzeion, Professor für Klimageographie, Institut für Geographie, Universität Bremen
  • Dr. Lars Kaleschke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sektion Meereisphysik im Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
  • Dr. Thorsten Mauritsen, Associate Professor am Department of Meteorology (MIS), Stockholm University, Schweden
  • Dr. Gian-Kasper Plattner, Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Programmleiter, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf, Schweiz
  • Dr. Tobias Bolch, Glaziologe und Fernerkundungsexperte, School of Geography and Sustainable Development, University of St Andrews, Großbritannien
  • Dr. Heiko Goelzer, Wissenschaftler und Glaziologe, Institute for Marine and Atmospheric Research Utrecht (IMAU), Utrecht, Niederlande
  • Prof. Dr. Angelika Humbert, Leiterin der Sektion Glaziologie im Fachbereich Geowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
  • Prof. Dr. Harald Kunstmann, Stellvertretender Institutsleiter und Universitätsprofessor für regionales Klima und Hydrologie, Institut für Meteorologie und Klimaforschung, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Alpin, Garmisch-Partenkirchen
  • Dr. Oliver Wurl, Leiter der Arbeitsgruppe Meeresoberflächen, Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg
  • Prof. Dr. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Universität Kiel, Präsident der Deutschen Gesellschaft CLUB OF ROME und Vorstandsvorsitzender Deutsches Klima-Konsortium
  • Dr. Veit Helm, Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven
  • Prof. Dr. Julian Gutt, Leiter des SCAR Scientific Research Programme Antarctic Thresholds – Ecosystem Resilience and Adaptation (AnT-ERA), Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven
  • Dr. Matthias Huss, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW), Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Schweiz
  • Prof. Dr. Wolfgang Schöner, Professor für Physische Geographie der Universität Graz, sowie Austrian Polar Research Institute, Österreich
  • Prof. Andreas Oschlies, Leiter der Forschungseinheit Biogeochemische Modellierung, Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Geomar, Kiel
  • Dr. Dirk Notz, Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg
  • Prof. Dr. Christoph Schneider, Professor für Klimageographie, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Dr. Reinhard Drews, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Geologie und Geodynamik, Eberhard Karls Universität Tübingen
  • Prof. Dr. Matthias Braun, Professor für Physische Geographie (Fernerkundung), Institut für Geographie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen und
    Prof. Dr. Thomas Mölg, Professor für Klimatologie, Institut für Geographie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Prof. Dr. Eric Achterberg, Leiter der Arbeitsgruppe Biogeochemie der Wassersäule im Forschungsbereich Marine Biogeochemie, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), Kiel

Statements

Prof. Dr. Ben Marzeion

Professor für Klimageographie, Institut für Geographie, Universität Bremen

Prof. Marzeion ist Mitautor eines Kapitels des Sonderberichtes

„Der Bericht unterstreicht, dass der Klimawandel Ozean und Kryosphäre schon stark verändert hat und dass wir Menschen auch schon heute von diesen Veränderungen betroffen sind. Gleichzeitig verdeutlicht er, dass wir heutzutage nur einen kleinen Vorgeschmack bekommen von dem, was auf uns zukommt.“

„Besonders bedrückend sind die Aussagen zum Meeresspiegel: Ein Anstieg von mehr als einem Meter im 21. Jahrhundert wird im Bericht nicht mehr ausgeschlossen. Es kommt hier vor allem auf die Antarktis an, deren Verhalten bei einem starken Temperaturanstieg noch unzureichend verstanden ist.“

„Es zeigt sich außerdem, dass Küstenregionen durch eine Kombination von Faktoren besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Zu diesen Faktoren zählen verschlechterte Bedingungen für Fischerei; schmelzender Permafrostboden und Rückgang des Meereises, die zu verstärkter Erosion der Küste führen; der Anstieg des Meeresspiegels mit einer wirklich dramatischen Zunahme der Häufigkeit von Extremwasserständen.“

„Ich halte es für richtig und wichtig, dass der Bericht über das 21. Jahrhundert hinaus blickt: Der Meeresspiegel wird über viele Jahrhunderte weiter ansteigen. Der große Unterschied zwischen den Projektionen für ein ‚Business-as-usual‘-Szenario (RCP8.5) und einem ‚Paris-Agreement‘-Szenario (RCP2.6) ist eine starke Motivation für ambitionierte Ziele bei der Verringerung des Treibhausgasausstoßes.“

„Der Bericht zeigt aber auch, dass etliche Folgen des Klimawandels inzwischen unausweichlich geworden sind und wir auch eine Diskussion darüber brauchen, welche Anpassungsmaßnahmen nötig und möglich sind.“

Dr. Lars Kaleschke

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sektion Meereisphysik im Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven

„Während im vorangegangenen Bericht (AR5) für die antarktische Meereisausdehnung ein leichter Anstieg (+1,2 Prozent bis +1,8 Prozent pro Dekade) über den Zeitraum 1979-2012 attestiert wurde, steht im neuen Bericht nun, dass der Trend in der Antarktis über den Zeitraum 1979-2018 statistisch nicht signifikant ist.“

„Die Abnahme der sommerlichen arktischen Meereisausdehnung (Trend -12,8 Prozent pro Dekade) ist im neuen Bericht in Übereinstimmung zum vorherigen Bericht, also eine klare Manifestation des negativen Trends.“

Dr. Thorsten Mauritsen

Associate Professor am Department of Meteorology (MIS), Stockholm University, Schweden

„Der neue Sonderbericht (SROCC) nimmt eine kombinierte Sicht auf die physikalischen, ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des globalen Klimawandels auf die Ozeane und die Kryosphäre ein. Der Bericht zeigt deutlich, dass es zu einem Verlust von Schnee, Eisschilden, Gletschern und Meereis gekommen ist, und er trägt wesentlich zur Quantifizierung dieser beobachteten Trends bei. Das Abschmelzen von Eisschilden und Gletschern sowie die thermische Ausdehnung der Ozeane tragen zum Anstieg des Meeresspiegels bei und im Vergleich zu AR5 wurden die zukünftigen Prognosen für den Anstieg des Meeresspiegels um 10 bis 20 Prozent erhöht.“

