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27.07.2016

Zika und Olympia: Thesen und Fakten

Anlass

Sportler sagen ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ab, aus Angst, sich mit dem Zika-Virus anzustecken. Frauen trauen sich nicht, nach Südamerika zu reisen, weil sie eigentlich gerade schwanger werden möchten und sich davor fürchten, mit Zika ihr Baby zu schädigen. Indes: So drastisch müsse man nicht reagieren, sagen Experten – wenn man sich relevante Fakten zum Thema Zika vergegenwärtigt.Anlässlich der am 5. August beginnenden Olympischen Sommerspiele und der anschließenden Paralympics hat das Science Media Center Germany einige Thesen zum Thema Zika zusammengetragen und von Wissenschaftlern einordnen lassen.Die folgenden Statements stellen Ihnen Experten mit Hilfe des Science Media Centers Germany für Ihre Berichterstattung zur Verfügung. Ein Hinweis auf das SMC als Quelle der Statements ist nicht nötig.

 

Übersicht

  • These: Die Mücken, die Zika-Viren übertragen, lassen sich mit gentechnischen Verfahren nur bedingt bekämpfen.
  • These: Männer und Frauen, die von einer Reise aus Süd- und Mittelamerika zurückkommen und planen, ein Kind zu zeugen, brauchen trotz Zika kaum bis keine Sorgen vor der Familiengründung zu haben.
  • These: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Internationalen Gesundheitsnotstand nicht (nur) deswegen ausgerufen, weil die gehäuften Fälle von Mikrozephalie und anderen neurologischen Störungen bei Neugeborenen im Zusammenhang mit einer Zika-Infektion während der Schwangerschaft die Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt gefährde – sondern weil mit einem Notfall-Status leichter und mehr Forschungsgelder bewilligt werden.
  • These: Die Olympischen Sommerspiele 2016 und die anschließenden Paralympics sind zur Recht nicht wegen der Zika-Epidemie in Südamerika auf einen anderen Zeitpunkt verschoben oder an einen anderen Ort verlegt worden.
  • These: Für schwangere Frauen und deren ungeborene Kinder sind Zika-Viren nicht das einzige Gesundheitsrisiko, sondern auch andere Viren können Mutter und Kind gefährden.
These: Die Mücken, die Zika-Viren übertragen, lassen sich mit gentechnischen Verfahren nur bedingt bekämpfen.

Eingeordnet von:
PD Dr. Norbert Becker
Wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) e.V., und Associate Professor, Universität Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Speyer

„Bei der Bekämpfung von Krankheiten, die durch Mücken übertragen werden, bleibt im Wesentlichen nur die Bekämpfung der Mücken, also der Vektoren für die Krankheitserreger. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, die jedoch unterschiedlich wirkungsvoll sind: Die Mücken ließen sich zum Beispiel sterilisieren, genetisch verändern, chemisch oder biologisch bekämpfen.“

„Zika-Viren werden von Tigermücken übertragen. Genetisch modifizierte Tigermücken freizulassen, kann durchaus einen Erfolg bringen, da die Tigermücken nicht stark wandern und deswegen Freilandtiere und manipulierte Tiere sich im Einsatzgebiet kaum durchmischen. Allerdings ist die Akzeptanz für die Anwendung von gentechnisch modifizierten Tieren vielerorts niedrig. Auf jeden Fall müssen die Behörden, die über die Genehmigung solcher Einsätze entscheiden, immer eine Risikoabschätzung vornehmen.“

Hinweis der Redaktion: Die Firma Oxitec schleust ein Gen in männliche Aedes aegypti-Mücken ein, das dafür sorgt, dass die Tiere nur mit Hilfe eines Antibiotikums sich vollständig entwickeln können und zugleich steril sind. Im Labor bekommen die genetisch veränderten Mücken-Männchen dieses Antibiotikum, reifen so vollständig heran und werden dann steril ins Freiland entlassen. Die Männchen können sich paaren, die Weibchen können aber keine lebensfähigen Nachkommen zeugen. Dadurch und weil die freigesetzten GM-Mücken versterben, setze sich laut Oxitec das Gen nicht in der Wildpopulation durch.

