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16.10.2019

Bericht zur Luftqualität in Europa

Anlass

Fast alle Menschen in den europäischen Städten sind noch immer einer Luftbelastung ausgesetzt, die die WHO-Richtlinien zur Luftqualität nicht erfüllen [Fact Sheet zur Grenzwert-Entstehung; a]. Das geht aus dem Air Quality Report 2019 hervor, den die Europäische Umweltagentur EEA am 16. Oktober 2019 veröffentlicht hat.

In dem Report führt die EEA detailliert auf, wie viele Menschen in jedem einzelnen Land wegen einer Exposition gegenüber Feinstaub, Stickstoffdioxid NO2 und Ozon vorzeitig sterben und wie viele verlorene Lebensjahre (YLL) wegen eben dieser Exposition zu Buche schlagen [Fact Sheet zu diesen Maßzahlen der Epidemiologie; b]. Demzufolge sterben in den 41 Ländern 412.000 Menschen vorzeitig wegen der Feinstaub-PM2.5-Belastung, 71.000 Menschen wegen NO2 und 15.100 Menschen wegen Ozon. In verlorenen Lebensjahren YLL ausgedrückt gehen in den 41 Ländern wegen Feinstaub-PM2.5-Belastung 4,223 Millionen Lebensjahre verloren, wegen NO2 707.000 Lebensjahre und wegen Ozon 160.000 Lebensjahre.

Die EEA spricht in der Summe von etwa 400.000 vorzeitigen Todesfällen. Sie verweist darauf, dass die Zahlen der drei Schadstoffe nicht einfach addiert werden können, da es zu Überlappungseffekten kommt. So betrage diese Überlappung allein bei der Betrachtung der Auswirkungen von Feinstaub PM2.5 und NO2 bis zu 30 Prozent.

Der Bericht der EEA zeigt aber auch: verbindliche Regeln und lokale Messungen verbessern an vielen Orten die Qualität der Luft. So ist gegenüber den Vorjahren ein Rückgang sowohl bei den vorzeitigen Todesfällen als auch bei den verlorenen Lebensjahren zu beobachten. Zusätzlich liefert der Bericht einen Einblick, wie die Ökosysteme, insbesondere die Vegetation, durch die Schadstoffe betroffen sind.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Nino Künzli PhD, Stellvertretender Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts und Leiter der Abteilung Ausbildung und Training, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH)
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  • Prof. Dr. Christoph Schneider, Professor für Klimageographie und Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts, Humboldt-Universität zu Berlin
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  • Assoz.-Prof. PD Dr. Hans-Peter Hutter, Stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien
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  • Prof. Dr. Barbara Hoffmann, Leiterin Umweltepidemiologie, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
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  • Ute Dauert, Leiterin des Fachgebietes "Beurteilung der Luftqualität" in der Abteilung Luft, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau UND Dr. Dietrich Plaß, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Umwelthygiene, Umweltbundesamt (UBA), Berlin
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  • Dr. Tamara Schikowski, Arbeitsgruppenleiterin Umweltepidemiologie von Lunge, Gehirn und Hautalterung, Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gGmbH (IUF), Düsseldorf
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Statements

Prof. Dr. Nino Künzli PhD

Stellvertretender Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts und Leiter der Abteilung Ausbildung und Training, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH)

„Der EEA-Bericht zeigt klar, dass die von der Weltgesundheitsorganisation WHO vorgeschlagenen Konzentrationen der Luftschadstoffe eingehalten werden können, wenn die Politik diese Ziele vorgibt. Am Beispiel der Stickoxide erkennt man die Bedeutung gesundheitsorientierter Zielvorgaben gut: Die Jahresmittelwerte liegen nur noch an zehn Prozent aller Messstationen über dem von der WHO vorgeschlagenen und von der EU als Grenzwert vorgegebenen Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Ohne Betrugsskandale wäre die Situation noch besser.“

