Zum Hauptinhalt springen
29.03.2021

Fußabdruck des internationalen Handels auf die Abholzung der Wälder weltweit

Anlass

Vier Bäume beziehungsweise 58 Quadratmeter Wald gehen pro Einwohnerin und Einwohner der G7-Staaten, zu denen auch Deutschland gehört, jedes Jahr durchschnittlich in anderen Ländern durch die Einfuhr von Gütern verloren. Der Konsum von importierten Nahrungsmitteln und anderen Verbrauchsgütern in wohlhabenden Ländern führt zu massiver Abholzung von Wäldern in vielen Regionen der Welt. Die Einfuhr von Rindfleisch, Soja, Kaffee, Kakao, Palmöl, Holz und weiteren Rohstoffen belastet dabei besonders die Waldbestände in den tropischen Regionen der Erde. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die am 29.03.2021 im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“ erschien (siehe Primärquelle). Sie evaluiert auch, welche Importe in welche Länder wo besonders negative Auswirkungen haben.

Die Abholzung von Wäldern ist gleich auf mehreren Ebenen verheerend: Sie ist eine der größten Quellen für Treibhausgas-Emissionen, zieht den Verlust von Lebensräumen und Artensterben nach sich und verändert Wasserkreisläufe. Während die Waldbestände in vielen wohlhabenden Staaten in den vergangenen Jahrzehnten zunehmen oder zumindest stabil geblieben sind, ist der Trend in vielen sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern genau umgekehrt. Ein Hauptgrund ist die steigende Weltmarktnachfrage nach zum Beispiel Rindfleisch, Soja und Palmöl, für deren Haltung beziehungsweise Anbau Wälder gerodet und zu Agrarflächen umfunktioniert werden. Somit wird es immer wichtiger, Handelsverflechtungen zwischen Ländern und die Triebkräfte dieser Waldverluste zu untersuchen.

Die Autoren der aktuellen Studie kombinierten bereits veröffentlichte Informationen über den Verlust von Wäldern und dessen Treiber mit einer globalen Datenbank von nationalen und internationalen Handelsbeziehungen zwischen 15.000 Industriesektoren in den Jahren 2001 bis 2015. Sie lösten den Waldverlust auf einer Skala von 30 Metern mal 30 Metern und die zugrundeliegenden Treiber mit 10 Kilometern mal 10 Kilometern auf. So konnten sie den Entwaldungs-Fußabdruck jedes Landes basierend auf dem Konsum der Bevölkerung ermitteln. Die Muster verschiedener Länder und Waren unterscheiden sich dabei zum Teil recht deutlich: Der Kakaokonsum in Deutschland ist ein sehr hohes Risiko für die Wälder in Ghana und der Elfenbeinküste, Holzexport nach China, Südkorea und Japan setzt vor allem den Wäldern im Norden Vietnams zu und der Kaffeeimport von den USA, Deutschland, und Italien gefährdet vor allem das zentrale Hochland in Vietnam. Viele der am stärksten betroffenen Regionen sind auch Biodiversitäts-Hotspots, wie zum Beispiel die Länder in Südostasien und Zentralamerika, Madagaskar, Liberia und der Amazonas-Regenwald.

Übersicht

     

  • Dr. Hannes Böttcher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin
  •  

  • PD Dr. Florian Zabel, Privatdozent am Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), München
  •  

  • Dr. Janina Grabs, Postdoc-Forscherin bei der Professur für Umweltpolitik, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Schweiz
  •  

  • Dr. Thomas Kastner, Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Auswirkungen des Konsums land- und forstwirtschaftlicher Produkte, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (SBIK-F), Frankfurt am Main
  •  

  • Prof. Dr. Ralf Seppelt, Leiter des Departments Landschaftsökologie, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig, und Professor für Angewandte Landschaftsökologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  •  