„Einsetzen kann man auch die Methode der sterilen Männchen. Dabei werden männliche Mücken mit Gamma-Strahlung bestrahlt, die auch im medizinischen Bereich eingesetzt wird. Daraufhin wird das Erbgut in deren Samenzellen zerstört. Paaren sich die bestrahlten Männchen mit Wildweibchen, entstehen nicht lebensfähige Nachkommen: Die Larven entwickeln sich in den Eiern nicht so, dass sie schlüpfen könnten. Die Mückenpopulation kann zusammenbrechen. Mit dieser Methode kann man eine einzige Vektorart dezimieren, ohne das Ökosystem zu schädigen.“

„Eine weitere Methode zur Vektorkontrolle ist der Einsatz von Wolbachia. Wenn Tigermücken mit diesen symbiotischen Bakterien infiziert werden, dann werden beim Männchen die Spermien so verändert, dass sie sich nicht richtig fortpflanzen können.“

„Beim Einsatz dieser drei Methoden ist es auf jeden Fall wichtig, dass man die Wildpopulation durch geeignete Bekämpfungen auf ein Minimum reduziert, bevor die manipulierten Tiere freigelassen werden. Damit wird die Konkurrenz zwischen manipulierten Tieren und Wildtieren reduziert. Am Ende kann die Art zusammen mit den anderen Maßnahmen stark reduziert oder im Idealfall ausgerottet werden, so dass sie als Überträger von Krankheiten oder als ‚Lästling’ keine Rolle mehr spielt.“

„Eine biologische Bekämpfungsmethode ist die sogenannte Bti-Methode. Dabei kommen Eiweiße auf der Basis von Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) zum Einsatz, die gezielt nur Mückenlarven abtöten. Diese Methode wird seit 35 Jahren erfolgreich in Deutschland angewendet.“

„Außerdem lassen sich Mücken, die Krankheiten übertragen, chemisch bekämpfen, etwa mit Geräten, die Insektizide wie Pyrethroide vernebeln. Diese Methode hat leider in vielen Fällen nicht den gewünschten Erfolg.“

„Am wichtigsten ist die Umweltsanierung, zum Beispiel die Beseitigung kleiner und kleinster Wasseransammlungen, die als Brutstätten dienen. Die Bevölkerung muss bei der Bekämpfung involviert werden. Die Betroffenen müssen von ‚Beobachtern’ zu ‚Akteuren’ gemacht werden. Sehr wichtig sind gute Informationen über Medien, Flyer, Websites etc., die Tipps zur Bekämpfung der Tigermücken geben. Das machen wir in Deutschland seit zwei Jahren in Freiburg und Heidelberg.“

These: Männer und Frauen, die von einer Reise aus Süd- und Mittelamerika zurückkommen und planen, ein Kind zu zeugen, brauchen trotz Zika kaum bis keine Sorgen vor der Familiengründung zu haben.

Einordnung von:
Dr. Daniela Huzly
Ärztliche Leiterin der Diagnostik, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Freiburg, und Stellvertretende Vorsitzende der gemeinsamen Kommission „Virusinfektion in der Schwangerschaft“ der Gesellschaft für Virologie und der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Freiburg

„In allen Ländern Mittelamerikas, großen Teilen Südamerikas sowie der Karibik sind derzeit Infektionen mit dem Zika-Virus zu erwarten. Es gilt als gesichert, dass das Virus in der Schwangerschaft auf das Ungeborene übertragen werden und schwere Schädigungen hervorrufen kann.“

„Trotz der Flut an Veröffentlichungen ist jedoch nach wie vor nicht eindeutig geklärt, wie häufig es zu einer Übertragung von Zika-Viren im Mutterleib von der Schwangeren auf das Kind kommt und zu welchen Zeitpunkten einer Schwangerschaft diese Infektion gefährlich ist. In den meisten Studien wurde die Infektion der Mutter nicht labordiagnostisch gesichert und auch in den meisten Fallsammlungen geschädigter Kinder liegen keine Beweise der Zika-Virusinfektion vor.“

