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24.01.2020

Quarantäne-Maßnahmen in China

Anlass

Die chinesische Regierung hat eine in dem Ausmaß noch nie dagewesene Quarantäne-Aktion gestartet, um ein weiteres Ausbreiten des neuartigen Coronavirus zu verhindern. 13 Städte in der am stärksten betroffenen zentralchinesischen Provinz Hubei haben die Behörden mittlerweile abgeriegelt, betroffen sind rund 43 Millionen Menschen [1].

Die Größenordnung des Transportstopps und die aus Menschenrechtsperspektive kritisch zu bewertenden Maßnahmen werfen eine Reihe von Fragen auf: Lässt sich ein so großes Gebiet überhaupt abriegeln und wie kann das kontrolliert werden? Was bedeutet das für die Lebensmittelversorgung und für die gerade angesichts der aktuellen Situation wichtige medizinische Versorgung?

Unklar ist auch, inwiefern die Quarantäne überhaupt den gewünschten Effekt erzielt oder eher das Gegenteil bewirkt, wie beispielsweise beim Ebola-Ausbruch 2014 in West-Afrika [2, 3]. Internationale Experten befürchten, dass die Einwohner auf die starken Einschränkungen ihrer Rechte negativ reagieren und weniger bereit sein könnten zu kooperieren. Mitarbeit und Offenheit der Bevölkerung sind jedoch unverzichtbar, um eine solche Gesundheitskrise zu bekämpfen [2].

 

Übersicht

     

  • Daniel F. Lorenz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin
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  • Prof. Dr. Lawrence O. Gostin, Professor und Direktor des O'Neill Institute for National and Global Health Law, Georgetown University (WHO Collaborating Center on Public Health Law & Human Rights), Washington DC, Vereinigte Staaten von Amerika
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Statements

Daniel F. Lorenz

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin

„Eine vollständige und lückenlose Quarantäne von Millionenstädten wie Wuhan oder gar von zehn Städten gleichzeitig – wie gegenwärtig in China – ist kaum umsetzbar, da moderne Städte einerseits sehr stark von Transportlogistik und Warenströmen abhängig sind und andererseits der Kontrollaufwand immens wäre. Gegenwärtig scheint es in China eher um die deutlich einfacher zu realisierende, aber dennoch drastische Unterbrechung des Reisens mit Flugzeugen, Zügen oder Bussen und das Schließen von öffentlichen Einrichtungen zu gehen, mit dem Ziel, die Ausbreitung des Virus möglichst gering zu halten. Gleichwohl ergibt sich die Frage, wie angesichts der äußerst komplexen Logistikprozesse unter diesen Umständen die betroffenen Städte, wenn es sich um eine längere Maßnahme handelt, mit notwendigen Gütern wie Lebensmitteln versorgt werden können.“

„Wenn die technische Infrastruktur funktioniert und Betriebspersonal zur Verfügung steht, wird die Wasserversorgung voraussichtlich zunächst kein Problem sein. Lebensmittel und Medizinprodukte hingegen müssen in die Metropolen transportiert werden. Hier hängt es davon ab, wie viele Lebensmittel und medizinische Produkte sich bereits in der Stadt befinden und wie man die weitere Versorgung der Städte von außen organisiert. Engpässe sind vor allem und schon jetzt in der medizinischen Versorgung zu erwarten, da die Krankenhäuser weder mit Blick auf Kapazitäten noch Personal auf die gleichzeitige Versorgung von Coronavirus-Patienten und der übrigen Patienten, die etwa aufgrund von Unfällen oder Blinddarmentzündungen da sind, ausgelegt sind. Der gegenwärtige Bau eines speziellen Krankenhauses für Coronavirus-Patienten kann hier Entlastung schaffen. Es ist jedoch mit zum Teil massiven Einschränkungen der Gesundheitsversorgung zu rechnen, sodass auch ansonsten vergleichsweise harmlose Erkrankungen nur unzureichend behandelt und daher lebensbedrohlich werden können.“

„Es existieren unterschiedliche Auffassungen, wie sinnvoll es ist, solch drastische Maßnahmen zu ergreifen. Während das Aussetzen des Fernreiseverkehrs gerade vor dem chinesischen Neujahrsfest die weitere Verbreitung sehr effektiv eindämmen kann, kann das auch dazu führen, dass Personen versuchen, diese Maßnahmen zu umgehen, auf anderen Wegen dennoch reisen oder Krankheitssymptome verstecken. Dies wiederum kann bedeuten, dass die effektive Überwachung des Virus schwieriger wird und sich das Virus auch dort verbreitet, wo gegenwärtig nicht damit gerechnet wird und entsprechend wenig Schutzmaßnahmen vorhanden sind. Die Reaktionen der Bevölkerung hängen entscheidend davon ab, ob offiziellen Informationen geglaubt wird und ob Personen darauf vertrauen, von staatlichen Stellen und Krankenhäusern Hilfe zu erhalten. Je geringer das Vertrauen in den Staat und seine Maßnahmen, umso wahrscheinlicher werden individuelle Strategien, die sich in der Umgehung, gegebenenfalls auch in Form aggressiver Ablehnung staatlicher Maßnahmen zeigen können. Solange die Versorgung jedoch einigermaßen sichergestellt ist und staatliche Stellen oder bestimmte Gruppen nicht für massives Fehlverhalten verantwortlich gemacht werden, sind Unruhen kaum zu erwarten.“

