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09.12.2020

FDA wertet umfangreiche Daten der Impfstoff-Studie von Biontech aus

Anlass

Über die Zulassung des ersten Impfstoffes gegen COVID-19 in den USA könnte noch in dieser Woche entschieden werden. Am 10.12.2020 berät ein unabhängiges Expertengremium die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA), ob sie eine Notfallzulassung (Emergency Use Authorization, EUA) für den RNA-Impfstoff BNT162b2 von Biontech/Pfizer vergeben sollte, nachdem es die kompletten Daten der Phase-III-Studie gesichtet und bewertet hat.

Dieser Prozess kann von der Öffentlichkeit begleitet werden, weshalb die Behörde die gesamten grundlegenden Daten der klinischen Studie sowie die abschließende Bewertung des Impfstoffherstellers und der FDA zur Verfügung stellt (siehe Primärquellen). Die umfangreichen Dokumente beinhalten die Analysen auf Basis von 170 COVID-19-Fällen, die in der Studienpopulation von insgesamt 36.621 Probandinnen und Probanden aufgetreten sind; 8 der COVID-19-Fälle traten in der Impfgruppe auf, 162 in der Plazebogruppe. Aus diesem Unterschied errechnet sich die Impfeffektivität von 95 Prozent. Die Daten deuten auch darauf hin, dass der Impfstoff bereits nach der ersten Dosis einige Fälle von COVID-19 verhindern kann.

Die Prüfer der FDA stellen fest, dass der Impfstoff in zwei Dosen hochwirksam ist und dass die Daten ein günstiges Sicherheitsprofil nahelegen; das betrifft auch höhere Altersgruppen, Risikopatienten mit Vorerkrankungen und Übergewicht sowie verschiedene ethnische Gruppen. Darüber hinaus konnten sie keine spezifischen Sicherheitsbedenken feststellen, die eine Notfallzulassung der Impfung verhindern könnten.

Detailliert dargestellt werden in den Dokumenten die Ergebnisse zu Nebenwirkungen des Impfstoffs, zu denen vor allem Müdigkeit, Druckempfindlichkeit an der Impfstelle und Kopfschmerzen gehören. Auch wird auf seltene Komplikationen hingewiesen, die im Zuge der Studie bei einigen Probanden auftragen, aber nicht direkt mit der Impfung in Verbindung gebracht werden konnten. Allerdings sollten solche potenziellen Nebenwirkungen auch zukünftig eng überwacht werden.

Sollte der Impfstoff diese Woche die Notfallzulassung der FDA erhalten, hätte neben dem Vereinigten Königreich ein weiteres Land die Möglichkeit, die Bevölkerung in Teilen zu impfen. Eine Zulassung des Impfstoffes für Europa durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) steht weiterhin aus.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg
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  • Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing
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  • Prof. em. Dr. Thomas Mertens, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)
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Statements

Prof. Dr. Bernd Salzberger

Bereichsleiter Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg

„Die Daten zur Gesamteffektivität lagen bereits vorher vor fast identisch vor. Im Vergleich zur ersten Interimsanalyse sind mittlerweile einige Infektionen hinzugekommen, die aber das Ergebnis der Effektivität nicht verändern. Neu ist, dass bereits eine klare Effektivität der Impfung nach der ersten Dosis vorhanden ist – immerhin 52 Prozent vor Gabe der zweiten Dosis. Neu sind auch die detaillierten Daten zur Effektivität und Sicherheit, die in dieser Detailtiefe nicht aus den initialen Pressemitteilungen hervorgingen und auch nicht von der englischen Zulassungsbehörde so mitgeteilt wurden.“

„Die Ergebnisse wurden nun für relevante Subgruppen spezifiziert. Man sieht eine fast gleiche Effektivität über die Altersgruppen, auch über 65 Jahre. Ferner ist eine große Zahl von Patienten mit höherem Risiko für eine schwere COVID-19-Erkrankung eingeschlossen gewesen – überwiegend länger therapierte chronische Erkrankungen oder Adipositas. Auch in diesen Gruppen zeigt sich eine sehr hohe Effektivität von 95 Prozent.“