Statements

Dr. Hannes Böttcher

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin

„Um eine nachhaltigere Produktion von Konsumgütern zu erreichen, brauchen wir ein transparentes und ausreichend detailliertes Monitoringsystem. Die Studie von Hoang und Kanemoto ist eine eindrucksvolle Darstellung dessen, wie durch die Verknüpfung frei verfügbarer Daten der Fernerkundung und ökonomischer Statistiken Fußabdrücke des Konsums dargestellt werden können. Die Information über Fußabdrücke des Konsums einzelner Länder im Land selbst und außerhalb des Landes helfen, die Auswirkungen unseres Handelns besser zu verstehen. Wie die Autoren selbst anführen, lassen sich Daten und Methoden verbessern: Vor allem fehlen Informationen zu tatsächlichen Treibern der Entwaldung in einzelnen Ländern. Zudem sind Wertschöpfungsketten sehr komplex: Rohstoffe und Produkte queren mehrfach Grenzen, bevor sie konsumiert werden. Das macht eine Nachverfolgung der Stoffströme sehr schwierig.“

„Damit Verbraucher*innen diese Informationen nutzen können, um ihr Konsumverhalten zu verändern, braucht es aber noch mehr. Die Studie von Hoang und Kanemoto endet an den Landesgrenzen. Unterschiede zwischen nachhaltigen Lieferketten in einem Land, die Entwaldung vermeiden, zum Beispiel durch den Anbau von Produkten auf ungenutztem Land, und solchen die zum Anbau Wald vernichten, sind nicht sichtbar. Auf diese Weise können zwar Länder als Risikoland identifiziert werden, nachhaltige Produkte aus diesen Regionen bekommen so aber auch diesen Stempel aufgedrückt. Für die globale Überwachung von Nachhaltigkeit sollten deshalb Lieferketten genauer betrachtet werden.“

„Wichtige Informationen zu nachhaltigen Lieferketten können Zertifizierungssyteme liefern sowie Daten von Unternehmen zu ihren Bezugsquellen. An der Stelle endet die Transparenz aber ganz schnell. Würden die schon sehr genauen Karten der Waldvernichtung und detaillierten Handelsstatistiken zusätzlich gepaart mit Daten zum Verhalten von Akteuren, beispielsweise wo für wen Konzessionen zur Rodung erteilt wurden, würden die tatsächlichen Verursacher sichtbar werden.“

„Die Studie geht auf eine wichtige Frage nicht ein: Wie sollten die Anteile an der Waldvernichtung fairerweise auf die konsumierenden Länder verteilt werden? Rein rechnerisch könnte der Konsum Deutschlands gedeckt werden, ohne weitere Waldvernichtung zu verursachen. Allerdings würde das bedeuten, dass der Konsum anderer Länder ‚schmutziger‘ wird. Auch der Konsum in den Erzeugerländern. Deshalb reicht es nicht, dass einzelne Länder sich um entwaldungsfreie Lieferketten kümmern. Es müssen vor allem die Bedingungen in den Produktionsländern verbessert werden, sodass sich Umweltprobleme nicht einfach auf andere Märkte verschieben. Hierzu fehlen klare und faire Zuordnungsregeln.“

„Fußabdrücke des Konsums sichtbar zu machen und fair zuzuordnen muss am Ende dazu dienen, die entscheidende Frage zu beantworten: Wer konsumiert generell über die Grenzen der Nachhaltigkeit? Und damit stehen dann richtigerweise die Verbraucherländer im Fokus und nicht allein die Produzenten. Dazu trägt die Studie einen wichtigen Schritt bei.“

