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01.07.2020

Abholzung in Europa massiv gestiegen

Anlass

In Europa wurden seit 2015 offenbar wieder größere Waldflächen abgeholzt. Das schreibt ein Forscherteam aus Italien im Journal „Nature“ (siehe Primärquelle). Die Wissenschaftler stützen sich für ihre Analyse auf Aufnahmen von Satelliten der Landsat-Serie. Auf diesen verglichen sie die Ausdehnung von Waldflächen zwischen 2004 und 2015 mit denen von 2016 bis 2018. Entdeckten sie Waldverlust, versuchten sie, Feuer oder Sturmschaden als mögliche Ursache auszuschließen und verglichen das Ergebnis mit Statistiken der Holzindustrie.

Die Satellitenaufnahmen zeigten, so die Interpretation der Forscher, dass abgeholzte Flächen seit 2016 um 49 Prozent zugenommen haben und die Menge der geernteten Biomasse um rund 69 Prozent zugenommen habe. Vor allem in Finnland und Skandinavien, aber auch im Baltikum sowie auf der Iberischen Halbinsel seien auffällig große Waldflächen verschwunden.

Die Autoren führen die verstärkte Abholzung auf internationalen Handel, Ausweitung von Märkten und Bioenergie zurück.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Julia Pongratz, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme, Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
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  • Prof. Dr. Christine Fürst, Professorin für Nachhaltige Landschaftsentwicklung, und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Geowissenschaften und Geographie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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  • Prof. Dr. Almut Arneth, Leiterin der Arbeitsgruppe Pflanze-Atmosphäre Wechselwirkung und Leiterin der Abteilung für Ökosystem-Atmosphäre Wechselwirkung, Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Garmisch-Partenkirchen
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  • Dr. Marcus Lindner, Leitender Wissenschaftler im Forschungsbereich Resilienz, European Forest Institute (EFI), Bonn
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  • Dr. Hannes Böttcher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz, Öko-Institut Berlin
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  • Prof. Dr. Jürgen Bauhus, Professur für Waldbau und Sprecher des Instituts für Forstwissenschaften der Universität Freiburg, und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
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  • Dr. Christopher Reyer, Wissenschaftler im Forschungsbereich II – Klimafolgen und Anpassung, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam
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Statements

Prof. Dr. Julia Pongratz

Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme, Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

„In den letzten Jahrzehnten haben auch natürliche Störungen in Wäldern zugenommen: Feuer, Insektenschäden und Windbruch. Die Autoren nehmen solche Störungen aus der Analyse aus, solange sie großflächig sind, ihr Algorithmus erkennt sie aber nicht, wenn sie nur kleine Flächen betreffen. Wir müssen sicherlich ein Augenmerk auch auf diese Veränderungen lenken. Tragen sie zu dem Anstieg im Verlust der Waldfläche in Europa bei, dann ist das ein sehr viel größeres Problem als das in der Studie beschriebene, denn anders als die Bewirtschaftung der Wälder können wir Feuer, Wind und Insekten kaum steuern. Wir kennen das aus Nordamerika, in Kanada etwa haben sich die bewirtschafteten Wälder durch die Zunahme natürlicher Störungen in den letzten Jahren von einer CO2-Senke Richtung CO2-Quelle entwickelt.“

„In den meisten Szenarien, die ein 1,5-Grad-Ziel erreichen, spielen großflächige Aufforstung und Forstwirtschaft eine Rolle bei der Reduktion der anthropogenen Emissionen. Dazu gehört eine starke Bewirtschaftung der Wälder. Wichtig ist, dass die geerntete Biomasse entsprechend eingesetzt wird, also nicht zusätzlichen Bedarf an Holz generiert, sondern fossile Energieträger etwa in der Wärmeproduktion ersetzt. Idealerweise wird das CO2 dabei abgeschieden und gespeichert, sodass die Wälder sogar ‚negative Emissionen‘ erzeugen. Das geerntete Holz kann auch als Baumaterial CO2-intensive Materialien wie Zement und Stahl ersetzen. Neue Studien zeigen, dass gerade bei letzterem bei Weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgereizt sind. Die vorliegende Studie könnte also ein Hinweis darauf sein, dass wir uns in Richtung Pariser Klimaziele bewegen – oder genau davon weg, wenn die Biomasse nicht dazu dient, Emissionen zu kompensieren. Das erscheint mir klar als nächster Schritt, den es zu analysieren gilt.“