„Schwere Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet. Die Nebenwirkungen sind eher als mild bis moderat einzuschätzen, sowohl lokal wie systemisch.“

„Nach den Daten würde ich der Beurteilung der US-amerikanischen FDA zustimmen. Ich vermute, dass die Europäische Behörde EMA diese Daten trotzdem sehr genau selbst prüfen wird, aber zu einem ähnlichen Ergebnis kommen wird. Da auch die EMA ein Rolling-Review der Daten seit Oktober durchführt, könnte bei ähnlicher Einschätzung der Daten dies auch zu einer rascheren Zulassung (statt Ende Dezember) führen.“

Prof. Dr. Clemens Wendtner

Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing

„In der aktualisierten Auswertung der Phase-III-Studie zu BNT162b liegen nunmehr erweiterte Sicherheitsdaten nach einer längeren Nachbeobachtung der geimpften Probanden vor. Basierend auf Daten von circa 38.000 Probanden, die im Mittel bis zwei Monate nach der zweiten Impfdosis beobachtet wurden, zeigte sich ein sehr ähnliches Sicherheitsprofil wie nach der ersten Zwischenanalyse mit kurzer einwöchiger Nachbeobachtung: Schmerzen in der Einstichstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen waren die drei häufigsten Nebenwirkungen. Interessanterweise zeigten sich schwerwiegende Nebenwirkungen häufiger nach der zweiten Impfdosis und vermehrt bei Probanden, die jünger als 55 Jahre alt waren. Bei vier Personen in der Verumgruppe wurde eine Lähmung eines Gesichtsnervs (sogenannte idiopathische Fazialisparese) nachgewiesen, während dies im Plazebo-Arm nicht beobachtet wurde. Angesichts der Häufigkeit dieser Hirnnervenerkrankung – Grundinzidenz 25 pro 100.000 pro Jahr – bleibt ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung jedoch fraglich. Ansonsten ergab sich eine gute Verträglichkeit der Vakzine über alle Altersgruppen und unabhängig von vorbestehenden Erkrankungen.“

„Bei einer Effizienz der Vakzine von 94,6 Prozen über alle Altersgruppen liegt diese Zahl mit 92,9 Prozent nur leicht niedriger bei älteren Patienten im Alter zwischen 64 und 74 Jahren. Bei über 800 Patienten jenseits des 75. Lebensjahres trat in der Verum-Gruppe keine COVID-19 Erkrankung auf. Auch bei den 58 Probanden im Alter zwischen 16 und 17 Jahren konnte unter Gabe von BNT162b ein vollständiger Schutz dokumentiert werden. Insgesamt zeigte sich daher eine sehr hohe Schutzwirkung der Vakzine über alle Altersgruppen.“

„Auch bei Patienten mit Risikofaktoren wie Adipositas, Diabetes, Lungenvorerkrankungen oder anderen Begleiterkrankungen ergaben sich keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit des Impfstoffes. Einschränkend muss man jedoch sagen, dass Probanden mit einem eingeschränkten Immunsystem zum Beispiel aufgrund einer HIV-Infektion oder einer Tumorerkrankung in der Studie unterrepräsentiert waren und daher keine belastbaren Daten zu diesen Subgruppen vorliegen.“

