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30.03.2022

Möglicher Gas-Lieferstopp: Wie bereitet sich Deutschland auf den Winter vor?

     

  • Bundeswirtschaftsministerium hält offenbar russischen Gaslieferstopp für möglich
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  • Habeck ruft Frühwarnstufe nach Notfallplan Gas aus und ruft Industrie und Bürger zum Energiesparen auf
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  • Forscher zu Wegen für schnelle Reduktion des Gasverbrauchs
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Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat am Morgen des 30.03.2022 die Frühwarnstufe nach dem Notfallplan Gas ausgelöst und dabei auch Industrie und Haushalte zum Energiesparen aufgerufen [I]. Hintergrund ist ein möglicher Lieferstopp Russlands, weil Unternehmen und Regierungschefs ablehnen, Gas, Kohle und Öl aus Russland ab ersten April in Rubel zu bezahlen. Die Bundesregierung bereitet sich mit diesem Schritt auf einen möglichen Lieferstopp vor.

Im Laufe des MIttwochs kündigte russische Regierung dann an, die geforderte Rubel-Zahlungsverpflichtung nur schrittweise einführen zu wollen; in einem Telefongespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte Wladimir Putin ebenfalls am Mittwoch, für die Unternehmen in Europa solle sich an der Zahlungsweise nichts ändern, die Gazprom-Bank solle die Überweisungen in Rubel konvertieren. Ein sofortiger Lieferstopp am Wochenende scheint damit vom Tisch, aber immer noch nicht gänzlich ausgeschlossen.

Weil bis zum Herbst 2022 die Speicher stärker gefüllt sein sollen als zu Beginn des Winters 2021/22, erscheinen Energiesparmaßnahmen aber dennoch sinnvoll. Wir haben daher Forscherinnen und Forscher gefragt, welche kurzfristigen Einsparmöglichkeiten Industrie und Haushalte haben, damit niemand im kommenden Winter frieren oder die Produktion stoppen muss.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Michael Sterner, Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher FENES, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
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  • Dr. Leander Kotzur, Leiter der Abteilung „Integrierte Modelle und Szenarien“, Institut für Energie- und Klimaforschung – Technoökonomische Systemanalyse (IEK-3), Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ), Jülich
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Statements

Prof. Dr. Michael Sterner

Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher FENES, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

„Die energieintensive Industrie ist schon immer auf Energiesparen und Energieeffizienz getrimmt, sonst wäre sie nicht kosteneffizient und wettbewerbsfähig. Große Chemieparks haben oft eine eigene Energieversorgung, die Gas in der Wertschöpfung von Produkten hochintegriert verwertet, auch Strom und Wärme aus Gas. Ein Gasstopp würde zum Stopp dieser Wertschöpfungskette führen, an der am Ende nicht nur weitere umliegende Firmen hängen, sondern von dem auch die Automobilindustrie in Form von Plastikteilen oder die Landwirtschaft in Form von Dünger betroffen sind. Ähnlich ist es mit Teilen der Glas- und Metallindustrie, die nicht sofort und auch nicht langfristig auf Strom oder Wasserstoff schwenken kann. Gas wird in der Industrie entweder stofflich oder energetisch für Strom, Raumwärme und Prozesswärme genutzt. Ein Abstellen hätte also massive Auswirkungen auf die Produktion und damit die Arbeitsplätze.“

„Anders ist es im Bereich der Raum- und Gebäudewärme, wo 50 Prozent unseres Gasverbrauchs liegen. Hier kann jeder mit einer Gasheizung die Raumtemperatur absenken: Muss das Bad ganztägig auf 23 Grad beheizt werden oder alle anderen Räume auf 21 Grad? Dieser Hebel ist viel wirksamer, als Gas in der Industrie einzusparen. Wir sollten wirklich so viele Gas- und Ölheizungen diesen Sommer durch Wärmepumpen und Holzheizungen ersetzen, wie nur möglich. So viele Gebäude dämmen, wie nur möglich. Hier sind es die Fenster, mit denen begonnen werden kann, dann das Dach, dann die Gebäudehülle. Darüber hinaus könnten wir uns auch beim Sprit fragen: Können wir nicht ein freiwilliges Tempolimit ‚120 für die Ukraine‘ einführen und uns solidarisch zeigen?“