Prof. Dr. Christine Fürst

Professorin für Nachhaltige Landschaftsentwicklung, und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Geowissenschaften und Geographie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

„Die Autoren bedienen sich einer exzellenten Kombination aus Fernerkundungsdaten, statistischen Daten und der räumlichen Analyse. Sie gehen weit über die normalerweise aus den Waldinventuren verfügbaren Ergebnisse hinaus und können zu einem sehr effizienten Monitoring der Waldflächen- und Biomasseentwicklung beitragen. Die Autoren erklären nachvollziehbar mögliche Unsicherheiten, die sich aus der räumlichen Auflösung der Daten, der Klassifikation der Waldfläche und aus Einflüssen wie Waldbränden oder Windwürfen ergeben, die sie aus den Datensätzen herausrechnen. Die Satellitendaten selbst stellen über den Betrachtungszeitraum eine stabile Bezugsgröße dar, die Autoren zeigen, wie man durch hochauflösende Daten sehr detaillierte Informationen zum Waldflächenschwund und zum Verlust an Biomasse erhält. Was mir ein wenig fehlt, ist eine bessere Differenzierung nach Baumarten. Hier folgt die Studie der klassischen Unterteilung in Nadel-, Misch- und Laubwälder und verweist auf die Ökosystemleistungen, die durch die Holzernte verloren gehen. Ökosystemleistungen kann man aber nur sehr bedingt mit einer groben Klassifizierung in drei Waldtypen bewerten. Eine höhere thematische Auflösung der Daten wäre daher sinnvoll.“

„Die Studie zeigt erstmals die sehr dramatischen Verluste an Waldfläche und Biomasse, die sich durch den Wunsch, stärker auf Bioenergie zu setzen, ergeben. Sie zeigt deutlich die schweren Kollateralschäden für die Klimapolitik auf. Die Holzverwertung ist inzwischen globalisiert und der Ressourcenbedarf ist nicht nur in Europa, sondern insbesondere in China stark angestiegen. Die Autoren zeigen, dass der aussetzende Stoffstrom aus Russland vor allem in den nordischen Ländern zu einem deutlichen Anstieg in der Holzernte geführt hat. Hinzu kommen sicherlich auch ökonomische Zwänge, vor allem in den süd- und osteuropäischen Ländern. Diese Entwicklung war zu erwarten. Aktuell wird sich die Lage infolge der Trockenheitsschäden und damit durch das Schadgeschehen (Borkenkäfer) eher noch verschärfen.“

Auf die Frage, inwiefern sich abschätzen lässt, ob die gerodeten Flächen aufgeforstet werden oder ob mit einer künftig veränderten Landnutzung zu rechnen ist?
„Hier möchte ich nur kurz klären, dass ‚Rodung‘ ein rechtlich belegter Begriff ist und bedeutet, dass eine Fläche von Wald in eine andere Landnutzung umgewidmet wird. Die Kahlschläge werden sicherlich zum Teil aufgeforstet, in vielen Ländern wird man dabei aber aus ökonomischen Überlegungen auf natürliche Verjüngung setzen. Dies kann lange Zeit in Anspruch nehmen und trägt zum weiteren Verlust an Kohlenstoff bei, da infolge der Kahlschläge der Humus abgebaut wird, der einen wichtigen Kohlenstoffspeicher darstellt. Inwieweit manche der Kahlschläge in andere Landnutzungen überführt werden, kann ich nicht beurteilen. Allerdings unterliegt Wald in den EU Ländern einem hohen rechtlichen Schutz, sodass die Kahlschläge nicht als eigentlicher Verlust an Waldfläche interpretiert werden können.“