„Der Bericht zeigt einmal mehr, dass die Auswirkungen und Risiken des globalen Klimawandels davon abhängen, wie viel CO2 der Mensch von nun an durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre emittiert. Um die schlimmsten dieser Auswirkungen zu vermeiden und die Risiken zu verringern, müssen fossile Brennstoffe auslaufen und durch andere Energiequellen ersetzt werden. Seit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens sind die globalen CO2-Emissionen jedoch weiter gestiegen, was zeigt, dass es den bisherigen Bemühungen nicht gelungen ist, das Ziel einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu erreichen.“

Dr. Gian-Kasper Plattner

Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Programmleiter, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf, Schweiz

Lead Author IPCC WGI AR6

„Dieser IPCC Sonderbericht ‚The Ocean and Cryosphere in Changing Climate‘ ist der dritte und letzte Sonderbericht des IPCC im 6. Assessment Zyklus. Der Bericht fasst den Wissenstand zu den Änderungen im Ozean und in der Kryosphäre, das heißt den Gletschern, Schnee, Permafrost, Meereis und großen Eisschilden in Grönland und der Antarktis, im Zusammenhang mit dem sich verändernden Klima zusammen. Wichtige Erkenntnisse des Berichts betreffen unter anderem die vergangenen und zukünftigen Veränderungen des Meerespiegels.“

„Der Bericht bestätigt die Kernaussagen früherer IPCC Berichte: Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig, menschliche Aktivitäten sind der Grund für diese Erwärmung und die Erwärmung und sämtliche damit verbundenen Klimafolgen werden in den nächsten Jahren, Jahrzehnten, ja gar Jahrhunderten (Meeresspiegel!) weiter voranschreiten.“

„Der Bericht zeigt einmal mehr deutlich die Dringlichkeit rascher Maßnahmen zur nachhaltigen Verringerung der CO2-Emissionen auf. Doch auch bei sofortiger Umsetzung von radikalen Maßnahmen werden die Veränderungen in der Kryosphäre und im Ozean lange weitergehen, aufgrund der Trägheit dieser Systeme. Diese reagieren nur langsam auf die fortschreitende Erwärmung der Erde. Die vergangenen, heutigen und zukünftigen Emissionen werden folglich das Klimasystem über Jahrhunderte beeinflussen und unsere Umwelt verändern.“

„Der Bericht bestätigt für den Ozean, was der WBGU bereits 2006 vorausgesagt hatte: ‚The Future Oceans – Warming up, Rising High,Turning Sour‘. Es sollte darum eigentlich niemanden überraschen.“

„Der Bericht zeigt auch auf, dass viele der Veränderungen im Eis und in den Ozeanen heute rascher voranschreiten als in der nahen Vergangenheit. Der Anstieg des Meerespiegels schreitet voran und hat sich sogar beschleunigt. Extremereignisse werden weiter zunehmen, das heißt häufiger auftreten. Meeresspiegelextreme zum Beispiel werden viele Menschen in Küstennähe stark betreffen, insbesondere in den Tropen. Extreme Meerespiegelereignisse, die in der nahen Vergangenheit einmal mal pro hundert Jahren auftraten, werden bis Mitte des Jahrhunderts zu jährlichen Ereignissen werden.“

Dr. Tobias Bolch

Glaziologe und Fernerkundungsexperte, School of Geography and Sustainable Development, University of St Andrews, Großbritannien

„Der nun vorliegende Sonderbericht bestätigt, dass Gletscher und Eisschilde der Erde weiter stark an Masse verloren haben. Bedeutsam ist insbesondere, dass die Massenverluste der beiden Eisschilde (Grönland und Antarktis) in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind, währen die der Eiskappen und Gebirgsgletscher auf hohem Niveau konstant geblieben sind. Demzufolge war auch der der Meeresspiegelanstieg insgesamt in den vergangenen Jahren auf Rekordniveau. Zudem weisen die Permafrosttemperaturen in den vergangenen Jahren Rekordmaximalwerte und die Ausbreitung des Seeeises Rekordminimalwerte auf. Alle diese Erkenntnisse weisen eindeutig auf ein verstärkten Klimawandel hin. Hervorheben möchte ich, dass die Unsicherheiten dieser Erkenntnisse durch die Vielzahl der neuen wissenschaftlichen deutlich geringer geworden sind.“

„Für den nicht-Fachmann ist vor allem die Aussage überraschend, dass viele Gletscher verschwinden werden, auch wenn der Temperaturanstieg sofort gestoppt werden würde. Dies liegt daran, dass viele Gletscher bereits heute im Sommer kaum mehr ein Akkumulationsgebiet aufweisen oder unterhalb der durchschnittlichen jährlichen Schneegrenze liegen und sie bereits zu heutigen Bedingungen mehr an Masse (durch Eisschmelze) verlieren als an Masse zugewinnen (zum Beispiel durch Schneefall).“

„Der Bericht zeigt klar auf, dass der Klimawandel Folgewirkungen auf die Bevölkerung in vielen Bereichen haben wird. Betroffen sind nicht nur die Küstengebiete (zum Beispiel durch verstärkte Gefahr von Überflutungen durch den Meeresspiegelanstieg) oder die Gefahrenbereiche der Hochgebirgen (zum Beispiel durch zunehmende Hangrutsche oder Bergstürze), sondern der Klimawandel hat auch negative Folgen für große Bevölkerungsteile zum Beispiel für die Ernährungssicherheit und die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser. Auch der Tourismus wird betroffen sein; sowohl im Winter – zum Beispiel durch abnehmende Schneesicherheit – alsauch im Sommer – die Gletscher machen ein Teil der Faszination der Hochgebirge aus.“