„Im Falle des Feinstaubes (PM2.5) liegen – trotz steter Abnahme – die Werte hingegen bei 69 Prozent der Messstationen über dem WHO-Jahresrichtwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Seit Jahren weigert sich die EU, diesen Richtwert gesetzlich zu verankern. Stattdessen hat die EU für den Feinstaub den von Lobbyisten propagierten – viel zu hohen – Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Direktive verankert – auch heute noch. Diese ‚Zielvorgabe‘ wird zwar auch nur an sieben Prozent aller Stationen überschritten, als Ziel ist dieser Wert jedoch untauglich. Er trägt der Gesundheit der Bevölkerung keine Rechnung. Wäre die Luftreinhaltepolitik der EU schon vor 20 Jahren den Forderungen der Wissenschaft gefolgt, lägen heute auch die Feinstaub-Belastungen tiefer.“

Prof. Dr. Christoph Schneider

Professor für Klimageographie und Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts, Humboldt-Universität zu Berlin

„Es ist ein hohes Verdienst der Europäischen Union, europaweit vergleichbare Datenstandards durchgesetzt zu haben, die es erlauben, die Entwicklung der Luftbelastung in ganz Europa vergleichend zu analysieren.“

„Die flachen Trends zu etwas geringerer Luftbelastung aus den Vorjahren setzen sich fort, was zunächst positiv ist. Allerdings: Die Luftbelastung nimmt so langsam ab, dass klar ist, dass die Anstrengungen für Luftreinhaltung fast überall in Europa nicht ausreichend sind. Die Konzentrationen der drei wichtigsten Schadstoffe – Feinstaub, Stickoxide und Ozon – verharren in den Ballungsräumen fast europaweit, und generell in Osteuropa und in Norditalien auf erschreckend hohem Niveau.“

„Die immens hohe Zahl frühzeitiger Todesfälle und der insgesamt hohe Verlust an Lebensjahren zeigen, dass im Vergleich zu Verkehrsunfällen die gesundheitlichen Folgen der Luftbelastung viel gravierender sind. Der eigentliche Skandal mit immensen Folgen für die Gesundheit der Menschen in Europa ist demnach nicht mangelnde Verkehrssicherheit, sondern die lasche Umsetzung von Maßnahmen zur Einhaltung von Grenzwerten an Tausenden von Messstellen in Europa und die zu hohen Emissionen zum Beispiel durch die illegalen Tricksereien bei der Abgasreinigung von Dieselautos.“

„Leider gibt es keine europaweite Auswertung zur Belastung mit Ultrafeinstaub, also den Partikeln kleiner 100 Nanometer. Diese gesundheitlich hoch wirksamen Partikel sind vor allem an Orten mit starker Verkehrsbelastung von hoher Bedeutung. Die Europäische Union sollte in zukünftigen Berichten diesen Schadstofftyp, wenn auch nur auf der Basis eines eingeschränkten Messnetzes, im EU-Luftqualitätsbericht zusätzlich behandeln.“

„Während bei vielen metallischen Luftschadstoffen, die mutmaßlich vor allem aus industriellen Prozessen stammen, sehr wohl Verbesserungen erreicht werden konnten, sind die Emissionen aus der Landwirtschaft und dem Verkehrssektor – die das Gros der Ozon-, Stickstoff- und Feinstaubbelastung ausmachen – fast gleichbleibend hoch. Das zeigt vor allem, dass in diesen Sektoren die Maßnahmen nicht ausreichen.“

„Während in Süd- und Osteuropa flächendeckend Emissionen durch Investitionen in der Industrie und im Verkehrssektor gesenkt werden müssen, sollte das Augenmerk in West- und Nordeuropa auf Aspekten der Umweltgerechtigkeit liegen. Es ist gut, dass der neue EU-Bericht zur Luftqualität dieses Thema aufgreift. Menschen mit niedrigem Einkommen leben besonders in Ballungsräumen häufig an hochbelasteten Orten – zumeist durch Verkehrsemissionen – und sind dort zusätzlich höherem Verkehrslärm ausgesetzt. Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge, striktere Tempolimits und ein rascher Umstieg auf Elektromobilität sind deshalb Maßnahmen, die sowohl dem Klimasch