„Ergänzen möchte ich gerne noch, dass mir der Aspekt der Eigentumsform in der Studie fehlt. Während in den nordischen Ländern häufig große industrielle Holzbetriebe Besitzer der Waldflächen sind, verhält sich dies vor allem in Mitteleuropa differenzierter. Hier dominiert sehr häufig privater Waldbesitz mit sehr kleinen Waldflächen. Auch daraus lassen sich zum Beispiel Veränderungen in der Größe der Kahlschläge ableiten. Allerdings ist es sehr schwer, diese Daten zu erhalten. Die Eigentumsform entscheidet dann auch über die Frage, ob und gegebenenfalls wie schnell Kahlschläge aufgeforstet werden. Großkahlschläge in Besitz industrieller Holzbetriebe werden meist der Naturverjüngung überlassen.“

„Die Ergebnisse sind besorgniserregend und weisen darauf hin, dass eher mit einer deutlichen Verschlechterung der CO2-Bilanz gerechnet werden muss, falls der Trend einer stark intensivierten Holzernte fortgesetzt wird. Andererseits sind junge Waldbestände, die sich mittelfristig wieder auf den Kahlschlägen entwickeln, in der Lage, durch ihr Wachstum weitaus mehr Kohlenstoff oberirdisch festzulegen. Sie können also zu einer positiven Kohlenstoffbilanz beitragen, allerdings nicht innerhalb der Perioden, auf die das Pariser Abkommen abzielt.“

Prof. Dr. Almut Arneth

Leiterin der Arbeitsgruppe Pflanze-Atmosphäre Wechselwirkung und Leiterin der Abteilung für Ökosystem-Atmosphäre Wechselwirkung, Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Garmisch-Partenkirchen

„Die Studie von Ceccherini et al. zeigt sehr schön den sich ändernden Holzeinschlag in den letzten Jahren in einigen Regionen Europas, und identifiziert einen starken Anstieg von 2016 bis 2018. Die Autoren separieren in der Analyse den Einfluss von Feuer und Windwurf und kommen zu dem Schluss, dass die Hauptursache vermutlich sich ändernder Bedarf für Holz ist, beispielsweise als Brennstoff. Dies ist natürlich mit großen Unsicherheiten behaftet, was die Autoren nicht verschweigen, steht aber im Kontext von europäischer Gesetzgebung und internationalem Handel.“

„Die Studie ist sehr wichtig unter verschiedenen Gesichtspunkten. Tatsächlich ist es so, dass selbst für hochentwickelte Regionen wie Europa es immer noch schwer ist, belastbare, räumlich aufgelöste Zeitreihen für Waldmanagement und Holzeinschlag zu bekommen. Die Veröffentlichung birgt hier großen Mehrwert, auch wenn – wie die Autoren selbst schreiben – Aktivitäten wie selektives Logging, Ausdünnung und dergleichen nicht von den Satellitensensoren erfasst werden können. Nichtsdestotrotz ist dies schon ein schöner Schritt vorwärts, um anhand dieser Daten den Einfluss auf den Kohlenstoffhaushalt zu quantifizieren. Es wurde ja schon wiederholt von Wissenschaftler*innen darauf hingewiesen, dass Holz als erneuerbare Energiequelle längst nicht so kohlenstoffneutral und nachhaltig ist wie gedacht, wenn zum Beispiel mit dem langfristigen Kohlenstoffspeicher im lebenden Wald gegengerechnet wird, oder auch mit der Notwendigkeit, weltweit mehr Holz zu ernten, falls durch Bioenergie ein zusätzlicher Bedarf entsteht, der Verbrauch für anderweitige Holzprodukte gleichzeitig aber nicht abnimmt. Der Einfluss auf Biodiversität ist ebenfalls noch nicht wirklich untersucht.“