Prof. Dr. Lawrence O. Gostin

Professor und Direktor des O'Neill Institute for National and Global Health Law, Georgetown University (WHO Collaborating Center on Public Health Law & Human Rights), Washington DC, Vereinigte Staaten von Amerika

„Am 23. Januar wurde der Transport in Wuhan, China, dem Epizentrum des Ausbruchs, eingestellt. In der Folge wurden auch die Transporte in anderen Städten derselben Provinz gestoppt, was insgesamt etwa 20 Millionen Menschen betraf. Die massenhafte unfreiwillige Quarantäne in Wuhan und seinen Nachbarstädten ist kontraproduktiv. Es gibt keinen modernen historischen Präzedenzfall für die Schließung einer großen Metropole. Kleinere Quarantänen wie bei der westafrikanischen Ebola-Epidemie haben den Zorn und die Unruhe der Öffentlichkeit angeheizt.“

„Die wichtigste Strategie in einer Krise des öffentlichen Gesundheitswesens ist es, Ruhe zu bewahren und das Vertrauen der Gemeinschaft zu gewinnen. Eine Abriegelung von Wuhan wird die Epidemie in den Untergrund treiben und Angst und Panik auslösen. Einzelpersonen und Familienmitglieder, die Symptome aufweisen, könnten nicht zu Tests und Behandlungen kommen. Die armen, älteren und verletzlichen Menschen werden am stärksten gefährdet sein. Viele werden keine Transportmöglichkeiten haben, um zu Kliniken und Krankenhäusern zu fahren. Es wird einen Mangel an Medikamenten, Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen geben. Die Einwohner von Wuhan stehen bereits jetzt vor leeren Regale in den Supermärkten, überhöhten Lebensmittelpreisen und Besorgnis um lebenswichtige Medikamente. Die Kliniken und Krankenhäuser in Wuhan sind überfüllt mit kranken Patienten und ‚Besorgten‘.“

„Wenn elf Millionen Menschen zusammenkommen, wird sich die Infektion innerhalb Wuhans ausbreiten. Möglicherweise werden die Menschen die Stadt verlassen und eine weitere Ausbreitung verursachen. Das Mond-Neujahr, das am 25. Januar mit einer Festwoche beginnt, ist auch eine Zeit des Jahres, in der Millionen von Menschen reisen. Es ist nicht möglich, eine Stadt von der Größe New Yorks oder Londons (beide haben fast neun Millionen Einwohner) ohne erhebliche Menschenrechtsverletzungen zu schließen.“

„Der beste Weg, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen, ist durch eine Reihe von traditionellen Maßnahmen wie öffentliche Hygienemaßnahmen (zum Beispiel Händewaschen) und zuverlässige Gesundheitsinformationen (zum Beispiel die Aufforderung, bei Auftreten von Symptomen einen Arzt aufzusuchen und die Ansteckung anderer zu vermeiden). Eine strenge Überwachung und die Untersuchung von Kontaktperson ist von entscheidender Bedeutung. Es ist besorgniserregend, dass so viele Fälle, die in China und Asien identifiziert wurden, nicht auf bekannten Kontaktlisten standen.“

„Diese Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit brachten andere Coronavirus-Epidemien wie SARS und MERS unter Kontrolle. Bei SARS gab es nur begrenzte Quarantänen, wie zum Beispiel ‚Arbeits‘-Quarantänen in Ontario, Kanada, sodass das Gesundheitspersonal nur zwischen Wohnung und Krankenhaus reisen konnte. Gezielte Maßnahmen, die sich an das Gesundheitspersonal richteten, erwiesen sich in Ontario als wirksam. In China, Singapur, Hongkong und anderen Ländern wurden Wohnblöcke vorübergehend unter Quarantäne gestellt. Hausquarantänen in Asien waren Teil des Maßnahmenpakets, das SARS unter Kontrolle brachte. Eine Massenquarantäne in der Größenordnung der Sperre von Wuhan wurde jedoch noch nie zuvor versucht und ist auch jetzt nicht notwendig.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine angegeben.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[1] n-tv (24.01.2020): China riegelt 13 Städte wegen Virus ab

[2] Aizenman N (23.01.2020): China Halts Transportation Out Of Wuhan To Contain Coronavirus. Could It Backfire? NPR. 

[3] Campbell et al. (2017): Learning from the Ebola response in cities: Responding in the context of quarantine. ALNAP Working Paper, ALNAP/ODI, London.

Weiteres zum Thema

Science Media Center Germany (2020): Aktualisierter Steckbrief Coronavirus 2019-nCoV aus Wuhan. Fact Sheet. Stand: 22.01.2020.