Assoz.-Prof. PD Dr. Hans-Peter Hutter

Stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien

„Die Ergebnisse der Analysen zu den Auswirkungen von wesentlichen Komponenten der Luftverunreinigung (PM2.5, NO2 und Ozon) zeigen, dass es im Vergleich zu den Daten aus 2015 (die Zahlen im aktuellen Report beziehen sich auf das Jahr 2016; Anm. d. Red.) nun zu einer Reduktion der vorzeitigen Todesfälle pro Jahr kam – jedenfalls in Österreich und Deutschland. Es zeigen sich also gewisse Verbesserungen. Es ist seit einigen Jahren zumindest in Deutschland und Österreich ein leichter positiver Trend zu erkennen.“

„Ursächlich ist zu vermuten, dass keine Einzelmaßnahme dafür ausschlaggebend ist, sondern das Zusammenwirken vieler Maßnahmen dafür verantwortlich ist. Dazu zählen sowohl technische Maßnahmen – zum Beispiel verbessertes Baustellenmanagement, achtsamerer Umgang mit Splitt – Aufklärungskampagnen, zum Beispiel zu richtigem Heizen, oder auch organisatorische Maßnahmen im Mobilitätsbereich – etwa die Förderung von Radverkehr, Tempolimits, Parkraumbewirtschaftung. Wesentlich können auch meteorologische Einflüsse sein wie wärmere Winter mit weniger Inversionswetterlagen. Auch diese Wetterlagen tragen zu einer Entspannung von Belastungssituationen bei.“

„Trotzdem gibt es Hot Spots, wo das Risiko für gesundheitliche Effekte höher ist, zum Beispiel an vielbefahrenen Straßen oder in der Nachbarschaft von alten Einzelöfen, die mit Holz befeuert werden.“

„Ob die dargestellten Veränderungen nachhaltig sind, ist daher schwer einzuschätzen. Dies wird auch von zukünftigen Entwicklungen in den angesprochenen Sektoren abhängig sein. Hier geht es allerdings nicht nur um die Umsetzung weiterer Maßnahmen, sondern auch um die Aufrechterhaltung von bereits umgesetzten.“

„Wie sich in der jüngsten Vergangenheit gezeigt hat, besteht die Gefahr, dass etwa Grenzwerte attackiert werden und sich diverse Splittergruppen zum Beispiel für höhere NO2-Grenzwerte aussprechen. Und das obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die entgegengesetzte Richtung gehen, nämlich eine weitere Absenkung speziell der Feinstaub-PM2.5-Grenzwerte für den Jahresmittelwert dringend erforderlich machen. Während die EU 25 Mikrogramm PM2.5 pro Kubikmeter Luft vorschreibt, liegen bekanntlich die WHO-Richtwerte bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Und eine weitere Absenkung dieser scheint nicht ausgeschlossen.“

„Es geht eben auch darum, die Politik darin zu bestärken, sich nicht von den entsprechenden Lobbygruppen irreführen zu lassen, die seit Jahrzehnten lufthygienische Probleme verharmlosen und damit auch die Gesundheit der Bevölkerung gefährden.“

Prof. Dr. Barbara Hoffmann

Leiterin Umweltepidemiologie, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

