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15.03.2021

Impfung mit AstraZeneca-Impfstoff in Deutschland ausgesetzt

Anlass

Das Paul-Ehrlich-Institut empfahl am 16.03.2021, die Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca gegen COVID-19 auszusetzen [I]. Die Empfehlung basiert offenbar auf neuen Daten von Verdachtsfällen von Impfnebenwirkungen: Es seien sieben Fälle von Sinusvenenthrombosen aufgetreten, also Blutgerinnseln in Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Bei 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland entsprächen sieben Fälle insgesamt circa vier Fällen pro einer Million Geimpfter seit Start der Impfungen Anfang Februar.

Diese Art der Thrombose tritt in der allgemeinen Bevölkerung circa zwei bis fünf mal pro einer Millionen Personen pro Jahr auf. Es gibt allerdings auch Studien, die von einer höheren Inzidenz bis zu 15 Fällen pro Million Menschen im Jahr ausgehen [II]. Es bestehen zudem nicht zu vernachlässigende Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen in der Häufigkeit mit der diese Art Thrombose auftritt: Frauen sind häufiger betroffen als Männer und jüngere Personen haben ein höheres Risiko als ältere. Daher sind weiterführende Daten zu den in Deutschland aufgetretenden Fällen immens wichtig, um ihre Bedeutsamkeit einschätzen zu können. Diese Zusammenhänge sind auch beim Vergleich der aufgetretenden Verdachtsfälle zwischen verschiedenen Ländern mit ihrer unterschiedlichen Impfstrategie zu berücksichtigen.

Im Vereinigten Königreich sind bisher drei Fälle einer Sinusvenenthrombose registriert worden bei insgesamt über elf Millionen verimpften Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca [III]. Die Blutgerinnsel in den Hirnvenen seien laut PEI-Mitteilung zusammen mit einer Thrombozytopenie aufgetreten, also einem Mangel an Blutplättchen, die zur Verklumpung des Blutes beitragen. In der Fachliteratur sind bisher Einzelfälle von Sinusvenenthrombosen auch bei COVID-19 beschrieben worden [IV] [V].

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat für Donnerstag eine Sondersitzung des für Nebenwirkungen zuständigen PRAC-Gremiums einberufen. Sie geht allerdings auch im Lichte der aktuellen Lage weiterhin davon aus, dass der Nutzen einer Impfung mit dem Impfstoff des Herstellers AstraZeneca die Risiken einer COVID-19-Erkrankung überwiegt [VI].

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing
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  • Prof. Dr. Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universität Groningen
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  • Prof. Dr. Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie, Philipps-Universität Marburg
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  • Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär, Deutsche Gesellschaft der Neurologie (DGN), und Koordinator der S1-Leitlinie Neurologische Manifestationen bei COVID-19
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Statements

Prof. Dr. Clemens Wendtner

Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing

„Die Thrombozytopenie, also der Mangel an Blutplättchen, kann auf eine Verbrauchskoagulopathie – eine sogenannte Disseminierte intravasale Koagulopathie (DIC) – hindeuten, auch wenn dies zu diesem Zeitpunkt spekulativ bleibt und weitere Untersuchungen abgewartet werden müssen. Im Rahmen einer Sinusvenenthrombose kommt es im Rahmen der ungerichteten Gerinnung zu einem Verbrauch nicht nur von Gerinnungsbestandteilen wie Fibrinogen, Prothrombinkomplexen und Gerinnungsfaktoren (insbesondere Faktor V, VIII und X). Es kommt auch zu einem Verbrauch von zur Gerinnung nötigen Blutbestandteilen wie Thrombozyten – daher gegebenenfalls (!) einer Thrombozytopenie.“

„Die Hintergrundinzidenz von zwei bis fünf Sinusvenenthrombosen pro einer Million pro Jahr ist deutlich geringer als die im Rahmen der Pressekonferenz des Bundesministerium für Gesundheit zitierte Zahl von sieben Fällen auf 1,6 Millionen Geimpften. Dies dürfte der Anlass sein, die Impfung nunmehr auch in Deutschland auszusetzen, bis alle Fälle inklusive Verdachtsfälle in Deutschland und Europa restlos aufgeklärt sind.