„Eine umgehende und deutliche Senkung der Emissionen, vor allem der Treibhausgase, ist notwendig. Zudem sollten weitere Abholzungen der Wälder verhindert werden oder Wälder wiederaufgeforstet werden. Hier sind vor allem der Gesetzgeber und die Industrie gefordert. Aber auch jeder Einzelne muss umdenken, zum Beispiel bei der Reisetätigkeit. Dies betrifft auch uns Wissenschaftler. Ein Großteil unserer CO2-Ausstöße sind durch Reisen, insbesondere zu Kongressen und Tagungen, bedingt.“

Dr. Heiko Goelzer

Wissenschaftler und Glaziologe, Institute for Marine and Atmospheric Research Utrecht (IMAU), Utrecht, Niederlande

„Der berechnete globale Meeresspiegelanstieg im Jahre 2100 für ein Szenario mit hohem Strahlungsantrieb (RCP8.5) liegt etwa zehn Zentimeter höher im Vergleich zum vorangegangenen IPCC-Bericht. Damit liegt der wahrscheinliche Bereich der Projektionen bis 2100 jetzt über der Schwelle von einem Meter. Diese Ergebnisse sind hauptsächlich auf einen größeren Beitrag aus der Antarktis zurückzuführen, während die Modellberechnungen für das grönländische Eisschild sich wenig verändert haben.“

„Zum ersten Mal werden in einem 'Summary for Policymakers' auch Meeresspiegel-Projektionen gezeigt, die über das Jahr 2100 hinausgehen, nämlich bis 2300. Das ist ein wichtiges Signal, da die Beiträge der beiden Eischilde bei starkem Strahlungsantrieb über mehrere hundert Jahre weiter anwachsen können.“

Prof. Dr. Angelika Humbert

Leiterin der Sektion Glaziologie im Fachbereich Geowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven

„Der Sonderbericht ist eine Bestätigung der in AR5 bereits skizzierten Trends: Massenverluste in Grönland und Antarktis nehmen deutlich zu. Gerade nach 2010 hat sich im Bereich der Westantarktis der Massenverlust noch einmal verstärkt, das war im AR5 ebenso noch nicht enthalten. Im Vergleich zwischen 1997-2006 und 2007-2016 hat sich der Massenverlust in Grönland verdoppelt und in der Antarktis verdreifacht. Da Eisschilde eigentlich langsame, träge Systeme sind, sind solche Veränderungen in der Dynamik schon wirklich enorm. Hier zeigt der SROCC auch auf, dass die Auswirkungen weit über das Jahr 2100 hinaus gehen.“

„Aus Sicht einer Glaziologin ist eines klar: Die Gletscher brauchen es kälter, die Temperaturen von Ozean und Atmosphäre müssen sinken und zwar zeitnah. Welche Schritte dafür notwendig wären, liegt außerhalb meines Kompetenzbereichs.“

Prof. Dr. Harald Kunstmann

Stellvertretender Institutsleiter und Universitätsprofessor für regionales Klima und Hydrologie, Institut für Meteorologie und Klimaforschung, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Alpin, Garmisch-Partenkirchen

„Der aktuelle Bericht greift auf allerneueste Studien und Daten zurück. Er beinhaltet für die Analyse der beobachteten Änderungen in Ozean und Kryosphäre zum Beispiel Messungen bis teilweise 2018. Damit können beobachtete Veränderungen noch robuster und genauer als bisher eingeschätzt werden. Ein markantes neues Ergebnis ist, dass sich der mittlere Meeresspiegelanstieg in den vergangenen zehn Jahren weiter beschleunigt hat (mittlerweile fast 4 Millimeter pro Jahr). Auch hat sich die Wärmeaufnahme der Ozeane in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt im Vergleich zu den davor liegenden 25 Jahren. Da die Meeresoberfläche sich nicht gleichmäßig ändert, ist die Ableitung dieser Zahlen extrem komplex. Für die neuesten Abschätzungen kommen mittlerweile immer bessere Methoden zum Einsatz, insbesondere Fernerkundungsverfahren.“

„Schnee und Eis in den Hochgebirgsregionen haben große Bedeutung für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit in den flussabwärts gelegenen Gebieten: Durch die Schneeschmelze wird das im Winter gespeicherte Wasser wieder frei und zur Bewässerung in der trockenen Jahreszeit verfügbar. Der Bericht betont eindrücklich die Gefahren des langfristig nun zurückgehenden Schmelzwassers für die Ernährungssicherheit. Konkret berichtet er über zurückgehende Erträge im Hindukusch-Himalaya und den tropischen Anden. Es wird hervorgehoben, dass die Anstrengungen für die notwendigen Anpassungsmaßnahmen im Wassermanagement länderübergreifend aufeinander abgestimmt und massiv verstärkt werden müssen.“

„Künstliche Beschneiung konnte bisher die negative Auswirkungen der globalen Erwärmung auf den Skitourismus in vielen Wintersportorten verringern. Der neue Bericht betont, dass die gegenwärtig angewandten Kunstschnee-Verfahren bei der erwarteten weiteren Erwärmung an Effektivität stark verlieren werden und entsprechend mit noch höheren Risiken für die Schneesicherheit auf den Pisten in Europa, Nordamerika und Japan gerechnet werden muss. Die Diversifizierung im Wintertourismus muss deshalb in Gebirgsregionen massiv vorangetrieben werden.“

Dr. Oliver Wurl

Leiter der Arbeitsgruppe Meeresoberflächen, Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

„Das Fortschreiten des Klimawandels wird im Sonderbericht deutlich bestätigt und zum großen Teil werden die Vorhersagen der Veränderungen als sehr wahrscheinlich beschrieben. Dies betrifft insbesondere die Eisschmelze, die Versauerung der Ozeane durch die Aufnahmen von anthropogenem CO2 und die Erwärmung der Ozeane mit der Folge eines weiteren Anstieges des Meeresspiegels.“