„Die gute Nachricht ist, dass die Gesundheitsfolgen durch Luftverschmutzung mit Feinstaub in Deutschland und auch in Europa in den letzten Jahren insgesamt leicht abgenommen haben. Leider ist diese Abnahme sehr langsam und in einigen Regionen Europas, vor allem im Osten und Süden, finden sich weiterhin ganz erhebliche Belastungen mit Feinstaub. Die Gesundheitsfolgen durch NO2 haben in Deutschland in den letzten vier Jahren dagegen kaum abgenommen. Diese Zahlen belegen sehr eindrücklich, dass wir noch weit entfernt von einem wirklich ausreichenden Gesundheitsschutz der Bevölkerung sind, und dass weitere Maßnahmen zur Luftreinhaltung dringend erforderlich sind.“

„Das Bündel an Maßnahmen zur Reduktion von Schadstoffen, wie zum Beispiel Feinstaub und NO2 aus Industrie, Energieerzeugung, Verkehr und Haushalt, haben insgesamt zu einer Abnahme geführt, die sich allerdings in den letzten Jahren verlangsamt hat. Ein besonders positives Beispiel sind die Schwefeldioxid-Emissionen, die seit Beginn des Jahrtausends durch entsprechende Maßnahmen vor allem bei der Kohleverbrennung kontinuierlich abgenommen haben. Im Gegensatz dazu sehen wir, dass in der Landwirtschaft im Vergleich zum Jahr 2000 bisher kaum Reduktionen der Schadstoffemissionen erzielt wurden. Hier spielen vor allem die weiterhin auf hohem Niveau stagnierenden Ammoniak-Emissionen eine wichtige Rolle, weil sie eine Vorläufersubstanz für die Bildung von Feinstaub sind. Die bisherigen Maßnahmen zur Reduktion von Ammoniak-Emissionen haben daher bisher nicht gegriffen und müssen verstärkt werden. Beim Verkehr wurden Emissionsverbesserungen des einzelnen Fahrzeuges zum Teil durch den zunehmenden Verkehr wieder zunichte gemacht.“

„Für die Luftreinhaltung gilt – ähnlich wie für den Klimaschutz –, dass es keine einzelne Maßnahme gibt, die das Problem lösen kann, sondern dass bei allen Verursachern angesetzt werden muss. Das heißt zum Beispiel ganz konkret: emissionsarmer Verkehr, vor allem in den Städten soweit wie möglich mit Fahrrad und ÖPNV, emissionsarme Energieerzeugung, Verminderung der Gülle-Ausbringung in der Landwirtschaft und so weiter.“

„Von herausragender Bedeutung bei den meisten Maßnahmen ist, dass sie nicht nur die Luft sauberer machen und damit direkt die Gesundheit verbessern, sondern dass sie auch für den Klimaschutz wirken, denn die meisten Prozesse, bei denen Feinstaub und NO2 entstehen, produzieren auch CO2. Es handelt also um eine klassische Win-win-Situation.“

Ute Dauert

Leiterin des Fachgebietes "Beurteilung der Luftqualität" in der Abteilung Luft, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau UND

Dr. Dietrich Plaß

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Umwelthygiene, Umweltbundesamt (UBA), Berlin

„Die im Bericht der EEA getroffen Aussagen decken sich grundsätzlich mit den Aussagen, die wir für Deutschland treffen.“

„Die Luftqualität in Europa wird besser. Überschreitungen der geltenden EU-Grenz- und Zielwerte verringern sich. Die Belastung (Exposition) zeigt, wie in den Vorjahren, einen abnehmenden Trend. Die Entwicklung geht also in die richtige Richtung. Trotzdem ist vor allem in Städten die Qualität der Luft noch zu schlecht und gefährdet die Gesundheit. Dies lässt sich erkennen, wenn zur Bewertung die strengeren Empfehlungen der WHO herangezogen werden. Als besonders problematische Stoffe stuft die EEA Feinstaub (PM10 und PM2,5), Stickstoffdioxid und Ozon, aber auch Benzo(a)pyren (BaP) ein.

