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29.01.2021

Zulassungsempfehlung der EMA zu AstraZeneca und weitere Impfstoffkandidaten

Anlass

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat ihre Zulassungsempfehlung für den vektorbasierten Impfstoff AZD1222 des Pharmahersteller AstraZeneca ausgesprochen und die EU Kommission die Zulassung wenige Stunden später erteilt: demnach könnte der Impfstoff sofern verfügbar an Erwachsene ab 18 Jahren in der EU verabreicht werden [I]. Damit ist der von einem Team der Universität Oxford entwickelte Impfstoff der dritte, der in der Europäischen Union eine Zulassung erhalten hat. Anhand der vorliegenden Daten schützt er nach Angaben der EMA zu 59,5 Prozent vor einem symptomatischen Verlauf von COVID-19: 64 von 5.258 Probanden, die den Impfstoff erhielten, bekamen COVID-19 mit Symptomen im Vergleich zu 152 von 5.210 Personen, die eine Kontrollimpfungen erhielten. Die meisten Teilnehmer an diesen Studien waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Laut EMA lägen bisher „nicht genügend Ergebnisse bei älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern über 55 Jahre alt vor, um eine sichere Aussage darüber zu treffen, wie gut der Impfstoff in dieser Altersgruppe wirkt“. Es werde jedoch „ein Schutz” erwartet, da in dieser Altersgruppe typische Immunreaktion wie bei anderen Impfstoffen beobachtet worden seien. Da zudem verlässliche Informationen zur Sicherheit in der älteren Bevölkerungsgruppe vorlägen, sind die wissenschaftlichen Experten der EMA der Ansicht, dass der Impfstoff bei älteren Erwachsenen eingesetzt werden könne. Weitere Informationen werden aus laufenden Studien erwartet, die einen höheren Anteil älterer Teilnehmer einschließen.

Ähnliche Ergebnisse präsentierte am 29.01.2021 auch der amerikanische Pharmakonzern Johnson & Johnson, der die Interimsergebnisse der Phase-III-Studie seines Vektor-Impfstoffes seines Pharmabereichs Janssen vorstellte [II]. Die Forschenden untersuchten an 43.783 Probanden in acht Ländern, von denen 34 Prozent über 60 Jahre alt waren, die Wirksamkeit des Impfstoffes, um moderate und schwere Verläufe von COVID-19 zu verhindern. Über alle Altersgruppen hinweg weist das Vakzin eine Effizienz von 66 Prozent auf und kann schwere und tödliche Verläufe vollständig verhindern. Da die vorläufigen Studienergebnisse zu diesem Impfstoff sich seit Anfang Dezember im Rolling Review-Verfahren der EMA befinden [III], kann auch hier mit einer baldige Zulassungsempfehlung gerechnet werden.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln
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  • Prof. Dr. Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg
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  • Prof. Dr. Carlos A. Guzman, Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig
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  • Prof. Dr. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen
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Statements

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer

Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln

„Die Zulassung der EMA für alle Altersklassen erscheint mir aufgrund der zitierten Ergebnisse berechtigt. Auch wenn die Daten zu Personen älter als 55 Jahre dünn sind, heißt das nicht, dass der Impfstoff hier nicht wirkt. Die EMA begründet ihre Entscheidung mit der Erfahrung bei anderen Impfstoffen sowie den Daten zur beobachteten Immunantwort nach der Impfung. Natürlich werden jetzt rasch auch klinische Daten bei Älteren benötigt. Diese müssten aufgrund der breiten Anwendung insbesondere in Großbritannien rasch verfügbar sein.”

„Die Entscheidung der STIKO, Personen über 64 Jahre nicht mit dem Impfstoff von AstraZeneca zu impfen, ist aus meiner Sicht ein Rückschlag für die Vakzinierungsbemühungen in Deutschland. Um rasch die besonders gefährdeten älteren Personen zu impfen, werden alle zugelassenen Impfstoffe benötigt. In Deutschland werden bisher im wesentlichen Menschen über 80 Jahre geimpft. In dieser Altersgruppe gibt es auch für die Impfstoffe von Moderna und Biontec erst wenige Daten. Mit der jetzt erfolgten Zulassung der EMA für AstraZeneca sollte die Entscheidung der STIKO möglichst rasch revidiert werden.”

„Die Daten für den Janssen-Impfstoff zeigen eine geringere Wirksamkeit als bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna. Mit 66 Prozent ist die Gesamtwirksamkeit ähnlich hoch wie bei der Vakzine von AstraZeneca, allerdings bereits nach einer Impfung. Wichtig erscheint mir allerdings die Beobachtung, dass es in keinem Fall einer COVID-19-Erkrankung bei Geimpften zu einem sehr schweren Verlauf mit Krankenhausaufnahme gekommen ist. Auch Todesfälle sind nicht aufgetreten. Damit ähneln die Ergebnisse bei Janssen auch in dieser Hinsicht dem AstraZeneca-Impfstoff.”