„Auf Grundlage des ‚Peak-Scenarios‘ des IPCC, also dem Anstieg der Treibhausgasemissionen bis 2020 auf etwa 490 ppm (490 parts per million, Angabe der Konzentration des Gases CO2 mit einem Volumenanteil von etwa 0,049 Prozent; Anm. der Red.), werden einige Veränderungen ab 2050 stagnieren. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Emissionen über das Jahr 2020 hinaus global weiterhin zunehmen. Daher muss mit einem weiteren Anstieg der Erderwärmung und dessen Folgen bis weit in unser Jahrhundert gerechnet werden.“

„Mit der Priorität des wirtschaftlichen Wachstums in der Politik ist der Verlauf der Klimaänderung keine wirkliche Überraschung. Es ist eine Herausforderung für die Wirtschaft, das Wohl der Menschen im Einklang mit einer Verlangsamung der Klimaveränderung zu bringen. Jedoch hat die Klimaveränderung bereits für viele Menschen in Entwicklungsländern negative Auswirkungen auf das Einkommen aus der Landwirtschaft. Es ist daher überraschend, dass es seit dem Kyoto-Protokoll nur geringe Verpflichtungen für die Industriestaaten gibt.“

„Die Signale sind klar: Das Klima verändert sich weiterhin sehr schnell, insbesondere in den extremen Klimazonen. Aber die Klimaänderung ist spürbar durch die Hitzewelle der vergangenen Jahre auch bei uns in Mitteleuropa angekommen. Es ist zu hoffen, dass dadurch die deutschen Politiker eine stärkere Führungsrolle in der Klimapolitik übernehmen werden.“

„Das Klimapaket der Bundesregierung ist enttäuschend, und der festgelegte CO2-Preis von zehn Euro pro Tonne wird sich zum Beispiel nicht in den Benzinpreisen widerspiegeln, sondern in den üblichen Schwankungen untergehen. Auf der anderen Seite muss der CO2-Preis gesellschaftlich fair bleiben. Es muss eine europäische oder globale Lösung gefunden werden, und CO2-Preis allein kann nicht zum Ziel der 1,5-Grad-Celsius Erwärmung führen. Deutschland wird bis 2020 die CO2-Emissionen um 32 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt haben; ein guter Schritt trotz des Zieles von 40 Prozent. Aber laut Umweltbundesamt ist ein großer Anteil der Reduzierung in der Abfallwirtschaft erreicht worden, aber der deutsche Abfall befindet sich jetzt zum Teil in Südostasien. Die Politik muss lernen, dass die Klimaänderung ein globales Problem ist; ein Verschieben oder Handel mit CO2-Emissionen ist unzureichend. Im Gegenteil, das Verschiffen von Müll über unsere Erde scheint hier in die falsche Richtung zu gehen.“

Prof. Dr. Mojib Latif

Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Universität Kiel, Präsident der Deutschen Gesellschaft CLUB OF ROME und Vorstandsvorsitzender Deutsches Klima-Konsortium

„Für mich gibt es kaum etwas Überraschendes: Der Bericht zeigt in kompakter Form noch einmal, dass der Klimawandel in den Meeren und in der Kryosphäre (Eissphäre) stattfindet und dass die Änderungen schon massive Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben, insbesondere auch für die Menschen und die Ökosysteme in den Küstenregionen. Die Projektionen zum Meeresspiegel-Anstieg haben sich erhöht. Die Menschen sind auf Kollisionskurs mit der Erde, weil die weltweiten CO2-Emissionen immer noch steigen. Ein Beispiel für die Dramatik des Klimawandels sind die tropischen Korallen, die schon Mitte des Jahrhunderts in Folge einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad Celsius sterben könnten. Bisher beträgt die Erwärmung schon ein Grad Celsius und es kommt in den vergangenen Jahren immer häufiger zur gefürchteten Korallenbleiche.“

„Der Bericht zeigt sehr deutlich, dass die Staatengemeinschaft so nicht weitermachen kann. Im Moment sind wir auf einem Kurs von drei bis vier Grad Celsius globale Erwärmung. Das wäre eine katastrophale Erwärmung und würde die Lebensbedingungen auf der Erde dramatisch verschlechtern, insbesondere auch, was die Nahrungsmittelversorgung angeht. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen müssen endlich gegenüber den langfristigen Interessen der Umwelt in den Hintergrund treten. Die weltweiten Treibhausgas-Emissionen müssen schnell sinken und bis zur Mitte des Jahrhunderts auf (netto) Null sinken, das heißt die Emissionen müssen durch entsprechende Senken ausgeglichen werden. Deutschland sollte Vorbild sein und beim Klimaschutz couragiert vorangehen, weil es auch in seinem wirtschaftlichen Interesse ist, bei den neuen Technologien ganz vorne dabei zu sein.“

Dr. Veit Helm

Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven

„Der vorliegende Sonderbericht zeigt, dass sich die im AR5 beobachteten erhöhten Massenverluste für Grönland und Antarktis manifestiert haben und im Falle von Grönland noch einmal leicht zugenommen haben. Insbesondere in der Westantarktis wurde seit 2010 ein beschleunigter Massenverlust beobachtet, der in AR5 noch nicht abgebildet war. Die Projektionen zeigen deutlich, dass die großen trägen Eisschilde dynamisch reagieren und dass die durch die Erwärmung bereits angestoßenen erhöhten Massenverluste sehr wahrscheinlich bis 2100 und darüber hinaus andauern oder sich beschleunigen werden.“

Prof. Dr. Julian Gutt

Leiter des SCAR Scientific Research Programme Antarctic Thresholds – Ecosystem Resilience and Adaptation (AnT-ERA), Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven

„Es gibt immer noch in einigen UN-Ländern große Regionen, in denen die Ozeane mit ihrem Nutzen und ihren Bedrohungen nicht wirklich wahrgenommen werden. Außerdem wurden die Polarregionen mit ihrer Kryosphäre, auch in den Hochgebirgen – an Land (Gletscher, Eisschilde, riesige Permafrostgebiete) und auf dem Wasser (Meereis) – bisher oft bei sogenannten globalen Analysen ignoriert. In dem Bericht wird nun eindeutig die Bedeutung der Ozeane für alle Menschen auf unserem Globus, insbesondere aber für die vielen in Küstennähe Lebenden (für 2050 geschätzt eine Milliarde) herausgestellt. Es gibt klare Aussagen zu den physikalisch-chemischen Veränderungen, zum Beispiel zu dem sich beschleunigenden Meeresspiegelanstieg oder der Ökosystem-schädigenden fortschreitenden Ozean-Versauerung, aber auch zu den Folgen für Schlüssel-Lebewesen, die Ökosystemdienstleistungen erbringen, so zum Beispiel die Sauerstoffproduktion, CO2-Aufnahme oder Fischereierträge. Bei Letzterem gibt es eine Vorhersage für eine 20 bis 24 prozentige Minderung der maximalen Fangmengen bis 2100.“

„Die sehr hohen bis hohen Vertrauenswürdigkeiten insbesondere für Aussagen zu physikalischen Messgrößen unterstreichen die globale Bedrohung durch klimabedingte Veränderungen in den Ozeanen. Die hohen bis mittleren Vertrauenswürdigkeiten für die Kenntnis über Konsequenzen für Lebewesen und Lebensräume zeigen, dass viele verlässliche Aussagen gemacht werden können, dass aber auch komplexe ökologische Wechselwirkungen noch weiter intensiv untersucht werden müssen. Dies ist zum Beispiel mit Blick auf Vorhersagen zum Algenwachstum nötig, das am Anfang fast einer jeden marinen Nahrungskette steht und betrifft die langfristige Beobachtung solcher Prozesse. Für Entscheidungsträger ist die Regionalisierung von spezifischen Veränderungen hilfreich, um in ihrer Region gezielt Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen, zum Beispiel die besonders gut belegten negativen Konsequenzen für die Fischerei im Nordatlantik und für Korallenriffe sowie Mangroven in den Tropen.“

„Es gibt auch wissenschaftliche Grundlagen für Handlungsempfehlungen, etwa für den anhaltenden Meeresspiegelanstieg, Schutzmaßnahmen und Strategien sowie Technologien, um sich dem Klimawandel anzupassen. Dieser IPCC-Bericht trägt auch der Kenntnis Rechnung, dass nicht der Klimawandel alleine eine Bedrohung für die Meere und die Menschheit bedeutet, sondern dass der Raubbau an Meeresökosystemen ebenso schädlich und mit dem Klimawandel verknüpft ist.“

„Heute können sinnvolle Maßnahmen nur noch zweigleisig erfolgen, in erster Linie, den Klimawandel durch global schnell und deutlich verringerten CO2-Ausstoß aufhalten, um das Übel an der Wurzel zu packen, und Ausgleichsmaßnahmen zu ergreifen, um das Schlimmste von den Menschen abzuwenden. Maßnahmen müssen faktenbasiert, zielgerichtet und effizient sein, das heißt eine technische und gesellschaftliche Konversion muss den CO2-Ausstoß tatsächlich und global verringern, um damit in demokratischen Gesellschaften die Menschen zu überzeugen. Maßnahmen zur Klimarettung allein helfen der Menschheit für ihr Wohlergehen nur in begrenztem Umfang. Die aktuellen Probleme müssen ganzheitlich zusammen mit anderen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen gelöst werden, etwa zur Gesundheit und Ernährung.“

Dr. Matthias Huss

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW), Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Schweiz

Dr. Huss ist Mitautor eines Kapitels des Sonderberichtes

„Der Sonderbericht zeigt mit großer Genauigkeit und Sorgfalt auf, dass die Forschung im Bereich Ozeane und Kryosphäre seit dem vorangegangenen Bericht weitere zwingende Evidenzen für die Auswirkungen des Klimawandels sammeln konnte. In vielen Bereichen konnte die Zuverlässigkeit der Aussagen weiter gesteigert werden.“

„Der Sonderbericht macht außerordentlich klar, dass die Konsequenzen des Klimawandels auf verschiedene Bereiche, wie die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln, Naturgefahren in Gebirgsregionen, sowie das Leben in Küstennähe sehr ernsthaft sind und nur mit sofortigem Handeln durch die globale Gemeinschaft gelindert werden können.“

Prof. Dr. Wolfgang Schöner

Professor für Physische Geographie der Universität Graz, sowie Austrian Polar Research Institute, Österreich

„Der neue Sonderbericht des IPCC ‚The Ocean and Cryosphere in a Changing Climate‘ fasst das aktuelle Wissen zu den Änderungen und Auswirkungen des Klimawandels für die Ozeane und Kryosphäre (also Schnee, Gletscher und Eisschilde, Permafrost, Meereseis) zusammen. Während frühere Berichte die beobachteten Veränderungen, also vorwiegend die naturwissenschaftlichen Befunde einerseits und die Auswirkungen für den Menschen andererseits, getrennt darstellten, wurde der neue Bericht in einem integrativen Ansatz, also von Forscherinnen aus den Naturwissenschaften bis zu den Sozialwissenschaften gemeinsam erstellt. Dadurch konnten die Auswirkungen des Klimawandels und mögliche Handlungsoptionen für den Menschen viel besser an die Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit adressiert werden. Gleichzeitig bringt die Fokussierung des Berichtes auf die Folgen des Klimawandels unter Darstellung der zwei „Zukunftswelten“ RCP2.6 (mit einer 2/3 Chance die globale Erderwärmung unter 2 Grad zu halten) und RCP8.5 (keine Handlungsmaßnahmen und ungebremster CO2-Ausstoß) eine viel klarere Zuspitzung auf die Folgen eines klaren Handelns oder eben eines Nichthandelns. Ein Weg dazwischen ist damit keine Option.“