„Insgesamt gab es sechs tödliche Ereignisse (zwei im Verum-Arm, vier im Plazebo-Arm) bei 43.448 eingeschlossenen Studienteilnehmern, entsprechend einer Häufigkeit von 0,01 Prozent. Aufgrund dieser sehr niedrigen Frequenz und ähnlich häufiger Ereignisse in der Normalbevölkerung kann man von daher nicht zwingend von einem ursächlichen Zusammenhang ausgehen. Ansonsten gibt es nur drei schwerwiegende Ereignisse ohne Todesfolge, die im Kontext der Vakzine beschrieben wurden und die in ursächlichem Zusammenhang stehen könnten: eine Schulterverletzung im Impfarm, eine axilläre Lymphknotenschwellung und ein Ereignis mit einer schweren Herzrhythmusstörung – angesichts von circa 19.000 geimpften Probanden im Verum-Arm jedoch eine sehr überschaubare Nebenwirkungsrate, die bei Impfungen mit anderen Wirkstoffen in ähnlicher Weise zu beobachten war.“

„Insgesamt kommt die FDA zu einem positiven Urteil hinsichtlich des Nutzen-/Risikoprofils von BNT162b. Es ist zu erwarten, dass sich die EMA weitgehend diesem Urteil anschließen wird, sowohl aufgrund der positiven Faktenbasis der Studie als auch aufgrund des hohen politischen Interesses einer baldmöglichst verfügbaren Corona-Impfung auch in Europa. Es bleiben dennoch Fragen offen, die auch nach Vorlage der aktualisierten Studiendaten nicht beantworten werden können: Wie wirkt BNT162b bei Kindern und jungen Erwachsenen bis zum 15. Lebensjahr? Inwieweit wirkt BNT162b bei einer asymptomatischen Infektion, wird dabei die Viruslast effizient gesenkt? Kann die Impfung gerade in letztgenannter Gruppe auch die Verbreitung des SARS-CoV-2 Virus in die Bevölkerung verhindern? Schützt der Impfstoff auch gegen Langzeit-Nebenwirkungen einer COVID-19-Erkrankung, falls es trotz Impfung zu einer Infektion gekommen ist? Trotz dieser noch offenen Fragen ist der Mehrwert der Impfung sowohl für das geimpfte Individuum als auch durch den graduellen Aufbau einer Herdenimmunität in der Bevölkerung unstrittig. Ethisch wird man vielmehr einfordern müssen, dass alle Personen aus der Plazebo-Gruppe baldmöglichst das Angebot erhalten, sich mit dem Verum, das heißt dem Impfstoff BNT162b, nachimpfen zu lassen.“

Prof. em. Dr. Thomas Mertens

ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)

„Die Daten geben Auskunft über die Sicherheit des Impfstoffes. Außerdem werden exakte Daten zu den unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) angegeben. Der Impfstoff zeigt eine Wirksamkeit in allen Altersgruppen.”

Auf die Frage, wie die Ergebnisse für hohe Altersgruppen und für Risikogruppen einzuschätzen seien:
„Für mich sehen die Ergebnisse überraschend gut und homogen aus, selbst für die untersuchten Risikogruppen – zum Beispiel Probanden mit Vorerkrankungen.”

„Nebenwirkungen sind häufiger und teils auch intensiver als bei anderen zugelassenen Impfstoffen. Allerdings wurden keine schweren Impfstoff-assoziierten Nebenwirkungen mit Schäden beobachtet. Die Aussage bezüglich spät auftretender UAW und seltener UAW ist naturgemäß durch die Studiengröße limitiert, das ist bei sehr seltenen UAW aber immer so.”

Auf die Frage, inwiefern die Einschätzung der FDA und die Zulassung des Impfstoffes in den USA Einfluss auf die EMA haben könnte:
„Die EMA wird ihre eigene Prüfung entsprechend ihrer Standardvorgehensweise (SOP, Standard Operation Procedure) vornehmen, aber natürlich die Äußerungen der FDA zur Kenntnis nehmen.”

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Primärquellen

FDA (08.12.2020): Pfizer-BioNTech COVID-19 Vaccine. Briefing Document for the Advisory Committee Meeting, December 10, 2020.

Pfizer-BioNTech (08.12.2020): PFIZER-BIONTECH COVID-19 VACCINE (BNT162, PF-07302048). Briefing Document for the Advisory Committee Meeting.