„Ein Alleinstellungsmerkmal der Janssen-Vakzine ist die Notwendigkeit einer nur einmaligen Gabe. Dies und die einfache Lagerung machen den Impfstoff sehr attraktiv für die klinische Anwendung. Weitere Pluspunkte anhand der bisher veröffentlichten Daten sind die Wirksamkeit in allen Altersklassen, wobei immerhin 13.610 Teilnehmer älter als 60 Jahre waren. Es ist sehr gut zu erkennen, dass die Vakzine auch in Südafrika eine Wirksamkeit von 57 Prozent hatte, obwohl dort 95 Prozent der Teilnehmer mit der Mutante B.1.351 infiziert waren.“

Prof. Dr. Bernd Salzberger

Bereichsleiter Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg

„Die EMA hat die Vakzine von AstraZeneca ab 18 Jahren zugelassen. Es gibt noch einige offene Fragen, aber die Vakzine hat in großen Phase-III-Studien eine Wirksamkeit von insgesamt 66 Prozent gezeigt und die Sicherheit und Verträglichkeit war gut. Die offenen Fragen sind die der optimalen Dosierung und der Wirksamkeit bei Älteren. Da in den Studien aus Großbritannien und Brasilien nur wenige Patienten - etwa zwölf Prozent - über 55 Jahren eingeschlossen worden sind, ist die Wirksamkeit bei Älteren bisher nicht gut beurteilbar.“

„Bei der Sicherheit gab es hier offenbar keine Bedenken, deshalb die EMA-Empfehlung zur Zulassung auch für Ältere.“

„Solange für die Älteren nicht mehr Daten zur Wirksamkeit vorliegen, empfiehlt auch die deutsche STIKO in der aktuellen Empfehlung diese Impfung nur bis 64 Jahre. Die Vakzine hat in einer kleineren Studie eine höhere Schutzwirkung mit einer anderen als der nun zugelassenen Dosierung gezeigt. Hier kann die Wirksamkeit möglicherweise durch eine andere Dosierung noch erhöht werden, allerdings müssen hierzu weitere Phase-III-Studien folgen.“

„Trotz dieser offenen Fragen ist damit eine raschere Durchimpfung der Bevölkerung zunächst in Europa in Aussicht – gerade im Licht der neu zirkulierenden Varianten ein wichtiges Argument.“

„Zwei weitere Hersteller haben Daten aus Phase 3 Studien berichtet:

Johnson & Johnson haben zur Wirksamkeit ihrer Adenovirus-Vakzine berichtet, dass in der klinischen Phase-III-Prüfung bei 44.000 Probanden und 468 Infektionen eine Wirksamkeit von 66 Prozent mit einer einzigen Impfdosis erreicht werden konnte. Die Wirksamkeit lag im Teil der Studie, die in den USA durchgeführt wurde, mit 72 Prozent höher als in Südamerika (66 Prozent) und Südafrika (57 Prozent). Welchen Einfluss auf die Wirksamkeit neue Varianten hier hatten, kann noch nicht beurteilt werden. Etwa ein Drittel der Teilnehmer war älter als 60 Jahre und die Wirksamkeit wurde als konsistent über die Altersgruppen angegeben. Die Effektivität in Bezug auf schwere Infektionen wurde mit 85 Prozent angegeben. Die Verträglichkeit wurde als vergleichbar zu den bisher zugelassenen beziehungsweise geprüften Vakzinen beschrieben.”

„Besonders interessant ist hier die Wirksamkeit nach nur einer Impfdosis, die die Logistik natürlich erleichtert.“

„Novavax hat am 28. Januar Interimsergebnisse aus einer Phase-III-Studie ihrer proteinbasierten Impfung mit zwei Dosen mitgeteilt. Bei etwa 15.000 Probanden traten bisher 62 Infektionen auf; damit konnte vorläufig eine Effektivität von 89,3 Prozent angeben werden. Auch in dieser Studie wurden ältere Patienten eingeschlossen: 27 Prozent waren älter als 65 Jahre. In Großbritannien zeigte sich dabei eine gute Wirksamkeit gegen die Virusvariante B.1.1.7, in einer Phase 2b-Studie auch gegen die ‚südafrikanische Variante‘.“

„Alle drei Vakzinen können die für andere Impfungen üblichen Lieferketten nutzen und erleichtern damit auch die Impfung an schwerer erreichbaren Orten.”