„Bei der überschaubaren Zahl von gesicherten Zika-Infektionen bzw. fetalen Schädigungen, die nachgewiesenermaßen mit einer Zika-Virus-Infektion zusammenhängen, lag die Infektion der Mutter im ersten Schwangerschaftsdrittel. Die beschriebenen Gehirn-Anomalien, die bei den Kindern auftreten, legen eine Störung der Gehirnentwicklung (Entwicklung und Differenzierung von Nervenzellen) nahe, die zwischen Ende der 5. Schwangerschaftswoche (SSW) bis zur ca. 16. Schwangerschaftswoche stattfindet. Das höchste Risiko dürfte daher bei einer Infektion im ersten Schwangerschaftsdrittel bestehen. Auch bei der Röteln-Virus-Infektion, die ebenso Nervengewebe des Ungeborenen zerstört, ist die Infektion der Mutter zwischen der 4. und 8. Woche am häufigsten mit schweren Schädigungen verbunden.“

Hinweis der Redaktion: Mehr Informationen und weitere Beispiele zu gefährlichen Viren in der Schwangerschaft enthält das Statement von Prof. Dr. Susanne Modrow.

„Frauen, die sich im ersten oder zu Beginn des zweiten Schwangerschaftsdrittels befinden, sollten daher eine Reise in die Verbreitungsgebiete der Infektion vermeiden. Frauen, die noch nicht schwanger sind und eine Reise in ein Verbreitungsgebiet von Zika-Viren planen, sollten die Versuche, schwanger zu werden, verschieben.“

„Fände tatsächlich im selben Zeitraum sowohl eine Zika-Infektion als auch eine Befruchtung statt, würde vermutlich noch nicht viel passieren: Die Virus-Infektion wäre in der Regel schon unter Kontrolle, bevor die Phase der Gehirnentwicklung beginnt. Im schlimmsten Fall käme es zum Frühabort (Fehlgeburt im ersten Schwangerschaftsdrittel; Anm. d. Red.) aufgrund einer Infektion des Plazentagewebes und einer Fehlversorgung des frühen Embryos. Es gibt bislang keinen einzigen Bericht über ein geschädigtes Kind, bei dem die Mutter vor der Schwangerschaft oder zum Zeitpunkt der Befruchtung mit Zika infiziert gewesen ist.“

„Eine Schädigung des Kindes ist ab der 26. bis 28. Schwangerschaftswoche per Ultraschall diagnostizierbar. Frauen, die sich also in den ersten 16 bis 18 Schwangerschaftswochen in einem Zika-Virus-Verbreitungsgebiet aufgehalten haben oder die unmittelbar nach der Rückkehr schwanger geworden sind, sollten von ihren Frauenärzten einen zusätzlichen Ultraschalltermin in dieser Zeit angeboten bekommen, um eine Schädigung des Kindes infolge einer möglichen Zika-Virus-Infektion sicher auszuschließen.“

„Derzeit würde ich nicht empfehlen, dass sich alle Frauen (und deren Männer), die eine Schwangerschaft planen, nach ihrer Rückkehr aus den Gebieten labordiagnostisch testen lassen. Es gibt zwar mittlerweile mehrere Labortests zum Nachweis einer Zika-Infektion. Die meisten jedoch sind noch nicht ausreichend dahingehend untersucht, wie präzise sie eigentlich sind. Deswegen haben deren Testergebnisse nur bedingte Aussagekraft und verunsichern meiner Erfahrung nach eher statt zu beruhigen.“

„Männer, die in der nächsten Zeit ein Kind zeugen wollen und zu den Olympischen Spielen reisen – sei es als Sportler oder als Zuschauer –, brauchen auch nicht allzu besorgt sein. Die Übertragung durch Sexualverkehr wurde bislang nur bei Personen dokumentiert, die zum Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs Symptome der Zika-Virus-Infektion hatten, also zum Beispiel Fieber, Kopfschmerzen hinter den Augen und juckenden Hautausschlag. Käme es im selben Zeitraum, in dem es zu einer Befruchtung kommt, auch zur sexuellen Übertragung von Zika-Viren – was ein relativ unwahrscheinlicher Umstand ist –, gilt wieder: Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass es zu einer frühen Fehlgeburt kommt. Man sollte allerdings Paaren dazu raten, auf Sex zu verzichten, wenn der Mann zu jener Zeit Symptome eines viralen Infekts zeigt und gerade im Zika-Verbreitungsgebiet ist oder war.“