PD Dr. Florian Zabel

Privatdozent am Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), München

„Die Autoren der vorliegenden Studie verwenden adäquate Methoden, um den ‚Deforestation-Footprint‘ auf Länderebene zu bestimmen. Dabei werden die wichtigsten Treiber von Entwaldung und Abholzung berücksichtigt – Forstwirtschaft, Urbanisierung, landwirtschaftliche Expansion von Ackerflächen und Weideland. Durch die Analyse existierender globaler Handelsströme wird nachvollzogen, in welchen Ländern Güter konsumiert werden, die auf gerodeten Waldflächen produziert wurden. Dadurch kann der Fußabdruck für jedes Land berechnet und global in Karten dargestellt werden. Trotz der hohen Auflösung in den Karten wird aber lediglich der durchschnittliche Fußabdruck der konsumierenden Länder pro Treiber dargestellt, der mit den hochaufgelösten Karten der abgeholzten Flächen maskiert wurde. Eine direkte Nachverfolgung auf spezifische Flächen ist nicht möglich.“

„Die Ergebnisse bestätigen vorhandene Erkenntnisse, dass der ‚Deforestation-Footprint‘ vor allem durch die Abholzung tropischer Wälder im Zeitraum von 2001 bis 2015 stark angestiegen ist. Es wird zum Beispiel gezeigt, dass sich circa 98 Prozent des ‚Deforestation-Footprints‘ von Deutschland im Ausland befinden und davon circa 52 Prozent in den Tropen. Dabei ist die Tendenz für alle G7-Länder über den betrachteten Zeitraum steigend. Die Ergebnisse passen gut zu den Erkenntnissen aus einer eigenen Studie aus dem Jahr 2019, die in ‚Nature Communications‘ erschienen ist [1]. Wir konnte darin zeigen, dass landwirtschaftliche Expansion und Intensivierung ohne weitere politische Regulationen auch in der Zukunft vor allem in den Tropen stattfinden wird und dort mit der Gefährdung von Biodiversität einhergeht.“

„Die Studie hat zwar gewisse Ungenauigkeiten, zum Beispiel muss Abholzung bei Plantagen aus der Analyse ausgeschlossen werden und die räumliche Auflösung der Treiber ist mit zehn Kilometern mal zehn Kilometern gröber als die globalen räumlichen Informationen zu den Entwaldungsflächen, die mit 30 Kilometern mal 30 Kilometern Auflösung vorlagen. Auf globaler Ebene sind die Ergebnisse aber als robust zu bewerten. Eine Limitierung der Studie ist, dass der Anstieg von Waldflächen, beispielsweise durch Aufforstung, von den Autoren nicht berücksichtigt wird.“

„Die Zusammenhänge sind in der Wissenschaft und der Politik im Prinzip lange bekannt. Zertifizierungsssysteme existieren, die eine weitere Abholzung unterbinden sollen. Intensiveres Monitoring und ein stärkerer Fokus auf ökologische und soziale Schäden, zum Beispiel in Handelsabkommen, wären wichtig. Ein reduzierter Fleischkonsum in den Industrieländern hätte einen großen Effekt auf den ‚Deforestation-Footprint‘, da diese durch den Anbau von Futtermitteln und Weideflächen die größten Flächen in Anspruch nehmen. Zusätzlich ergäbe sich dabei außerdem die größte Klimawirkung.“

Dr. Janina Grabs

Postdoc-Forscherin bei der Professur für Umweltpolitik, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Schweiz

„Entwaldung ist ein komplexes Phänomen, bei dem verschiedene Treiber – sowohl Landnutzungsentscheidungen als auch der Konsum verschiedener Produkte im In- und Ausland – zusammenspielen. Beispielsweise wird bei der Rodung von Tropenwald erst das Holz verkauft und dann Agrarprodukte wie Palmöl angebaut. Daher ist es schwierig, die genaue Verantwortung für den Waldverlust einzelnen Treibern und Konsumländern zuzuschreiben. Die grobe Verteilung der betroffenen und verursachenden Staaten in dieser Studie stimmt zwar mit dem bisherigen Wissensstand überein. Die Studie muss allerdings aufgrund der Datenqualität und der Kombination verschiedener Datenquellen recht viele Annahmen machen, welche die Ungenauigkeit der quantitativen Ergebnisse erhöhen könnten. Meines Erachtens wäre es gut gewesen, wenn die Autoren die Unsicherheit auch in die Berichterstattung eingearbeitet hätten – beispielsweise mit Konfidenzintervallen.“