„Von daher macht ein persönliches Gasembargo wesentlich mehr Sinn, das vor allem kurzfristig mit Energiesparen beginnt und mittel- bis langfristig mit dem Wechsel auf einen heimischen erneuerbaren Energieträger wie Wind- und Solarstrom, Wasserkraft oder Holz endet. Auch in der Industrie und Wirtschaft. Das ist der einzige Weg, Energie bezahlbar zu halten und damit Standorte zu sichern. Intel und Tesla haben sich in Sachsen-Anhalt und Brandenburg niedergelassen, weil gerade dort unter anderem ausreichend Wind- und Solarstrom vorhanden ist, der eine klimaneutrale Produktion ermöglicht. Das sind dann die neuen High-Tech Standorte, nicht mehr Bayern oder Baden-Württemberg, die hier hinten liegen.“

„Wir sind – im Vergleich zu anderen Ländern – in Deutschland auch in der glücklichen Lage, große unterirdische Gasspeicher zu haben, in denen wir dann heimisches erneuerbares Gas aus Wind- und Solarstrom auch speichern können für Monate. Für diesen Umbau in Industrie, Gewerbe und Haushalten sind entsprechende Rahmenbedingungen nötig, damit auch die finanziellen Anreize und Möglichkeiten geschaffen werden, ihn zu leisten.“

„Ob Versorgungskrise oder Standortsicherung: Dieser Schritt der Umstellung auf erneuerbare Energien ist im Zuge des Klimaschutzes ohnehin notwendig. Der Ukrainekrieg und damit die Versorgungskrise beschleunigt das lediglich. Eine Krise kann immer auch als Chance genutzt werden, die wir ergreifen sollten. Meine persönliche Einschätzung: Nicht nur aus moralischer Sicht gegenüber der Ukraine, sondern auch aus Rück-Sicht auf die kommenden Generationen in der Voraus-Sicht gegenüber dem Klima. Das ist die Krise, die uns wesentlich länger begleitet und wesentlich mehr Ländereien rauben wird.“

Dr. Leander Kotzur

Leiter der Abteilung „Integrierte Modelle und Szenarien“, Institut für Energie- und Klimaforschung – Technoökonomische Systemanalyse (IEK-3), Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ), Jülich

„Ein sofortiger Stopp russischer Erdgaslieferungen wäre nur als gemeinsame europäische Anstrengung zu tragen. Es wären sofortige signifikante Einsparmaßnahmen in Industrie und Haushalten notwendig und Teile der Industrie müssten im nächsten Winter ihren Betrieb zeitweise einstellen.“

„Deutschland allein könnte mit Einsparmaßnahmen nur knapp ein Drittel des in Deutschland verbrauchten russischen Erdgas kompensieren [1] [2]. Dies würde einen verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken im Stromsektor benötigen, wobei erhöhte CO2 Emissionen in Kauf genommen werden sollten. Die Industrie müsste verstärkt Biomasse und Kohle stofflich und energetisch nutzen. Die Gebäude könnten den Einsatz von Durchlauferhitzern erhöhen und die Raumtemperatur um ein bis zwei Grad Celsius absenken, wobei jedes Grad Reduktion etwa sechs Prozent des ursprünglichen Gasbedarfs im Gebäude für Raumwärme im Mittel einspart. Selbst installierbare digitale Thermostate können hierbei helfen.“

„Da diese Einsparmaßnahmen in Deutschland allein nicht ausreichen, um die russischen Gasimporte zu kompensieren, wären wir auf eine gemeinsame europäische Strategie angewiesen. Zum einen wären vergleichbare Einsparmaßnahmen in den anderen europäischen Ländern nötig, welche schätzungsweise knapp ein Drittel (circa 545 Terrawattstunden pro Jahr) der 1750 Terrawattstunden pro Jahr russischer Importe kompensieren könnten [eigene Berechnungen, 3].“