„Männer, die aus einem Verbreitungsgebiet zurückkehren und deren Frau im ersten oder beginnenden zweiten Schwangerschaftsdrittel ist, sollten für einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen Kondome verwenden.“

These: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Internationalen Gesundheitsnotstand nicht (nur) deswegen ausgerufen, weil die gehäuften Fälle von Mikrozephalie und anderen neurologischen Störungen bei Neugeborenen im Zusammenhang mit einer Zika-Infektion während der Schwangerschaft die Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt gefährde – sondern weil mit einem Notfall-Status leichter und mehr Forschungsgelder bewilligt werden.

Einordnung von:
Prof. MD Jan Felix Drexler
Institut für Virologie, Universität Bonn, und Mitarbeiter im Schwerpunkt „Neu auftretende Infektionskrankheiten“, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Bonn

„Der Internationale Gesundheitsnotstand hat in der Tat explizit auch zum Ziel, leichter Forschungsgelder zu generieren, um den nach wie vor nicht komplett geklärten Zusammenhang zwischen einer Zika-Infektion in der Schwangerschaft und Fehlbildungen beim Baby aufzuklären. Dass dies funktioniert, ist bisher allerdings nur zum Teil zu beobachten. Zum Beispiel hat das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) bereits zwei Projekte zu Zika als Fast Track, also im Schnellverfahren, bewilligt; und Teile der DZIF-Infrastruktur können für Zika-Forschung eingesetzt werden. Die Europäische Kommission hat einen Zika-spezifischen Aufruf aufgelegt, der inzwischen entschieden ist. Zehn Millionen Euro aus dem Programm „Horizon 2020“ gibt die Europäische Kommission speziell für die Zika-Forschung frei [1]. Diese Fördergelder kommen aber erst später im Jahr bei den Forschern an.“

„Man muss davon ausgehen, dass die weitaus meisten der gut 1000 Zika-Fachpublikationen, die in den letzten Monaten erschienen sind, nicht auf neuer Forschungsförderung beruhen, sondern vorhandene Ressourcen und Strukturen genutzt haben. An weiterem Funding ist also immer noch Bedarf.“

„Große koordinierte Zika-Förderprogramme gibt es meines Wissens nur wenige, vor allem von der EU und von den US-amerikanischen Gesundheitsinstituten (NIH). Eventuell gibt es auch noch Förderung vom britischen Medical Research Council (MRC) und vom US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID); aber das dürften nur kleinere Summen und diese noch nicht vergeben sein. Ob diese Programme durch den Internationalen Gesundheitsnotstand erst möglich wurden, ist für mich nicht zu beurteilen. Den Amerikanern fehlt jedenfalls Geld, weil das Gesetz zu den von US-Präsident Barack Obama zugesagten 1,1 Milliarden US-Dollar für die Zika-Forschung bislang nicht den Kongress passiert hat.“

These: Die Olympischen Sommerspiele 2016 und die anschließenden Paralympics sind zur Recht nicht wegen der Zika-Epidemie in Südamerika auf einen anderen Zeitpunkt verschoben oder an einen anderen Ort verlegt worden.

Einordnung von:
Ph.D. Christina Frank
Abteilung für Infektionsepidemiologie, Fachgebiet für Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen, Robert Koch-Institut, Berlin:

„Eine Verschiebung der Spiele wegen des Zika-Virus-Risikos in Brasilien hätte nicht wesentlich dazu beigetragen, eine weitere Ausbreitung der Infektion in der Welt zu verhindern. Die von den Spielen zurückkommenden Menschen stellen nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Reiseverkehrs zwischen Ausbruchsgebieten des Zika-Virus’ und den möglicherweise noch für das Zika-Virus neu empfänglichen Ländern dar.“