„Konkret: Feinstaub – 44 Prozent der in europäischen Städten und Vorstädten lebenden Menschen ist Feinstaubwerten (PM10) über der WHO-Empfehlung von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel ausgesetzt. Für PM2,5 sind es sogar 77 Prozent – die WHO-Empfehlung liegt bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die geringste Belastung ist in Nordeuropa (Island, Finnland) zu finden, die höchste Belastung in Osteuropa (Polen), Norditalien und der Türkei. Im Ranking der EU-28 Staaten liegt Deutschland im unteren Drittel – also mit einer geringeren Belastung als die meisten EU-28-Staaten.“

„Hauptquelle für primären Feinstaub ist in der EU-28 der Bereich der Kleinfeuerungsanlagen in Gewerbe und Haushalten. 39 Prozent der 2017 freigesetzten Feinstaubmenge (PM10) stammten aus dieser Quelle, bei den PM2,5-Emissionen sind es sogar 56 Prozent.“

„Stickstoffdioxid NO2 – sieben Prozent der in europäischen Städten und Vorstädten lebenden Menschen ist NO2-Jahresmittelwerten über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter – der auch der WHO-Empfehlung entspricht – ausgesetzt. Im Ranking der EU-28 Staaten wurde 2017 –wie in den Vorjahren – in Deutschland im Mittel die höchste NO2-Belastung festgestellt, auch wenn die höchsten Einzelwerte der NO2-Jahresmittelwerte in London, Paris und Turin über dem höchsten deutschen Wert (München) lagen. 98 Prozent aller Überschreitungen des Grenzwertes wurden an Messstationen in Städten und Vorstädten festgestellt. 86 Prozent der Stationen mit Grenzwertüberschreitung überwachen die Luftqualität verkehrsnah. In Deutschland wurden alle Grenzwertüberschreitungen an verkehrsnahen Messstationen in Städten festgestellt.“

„Hauptquelle für Stickoxide (NOx) ist in der EU-28, wie auch in Deutschland, der Verkehrsbereich mit 39 Prozent – in Deutschland 38 Prozent – Anteil an den gesamten NOx-Emissionen im Jahr 2017.“

„Ozon – 96 Prozent der in europäischen Städten und Vorstädten lebenden Menschen ist Ozonkonzentrationen über der WHO-Empfehlung von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter im Mittel über 8 Stunden ausgesetzt. In Europa gibt es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle in der Ozonbelastung. Durch die im Süden Europas die Ozonbildung begünstigenden Wetterbedingungen wird dort die höchste Ozonbelastung beobachtet.“

„Ozon wird nicht direkt freigesetzt, sondern aus Ozon-Vorläuferstoffen – Stickstoffoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen – gebildet. Der größte Teil der Stickstoffoxide stammt aus dem Verkehrsbereich, vornehmlich dem Straßenverkehr. Der restliche Anteil überwiegend aus Feuerungsanlagen. Flüchtige organische Stoffe werden zu etwa der Hälfte bei der Verwendung von Lösemitteln freigesetzt. Lösemittel finden sich in vielen Produkten, wie in Farben und Lacken, Klebstoffen, Reinigungsmitteln und so weiter.“

„Benzo(a)pyren (BaP) – 83 Prozent der in europäischen Städten und Vorstädten lebenden Menschen sind BaP-Konzentrationen über der WHO-Schwelle von 0,12 Nanogramm pro Kubikmeter ausgesetzt. Die höchsten Konzentrationen wurden in Polen, Tschechien und Norditalien festgestellt. Deutschland befindet im Mittelfeld.“

„Hauptquelle für BaP ist in der EU-28 der Bereich der Kleinfeuerungsanlagen in Gewerbe und Haushalten. 60 Prozent der BaP-Emissionen stammen aus dieser Quelle.“

„Als Hauptemissionsquellen für Luftschadstoffe rankt die EEA folgende Bereiche in der Reihenfolge: Verkehr, Kleinfeuerungsanlagen in Gewerbe und Haushalten, Energieerzeugung, Industrie, Landwirtschaft (Ammoniak als Vorläuferstoff für Feinstaub) und Abfall.“

