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25.06.2020

Negative PCR-Tests für Reisende innerhalb Deutschlands

Anlass

Die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen stehen vor der Tür. Für einige Menschen aus besonders von SARS-CoV-2-Infektionen betroffenen Gebieten, wie Gütersloh und Warendorf, könnte sich der Sommerurlaub komplizierter als sonst gestalten. Vor zwei Tagen gab beispielsweise der Leiter der bayerischen Staatskanzlei Florian Herrmann auf einer Pressekonferenz folgendes bekannt: Unterkünfte in Bayern dürfen Menschen aus Gebieten, die den Grenzwert der Neuinfektionen von 50 pro 100.000 Einwohner überschreiten, nur mit einem negativen Ergebnis eines PCR-Tests auf das Virus willkommen heißen (siehe Primärquelle).

Wie sinnvoll es ist, einen negativen Test auf SARS-CoV-2 als Voraussetzung für bestimmte Aktivitäten wie Reisen zu verlangen, beantworten zwei Fachleute.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Hamburg
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  • Dr. Susanne Pfefferle, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
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  • Prof. Dr. Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie, Justus-Liebig-Universität Gießen
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Statements

Prof. Dr. Ralf Reintjes

Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Hamburg

„Ein negativer PCR-Test auf SARS-CoV-2 ist nur eine Momentaufnahme.“

„Die neue Regelung der Verwendung eines negativen PCR-Tests als Reisevoraussetzung für Menschen aus Risikogebieten ist mit Vorsicht zu betrachten. Zwar sind die PCR-Tests sehr zuverlässig im Nachweis von vorhandenem genetischem Material des Virus zum Zeitpunkt der Probenentnahme, jedoch schließt das weder eine bereits bestehende Infektion aus, die sich möglicherweise gerade erst ausbreitet und sich noch in der Inkubationsphase befindet, noch eine kurz nach der Untersuchung stattgefundene Neuinfektion. Somit besteht die Gefahr, dass der/die Untersuchte sich möglicherweise fälschlich in Sicherheit wiegt.“

„Wenn Reisende zwar negativ getestet wurden, aber trotzdem Symptome entwickeln, sollten sie versuchen, mögliche Ansteckungen anderer zu vermeiden und mit ihrem Arzt Kontakt aufnehmen.“

Dr. Susanne Pfefferle

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

„Ein PCR-Test kann lediglich eine Infektion nachweisen, die schon etabliert ist. Wenn jemand sich ansteckt und das Virus gerade erst frisch in den Körper gelangt ist, ist der PCR-Test wahrscheinlich noch ein bis drei Tage negativ. Der Test liefert an dieser Stelle aber kein falsches Ergebnis, sondern es ist einfach noch nicht genug Virus vorhanden, als dass der Test das nachweisen könnte. Es ist also nicht so, dass man einmal einen Test macht und für einen längeren Zeitraum sicher weiß, dass man nicht infiziert ist. Ein PCR-Test fällt in der Akutphase der symptomatischen COVID-19-Erkrankung aber so gut wie niemals negativ aus. Nur in diesem Zeitraum weist der Test das Virus sicher nach und liefert allenfalls sehr, sehr selten falsch negative Ergebnisse.Dementsprechend ist ein negativer Test bei symptomatischen Patienten aussagekräftiger als bei (noch) asymptomatischen (Wenn sie beispielsweise an der Grippe und nicht an COVID-19 erkrankt sind; Anm. d. Red.).“

„Wenn man also einen negativen PCR-Test als Voraussetzung für irgendetwas – wie aktuell für Urlaubsaufenthalte in Bayern oder Kita-Besuche in Hamburg – fordert, dann müsste man konsequenterweise auch fordern, dass das Ergebnis nicht älter als ein paar Tage sein darf. Weitergehend müsste man den Test sogar nach ein paar Tagen wiederholen, um zu bestätigen, ob weiterhin ein negatives Ergebnis vorliegt. Es ist also ein wahnsinniger Aufwand – rein logistisch – und außerdem fordert es auch enorme Testkapazitäten, die wir gar nicht haben. Es gibt nach wie vor Schwierigkeiten Reagenzien zu beschaffen. Wenn wir im Rahmen solcher Regelungen sagen würden, jeder muss mehrmals in der Woche getestet werden, dann gibt es dafür nicht flächendeckend die Testkapazitäten, auch auf Seiten des Personals oder der PCR-Testmaschinen.“

„Sollten Menschen in den Urlaub fahren wollen und einen solchen Test brauchen, muss Ihnen das bewusst sein, und sie müssen sich deshalb auch unbedingt an alle geltenden Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen halten. Und weiterhin gilt auch: Sollte jemand Kontakt zu einem bestätigten Infizierten haben, muss sie oder er auch weiterhin in Quarantäne und darf nicht verreisen.“

„Generell können solche Reihentestungen in einem besonders betroffenen Gebiet sinnvoll sein, dann erhält man einen besseren Einblick in das Geschehen vor Ort, als wenn man im Beispiel von Gütersloh nur Mitarbeiter der Firma Tönnies testen würde. So lassen sich beispielsweise Erkenntnisse darüber gewinnen, inwieweit sich das Virus überhaupt in die breite Gesellschaft an diesem Ort ausgebreitet hat. Sollte man feststellen, dass diese (noch) gar nicht betroffen ist, dann liegt ein begrenzter Infektionsherd vor, der viel leichter eingedämmt werden kann. Sollte die Bevölkerung schon betroffen sein, liegt ein umfassenderes Geschehen vor, dass wahrscheinlich schon über längere Zeit besteht. Insofern können Reihentestungen epidemiologisch sinnvoll sein.“

Prof. Dr. Friedemann Weber

Direktor des Instituts für Virologie, Justus-Liebig-Universität Gießen

„Zunächst mal dürfen positiv Getestete ja sowieso nicht reisen. Von daher geht es nur um diejenigen, die unerkannt infiziert wurden. Massentests wären ja prinzipiell hilfreich, um auch den letzten Asymptomatiker zu erfassen. Die Frage ist aber, ob das in dem erforderlichen Umfang auch realistisch ist, und den Aufwand rechtfertigt. Dadurch werden ja auch Kapazitäten gebunden und Material verbraucht, die an anderer Stelle vielleicht nötiger sind. Wenn am Urlaubsort alle Regeln befolgt werden, sollte es sowieso nicht zu einer signifikanten Verbreitung kommen.“

„Der RT-PCR-Test gibt den Ist-Zustand wieder, das heißt zum Zeitpunkt der Probennahme konnte mit dem gegebenen Test kein Virusgenom nachgewiesen werden. Aber selbst das ist nicht 100 Prozent sicher, denn es gibt immer Testunsicherheiten – vor allem bei der Probenahme. Und: Selbst bei technisch perfekter Durchführung könnte ein zu früher Zeitpunkt in der Inkubationszeit zu einem negativen Befund führen.“

„Reisende, die zwar negativ getestet wurden, aber Symptome entwickeln, sollten sich noch einmal testen lassen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Ralf Reintjes: „Ich habe keine Interessenkonflikte.“

Prof. Dr. Friedemann Weber: „Keine conflicts of interest.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

YouTube: Pressekonferenz der Bayerischen Staatsregierung. 23. Juni 2020.