„Im Gegensatz zu Ländern in Mittelamerika, die vom Zika-Virus betroffen sind, ist in Rio de Janeiro im August wenigstens Winter. Auch die dem Robert Koch-Institut übermittelten Meldedaten bestätigen, dass in Brasilien in dieser Jahreszeit mückenübertragene Infektionen wie zum Beispiel das Denguefieber viel seltener sind als zum Beispiel in der Osterzeit: Unter den über 250 Fällen von Denguefieber, die in den Jahren 2001 bis 2015 nach Rückkehr aus Brasilien in Deutschland diagnostiziert wurden, erkrankten nur insgesamt fünf Prozent in den Monaten August und September. Und das, obwohl diese zu den reisestärksten Monaten zwischen Deutschland und Brasilien gehören.“

„Was das Risiko der reisenden Sportler und Zuschauer angeht, reiht sich für die allermeisten das Zika-Virus in eine Reihe von häufiger auf Reisen erworbenen Infektionen ein, die man sich auch in Brasilien zuziehen kann. Da ja viele Zika-Virus-Infektionen ohne Symptome ablaufen, sind für den Patienten eine andere mückenübertragene Infektion wie Denguefieber oder ein akuter Reisedurchfall möglicherweise zunächst einmal unangenehmer bzw. gefährlicher. Insgesamt ist empfehlenswert, beim Essen auf Hygiene zu achten und Rohprodukte zu vermeiden – auf Englisch kurzgefasst: „cook it, peel it—or forget it“ („Kochen, schälen – oder lassen“; Anm. d. Red.). Gegen Mückenstiche kann und soll man sich durch bedeckende Kleidung und wirksame Repellentien auch tagsüber schützen. Gegen einige Infektionen, wie Hepatitis A, gibt es Schutzimpfungen.“

„Weil aber das Zika-Virus neben den meist relativ milden Symptomen einer akuten Infektion bei schwangeren Frauen das Risiko von Fehlbildungen beim Kind mit sich bringt, und perfekter Mückenschutz schwierig ist, wird Schwangeren weiterhin geraten, unnötige Reisen in Zika-Virus-Ausbruchsgebiete zu unterlassen oder zu verschieben. Da viele Zika-Virus-Infektionen asymptomatisch ablaufen, werden Reiserückkehrerinnen aus Ausbruchsgebieten nach der Reise Wartezeiten bis zu einer neuen Schwangerschaft nahegelegt. Bei Männern ist nach einer Zika-Virus-Infektion ein Verbleib der Viren in der Samenflüssigkeit über mehrere Monate hinweg möglich. Daher gelten für männliche Reiserückkehrer aus Ausbruchsgebieten Empfehlungen zum Kondomgebrauch – vorsichtshalber bei Sex mit schwangeren Partnerinnen sogar bis zum Ende der Schwangerschaft. Reiserückkehrer sollten sich nach den dann jeweils aktuellen Informationen zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation [2]. Beim Zika-Virus lernen wir noch ständig hinzu, und dadurch sind auch die Empfehlungen noch etwas im Fluss.“

These: Für schwangere Frauen und deren ungeborene Kinder sind Zika-Viren nicht das einzige Gesundheitsrisiko, sondern auch andere Viren können Mutter und Kind gefährden.

Einordnung von:
Prof. Dr. Susanne Modrow
Institut für Mikrobiologie und Hygiene Regensburg, Universität Regensburg, und Vorsitzende der gemeinsamen Kommission „Virusinfektion in der Schwangerschaft“ der Gesellschaft für Virologie und der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Regensburg

Zur Situation der Bevölkerung in Süd- und Mittelamerika:

„Für Schwangere, die in den Ländern Süd- und Mittelamerikas leben, stellt die Zika-Virusinfektion momentan eine sehr große Gefahr dar. Das durch die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) übertragene Zika-Virus wurde vermutlich 2014/2015 nach Süd- und Mittelamerika importiert. Die Infektion traf auf eine Zika-naive Bevölkerung, das heißt ein Großteil aller Altersgruppen wurde infiziert, da alle Menschen noch nie Kontakt mit dem Zika-Virus hatten. Aufgrund der starken Präsenz der Gelbfiebermücke konnten sich die Erreger explosionsartig ausbreiten und dabei auch Schwangere infizieren.“