„Falls sich dieser Trend fortsetzt, ist damit zu rechnen, dass sich dies mittelfristig negativ auf die CO2-Bilanz europäischer Wälder auswirkt, auch etwas davon abhängend, wie sich die Waldfläche Europas und die Waldartenzusammensetzung entwickelt – wobei in einer Quantifizierung immer auch Europäische Holzimporte berücksichtigt werden müssen. Unabhängig davon muss man auch bei dieser Studie mal wieder darauf hinweisen, dass die Erreichung der Klimaziele nicht ‚dem Wald‘ überlassen werden kann, sondern auf einer schnellen Dekarbonisierung der Wirtschaft fußen muss.“

Dr. Marcus Lindner

Leitender Wissenschaftler im Forschungsbereich Resilienz, European Forest Institute (EFI), Bonn

„Satellitenbild-Auswertungen zu Waldflächenänderungen sind mit Unsicherheiten behaftet, aber sie bieten eine unersetzliche einheitliche Datengrundlage von hoher zeitlicher Auflösung. Klassische terrestrische Stichproben-basierte Waldinventuren werden dagegen nur alle 10 Jahre durchgeführt und liegen nicht flächendeckend vor. In den letzten Jahren hat sich die Verfügbarkeit von Satellitenbildern stark verbessert und mit modernen Datenauswertungsmethoden und schnelleren Computern können heute zeitnah Auswertungen im europäischen Maßstab gemacht werden. Dies ist eine wertvolle Grundlage, um wissensbasiert Fakten und Entscheidungsgrundlagen zu vermitteln, um zum Beispiel die Tragweite von Sturm-, Insekten-, und Feuerschäden zu beurteilen – oder, wie von der vorliegenden Studie demonstriert, mögliche Änderungen in der Nutzungsintensität zeitnah zu dokumentieren.“

„Die aufgezeigte Zunahme von Holznutzungen in europäischen Wäldern erscheint sehr drastisch, die Zahlen sind in der Tat überraschend und werfen Fragen auf. Holznutzungen fluktuieren von Jahr zu Jahr und werden regional stark durch natürliche Störungen beeinflusst (insbesondere großflächige Sturmschäden). Es ist bekannt, dass europäische Wälder über Jahrzehnte hinweg eine starke Kohlenstoffsenke waren. Mit anderen Worten: Es ist mehr Holz gewachsen als genutzt wurde. Die Waldfläche vergrößerte sich durch Landnutzungswandel (spontane Wiederbewaldung und Aufforstungen), Wald-Zuwachsraten nahmen zu (aufgrund von Stickstoffeinträgen, CO2 Düngeeffekt und verbesserten klimatischen Wachstumsbedingungen) und der erhöhte Biomasse-Zuwachs wurde bei weitem nicht durch entsprechende Zunahme der Nutzungen kompensiert. Seit der Jahrhundertwende stieg in vielen Ländern die Nutzung, allerdings wurde dieser Anstieg durch die Finanzkrise 2008-2009 umgekehrt und der Forstsektor brauchte mehrere Jahre, um sich davon zu erholen. Der in dieser Studie verwendete Referenz-Zeitraum von 2011 bis 2015 ist zumindest teilweise noch von der schwachen Konjunkturlage nach der Finanzkrise charakterisiert. Die Jahre 2016 bis 2018 waren dagegen ‚gute Jahre‘ für den Waldsektor mit verbesserten Marktpreisen und dadurch angeregt steigenden Nutzungsraten. Allerdings zeigen Holzprodukt-Statistiken geringere Anstiege im Bereich von plus 10 Prozent bis plus 25 Prozent, also weniger als die Hälfte als von dieser Studie ausgewiesen.“

„Die stärksten Veränderungen wurden im Westen der Iberischen Halbinsel, in den Baltischen Ländern sowie besonders ausgeprägt in Schweden und Finnland ausgewiesen. Während die Waldverluste in Portugal und Nordwest-Spanien vermutlich durch die außergewöhnlich heftigen Waldbrände in dieser Region in den vergangenen Jahren bedingt sind, ist die massive Zunahme der berechneten Holzeinschläge in Nord-Europa in dieser Höhe doch überraschend. Da die im Anhang gezeigten nationalen Statistiken deutlich geringere Zuwächse aufweisen, erscheinen hier detaillierte Vergleiche angezeigt, um die gefundenen Trends zu verifizieren.“