„Von besonderer Bedeutung ist auch, dass die Autoren keine subregionale oder qualitative Unterscheidung zwischen Exportprodukten machen, obwohl besonders Akteure in europäischen Ländern seit einem Jahrzehnt versuchen, durch Nachhaltigkeitsstandards, Marktanreize und die Umstrukturierung von Wertschöpfungsketten ihre Importe von Entwaldung zu entkoppeln. Solche Ansätze werden in dieser Studie nicht berücksichtigt beziehungsweise evaluiert. Andere Studien zeigen gemischte und kontextabhängige Ergebnisse von derartigen Lieferketteninitiativen [2]. Was allerdings aus der Forschung hervorgeht: Produzenten benötigen sowohl besseres Wissen als auch finanzielle Anreize, um sich an solch freiwillige Standards zu halten. In bestimmten Sektoren, wie zum Beispiel im Palmölsektor, steigt der Druck auf Produzenten, die entwalden, zudem stetig an. Sie werden immer häufiger vom europäischen und nordamerikanischen Markt ausgeschlossen. Dieser Druck wird durch bessere Satellitenüberwachung und NGO-Kampagnen aufrechterhalten. Leider gibt es immer noch genügend alternative Absatzmärkte, dass es sich wirtschaftlich lohnt, Wald zu roden. Das globale Konsumverhalten spielt da eine wesentliche Rolle und es wäre sicherlich sinnvoll, den Konsum von tropischen Produkten wie Palmöl, Kaffee, Kakao oder Rindfleisch aus Brasilien in Grenzen zu halten.“

„Auf deutscher als auch europäischer Ebene wird das Thema der importierten Entwaldung immer wichtiger. Das deutsche Lieferkettengesetz, das am 3. März 2021 vom Bundeskabinett beschlossen wurde, stärkt die Sorgfaltspflicht von deutschen Unternehmen mit globalen Zulieferern und gibt ihnen die Pflicht, Menschenrechte – auch in Bezug auf Umweltbelange – auch im Ausland zu schützen [3]. In der EU wird momentan an ähnlichen ‚due diligence‘-Gesetzen gearbeitet, die spezifisch auf Entwaldung fokussieren [4]. Darüber hinaus arbeiten verschiedene Sektorinitiativen auch direkt mit den Regierungen von produzierenden Ländern, um gemeinsam Entwaldung aufgrund von Rohstoffanbau zu unterbinden. Dies geschieht beispielsweise im Kakaosektor mit den Regierungen von Ghana und der Elfenbeinküste [5]. Viele dieser Ansätze sind relativ neu und ihre Ergebnisse wurden noch nicht in der vorliegenden Studie von Nguyen Tien Hoang und Keiichiro Kanemoto erfasst.“

Dr. Thomas Kastner

Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Auswirkungen des Konsums land- und forstwirtschaftlicher Produkte, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (SBIK-F), Frankfurt am Main

„Die Studie bestätigt im Großen bestehendes Wissen und ergänzt es um eine räumliche Perspektive. Land- und Forstwirtschaft sind global sicherlich die wichtigsten Treiber von Entwaldung. Darüber hinaus spielt in einigen Regionen auch die Ressourcenextraktion (mining) eine wichtige Rolle, die in der aktuellen Studie – und in den allermeisten anderen auch – nicht quantifiziert wird.“