„Die ebenfalls durch Gelbfiebermücken übertragenen Viren für Gelbfieber, Dengue und Chikungunya sind in den tropischen und subtropischen Ländern Süd- und Mittelamerikas seit langem endemisch (vor Ort; Anm. d. Red.) verbreitet. Diese Virusinfektionen verlaufen – verglichen mit dem Zika-Virus – mit sehr viel schwereren Erkrankungen, insbesondere bei Schwangeren. Während man Gelbfieber-Virusinfektionen durch Impfung vorbeugen kann, infizieren die Dengue- und Chikungunya-Viren vor allem Kinder und Jugendliche. Hierdurch baut sich in der Bevölkerung mit zunehmendem Alter kontinuierlich ein Immunschutz auf, der dazu beiträgt, dass zukünftige Schwangere ein geringeres Risiko für akute Dengue- oder Chikungunya-Virusinfektionen haben.“

Andere gefährliche Viruserkrankungen für Schwangere in Europa:

„Ein Risiko für Schwangere können nicht nur durch Stechmücken übertragene Viren wie Zika, Gelbfieber und Chikungunya darstellen, sondern auch Krankheitserreger, die durch Tröpfchen- oder Schmierinfektionen übertragen werden. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jeder fieberhafte Infekt das Kind im Mutterleib schädigen kann. In etlichen Fällen – hierzu zählen die Influenza (klassische Virusgrippe) sowie Infektionen mit Viren für Masern und Hepatitis E – verlaufen die Infektionen bei Schwangeren mit deutlich schwereren, auch tödlichen Erkrankungen. Dass sich das auch schädigend auf das werdende Kind auswirkt, scheint klar.“

„Schwere Schädigungen und fetale Erkrankungen sind jedoch vor allem für die Röteln-Viren, die Zytomegalie-Viren und die Parvo-Viren B19 bekannt. Werden Schwangere vor der 20. Schwangerschaftswoche mit einem dieser Erreger infiziert, so können auch sie auf das werdende Kind übertragen werden und schwere Schädigungen verursachen wie Mikrozephalie (bei Röteln, Zytomegalie) oder fetale Anämie bzw. Hydrops fetalis (Parvo-Virus B19; Blutarmut bzw. Flüssigkeitsansammlungen beim Ungeborenen; Anm. d. Red.).“

„Das größte Risiko für Schwangere in Europa und somit auch in Deutschland stellen heute Schädigungen durch akute Infektionen mit dem Zytomegalie-Virus dar. Diese Gefahr ist für Schwangere in Deutschland größer als in Süd- und Mittelamerika, weil hierzulande derzeit weniger als die Hälfte der Schwangeren vor einer Zytomegalie-Erstinfektion geschützt ist; in den Ländern Süd- und Mittelamerikas sind es hingegen deutlich über 90 Prozent. Die Mehrheit der Infektionen erfolgt im Kleinkindalter, ohne dass die Kinder schwer erkranken. Sie infizieren sich durch die Milch von Müttern, die das Zytomegalie-Virus in sich tragen und reaktivieren. Die infizierten Kinder scheiden die Zytomegalie-Viren im Speichel und Urin aus und übertragen sie in den Kinderbetreuungseinrichtungen auf die Spielkameraden, welche die Infektion dann zu Hause auf ihre Väter und möglicherweise erneut schwangeren Mütter weitergeben. Da es aktuell keine schützende Impfung gibt, sollten Schwangere durch geeignete Hygienemaßnahmen jeden Kontakt mit Urin und Speichel der Kinder vermeiden, also zum Beispiel beim Windeln Einmalhandschuhe tragen oder anschließend die Hände mit Wasser und Seife waschen bzw. beim Füttern nicht dasselbe Geschirr und Besteck verwenden. Schwere Schädigungen mit Mikrozephalie verursachen Zytomegalie-Primärinfektionen in der Frühschwangerschaft, in Deutschland geschätzt 150 bis 180 Fälle pro Jahr (die Zahlen werden nicht offiziell gemeldet und erfasst). Deutlich höher, aber ebenfalls nicht erfasst, ist jedoch die Zahl von weniger schwer geschädigten Kindern, die augenscheinlich gesund zur Welt kommen, in den ersten Lebensmonaten und Lebensjahren aber Hörstörungen und Taubheit entwickeln.“