Prof. Dr. Anke Huckriede

Professorin für Vakzinologie, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universität Groningen

„Vergangene Woche sah es so aus, als würde es sich bei den aufgetretenen Problemen um gewöhnliche Thrombosen handeln. Die kommt recht häufig vor, was es relative unwahrscheinlich machte, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung vorliegen würde. Nun gibt es anscheinend neuere Informationen, dass es sich um eine sehr spezielle, selten vorkommende Form von Thrombose handelt, wovon nun kurz nach Impfung anscheinend einige Fälle aufgetreten sind. Das ist selbstverständlich schon verdächtig und sollte untersucht werden. Fakt bleibt aber, dass diese Thrombosen sehr selten beobachtet werden nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin, nach meinen bisherigen Informationen in deutlich weniger als 1 in 100.000 Geimpften.“

Prof. Dr. Stephan Becker

Leiter des Instituts für Virologie, Philipps-Universität Marburg

„Die Entscheidung des Paul-Ehrlich-Institut kommt für mich so überraschend, wie für alle.”

„Ich kann die Symptome der Probanden momentan mechanistisch nicht erklären.”

„Ich denke, es muss jetzt zunächst weiter untersucht werden, ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht. In England wurde der AstraZeneca-Impfstoff schon viel häufiger verabreicht, als in Deutschland – ich schätze circa zehnmal mehr. Dort wurden diese Symptome bisher nicht beobachtet.”

„Das ist eine sehr unglückliche Situation, aber wenn so ein Verdacht im Raum steht, dann muss dem nachgegangen werden und solange muss die Impfung angehalten werden.”

Prof. Dr. Peter Berlit

Generalsekretär, Deutsche Gesellschaft der Neurologie (DGN), und Koordinator der S1-Leitlinie Neurologische Manifestationen bei COVID-19

„Sinusvenenthrombosen treten etwa einmal pro 100.000 Einwohner und Jahr auf, das heißt die jährliche Inzidenz liegt bei rund 1 auf 100.000. So häufig sehen wir das in der neurologischen Klinik. Frauen sind häufiger als Männer betroffen und wahrscheinlich spielen Hormone eine Rolle. In der späten Schwangerschaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, sehen wir die Sinusvenenthrombosen am häufigsten. Um mehr zu den Fällen nach der Impfung in Deutschland sagen zu können, müssten wir Details zu diesen sieben Fälle wissen: Handelt es sich um Frauen oder Männer? Sind die Betroffenen alt oder jung? Haben Sie Vorerkrankungen? Ohne genauere Informationen ist das nicht zu interpretieren.“

„Es gibt auch septische Sinusvenenthrombosen, also ein Auftreten im Zusammenhang mit Infektionen, allerdings häufiger bei bakteriellen Infektionen als bei viralen Infektionen. Zudem gibt es Daten, dass bei COVID-19-Erkrankung gehäuft Schlaganfälle auftreten können. Und unter diesen Schlaganfällen, die ja insgesamt selten sind, kommen auch Sinusvenenthrombosen vor. Sinusvenenthrombosen sind also auch als Komplikation der COVID-19-Erkrankung beschrieben.“

„Soweit man das bislang sagen kann, ist es so, dass es im Rahmen der COVID-19-Erkrankung zu einer massiven Hochregulation des Immunsystems kommt, einem sogenannten Zytokinsturm. Und im Rahmen dessen kann eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes und damit eine erhöhte Thromboseneigung auftreten. Und so kommt es zu Thrombosen nicht nur in den peripheren Venen und in den Lungen, sondern selten auch in den Hirnvenen.”