„Während immer feiner aufgelöste Daten und immer bessere Modelle helfen, das Problem von Umweltauswirkungen unseres Konsums besser zu erfassen und zu beschreiben, lässt sich das Problem selbst durch solche methodischen Verbesserungen selbstverständlich nicht lösen. Dafür sind systemische Ansätze gefragt, die auch nicht allein technikgetrieben sein können. Landflächen sind begrenzt und müssen eine Reihe von Anforderungen erfüllen – Nahrungs- und Energieproduktion, Flächen für den Naturschutz, Infrastrukturflächen und weitere. Ganz auf Kaffee und Kakao zu verzichten, ist sicher keine Lösung. Es gilt eher, gemeinsam mit Erzeugerländern Wege zu finden, die Produktion so zu gestalten, dass unter anderem die Bauern vor Ort gut davon leben können, der Anbau mit möglichst geringen Umweltauswirkungen passiert und der Konsum in einem Rahmen bleibt, der auch den Anforderungen für Landflächen genug Raum lässt. Ähnliches gilt für den Konsum tierischer Nahrungsmittel: Eine Senkung des Konsumniveaus in der westlichen Welt würde zu einer deutlichen Reduktion des Drucks auf globale Landflächen führen.“

„Auf politischer Ebene kommt das Thema zunehmend in den Fokus. Beispiele dafür sind auf EU-Ebene eine Konsultation zu ‚Entwaldung und Zerstörung von Wäldern – Verringerung der Auswirkungen von in der EU verkauften Erzeugnissen‘ [6]. Auf bundesdeutscher Ebene die ‚Leitlinien der Bundesregierung zur Förderung von entwaldungsfreien Lieferketten von Agrarrohstoffen‘ [7]. Allerdings ist es wohl ein weiter Weg, von solchen Initiativen bis zu messbaren Ergebnissen, worauf auch das von Ihnen (dem SMC in seiner Anfrage; Anm. d. Red.) genannte Beispiel der Klimakrise hindeutet. Denn während die Entwaldungsprozesse sehr lokal geschehen, wird das Problem – wie auch diese Studie zeigt – immer stärker globalisiert. So wird es nicht ausreichen, mit hochauflösenden Satellitendaten festzustellen, dass der Kaffee in unseren Tassen auf ‚entwaldungsfreien‘ Flächen angebaut wurde, wenn einige Kilometer weiter ‚nicht entwaldungsfreier‘ Kaffee angebaut wird und es dafür noch Nachfrage am Weltmarkt gibt.“

Prof. Dr. Ralf Seppelt

Leiter des Departments Landschaftsökologie, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig, und Professor für Angewandte Landschaftsökologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

„Die Studie verknüpft frei verfügbare globale Datensätze zur Entwaldung, deren Triebkräfte und globale Handelsdaten, die sehr detailliert einzelne Produktströme abbilden. Sämtliche Datensätze sind erst in den letzten Jahren entstanden, und bilden menschliche Aktivitäten sehr genau ab. Die Analyse in der vorlegten Form ist ziemlich einzigartig und aufwendig. Die möglichen Schwachstellen in der Analyse – etwa ungenügende thematische und räumliche Auflösung der Treibergrößen oder die inhärenten Unsicherheiten in den Eingangsdaten – werden kritisch diskutiert.“

„Die Publikation bestätigt viele Ergebnisse vorangegangener Arbeiten. Zunehmender globaler Handel bedingt durch eine wachsende Bevölkerung, aber vor allem durch wachsenden Wohlstand, ist ganz maßgeblich für Biodiversitätsverluste verantwortlich. Das hat unter anderem auch das Global Assessment des Weltbiodiversitätsrates IPBES gezeigt.“