„Auch das Parvo-Virus B19, bekannt als Erreger der Ringelröteln, kann bei einer akuten Infektion der Schwangeren vor der 20. Schwangerschaftswoche auf das werdende Kind übertragen werden, mit der Folge einer Fehlgeburt oder einer Blutarmut beim Ungeborenen, weil die Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen im fetalen Blut infiziert und zerstört werden. Auch in diesem Fall gibt es keine Impfung. Jedoch kann man bei rechtzeitiger Diagnose der Infektion durch Ultraschall überprüfen, ob sich im Fötus eine Anämie ausbildet. Diese kann durch Transfusion von roten Blutkörperchen über die Nabelschnurvene therapiert werden.“

„Weil seit über 30 Jahren in Europa gegen Röteln geimpft wird, stellt die Röteln-Infektion für Schwangere keine Gefahr mehr dar. Jedoch soll jede Frau eine regelgerecht vor der Schwangerschaft durchgeführte Impfung dokumentiert haben. Dies gilt insbesondere vor Reisen in osteuropäische, afrikanische und asiatische Länder.“

Situation für schwangere Reisende aus Europa:

„Erleiden Schwangere während des ersten Trimesters (Schwangerschaftsdrittel; Anm. d. Red.) eine akute Zika-Virusinfektion, dann können die Erreger über die Plazenta auf das werdende Kind übertragen werden. Folgen können Spontanaborte sein (natürliche Schwangerschaftsabbrüche; Anm. d. Red.) oder Fetopathien (Erkrankungen des Fötus; Anm. d. Red.), die zu Totgeburten oder zur Geburt von Kindern mit Fehlbildungen des Kopfes und Gehirns (Mikrozephalie) sowie der Extremitäten führen können – inzwischen bekannt als kongenitales oder angeborenes Zika-Syndrom. Es gibt bisher keine Daten, dass Zika-Virusinfektionen, die vor der Befruchtung erworben wurden, mit Schädigungen des Kindes einhergehen können.“

„Für Schwangere, die während des ersten Trimesters in Länder Süd- und Mittelamerikas reisen oder sich dort aufhalten, stellt die Zika-Virusinfektion ein großes Risiko für die Gesundheit des werdenden Kindes dar. Deswegen sollten diese Frauen nach Möglichkeit nicht in die vom Zika-Ausbruch betroffenen Länder reisen oder sich konsequent vor Mückenstichen schützen (kein Aufenthalt im Freien, Verwendung von Repellentien, Mückennetzen etc). Dies gilt auch für Frauen mit Kinderwunsch, die während des Aufenthalts in Süd- und Mittelamerika eine Schwangerschaft planen und sich in der folgenden Phase der Frühschwangerschaft in diesen Ländern aufhalten.“

„Ebenso sollen Schwangere, die keinen Immunschutz gegen Gelbfieber-Virusinfektionen haben, nicht in Länder und Regionen reisen, in welchen die Gelbfieber-Viren verbreitet sind. Geimpft werden muss vor Beginn der Schwangerschaft.“

„Auch wenn es keine Daten für die Übertragung von Dengue- und Chikungunya-Viren auf das werdende Kind gibt, sind Infektionen mit diesen Erregern wegen des fehlenden Immunschutzes für Schwangere aus Europa ebenfalls mit Gefahren verbunden: Dengue- und Chikungunya-Erkrankungen können bei Schwangeren sehr schwer verlaufen, ihre Gesundheit gefährden und zu Spontanaborten, Früh- und Totgeburten führen.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Europäische Kommission: Key Research Areas—Zika. URL: http://bit.ly/1Qp4cAp

[2] Weltgesundheitsorganisation: Brazil—Health Advice for Travellers to the 2016 Summer Olympic and Paralympic Games. URL: http://bit.ly/28LcVUg

Weitere Recherchequellen

Robert Koch-Institut: Informationen zu Zika (Epidemiologie, Diagnostik, Prävention, Antworten auf häufig gestellte Fragen u. a.). URL: bit.ly/2amXUX5

CDC (Centers for Disease Control and Prevention): Informationsportal rund um Zika. URL: http://bit.ly/1SwTf5t