„Die Studie analysiert Daten bis 2018. In diesem Jahr begann eine durch Klimaerwärmung und extreme Trockenheit verstärkte Borkenkäfer-Kalamität in Fichtenwäldern Mitteleuropas. Die erhöhten Holznutzungen in Tschechien und Österreich für das Jahr 2018 könnten bereits dadurch beeinflusst sein. Allerdings nahmen die Waldschäden in den Folgejahren noch massiv zu, mit ungeplanten Holznutzungen auf hunderttausenden Hektar Waldfläche, unter anderem auch in Deutschland. Diese Waldschäden wirken sich ohne Zweifel auf die Kohlenstoff-Bilanz der Wälder aus, und es ist zu erwarten, dass Waldinventuren in den kommenden Jahren unsere Wälder zumindest regional als Kohlenstoffquelle ausweisen werden. Denn nicht nur Fichtenbestände, sondern auch viele andere Baumarten wurden durch die Klimaextreme gestresst und es wird ein paar Jahre dauern, bis sich das Wachstum der Waldbestände normalisieren kann (soweit das Wetter dies ermöglicht).“

„Europäische Wälder werden in der Regel mit Blick auf die Holzproduktion nachhaltig bewirtschaftet. Flächen, die jetzt eingeschlagen werden (müssen?), werden natürlich oder durch Pflanzung wiederbestockt und in wenigen Jahren wieder aktiv Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden. Umwandlungen in andere Landnutzungstypen sind in den meisten Ländern gesetzlich unterbunden. In der Summe ist zu erwarten, dass sich die Waldflächenanteile in Europa weiter erhöhen. Die Frage ist eher, wieviel Holz und Kohlenstoffvorrat unsere Wälder zukünftig im Mittel speichern können. In der Vergangenheit wurde lange mehr Kohlenstoff gebunden als freigesetzt. Je nach Klima und auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnte sich die Bilanz zukünftig auf einem geringeren Niveau einpendeln. Wenn sich unser Klima stärker erwärmt als in den Pariser Klimazielen beschlossen, dann ist zu erwarten, dass es häufiger Störungen geben und die Produktivität unserer Hauptbaumarten leiden wird. Mit maximal 2 Grad Klimaerwärmung, angepasster Waldbewirtschaftung, richtiger Baumartenwahl und durch Vorsorge verminderten Waldstörungen können unsere Wälder mehr Kohlenstoff binden und weiter eine wichtige Rolle für die Gesellschaft spielen mit ihren vielfältigen Waldleistungen.“

„Die mittelfristigen Auswirkungen der Waldverluste auf die europäische CO2-Bilanz werden auch davon abhängen, was mit dem Holz passiert. Verbleibt es im Wald, wird es in wenigen Jahren zersetzt sein und das CO2 in die Atmosphäre zurückgeben. Kann es einer Nutzung insbesondere in langlebigen Holzprodukten zugeführt werden, wird der gebundene Kohlenstoff weiter in Produkten gespeichert, und wenn diese andere, weniger klimafreundliche Konkurrenzprodukte ersetzten, ergeben sich Substitutionspotentiale durch verminderte fossile Kohlenstoff-Emissionen.“

„Der Klimawandel stresst unsere Wälder massiv und in den nächsten Jahren müssen wir diese an die sich ändernden Bedingungen anpassen. Aktive Bewirtschaftung bietet dabei auch Vorteile und ermöglicht einen schnelleren Wandel zu resilienten Mischbeständen.“

„Leider kann ich mich zu den verwendeten Methoden nicht fundiert äußern. Ich denke dass Experten mit fundierten Satelliten-Bild Auswertungserfahrungen hier tiefere Einblicke haben. Ehrlich gesagt vermute ich, dass die Ergebnisse einer Prüfung auf Herz und Nieren nicht standhalten werden.“

Dr. Marcus Lindner weist auf folgende weiterführende Recherchequelle hin, die zeigt, dass es in Finnland Zunahmen bei der Abholzung gibt, diese aber weniger drastisch seien als von den Autoren der vorliegenden Studie dargestellt [I].

