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09.08.2017

Immuntherapie gegen Typ 1 Diabetes

Anlass

Erste positive Ergebnisse der klinischen Erprobung einer Immuntherapie bei Typ 1-Diabetikern wurden in der Zeitschrift „Science Translational Medicine“ veröffentlicht. Eine britische Forschergruppe spritzte 19 neu diagnostizierten Typ 1-Diabetikern im Rahmen einer Phase 1b-Studie sechs Monate lang entweder zweiwöchentlich oder monatlich eine Prä-Insulinpeptid-Präparation unter die Haut und beobachtete die so „geimpften“ Patienten über zwölf Monate und verglich sie mit einer Placebo-Gruppe von acht Typ 1-Diabetikern. Während der Insulinbedarf in der Kontrollgruppe innerhalb dieses Zeitraums um 50 Prozent anstieg, blieb der Insulinbedarf in der viermal mit Präinsulin-Peptiden geimpften Gruppe der Patienten stabil. Zudem zeigten immunologische Marker im Blut der Probanden an, dass die Zerstörung der Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse womöglich verlangsamt werden konnte.

Langfristiges Ziel der Immuntherapie ist es, bei Kindern mit Risikofaktoren den autoimmunen Krankheitsprozess womöglich noch vor der klinischen Diagnose des Typ 1-Diabetes stoppen zu können. In den vergangenen Jahren wurde in einer Reihe von klinischen Studien versucht, mit einer Immuntherapie die fortschreitende Zerstörung der insulinproduzierenden Inselzellen nach einer Diagenose von Typ 1-Diabetes zu stoppen – bisher mit mageren Ergebnissen.

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Ezio Bonifacio, Direktor Center for Regenerative Therapies, Technische Universität Dresden

Statements

Prof. Dr. Ezio Bonifacio

Direktor des Center for Regenerative Therapies, Technische Universität Dresden

„Die Autoren haben bereits eine frühere Studie bei langjährigen Diabetes-Patienten durchgeführt und keine Nebenwirkungen gesehen [1]. Die aktuelle klinische Studie ist insofern relevanter, weil die Behandlung mit der Peptid-Impfung unmittelbar nach der ersten Diagnose von Typ 1-Diabetes Patienten erfolgte. Damit nähern sich die Forscher dem Zeitpunkt, zu dem Immuntherapien Typ 1-Diabetikern in der klinischen Praxis wirklich helfen könnten.“

„Die aktuelle Studie ist auf diesem Weg zwar ein wichtiger Schritt, aber sie ist nicht der entscheidende Sprung. Sie liefert allerdings wertvolle Daten, die Diabetes-Forscher benötigen, um ihre Strategien im Bereich der Immuntherapie gegen Typ 1-Diabetes verbessern zu können. Die aktuellen Ergebnisse werden das Leben von Patienten mit einem diagnostizierten Typ 1-Diabetes noch nicht ändern. Wenn die Behandlung aber frühzeitig nach der ersten Diagnose erfolgt und ein Patient positiv auf die Peptid-Impfung reagiert, dann lässt sich womöglich ein Zustand bewahren, in dem sich in der Bauchspeicheldrüse noch einige insulinproduzierende Beta-Zellen befinden. Diese können den Patienten noch etwas Insulin liefern, aber das würde leider nicht reichen, dass der Patient aufhören kann, täglich Insulin zu spritzen.“

„Eine der Einschränkungen der vorliegenden Studie ist, dass die Impfungen nur mit einem Pro-Insulinpeptid erfolgt ist, um eine immunologische Toleranz zu erreichen. Schaut man sich die Auswahl der Patienten an, dann hatte nur die Hälfte der getesteten Typ 1-Diabetes-Patienten einen passenden genetischen Hintergrund, das heißt jenes für die Wirkung der Impfung richtige MHC-Allel. Allein in diesen Patienten konnte das für die Immunisierung eingesetzte Peptid Immunzellen präsentiert werden. In künftigen Versuchen werden daher vermutlich Peptid-Mischungen eingesetzt und an einer größeren Anzahl von Diabetikern erprobt werden.“