„Gegenüber den früheren IPCC Berichten hat sich auch das Wissen in manchen Bereichen deutlich verbessert. Während in den Vorgängerberichten des IPCC die Entwicklung des Antarktischen Eisschildes noch recht unsicher war, weiß man heute, dass auch die Masse des Antarktischen Eisschildes abnimmt (155 ± 19 Gigatonnen pro Jahr während der Periode von 2006-2015) und in Zukunft verstärkt abnehmen wird. Man versteht nun auch sehr gut, dass die klare Abnahme der Masse des Eisschildes auf das Ausdünnen und Zurückziehen der Auslassgletscher der Westantarktis zurückzuführen ist. Die Temperatur des Permafrostes ist deutlich wärmer geworden und hat seit 1980 Rekordwerte erreicht. Vor dem Hintergrund des gespeicherten Kohlenstoffs im arktischen und borealen Permafrost (etwa die Menge, die schon in der Atmosphäre an CO2 enthalten ist), zeigt ein deutliches Bedrohungsszenario für die Zukunft.“

„Ein Schlüsselthema im Zusammenhang Klimawandel mit Kryosphäre und Ozean bleibt der zukünftige Meeresspiegelanstieg. Gegenüber dem fünften Assessmentreport des IPCC von 2014 sind die Projektionen des Anstiegs für das Jahr 2100 nun etwas höher (mittlere Änderung 0,84 Meter für RCP8.5, 0,43 Meter für RCP2.6). Die größte Unsicherheit, was die Meeresspiegeländerung der Zukunft bis 2100 betrifft, bleibt durch die Unsicherheiten der Beiträge der großen Eisschilde, ganz besonders der Antarktis, bestehen.“

Prof. Andreas Oschlies

Leiter der Forschungseinheit Biogeochemische Modellierung, Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Geomar, Kiel

„Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich weiter beschleunigt. Während sich die Ozeanerwärmung und damit die thermische Ausdehnung des Ozeans weiter beschleunigen und am oberen Rand der Vorhersagen des vorangegangenen IPCC-Berichts liegt, liefert das Abschmelzen der Eiskappen jetzt den größten Beitrag. Dies hat dazu geführt, dass die Schätzungen für den für dieses Jahrhundert erwarteten Meeresspiegelanstieg im Vergleich zum vorangegangenen IPCC-Bericht deutlich (um 10 bis 15 Prozent) erhöht wurden. Das Tempo, mit dem das Eis von Grönland abschmilzt, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, die Schmelzrate der Antarktis verdoppelt. Für die Antarktis werden erstmals Anzeichen dafür gesehen, dass ein unumkehrbares Abrutschen großer Teile des Festlandeises begonnen hat.“

„In diesem Bericht des Weltklimarats wird erstmals festgestellt, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme inzwischen in allen Regionen des Weltozeans beobachtet werden können. Wesentliche Treiber sind Erwärmung, Versauerung und Sauerstoffabnahme. Arten wandern polwärts, was zu großen Verschiebungen in Biodiversität und Produktivität der Systeme führt und zu unumkehrbaren Verlusten bei ortsgebundenen Arten, insbesondere Korallen. In einigen eisfrei gewordenen Polarregionen haben sich Produktivität und Biodiversität erhöht, ansonsten sind die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme generell negativ.“

„Der aktuelle Bericht zeigt, dass sich die Auswirkungen des Klimawandels in allen Bereichen des Ozeans beschleunigen und zum Beispiel beim Anstieg des Meeresspiegels im Vergleich zum vergangenen Bericht des Weltklimarats weiter beschleunigen. Er macht auch klar, dass viele der für dieses Jahrhundert erwarteten Folgen des Klimawandels bei einer schnellen und drastischen Emissionsreduktion noch stark begrenzt werden können. Ein Erreichen von Netto-Null-CO2-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts kann wesentlich dazu beitragen. Eine vielversprechende Entwicklung sind ambitionierte Netto-Null-Strategien, die viele Länder, Regionen und auch Unternehmen dafür bereits entwickelt haben und weiter entwickeln. Die bisher im Klimapakt der Bundesregierung geplanten Maßnahmen sind ungeeignet, um hier in irgendwelcher Weise eine Vorbildfunktion einzunehmen.“

Dr. Dirk Notz

Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

„Bestätigt wird vor allem der sehr klare Rückgang des arktischen Meereises in allen Monaten, der sich in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen wird. Hervorgehoben wird noch einmal die Erkenntnis aus dem 1,5-Grad-Sonderbericht, dass der vollständige Verlust von Meereis im Sommer bei zwei Grad Erwärmung deutlich häufiger auftreten wird als bei 1,5 Grad Erwärmung.“

„Neu ist die Beobachtung für das antarktische Meereis, dass dieses keinen klaren Trend aufweist. In früheren Berichten wurde noch eine leichte Zunahme der Meereisbedeckung im Südlichen Ozean festgestellt. In den vergangenen Jahren hat die Eisbedeckung abgenommen, sodass sich insgesamt kein klarer Trend ergibt.“

„Überraschend ist meines Erachtens keines der Erkenntnisse zum Meereis.“

Prof. Dr. Christoph Schneider

Professor für Klimageographie, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin

„Der vorliegen IPCC-Bericht ‚Der Ozean und die Kryosphäre in einem sich verändernden Klima‘ enthält auf den ersten Blick wenig Überraschendes. Der Fortschritt der Wissenschaft konsolidiert das im Grunde seit Jahrzehnten Bekannte: Ungebremster Klimawandel führt zu dramatisch abschmelz­enden Gletschern, einer immer heftiger werdenden Verringerung der großen Eischilde und damit zu einem Anstieg des Meeresspiegels von etlichen Metern in den kommenden Jahrhunderten. Die Veränderung von Temperatur, pH-Wert, Sauerstoff- und Nährstoffgehalt im Ozean gefährden marine Ökosysteme und Fischereiwirtschaft in hohem Maße.“

„Bemerkenswert an dem neuen IPCC-Bericht ist vor allem, dass der prognostizierte Meeresspiegelanstieg für 2100 erneut höher ausfällt als in vorangehenden Berichten. Die Dominanz von Grönland und Antarktis als Treiber des Meeresspiegelanstiegs ist inzwischen klarer. Der Bericht ist allerdings gegenüber sich selbstverstärkenden eisdynamischen Prozessen in der Antarktis, die einen noch rascher ansteigenden Meeresspiegle nach sich ziehen könnten, erstaunlich zurückhaltend. Vermutlich wollten sich die Autorinnen und Autoren nicht dem Vorwurf des Alarmismus aussetzen. Meiner Ansicht nach wird dadurch das Risiko solcher Effekte in diesem jüngsten IPCC Bericht nicht genügend thematisiert.“

„Auch in möglichen Methanemissionen aus auftauenden Permafrostböden liegt das Potenzial einer rasch wirkenden positiven Rückkopplung, die die globale Erwärmung erheblich beschleunigen könnte. Bezüglich dieser Risiken ist der neue IPCC Sonderbericht bemerkenswert zurückhaltend. Weiterer Forschungsbedarf dazu ist offensichtlich. Ich hätte erwartet, dass der Bericht die Risiken der Methanemissionen aus auftauendem Permafrost klarer herausstellt.“

„Der Bericht stellt heraus, um wie viel größer die Risiken sind bei weiter ungebremstem Klimawandel gegenüber einem Szenario, das die Pariser Klimaziele erreicht, vor allem in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die Unterschiede sind dramatisch, was seit mindestens 25 Jahren gesichertes Wissen ist. Es ist also in der Tat so, dass das ungenügende Handeln der Weltgemeinschaft vor allem die Zukunftsaussichten der Enkel und Urenkel heutiger Entscheidungsträger trifft.“

„Bemerkenswert ist, wie großes Augenmerk die Zusammenfassung des Sonderberichts im Teil C auf Anpassungsmaßnahmen richtete. Dagegen werden die Konsequenzen mangelnder Klimaschutzmaßnahmen in den vorangehenden Abschnitten recht neutral nebeneinander gestellt. Fast könnte man meinen, die Autorinnen und Autoren hätten die Hoffnung in eine ambitionierte Klimaschutzpolitik bereits verloren und würden zum Ende des Berichts zwischen den Zeilen den Blick weg vom Klimaschutz auf die dann unabdingbaren Anpassungsmaßnahmen lenken wollen. Es wäre sicher ein nicht beabsichtigtes, aber dennoch fatal falsches Signal an die Weltgemeinschaft.“

Dr. Reinhard Drews

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Geologie und Geodynamik, Eberhard Karls Universität Tübingen

„Gegenüber dem vorangegangenen IPCC Bericht wird immer klarer, dass sowohl Grönland als auch die Antarktis noch in unsere Lebenszeit und – mehr als ursprünglich gedacht – zum Meerespiegelanstieg beitragen werden. Die vorhergesagte Instabilität des westantarktischen Eisschildes ist nicht mehr reine Theorie, sondern wird mehr und mehr mit Beobachtungen bestätigt.“

„Der Anstieg des Meerespiegels, die Verschiebung von Ökosystemen, die Veränderung von Ozeanströmungen und Zunahme von Extremwetterereignissen sind teils irreversible Merkmale der globalen Erderwärmung, die wir alle erleben und in Zukunft noch mehr erleben werden. Wir sind an einem kritischen Punkt und teils darüber hinaus.“

„Alle sind in der Verantwortung: der einzelne Bürger, der lokale Gemeinderat, Firmen, Regierungen und internationale Organisationen. Ziel muss der schnelle Rückgang von Treibhausgasemissionen sein. Alle Entscheidungen müssen auf dieses Ziel hin ganzheitlich evaluiert werden. Wir brauchen einen echten politischen Wandel auf allen Ebenen.“

Prof. Dr. Matthias Braun

Professor für Physische Geographie (Fernerkundung), Institut für Geographie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen und

Prof. Dr. Thomas Mölg

Professor für Klimatologie, Institut für Geographie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

„Der Sonderbericht zeigt, dass sich die im vorangegangenen IPCC-Bericht (AR5-Bericht) dargelegte Beschleunigung der Massenverluste für Grönland, Antarktis und die weiteren globalen Gletscher in den jüngsten Jahren fortgesetzt hat. Besonders deutlich wird dies für die beiden Eisschilde im Vergleich der zwei Zeiträume 2002-2011 (AR5) und 2006-2015 (Sonderbericht). Grönland verlor im ersten Zeitraum durchschnittlich etwa 215 Gigatonnen (Gt) pro Jahr, im jüngeren bereits 278 Gt/Jahr.“

„Bei den Zahlenangaben fallen zwei Dinge im Vergleich zum AR5 auf: (a) Die Unsicherheiten sind markant kleiner geworden. Das obige Zahlenbeispiel für Grönland hatte im AR5 noch eine Unsicherheit von 59 Gt/Jahr, für die neue Abschätzung lediglich 11 Gt/Jahr. (b) Die Zuverlässigkeit der Einschätzungen ist erhöht, vor allem im Fall der Antarktis, wo explizit auf die Rolle der Auslassgletscher der Westantarktis hingewiesen wird. Diese wird im Sonderbericht auch mit größerer Sicherheit als instabile Komponente des Klimasystems ausgewiesen.“