 „Auch wird klar bestätigt, dass einige Länder ihre eigenen Wiederaufforstungsmaßnahmen mit Entwaldungsprozessen in anderen Ländern ‚erkaufen‘. Die Studie liefert nun zum ersten Mal eine vollständige Analyse, mit der der Handel konkreter Produkte – zum Beispiel Soja oder Kaffee – mit Entwaldungsprozessen in spezifischen Ländern verknüpft werden kann. Die Ergebnisse sind in dem Artikel natürlich zusammengefasst dargestellt. Mit den vorliegenden Daten ließe sich nun jedoch quantitativ vergleichen, in welchem Umfang sich Entwaldungsprozesse durch zum Beispiel den Import von Soja für die Fleischproduktion im Vergleich zum Import von Kaffee eines Landes unterscheiden. Prinzipiell könnte auf der Grundlage die Frage beantwortet werden, was denn größere Auswirkungen auf Entwaldungsprozesse hat: weniger Fleischkonsum oder trade-fair Agroforst-Kaffee?“  

„Der Artikel zeigt (wie allerdings auch schon andere vorher), dass Biodiversität – viel mehr als bislang im allgemeinen Bewusstsein – ein globales Gut, ein Allmendegut, ist. Die Erkenntnis ist im Bereich des Klimawandels durchaus offensichtlich: Zu viel ausgestoßenes CO2 eines Landes schadet allen. Bezüglich Biodiversitätsverlust braucht es da Publikationen wie diese, die zeigt, dass der auf Welthandel basierende Konsum Ressourcen weltweit beansprucht und zum Rückgang der Artenvielfalt führt.“  

„Auf der politischen Ebene könnte diese Erkenntnis auch schon mit dem oben zitierten Bericht von IPBES angekommen sein. Es fehlt aber an der Umsetzung. Diese könnte beispielsweise im Rahmen eines Lieferkettengesetzes erfolgend oder wenn in Handelsabkommen wie zum Beispiel Mercosur auf derartige Aspekte Wert gelegt wird.“  

„Die Autoren vergleichen auch die durch Handel verursachte Entwaldung mit der, die durch inländischen Konsum verursacht wird. Was sie jedoch nicht auswerten können ist, wie weit eben auch diese Abholzungsprozesse des Inlandskonsums durch globale Einkommensunterschiede getrieben werden. Nicht alle Staaten haben die finanzielle Möglichkeit, Entwaldung zu ‚exportieren‘. Insofern sind die hier dokumentierten Entwaldungsprozesse ein klares Ergebnis des weiter steigendes Bedarfes an einer Vielzahl an Ressourcen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

PD Dr. Florian Zabel: „Hiermit erkläre ich, dass ich keinerlei Interessenkonflikte bezüglich der genannten Publikation habe und meine Kommentierung unabhängig erfolgt.“

Dr. Janina Grabs: „Ich habe keine möglichen Interessenkonflikte.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Nguyen Tien Hoang et al. (2021): Mapping the deforestation footprint of nations reveals growing threat to tropical forests. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-021-01417-z.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Zabel F et al. (2019): Global impacts of future cropland expansion and intensification on agricultural markets and biodiversity. Nature Communications; 10: 2844. DOI: 10.1038/s41467-019-10775-z.

[2] Garret RD et al. (2021): Have food supply chain policies improved forest conservation and rural livelihoods? A systematic review. Environmental Research Letters; 16 (3). DOI: 10.1088/1748-9326/abe0ed.

[3] Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (o.D.): Das Lieferkettengesetz wurde am 3. März 2021 vom Bundeskabinett beschlossen.

[4] European Parliament (22.10.2020): Legislation with binding measures needed to stop EU-driven global deforestation.

[5] World Cocoa Foundation (o.D.): Cocoa & Forests Initiative.

[6] European Commission (o.D.): Deforestation and forest degradation – reducing the impact of products placed on the EU market.

[7] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (08.04.2020): Leitlinien der Bundesregierung zur Förderung von entwaldungsfreien Lieferketten von Agrarrohstoffen.

Weitere Recherchequellen

Pendrill F et al. (2019): Deforestation displaced: trade in forest-risk commodities and the prospects for a global forest transition. Environmental Research Letters; 14 (5). DOI: 10.1088/1748-9326/ab0d41.