„Die Arbeit zeigt, dass eine Peptid-Impfung kurz nach einer Typ 1-Diabetes-Diagnose einige Parameter im Zerstörungsprozess der insulinproduzierenden Inselzellen in der Bauspeicheldrüse verbessern hilft. Ein wichtiger Befund ist zum Beispiel, dass einige Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse bis zu einem Jahr nach der Impfung erhalten bleiben, was bei den Placebo-Patienten nicht der Fall ist. Solche Resultate sind ermutigend, aber mit Vorsicht zu interpretieren. Die Patienten wurden bisher erst zwölf Monate lang verfolgt, die Langzeitwirkung der Impfung auf die Zerstörung der Beta-Zellen kennen wir also nicht. Immerhin bestätigen die Ergebnisse, dass die verwendete Peptid-Impfung bei einer allerdings kleinen Anzahl von Behandelten keine erkennbaren Risiken erzeugt.“

Auf die Frage, warum Forscher glauben, den Typ 1-Diabetes am besten bereits vor einer klinischen Diagnose behandeln zu können:

„Aus meiner Sicht handelt es sich bei Typ 1-Diabetes um eine Autoimmunerkrankung, bei der es eine längere asymptomatische Periode gibt. Auf der molekularen Ebene ist bereits klar, dass dieser autoimmune Krankheitsverlauf über Jahre schwelt. Inzwischen wird auch unter Klinikern mehr und mehr anerkannt, dass es einen schleichenden autoimmunen Krankheitsverlauf im Körper gibt, vor jeder symptomatischen Diagnose von Typ 1-Diabetes. Erst ganz am Ende entwickeln betroffene Kinder dann die akuten Symptome des Typ 1-Diabetes, die dann wiederum eine Folge des akuten Insulinmangels sind.“

„Die Autoren und auch wir in Dresden erforschen Strategien, bei denen die immunologischen Behandlungen, die wir entwickeln, in dem Zeitraum verabreicht werden sollten, zu dem die Autoimmunerkrankung noch ohne klinische sichtbare Symptome verläuft. Es erscheint dabei Erfolg versprechend, möglichst viele insulinproduzierende Inselzellen zu retten, bevor der Prozess der Autodestruktion klinische Symptome verursacht.“

„Die Forscher der aktuellen Studie konnten erste molekulare Marker identifizieren, anhand derer sich feststellen lässt, ob die Immuntherapie anschlägt. Sie können einige Veränderungen nachweisen, die sich insbesondere dann als besonders hilfreich erweisen würden, wenn sie sich in künftigen echten Präventionsstudien bewähren würden. Wenn wir also Probanden impfen, bevor bei ihnen Typ 1-Diabetes klinisch diagnostiziert wird. In diesem Fall müssten wir messen können, ob eine bestimmte Immuntherapie bei einzelnen Probanden anschlägt oder nicht.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Alhadj Ali et al. (2017): Metabolic and immune effects of immunotherapy with proinsulin peptide in human new-onset type 1 diabetes. Science Translational Medicine. DOI: 10.1038/nature23305.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Thrower et al. (2008): Proinsulin peptide immunotherapy in type I diabetes: report of a first-in-man Phase I safety study. Clinical and Experimental Immunology;155: 156-165. DOI 10.111/j.1365-2249.2008.03814.x.

Weitere Recherchequellen

Ehler MR (2016): Strategies for clinical Trials in type 1 diabetes. J Autoimmun 72 88-96. DOI 10.1016/j.jaut.2016.03.008.

Bonifacio E et al. (2015): Effect of High-Dose Oral Insulin on Immune Responses in Children at High Risk for Type 1 Diabetes. JAMA; 313(15): 1541-1549. DOI: 10.1001/jama.2015.2928.

Von Herrath, M et al. (2013): Progress in immun-based therapies for type 1 diabetes. Clinical and Experimental Immunity; 172:186-202. DOI: 10.1111/cei.12085.