Prof. Dr. Carlos A. Guzman

Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig

„Die Pressemitteilung der EMA bestätigt die öffentlich verfügbaren Informationen über den Impfstoff von AstraZeneca: Das Standardimpfschema mit zwei Dosen bietet einen Schutz von ungefähr 60 Prozent bei Personen zwischen 18 und 55 Jahren. Sie suggeriert auch – ohne belastbare Wirksamkeitsdaten und in Ermangelung eines nicht diskutierten Korrelats des Schutzes – dass die indirekte Evidenz, die sich aus den bei Personen über 55 Jahren beobachteten Immunantworten ergibt, dafürspricht, dass dieser Impfstoff auch in der Altersgruppe über 55 Jahre Schutz verleiht.“

Auf die Frage, wie die Interimsdaten für den Janssen-Impfstoff zu beurteilen sind:
„Falls sich dies bestätigt, stellt die Pressemitteilung von Johnson & Johnson und der Pharmasparte Janssen eine außergewöhnlich gute Nachricht dar. Die in acht Ländern und drei Kontinenten durchgeführten Studien mit 43.783 Teilnehmern und der Erfassung von 468 symptomatischen Fällen von COVID-19 haben gezeigt, dass dies der erste COVID-19-Impfstoff ist, der nach einem Einzeldosis-Schema einen ausgezeichneten Schutz bietet – und das bei nur standardmäßigen Kühlkettenanforderungen (drei Monate bei zwei bis acht Grad stabil). Bemerkenswert ist, dass ältere Menschen (34 Prozent der Probanden waren älter als 60 Jahre) und Personen mit begleitenden Krankheiten (Komorbiditäten), die das Risiko einer COVID-19-Progression erhöhen (41 Prozent der Probanden in den klinischen Studien) gut vertreten waren. Ebenso wie Infektionen, die durch die neu auftretende B.1.351-Linie verursacht wurden und die in 95 Prozent der südafrikanischen Fälle auftritt.“

Prof. Dr. Peter Kremsner

Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen

„Die vorhandenen Daten zu dem Impfstoff von AstraZeneca sind in Ordnung in Bezug auf die Verträglichkeit und Sicherheit. Für die Wirksamkeit haben wir nur ausreichend Informationen für Erwachsene zwischen 18 und 55 Jahre. Der Impfschutz für diese Altersgruppe ist mit rund 60 Prozent in Ordnung."

Auf die Frage, wie die Empfehlung der EMA zu bewerten sei:
„Die EMA empfiehlt ihn für Erwachsene. Es liegt nun an den einzelnen Ländern und vor allem uns Ärzten zu bewerten, ob der Impfstoff in allen Altersgruppen angewendet werden sollte. Nach derzeitiger Datenlage sollte man es den über 65-Jährigen nicht verabreichen, aber man könnte den Impfstoff den jüngeren geben, die ihn aber abgesehen von Hochrisikogruppen weniger dringlich brauchen. Das ist keine ganz positive, aber auch keine ganz schlechte Nachricht."

„Allerdings ist COVID-19 eine Krankheit der Alten, und für die brauchen wir einen guten Impfstoff. Dafür brauchen wir den Impfstoff von AstraZeneca akut nicht."

„Die Empfehlung der STIKO ist ein Fingerzeig, dass man ihn bei Menschen ab 65 Jahre vorerst nicht verwenden sollte. Man könnte Gefahr laufen, dass sie mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden und sie dann doch nicht ausreichend geschützt sind. Das ist nach den vorliegenden Daten bei den mRNA-Impfstoffen anders."

Auf die Frage, wie die Interims-Daten für den Janssen Impfstoff zu bewerten seien:
„Es handelt sich um einen weiteren interessanten Impfstoff, wenn es stimmt, dass er zu 66 Prozent gegen COVID-19 wirkt. Dann wäre er vergleichbar mit den anderen Impfstoffen nach einer Dosis. Mir ist bei der Wirksamkeitsanalyse allerdings aufgefallen, dass sich die Wirksamkeit nur auf moderate und schwere Fälle bezieht. Das heißt, es sind nicht alle COVID-19-Fälle berücksichtig worden. Ich vermute, dass die Pressmitteilung noch nicht alles preisgibt und die eigentliche Wirksamkeit eventuell deutlich niedriger ist. Wir müssen die ausführlichen Daten abwarten, die hoffentlich bald in einem Fachjournal veröffentlicht werden."

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Europäische Arzneimittelbehörde (29.01.2021): EMA recommends COVID-19 Vaccine AstraZeneca for authorisation in the EU. Pressemitteilung der EMA.

[II] Johnson & Johnson (29.01.2021): Johnson & Johnson Announces Single-Shot Janssen COVID-19 Vaccine Candidate Met Primary Endpoints in Interim Analysis of its Phase 3 ENSEMBLE Trial. Pressemitteilung.

[III] Europäische Arzneimittelbehörde (01.12.2020): EMA starts rolling review of Janssen’s COVID-19 vaccine Ad26.COV2.S. Pressemitteilung der EMA.