Dr. Hannes Böttcher

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz, Öko-Institut Berlin

„Die Studie schließt methodologisch eine wichtige Brücke: zwischen den nationalen Waldinventuren einerseits und Fernerkundungsdaten aus Satelliten andererseits. Während Waldinventuren genauere Daten liefern, haben sie doch den Nachteil, dass sie aufwändig sind und deshalb nur alle fünf oder zehn Jahre durchgeführt werden können. Fernerkundungsdaten über den Wald liefern ein gröberes Bild, aber erlauben jährlich, monatlich oder sogar täglich aktuelle Informationen. Kombiniert man beide Datenquellen, verspricht das einen enormen Informationsgewinn. Die Kombination ist nicht einfach: Satelliten sehen, dass dort zu einem Zeitpunkt Bäume stehen und zu einem anderen nicht. Sie lassen aber keinen Schluss darüber zu, weshalb die Bäume verschwunden sind. Dafür müssen Definitionen harmonisiert und Statistiken integriert werden. Die Autoren haben eine Vielzahl von Datenquellen zusammengebracht und zeigen die Diskrepanzen zwischen diesen auf. Nicht alle vom Satelliten festgehaltenen Entwicklungen lassen sich damit allerdings erklären.“

„Die Autoren schließen Effekte durch natürliche Störungen wie Feuer, Sturm und Insekten aus, da Flächen von der Analyse ausgeschlossen wurden, wo solche Störungen aufgetreten sind. Allerdings bleibt unklar, wie dies im Fall von Störungen durch Insekten passiert ist. Diese Störungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen und haben sicher einen Einfluss auf die Studie. Unabhängig davon können die Autoren zeigen, dass ein großer Teil des Anstiegs mit den berichteten Erntestatistiken übereinstimmt. Die Regionen mit größeren Diskrepanzen unter die Lupe zu nehmen, wäre der nächste Schritt.“

„Eine wichtige Komponente, die die Studie ausgeklammert hat, ist der Zustand der Bäume. Auch der lässt sich mit Hilfe von Satellitendaten erfassen und kann dazu beitragen zu verstehen, weshalb Bäume entnommen wurden. Trockenheit und Käferbefall wurden von den Autoren nicht berücksichtigt, trugen aber in der jüngsten Vergangenheit dazu bei, dass Flächen Baumbestand verloren haben.“

Auf die Frage, inwiefern sich abschätzen lässt, ob die gerodeten Flächen aufgeforstet werden oder ob mit einer künftig veränderten Landnutzung zu rechnen ist?
„Satellitenbilder liefern lediglich den Status-quo von Flächen. Sie lassen nicht immer eine Aussage darüber zu, ob es sich um eine Form der Waldbewirtschaftung handelt (zum Beispiel ein Kahlschlag) oder um eine Landnutzungsänderung (zum Beispiel Wald in Acker). Allerdings ist mit höher aufgelösten neueren Daten auch solch eine Diagnose möglich. Damit bietet sich die Möglichkeit einer unabhängigen Überprüfung der statistischen Angaben, die Länder zu ihrer Landnutzung und deren Änderungen machen.“

Auf die Frage, was die Erkenntnisse der aktuellen Arbeit für die europäische CO2-Bilanz und die Erreichbarkeit der Pariser Klimaziele im Allgemeinen bedeuten:
„Die Verfügbarkeit von unabhängigen Datensätzen aus Satellitenbildern ist ein enorm wichtiger Beitrag zu mehr Transparenz in der Berichterstattung. Der Landnutzungssektor leidet darunter, dass Datenquellen verzögerte, unregelmäßige und nicht vergleichbare Informationen über den Zustand von Wäldern, Feldern und Mooren liefern. Auf dieser Grundlage sind Politiken und Maßnahmen im Sektor schlecht zu planen. Das ist mit ein Grund weshalb der Landnutzungssektor lange Zeit im Klimaschutz außen vor stand. Die EU LULUCF-Verordnung (Verpflichtung der EU-Staaten die Treibhausgasemissionen von Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft für die Pariser Klimaziele zu reduzieren; Anm. d. Red) und das Pariser Abkommen verlangen nun aber nach konkreten Klimaschutzzielen auch für diesen Bereich. Für die Umsetzung und Überprüfung von beiden sind die vorgestellten Methoden deshalb sehr wichtige Bausteine.“