„Zu den Trends der Krankheitslast lässt sich sagen: Die Ergebnisse des EEA-Berichts zur Krankheitslast, die auf Luftschadstoffe zurückgeführt werden kann, zeigen, dass Feinstaub unter den Luftschadstoffen die größte Belastung für die Bevölkerungsgesundheit darstellt. Dies gilt nicht nur für die EU insgesamt, sondern auch für Deutschland. Im Vergleich zum Jahr 2015 sind die Krankheitslasten sowohl in absoluten Zahlen als auch in der Rate pro 100.000 Einwohner etwas gesunken. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist es wichtig zu beachten, dass die Krankheitslast der einzelnen Schadstoffe nicht einfach aufsummiert werden sollte. Aufgrund der Korrelation der Schadstoffe – zum Beispiel im Falle von NO2 und PM2,5 – kann es hier zu einer Überschätzung der Krankheitslast kommen. Im EEA-Bericht wird auf eine ‚Doppelzählung‘ bis hin zu 30 % hingewiesen.“

„Auch das Umweltbundesamt (UBA) führt regelmäßig vergleichbare Auswertungen durch [c]. Im Vergleich zu den UBA-Analysen trifft die EEA in ihren Modellen andere Annahmen, die systematisch zu höheren Schätzungen der Krankheitslast führen. Die EEA berechnet beispielsweise den Anteil an der Gesamtmortalität [1], der auf Feinstaub und Stickstoffdioxid zurückzuführen ist. In die Gesamtmortalität fließen alle Todesursachen mit ein, unabhängig davon, ob sie in einem ursächlichen Zusammenhang mit Luftschadstoffen stehen oder nicht, so zum Beispiel auch unfallbedingte Todesfälle. Dies führt zu einer systematischen Überschätzung der daraus abgeleiteten attributablen Krankheitslast. Das UBA verwendet demgegenüber krankheitsspezifische Daten und kann so eine potentielle Überschätzung der Krankheitslast vermindern. Zudem setzt die EEA beispielsweise bei den Modellen für Feinstaub die sogenannte ‚untere Quantifizierungsgrenze‘ auf 0 Mikrogramm pro Kubikmeter. Dieser Wert beschreibt diejenige Konzentration, ab der man von einem gesicherten Risiko für die Gesundheit ausgehen kann. Diese Annahme ist mit Unsicherheiten verbunden und kann daher ebenfalls zu einer Überschätzung führen.“

„Im Vergleich zu den UBA-Analysen wird von der EEA zudem für den Schadstoff NO2 versucht, die höheren Konzentrationen an Verkehrsmessstationen bei der Expositionsschätzung zu berücksichtigen. Dies ist ein weiterer Faktor, der die im Vergleich zu den UBA-Schätzungen höhere Krankheitslast für diesen Schadstoff erklärt.“

„Die EEA zeigt in dem Bericht zusätzlich zu den Ergebnissen der Krankheitslast auch auf, welche Gesundheitsgewinne erzielt werden können, wenn die empfohlenen Richtwerte der WHO für Feinstaub eingehalten werden. Für die EU zeigt sich ein potentieller Gewinn in der Reduktion der attributablen Todesfälle um 27 Prozent und der verlorenen Lebensjahre um circa 28 Prozent. Dies zeigt, dass die derzeit in der EU geltenden Grenzwerte für Luftschadstoffe die Gesundheit der Bevölkerung nur ungenügend schützen.“

„Die Entwicklung zeigt, dass die bisher getroffenen Maßnahmen wirken, aber noch nicht ausreichen. Weitergehende Maßnahmen müssen in den oben genannten Bereichen und auf allen Handlungsebenen – Europa, national, lokal/auf staatlicher Ebene und individuell – erfolgen.“