„Zum anderen können die verfügbaren LNG-Terminals in Süd- und Westeuropa für Erdgasimporte verstärkt nutzbar gemacht werden. Hier sind Kapazitäten von knapp 1150 Terrawattstunden pro Jahr verfügbar [4].“

„Offen ist, inwieweit es technisch möglich ist, die Flussrichtung des europäischen Erdgasnetzes von Ost nach West umzudrehen, also das Gas von Westen nach Osten zu pumpen. Insbesondere die iberische Halbinsel verfügt über große LNG-Terminal-Kapazitäten, aber nur über eine kleine Pipeline-Verbindung nach Frankreich [5].“

„Des Weiteren ist auch offen, ob genug Importmengen auf dem Weltmarkt verfügbar sind, da ein Großteil der LNG-Export-Kapazitäten durch langfristige Verträge gebunden sind. Die Zusage der USA, bis Ende 2022 circa 150 Terrawattstunden pro Jahr (15 Milliarden Kubikmeter) [6] zusätzlich zu liefern, sind ein erster Schritt, aber reichen bei weitem nicht aus. Die Initiative des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz, LNG über andere Lieferverträge neu zu erschließen, ist der richtige Weg.“

„Vor dem Hintergrund der kurzfristig begrenzten Handlungsspielräume ist es eher unwahrscheinlich, dass die europäischen Erdgasspeicher mit einer Speicherkapazität von knapp 1100 Terrawattstunden [7] während eines sofort beginnenden russischen Embargos im Verlaufe des Sommers wieder vollständig aufgefüllt werden können. Allerdings sollten die Maßnahmen ausreichen, dass im nächsten Winter niemand frieren muss. Auszugehen ist jedoch von Betriebsunterbrechungen industrieller Anlagen, um ausfallende Erdgasimporte aufzufangen.“

„Den Status Quo unserer Erkenntnisse haben wir in einer Präsentation [8] und einem interaktiven Online-Tool [9] zusammengefasst. Dies ermöglicht es, verschiedene Embargo-Varianten zu berechnen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] IEK-3 am Forschungszentrum Jülich (2022): Wie sicher ist die Energieversorgung ohne russisches Erdgas? Daten, Fakten und Handlungsempfehlungen. Analyse.

[2] Müller S et al. (2022): Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen – Maßnahmen für den Weg aus der fossilen Energiekrise. Agora Energiewende.

[3] Eurostat (2022): Imports of natural gas by partner country. Data Browser.

[4] Gas Infrastructure Europe (2022): LNG Database.

[5] Graf F et al. (2022): Hintergrundpapier zu Gasinfrastrukturen im Lichte des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Leitprojekt TransHyDE.

[6] Financial Times (2022): US plans to boost supplies of liquefied natural gas to EU.

[7] AGSI+, Aggregated Gas Storage Inventory (2022): Storage Data. Aktuelle Füllstände der Gasspeicher Europas.

[8] Stolten D et al. (2022): Wie sicher ist die Energieversorgung ohne russisches Erdgas?

[9] FZ Jülich (2022): No Stream: Erdgas Energy Dashboard. Interaktives Tool zur Berechnung der Folgen ausbleibender Gaslieferungen bis hin zum Embargo.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (30.03.2022): Pressestatement von Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Dr. Robert Habeck zum Thema Energiesicherheit.

Weitere Recherchequellen

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2019): Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland.

IEK-3 am Forschungszentrum Jülich (2022): Wie sicher ist die Energieversorgung ohne russisches Erdgas? Daten, Fakten und Handlungsempfehlungen. Analyse.

Science Media Center (2022): Ukraine-Krieg: Was tun ohne Gas, Öl und Kohle aus Russland? Press Briefing. Stand: 09.03.2022.