Prof. Dr. Jürgen Bauhus

Professur für Waldbau und Sprecher des Instituts für Forstwissenschaften der Universität Freiburg, und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

„Die Methodik der vorliegenden Studie mag geeignet sein, um die Entwicklung größerer Freiflächen im Wald (ohne Kronenbedeckung) zu verfolgen, doch die Dokumentation zur Anwendung und Qualitätsprüfung der Methode lassen noch viele Fragen offen. Die Zunahme der geernteten Flächen ist in der Tat sehr überraschend. Es hätte sicherlich noch einige Jahre gedauert, bis dieser Trend durch konventionelle, terrestrische Waldinventuren aufgedeckt worden wäre. Es ist allerdings fraglich, ob hier tatsächlich sauber zwischen der Ernte von Schadholz infolge von Störungsereignissen und geplanter Nutzung unterschieden worden ist. Der Einfluss großer Windwürfe und Feuer konnte hier möglicherweise identifiziert werden, aber die Autoren haben den Einfluss von Krankheiten und Borkenkäfern, der in den letzten Jahren massiv angestiegen ist, nicht berücksichtigen können.“

„Es ist bekannt, dass es, bei gleichzeitigem Anstieg der Kohlenstoffvorräte in den Wäldern, seit der letzten globalen Finanzkrise eine Zunahme der Holzernte in Europa gab; die Mengen des geernteten Rohholzes liegen im Jahr 2018 um 8 Prozent höher als 2007. Das ist auch politisch so gewollt, da nicht nur die Wälder durch die Speicherung von Kohlenstoff, sondern auch die Holzprodukte durch die Substitution energieintensiver Materialien wie Stahl, Beton, Aluminium und Plastik sowie fossiler Energien erheblich zum Klimaschutz beitragen. Die Interpretation der Autoren, dass dieser rapide Anstieg der Ernteflächen auf sozioökonomische Faktoren oder den Politikrahmen zurückzuführen sei, ist nicht nachvollziehbar und wird auch von ihnen nicht plausibel anhand von Indikatoren dargelegt. Im Gegenteil, der von den Autoren genannte Anstieg der geernteten Biomasse um 69 Prozent (gegenüber der Periode 2011 bis 2015), kann nicht anhand von wirtschaftlichen Statistiken nachvollzogen werden. Der wirtschaftliche Output des Forstsektors und sekundärer Aktivitäten in den Jahren 2016 und 2017 stieg gegenüber der Periode von 2012 bis 2015 lediglich um 13 Prozent und positive Trends zum Verbrauch von Nadelschnittholz, Papier, Zellstoff und so weiter liegen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Ein so massiver Anstieg der Produktion führt zwangsläufig zu einem Verfall der Preise an den Märkten, der von den Forstbetrieben sicherlich nicht erwünscht sein kann. Der Anstieg der geernteten Fläche, der hier berichtet wird, kann nicht mit ökonomischen Treibern erklärt werden.“

„Es muss aber klargestellt werden, dass es sich hier nicht um Waldverlust im eigentlichen Sinne handelt, sondern um die Ernte von Wald, der in aller Regel anschließend verjüngt wird. Man kann hieraus nicht auf die Umwandlung von Wald zu anderen Nutzungsformen schließen; in den meisten Fällen wäre das rechtlich nicht so einfach möglich, da gesetzlich der Wald erhalten werden muss. Wie rasch diese Flächen verjüngt werden kann man mittelfristig nur aus Inventuren ersehen.“