Auf die Frage, welche Maßnahmen notwendig und gleichzeitig realistisch umsetzbar sind, um die Belastung durch verunreinigte Luft auf ein vertretbares Maß zu verringern:
„Beispielsweise lassen sich die folgenden Maßnahmen nennen: der Kohleausstieg, die Elektromobilität, das Heizen mit regenerativem Strom.“

Dr. Tamara Schikowski

Arbeitsgruppenleiterin Umweltepidemiologie von Lunge, Gehirn und Hautalterung, Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gGmbH (IUF), Düsseldorf

„Im Allgemeinen haben die Emissionen aller Schadstoffe etwas abgenommen, vor allem im westlichen und südlichen Europa, wogegen die Konzentrationen in Osteuropa nach wie vor sehr hoch sind. Wenn man sich die einzelnen Schadstoffe anschaut, kann man erkennen, dass in Westeuropa die Grenzwerte für PM10 und auch PM2.5 meistens eingehalten werden, bei Stickstoffdioxid kann man auch einen Rückgang beobachten. In Osteuropa sind vor allem die Schadstoffe-Konzentrationen aus der Kohleverbrennung (SO2 und Benzo(a)pyren) nach wie vor sehr hoch, wie auch die Feinstaubkonzentrationen. Dies liegt vor allem an der veralteten Fahrzeugflotte und auch an den veralteten Kohlekraftwerken in diesen Ländern.“

„Ob dieser positive Trend der Reduzierung der Schadstoffe nachhaltig ist, hängt von den Maßnahmen ab, die in den einzelnen Ländern unternommen werden. Wenn die bisher unternommenen Maßnahmen weiter durchgeführt und verstärkt werden, kann man davon ausgehen, dass die Schadstoffe sich weiter reduzieren. Hier ist vor allem die Politik gefragt, insbesondere die osteuropäischen Länder verstärkt zu unterstützen, damit sie auch strengere Maßnahmen einführen, um auch dort eine Reduzierung der Schadstoffe zu erwirken, da diese Schadstoffe bei bestimmten Wetterbedingungen auch in andere Länder Europas getragen werden, wobei hier besonders Skandinavien, aber auch Deutschland, betroffen sind.“

„Dass strengere Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität greifen, kann man an den reduzierten Werten in West- und Nordeuropa – zum Beispiel in Frankreich, Deutschland und den skandinavischen Ländern – sehen. Dort hat die rigorose Umsetzung von Luftreinhaltemaßnahmen deutlich zu einer Verbesserung beigetragen. Leider ist dieser Trend in den osteuropäischen Ländern nicht zu erkennen. Eine strengere Einhaltung der EU-Grenzwerte ist hier erforderlich und eine weitere Reduzierung der Kohleverbrennung beziehungsweise Verbesserung der Verbrennungsanlagen würde die Luftqualität in diesen Ländern stark verbessern und hätte somit auch Auswirkungen auf die allgemeine Luftqualität in Europa.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Nino Künzli:  „Keine Interessenkonflikte.“

Pro. Dr. Christoph Schneider: „Ich kann keine solchen Gegebenheiten erkennen."

Prof. Dr. Barbara Hoffmann: „Zur Zeit keine Interessenkonflikte.“

Dr. Dietrich Plaß: "Für mich besteht kein Interessenskonflikt."

Dr. Tamara Schikowski: „Ich habe keinen Interessenkonflikt.“

Alle anderen: Keine angegeben.

Primärquelle

Europäische Umweltagentur EEA (2109): Air quality in Europe - 2019 report.

Weitere Recherchequellen

[a] SMC Fact Sheet (2017): Wie werden die Grenzwerte für Luftschadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide festgelegt?

[b] SMC Fact Sheet (2018): Verlorene Lebenszeit als Maßeinheit für Gesundheit – vorzeitige Todesfälle, verlorene Lebensjahre oder doch etwas anderes?

[c] SMC (2018): 6.000 vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid. Research on Context.