„Die Abschätzungen für die Zukunft (‚Projektionen‘) zeigen einen Beitrag der Gletscher zum Meeresspiegelanstieg bis 2100 von zehn Zentimeter (moderates Szenario) bis 20 Zentimeter (extremes ‚weiter wie bisher‘ Szenario). Für Grönland und die Antarktis geht der maximale Beitrag zum Meeresspiegelanstieg im Sonderbericht nach oben und beziffert sich auf bis zu 27 Zentimeter im ‚weiter wie bisher‘ Szenario.“

„Ein zukünftig stärkerer Beitrag zum Meeresspiegel von Teilen des antarktischen Eisschildes wird deutlich wahrscheinlicher (insbesondere nach 2100) und damit ein steigender Einfluss dieser Eismassen auch auf die Nordhemisphäre. Die bestehenden Unsicherheiten sind auf fehlende Datengrundlagen und daher eine nach wie vor unzureichende Repräsentation der Interaktion von Ozean, Eis und Atmosphäre in den Modellen zurückzuführen.“

„Schon jetzt zeigen die Veränderungen der Kryosphäre in manchen Hochgebirgen Effekte auf die sozioökonomischen Bedingungen. Die Projektionen zeichnen ein regional drastisches Bild inklusive zum Beispiel dem Verschwinden von 80 Prozent der Gletscher in den Alpen bis 2100 (im ‚weiter wie bisher‘ Szenario).“

„Strukturell legt das Summary nahe, dass die klimatischen Veränderungen und deren Auswirkungen in Hochgebirgen eine explizitere Rolle im Sonderbericht einnehmen. Dies ist begrüßenswert, da Hochgebirge wichtige Rollen als Wasserspeicher, Einflussfaktoren für Naturgefahren und Indikatoren der Klimaänderung in den höheren Luftschichten besitzen.“

Prof. Dr. Eric Achterberg

Leiter der Arbeitsgruppe Biogeochemie der Wassersäule im Forschungsbereich Marine Biogeochemie, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), Kiel

„Der neue Sonderbericht des IPCC hebt die jüngsten Forschungsarbeiten zu Aspekten des Klimawandels im Zusammenhang mit dem Meer und der Kryosphäre hervor. In den vergangenen 10 bis 20 Jahren wurden intensive Forschungsaktivitäten durchgeführt, und der aktuelle Sonderbericht hebt wichtige Aspekte der neuen Forschung hervor, die im vorherigen IPCC-Bericht nicht behandelt wurden. Insbesondere die Arbeiten in Arktis, Antarktis und EBUS Regionen haben sich in den vergangenen Jahren intensiviert, und bei der Erstellung des aktuellen Berichts wurden neueste wissenschaftliche Berichte herangezogen. Infolgedessen hat sich der Grad der Gewissheit über eine Reihe von klimabedingten Veränderungen und prognostizierten Folgen erhöht. Die Folgen für die betroffene Bevölkerung und mögliche politische Maßnahmen für politische Entscheidungsträger und die Gesellschaft wurden ebenfalls sorgfältig geprüft und diskutiert.“

„Wichtige Neuerungen gegenüber dem vorherigen Bericht sind das neue Bewusstsein für die Bedeutung des Schmelzens von Schelfeis und Gletschern aus Grönland und der Antarktis beim Anstieg des Meeresspiegels. Die Erwärmung des Ozeans wurde als Haupttreiber für den Anstieg des Meeresspiegels angenommen, aber die jüngsten Forschungsanstrengungen deuten auf den dramatischen Beitrag der Eisschmelze zum Anstieg des Meeresspiegels hin (größer als 50 Prozent). Veränderungen in der Ozeanproduktivität werden für die Ozeane prognostiziert, mit Folgen für die Fischerei und die Aufnahme von Kohlenstoff im Ozean, aber die Sicherheit bei all diesen Prozessen ist relativ gering, und es sind weitere Untersuchungen erforderlich. Ein Aspekt, der sich aus diesem Bericht ergibt, ist die Nichtlinearität vieler Prozesse, mit potenziellen Kipppunkten (tipping points) in Bezug auf den Anstieg des Meeresspiegels (antarktisches Eisschild bricht zusammen) und extreme Wetterereignisse. Die gesellschaftlichen Folgen für jeden dieser Prozesse sind groß.“

„Der aktuelle Bericht verwendet die neuesten Forschungsergebnisse über die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Ozeane und Kryosphäre. Die Gewissheit über die Folgen des Klimawandels nimmt zu. Die Aussicht auf eine Reihe von Folgen für unseren Planeten und unsere Gesellschaft ist ein ernsthaftes Anliegen für unsere heutige Generation, aber auch für unsere Kinder und ihre Kinder. Der deutsche Klimapakt ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber in Deutschland und weltweit sind drastischere Maßnahmen erforderlich. Der aktuelle IPCC-Bericht zeigt, dass für einen bewohnbaren Zukunftsplaneten eine starke Reduzierung der CO2-Emissionen erforderlich ist, mit Null-Emissionsszenarien bis 2050.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Ben Marzeion: „Ich bin einer der ‚lead authors‘ - falls das als Interessenkonflikt zählt, möchte ich es hier sagen.“

Dr. Heiko Goelzer: „Ich arbeite zusammen mit Roderik Van De Wal, einem der Drafting Authors des Summary for Policymakers und Leitautor des neuen Berichts.“

Dr. Matthias Huss: „Es gibt zu bemerken, dass ich als ‚contributing author‘ zu einem Kapitel des Reports mitgewirkt habe.“

Prof. Dr. Wolfgang Schöner: „Kein Interessenskonflikt.“

Dr. Reinhard Drews: „Ich habe keine Interessenkonflikte.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

IPCC (2019): Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate (SROCC). Summary for Policymakers (SPM).