„Wenn ein Blutplättchenmangel auftritt, führt das eher zu Blutungen. Allerdings kann eine deutlich erhöhte Thromboseneigung zu einem erhöhten Blutplättchenverbrauch führen.“

„Die venösen Thrombosen im Gehirn entstehen vermutlich vor Ort. Eine lokale Entzündung am Endothel – also der Gefäßwand – kann eine Thrombosebildung begünstigen. Bei der COVID-19-assozierten Sinusvenenthrombose ist es wahrscheinlich so, dass die allgemein erhöhte Thromboseneigung im Rahmen der Infektion ursächlich ist.“

„Wie die lokale Entzündung der Gefäßinnenwand zustande kommt, können wir letztlich noch nicht genau beantworten. Es gibt neuropathologische Befunde von COVID-19-Patienten, die verstorben sind. Dort hat man neben Thromben in den kleinen Gefäßen auch Virus-Partikel in der Gefäßwand nachgewiesen. Auf der anderen Seite gibt es auch Befunde, dass man durchaus Virus-Partikel nachweisen kann in der Gefäßwand, ohne dass dort eine Entzündung oder lokale Thrombosen vorliegen. Oft besteht eine Diskrepanz zwischen dem Virusnachweis in bestimmten Geweben und dem Ausmaß der Entzündungsreaktion. Also im Moment spricht nach meinem Dafürhalten mehr dafür, dass es als Reaktion auf den viralen Infekt durch SARS-CoV-2 Virus zu einer massiven Entzündungsreaktion mit verstärkter Gerinnungsneigung kommt und dadurch die Thrombosen entstehen.“

„Was man natürlich bei jeder Impfung will, ist, dass das Immunsystem darauf reagiert. Das ist ja das Ziel der Impfung, der Schutz gegen den viralen Infekt. Nebenwirkungen von Impfungen können dadurch auftreten, dass das Immunsystem zu viel oder an nicht gewünschter Stelle reagiert. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem Symptom und einer Impfung herzustellen oder zu belegen, ist immer ganz, ganz schwierig. Eine auffällige Häufung von bestimmten Symptomen in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung heißt erst einmal nicht, dass wirklich ein Kausalzusammenhang besteht. Dasselbe Symptom hätte auch auftreten können ohne die Impfung. Die kausale Verknüpfung ist hier völlig offen. Deswegen wird ja in England und Kanada auch weiterhin geimpft.”

„Im Fall von Großbritannien kann man bei elf Millionen Impfungen und bisher drei gemeldeten Sinusvenenthrombosen ganz sicher sagen, dass dort keine besondere Häufung besteht. Die Frage ist: Ist in Deutschland eine ungewöhnliche Häufung aufgetreten? Auch hier lässt sich das derzeit nicht sicher beantworten. Die Impfung ist jetzt zunächst gestoppt worden, damit die beobachteten Fälle genauer analysiert werden können. So soll festgestellt werden, ob ein Zusammenhang mit der Impfung besteht oder nicht.”

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Paul-Ehrlich-Institut (15.03.2021): Das Paul-Ehrlich-Institut informiert – Vorübergehende Aussetzung der Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff AstraZeneca.

[II] Devasagayam S et al. (2016): Cerebral Venous Sinus Thrombosis Incidence Is Higher Than Previously Thought. A Retrospective Population-Based Study. Stroke; 47 (9): 2180–2182. DOI: 10.1161/STROKEAHA.116.013617.

[III] COVID-19 vaccine AstraZeneca analysis print (09.03.2021): All UK spontaneous reports received between 4/01/21and 28/02/21 for COVID-19 vaccine Oxford University/AstraZeneca.

[IV] Abouhashem S et al. (2021): Cerebral venous sinus thrombosis in patients with COVID-19 infection. Interdisciplinary Neurosurgery; 24. DOI: 10.1016/j.inat.2021.101091.

[V] Dakay K t al. (2021): Cerebral Venous Sinus Thrombosis in COVID-19 Infection: A Case Series and Review of The Literature. J Stroke Cerebrovasc Dis; 30 (1): 105434. DOI: 10.1016/j.jstrokecerebrovasdis.2020.105434.

[VI] European Medicines Agency (15.03.2021): EMA’s safety committee continues investigation of COVID-19 Vaccine AstraZeneca and thromboembolic events – further update.