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11.03.2020

Faktoren für Sterberisiko durch COVID-19

Anlass

Am 9. März 2020 wurden die ersten Sterbefälle in Deutschland bekannt gegeben, die auf SARS-CoV-2 zurückzuführen sind. Es handelt sich um eine 89-jährige Frau aus Essen sowie um einen 78-Jahre alten Mann aus Heinsberg. Um stark gefährdete COVID-19-Patienten zukünftig besser erkennen und versorgen zu können, haben chinesische Wissenschaftler retrospektiv die Werte von 191 COVID-19-Patienten aus Wuhan untersucht und Risikofaktoren definiert, anhand derer Kliniker frühzeitig einen schweren Krankheitsverlauf vorhersagen können sollen.

Als Faktoren für einen besonders schweren Krankheitsverlauf mit tödlichem Ausgang identifizierten die Forscher vor allem alte Menschen mit erhöhten SOFA-Werten (Sepsis-related organ failure assessment score) [I]. Diese Maßzahl zur Beurteilung des Organversagens bei Sepsis beinhaltet sechs verschiedene Werte für den Zustand der Atemfunktion, des Herz-Kreislauf-Systems, der Leberfunktion, der Blutgerinnung, der Nierenfunktion und des neurologischen Status. Darüber hinaus fanden die Forscher, dass eine erhöhte Menge an D-Dimeren, die auf Blutgerinsel hinweisen, mit einem tödlichen Ausgang der Infektion assoziiert waren.

COVID-19-Patienten über 60 Jahre haben ein deutlich erhöhtes Risiko zu sterben [II]. Viele der Infizierten haben allerdings auch schwere oder chronische Begleiterkrankungen – so auch der verstorbene Patient aus Heinsberg, der an Herzproblemen und Diabetes litt. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Tode von Patienten mit Begleiterkrankungen tatsächlich dem Virus zuzurechnen sind oder in der Praxis zugerechnet werden. So wird zum Beispiel jährlich die Anzahl Influenza-assoziierter Todesfälle geschätzt, da nur selten Influenza als Todesursache auf Totenscheinen aufgeführt wird, sondern eher zugrundeliegende Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mittels statistischer Verfahren wird darum die sogenannte Exzess-Mortalität, eine Übersterblichkeit, geschätzt und damit die Anzahl zusätzlicher, durch Influenza hervorgerufener Todesfälle errechnet [III].

Neben den Risikofaktoren für einen tödlichen Ausgang liefern die Autoren noch Angaben darüber, wie lange das Virus bei Patienten nachgewiesen werden kann. Bei den 191 Patienten konnten sie im Median 20 Tage lang Virus-RNA per RT-PCR in den Proben nachweisen. Über die Hälfte der Patienten sind schwere und kritische Fälle.

 

Statement

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer

Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln

„Dass auch in Deutschland Menschen an COVID-19 sterben würden, war nach der Erfahrung aus anderen Ländern klar. Mit der Ausbreitung der Erkrankung in unserem Land werden auch noch weitere Menschen sterben. Wie viele das sein werden, hängt vor allem davon ab, ob beziehungsweise wie weit die Verbreitung des Virus gebremst werden kann.“

„Die in der Studie identifizierten Risikoparameter erscheinen mir sehr wenig hilfreich für die Behandlungssteuerung. Übersetzt besagen sie, dass ältere und schwerer kranke Menschen ein erhöhtes Sterberisiko haben – eine Botschaft, die kaum überraschend ist. Dass der Laborwert D-Dimer hier eine prognostische Bedeutung hatte, erscheint auch wenig hilfreich. Er ist sehr unspezifisch und auch bei vielen anderen Erkrankungen erhöht.“

Auf die Frage, inwiefern man den Tod eines COVID-19-Patienten tatsächlich auf den Virus zurückführen könne:
„Die exakte Zuordnung einer Todesursache ist umso schwieriger, je mehr und je schwerere Erkrankungen insgesamt vorliegen. In der Studie waren allerdings die häufigsten Begleiterkrankungen eine arterielle Hypertonie und ein Diabetes mellitus, die in den meisten Fällen nicht unmittelbar tödlich sind. Insofern ist es hoch wahrscheinlich, dass die Lungenentzündung verursacht durch das Sars-CoV-2 Virus tatsächlich die Todesursache in den meisten Fällen war. Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen, die man als besonders gefährdet für einen schweren Verlauf und ein Versterben ansehen würde, waren in der Studie nur gering vertreten.“

Auf die Frage, ob die aktuellen häußlichen Quarantänemaßnahmen von 14 Tagen angepasst werden sollten, wenn in Patienten durchschnittlich 20 Tage Virus nachweisbar sind:
„Aus der Studie kann man nicht ableiten, dass die Bestimmungen für häusliche Quarantäne geändert werden sollten. Es handelt sich um die am schwersten erkrankten Patienten, während in häusliche Quarantäne nur leicht erkrankte Patienten geschickt werden. Dass es bei den schwer Erkrankten länger dauert, bis das Virus eliminiert ist, verwundert nicht sonderlich.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Zhou F et al. (09.03.2020): Clinical course and risk factors for mortality of adult inpatients with COVID-19 in Wuhan, China: a retrospective cohort study. The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30566-3.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Vincent JL et al. (1996): The SOFA (Sepsis-related Organ Failure Assessment) Score to Describe Organ Dysfunction/Failure. On Behalf of the Working Group on Sepsis-Related Problems of the European Society of Intensive Care Medicine. Intensive Care Med; 22 (7), 707-10. DOI: 10.1007/bf01709751.  

[II] Feng Z & The Novel Coronavirus Pneumonia Emergency Response Epidemiology Team (2020): The Epidemiological Characteristics of an Outbreak of 2019 Novel Coronavirus Diseases (COVID-19) –China 2020. CCDC Weekly; Vol. 2. 

[III] Robert Koch-Institut (2019): Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland, Saison 2018/19. DOI: 10.25646/6232.

Weitere Recherchequellen

Das gesammelte SMC-Material zum Coronavirus SARS-CoV-2 und der Erkrankung COVID-19 finden Sie unter: https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/coronavirus/