„Auch wenn die hier berichteten Zahlen nicht plausibel sind, zeigt die Arbeit im Prinzip, dass die Klimaschutzleistung der europäischen Wälder keine konstante Größe ist, sondern in hohem Maße von den Auswirkungen des Klimawandels abhängig ist. Sie verdeutlicht, dass wir Wälder und ihre Nutzung dringend resilienter und anpassungsfähiger gestalten müssen, damit sie auch in Zukunft die gewünschten Klimaschutzleistungen erbringen können.“

„Es ist sehr erstaunlich, dass eine Arbeit von so hoher politischer Brisanz auf Europäischer Ebene von einem sehr überschaubaren Team von Autoren aus einer einzigen Institution geschrieben wird. Die Arbeit wäre sehr viel vertrauenswürdiger, wenn weitere Experten aus den verschiedenen Teilen Europas beteiligt gewesen wären, um auch eine regionale Validierung beziehungsweise plausible Einordnung der Befunde zu ermöglichen. Weiterhin ist verwunderlich, dass diese Studie sozioökonomische Treiber für eine möglicherweise erhöhte Holzernte vermutet, aber kein Ökonom unter den Mitautoren ist, um dies auch anhand von verfügbaren Indikatoren zu überprüfen.“

Dr. Christopher Reyer

Wissenschaftler im Forschungsbereich II – Klimafolgen und Anpassung, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam

„Die Studie ist sehr interessant. Sie nutzt Satellitendaten, um die geernteten Waldflächen abzuschätzen.“

„Flächen, die durch größere Sturmwürfe oder Feuer beeinflusst sind, werden dabei teilweise abgezogen, aber Flächen die durch Insektenbefall, kleinere Stürme oder andere natürliche Faktoren entstehen beziehungsweise die in den Jahren nach solchen Ereignissen als Folgeschäden auftreten, werden nicht analysiert. Gerade Borkenkäfer und andere Insekten haben aber auch in den letzten Jahren verstärkt Schäden angerichtet, auch in Ländern wie Polen und der Tschechischen Republik, die hier genannt werden. Diese Vorkommnisse haben im Rahmen des Klimawandels auch zugenommen und können mit den warmen letzten Sommern zusammen die Analyse beeinflussen. Auch kleinskalige Holzernten aus Durchforstungen beziehungsweise aus Dauerwaldnutzungskonzepten und so weiter werden nicht berücksichtigt.“

„Die Studie liefert also wichtige Bausteine, kann aber nicht abschließend klären, wieviel Holz wirklich ‚geplant‘ geerntet wurde und wieviel als ‚ungeplante‘ Reaktion auf solche Störungsereignisse.“

„Generell müssen in den meisten europäischen Ländern Waldflächen nach Ernte oder Schadenereignissen wieder aufgeforstet werden. Es handelt sich also hierbei zumeist nur um einen temporären Waldverlust.“

„Wichtiger ist aus Sicht des Klimaschutzes, dass Biomasse und damit Kohlenstoff dem System entzogen wurden. Die Frage ist: Was ist mit diesem Kohlenstoff passiert? Wurde er verheizt, um Öl zu ersetzen und nur, um zusätzlichen Energiebedarf zu decken? Oder wurden langlebige Holzprodukte hergestellt die nun als Baumaterial und Möbel andere Materialien wie Zement, Stahl, Plastik und so weiter ersetzen? Dieses Paper beantwortet diese Fragen nicht, aber die Frage drängt sich nunmehr dringend auf.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Dr. Marcus Lindner: „Keine.“

Dr. Hannes Böttcher: „Ich habe keine Interessenskonflikte.“

Prof. Dr. Jürgen Bauhus: „Keine Interessenkonflikte“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Ceccherini G et al. (2020): Abrupt increase in harvested forest area over Europe after 2015. Nature, DOI: 10.1038/s41586-020-2438-y.

Weitere Recherchequellen

[I] Luke, Natural Resources Institute Finland: Roundwood removals remained high, although down by five million cubic metres.