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21.04.2016

Arktis-Meereis auf Minimum

Anlass

Das arktische Meereis ist im Winter 2015/2016 im Vergleich zu den Vorjahren massiv zurückgegangen. Für den Sommer 2016 drohen Werte ähnlich denen des bisherigen Rekordtiefs aus dem Jahr 2012. Grund für die stark geschrumpfte Ausdehnung des Eises und die geringe Eisdicke ist das starke Abschmelzen im Sommer 2015 und der ungewöhnlich warme folgende Winter. Diese Ergebnisse präsentierten Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) am 21. April 2016 auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses der European Geosciences Union (EGU) in Wien.

Übersicht

  • Dr. Georg Heygster, Institut für Umweltphysik, Universität Bremen, Bremen
  • Dr. Dirk Notz, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg
  • Prof. Dr. Mojib Latif, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel

Dr. Georg Heygster

Institut für Umweltphysik, Universität Bremen, Bremen

„Wir bestätigen den langfristigen Trend im Meereis-Volumen und dass die Ausgangslage für ein neues Rekordminimum in 2016 gegeben ist. Ob es allerdings wirklich eintritt, hängt von den Wetterbedingungen im kommenden Sommer ab. Viel wichtiger für das globale Klima als ein öffentlichkeitswirksames Rekordminimum ist der nach wie vor ungebrochene, langfristig abnehmende Trend in Volumen und sommerlicher Fläche des arktischen Meereises.“

  • Hinweis des SMC:

Dr. Georg Heygster stellt zwei Abbildungen zum Trend von arktischer Meereisfläche und Volumen zur Verfügung. 

Dr. Dirk Notz

Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

„Meiner Meinung nach ist jeglicher Fokus auf einzelne Extremereignisse irreführend. Dies gilt umso mehr für einen Fokus auf mögliche Extremereignisse im Laufe des nächsten Sommers, die sich wissenschaftlich nicht robust abschätzen lassen. Viel wichtiger ist der langfristige, anhaltende, großskalige Verlust des Meereises, den wir sehr klar in Zusammenhang mit der Entwicklung der Treibhausgaskonzentration stellen können. Die Entwicklung des Eises in einzelnen Jahren ist dafür wenig relevant.“ 

„Die Ausdehnung des Meereises in der Arktis ist in diesem Winter so niedrig wie noch nie seit Beginn der zuverlässigen Messungen vom Satelliten aus. Aus dieser Tatsache lässt sich zumindest vermuten, dass auch die Eisbedeckung zum Ende des Sommers sehr niedrig sein wird. Ob dabei allerdings die äußerst kleine Ausdehnung des Jahres 2012 noch unterboten ist, lässt sich im Moment nicht zuverlässig abschätzen. Entsprechende Spekulationen sind daher meiner Meinung nach wenig zielführend. Dies ist umso mehr der Fall, als einzelne Jahre mit extrem niedriger Eisbedeckung für die Bewertung des Eisverlustes deutlich weniger relevant sind als der gesicherte, langfristige, anhaltende Verlust des arktischen Meereises in allen Jahreszeiten.“

„Die langfristige Abnahme des Meereises in der Arktis folgt in den vergangenen Jahrzehnten in allen Jahreszeiten weitestgehend der Zunahme der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Je höher die entsprechenden Konzentrationen steigen, umso niedriger ist im langfristigen Mittel die Eisbedeckung in der Arktis. Diesem langfristigen Trend sind Schwankungen überlagert, die immer wieder zu Jahren mit vergleichsweise niedriger und zu Jahren mit vergleichsweise hoher Eisbedeckung führen. Extreme Entwicklungen von einem Jahr zum nächsten wurden dabei in der Vergangenheit in den Folgejahren normalerweise wieder zu einem Großteil kompensiert, sodass Ausreißer in der einen oder anderen Richtung den langfristigen Trend kaum beeinflussen.“

 „Die Entwicklung des arktischen Meereises sowohl in den Messreihen als auch in unseren Modellsimulationen deutet nicht darauf hin, dass sich das Abschmelzen des Eises im Sommer deutlich beschleunigen wird. Dies liegt daran, dass nach einem Jahr mit extrem niedriger Eisbedeckung normalerweise ein Jahr mit deutlich höherer Eisbedeckung folgt. Dieser Zusammenhang ist der Tatsache geschuldet, dass nach einem Sommer mit sehr geringer Eisbedeckung der offene Ozean im folgenden Winter sehr effektiv Wärme verlieren kann, sodass sich neues Eis bildet. Hierdurch wird die langfristige Entwicklung des Eises stabilisiert, wodurch die Bedeutung einzelner Extremereignisse deutlich verringert wird.“

Prof. Dr. Mojib Latif

GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel

„Die gegenwärtigen Bedingungen in der Arktis lassen in der Tat erwarten, dass es ein ausgeprägtes Sommerminimum geben wird. Präzise Vorhersagen für den Sommer sind allerdings kaum möglich, weil andere nicht vorhersagbare Faktoren ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, wie z. B. das Wetterchaos. Auf jeden Fall müssen wir die Eis-Prozesse insgesamt noch viel besser verstehen.“

„Die Entwicklung während der letzten Jahrzehnte – die Satellitenmessungen haben 1979 begonnen – zeigt ganz deutlich, dass es sich um einen langfristigen Trend handelt. Dazu bedarf es keines neuen Minusrekords bei der Meereis-Bedeckung im kommenden Sommer. Der schnelle Rückgang des arktischen Meereises ist auch aufgrund theoretischer Überlegungen und anhand von Modellrechnungen zu erwarten gewesen. Die Arktis ist eine Art Frühwarnsystem für den Klimawandel.“

„Es ist fraglich, ob das Arktiseis ein Kippelement darstellt. Man darf bei der Diskussion nicht vergessen, dass sich die Befürchtungen einer eisfreien Arktis ‚nur’ auf den Sommer beziehen. Im Winter, während der Polarnacht, wird es immer noch so kalt werden, dass sich neues Eis bilden kann. Eine weitere Beschleunigung des Rückgangs des arktischen Meereises würde mich allerdings keineswegs überraschen.“ 

„In der Antarktis hat man während der vergangenen Jahre eine Zunahme der Meereis-Bedeckung gemessen. Das steht im Widerspruch zu den Modellrechnungen und wird kaum thematisiert. Die Gründe für den Zuwachs in der Antarktis sind unklar. Es gibt hierzu verschiedene Hypothesen. Der Grund könnte auch anthropogener Natur sein, so widersprüchlich das klingen mag. Der Massenverlust des westantarktischen Eisschilds zum Beispiel verursacht den Eintrag großer Süßwassermengen in den Süd-Ozean und das könnte die Bildung von Meereis um die Antarktis herum begünstigen. Andere Hypothesen sehen langfristige natürliche Variabilität der Meeresströmungen als Ursache, die sich dem anthropogenen Trend überlagert.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.