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04.03.2020

COVID-19: Lockerung der Quarantänemaßnahmen für medizinisches Personal?

Anlass

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 breitet sich weltweit in vielen Ländern epidemisch aus, zugleich sinkt die Anzahl neu bestätigter Fallzahlen in China weiterhin – als Folge strikten „Social Distancings“, der systematischen Suche und Virustestung von Fieberfällen sowie mittels umfangreicher „Contact Tracing“ Maßnahmen, die in einem Bericht der joint mission der WHO ausführlich diskutiert werden [1].

Bei den nun auch in Deutschland rasch wachsenden Fallzahlen von COVID-19-Patienten heißt es jetzt, zuerst das medizinische Personal vor Ansteckungen zu schützen, damit das Gesundheitssystem weiterhin seine Aufgaben in der Patientenversorgung erfüllen kann und krankes oder in Quarantäne befindliches Personal nicht mangelversorgte Patienten bedeuten.

Bisher sollen auf Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI) „Kontaktpersonen von labordiagnostisch bestätigten Infektionsfällen möglichst lückenlos identifiziert und für 14 Tage (die maximale Inkubationszeit) in häuslicher Quarantäne untergebracht werden“ [2]. Das gilt bisher auch für Personal in Krankenhäusern und Einrichtungen der Gesundheitsversorgung. Als engen Kontakt mit höherem Infektionsrisiko beschreibt das RKI unter anderem Menschen, die über 15 Minuten face-to-face Kontakt mit einem Infizierten hatten, im selben Haushalt wohnen, mit infizierten Körperflüssigkeiten (Speichel, Erbrochenes) in Kontakt standen sowie ungeschütztes medizinisches Personal mit engem (unter zwei Meter) Patientenkontakt.

Weil bereits einige Mediziner, Pflegekräfte und Teams in Krankenhäusern als Kontaktpersonen von Infizierten isoliert wurden – zum Beispiel in Tübingen, Hamburg, Saarbrücken und Heinsberg – stellt sich verstärkt die Frage, ob und wenn ja unter welchen Umständen die bisher strikten Maßnahmen zur Quarantäne von Personal in strategisch wichtigen Bereichen der Gesundheitsversorgung gelockert werden können und sollten. Klar ist nach Erkenntnissen aus China bereits, dass sich dort viele „Health Care Worker“ nicht im Krankenhaus selbst, sondern beim engen Kontakt mit infizierten Personen außerhalb der Behandlungseinrichtungen infiziert haben. So war es auch bei den ersten in Deutschland beschriebenen Fällen. Nosokomiale Infektionen – also eine Infektion, die im Zuges eines Aufenthalts oder einer Behandlung im Krankenhaus auftritt – kamen bei Beachtung der Schutzmaßnahmen in China sehr selten vor [1]. Sie stellten allerdings einen erheblichen Risikofaktor dar, wenn sinnvolle Schutzmaßnahmen vor Ansteckung nicht erfolgten – wie es zum Beispiel in Wuhan zu Beginn des Ausbruchs der Fall war [1].

Nach den bisher praktizierten Verfahren erfolgt eine diagnostische Abklärung mithilfe eines direkten Virusnachweises (RT-PCR) in der Regel erst bei Ansteckungsverdächtigen, das heißt bei isolierten Personen, die Symptome einer Infektion zeigen. Angesicht der sich zuspitzenden Lage stellt sich nun die Frage, ob medizinisches Personal, das als Kontaktperson eines SARS-CoV-2 positiven Falles laut den aktuellen Vorschriften des Robert Koch-Instituts in Quarantäne müsste, nicht umgehend auf mögliche Infektionen mit dem Virus getestet werden sollte. Wenn Schwellenwerte für eine Viruslast ohne Infektionsrisiko definiert würden, könnte der Ausfall arbeitsfähiger Kontaktpersonen um einen bestätigten COVID-19-Fall im Falle von wiederholt negativen PCR-Tests vermieden werden. Fachleute diskutieren derzeit, ob die Empfehlungen zum Umgang mit Kontaktpersonen nicht durch veränderte und häufigere Testroutinen für Personal in Gesundheitseinrichtungen verändert werden können und sollten. Das SMC befragt Expertinnen und Experten, ob die vorgebrachten Argumente für eine gelockerte Quarantäne-Regelung in der Praxis sinnvoll wären und wie sie ausgestaltet werden könnten.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing
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  • PD Dr. Dr. Petra Dickmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Risk communication in Public Health and Health Security an der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Jena, und Geschäftsführung der Kommunikationsberatung dickmann risk communication drc| ltd., Vereinigtes Königreich
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  • Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
     
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Statements

Prof. Dr. Clemens Wendtner

Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing

„Das ist ein Szenario, das wir noch nicht hatten und hoffentlich auch in München nicht bekommen. Bei Positivität eines Mitarbeiters würden wir hier das Team komplett austauschen und enge Kontaktmitarbeiter zunächst bis zum Erhalt der Virustestung und darüber hinaus für 14 Tage in häusliche Quarantäne schicken. Wenn initiale PCR-Tests bei einer Kontaktperson negativ ausfallen, kann er/sie theoretisch bei Personalknappheit – ein allerdings nicht idealer Fall – am nächsten Tag zurückkehren und dann könnte man unter Umständen täglich PCR-Testungen vornehmen.“

„Wir wissen bisher nur, dass bei Vorliegen neutralisierender Antikörper in der Spätphase von COVID-19 eine Viruslast unter 10 hoch 5 Viruskopien pro Milliliter (im Sputum) unbedenklich wäre, alles andere ist spekulativ. Wenn also im Laufe einer andauernden Testung eine Positivität entstehen würde (Schwellenwert größer als 10 hoch 5/ml), dann hätte die Klinik ein neues Problem, da dann viele weitere Kontaktpersonen erzeugt würden.“

PD Dr. Dr. Petra Dickmann

Leiterin der Arbeitsgruppe Risk communication in Public Health and Health Security an der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Jena, und Geschäftsführung der Kommunikationsberatung dickmann risk communication drc| ltd., Vereinigtes Königreich

„Erstens: Was die virologische Evidenz angeht, bezweifle ich, dass im Moment genug Evidenz vorhanden ist, um einen ‚cut off‘ zu definieren (also einen Wert für die Viruslast, unter diesem ein Getester als negativ gilt; Anm. d. Red.). Dieser ‚cut off‘ müsste sich in Studien nachweisen lassen, die es zurzeit noch nicht gibt.“

„Zweitens ist die Frage nach den ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten der Contingency zu klären: Ich halte die Begründung der Maßnahme vor dem Hintergrund der (wenn überhaupt) dünnen Datenlage für unverantwortlich. Aus der Perspektive der Risikokommunikation ist es nicht nachvollziehbar, warum Menschen mit einer in der PCR nachgewiesenen Erkrankung nicht in Quarantäne sollen – außer sie werden in der Krankenversorgung dringend gebraucht. Nur, weil Menschen sonst als Arbeitskräfte fehlen, dürfen weder sie noch andere Menschen/Patienten gefährdet werden. Dann muss man von Seite des Gesundheitssystems das elektive Programm herunterfahren, um Druck aus dem Kessel zu nehmen und Ressourcen zu schaffen.“

Prof. Dr. Christian Drosten

Direktor des Instituts für Virologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Gestern ging es in meinem Podcast beim NDR ja um pragmatische Lösungen und die Tatsache, dass man in der aktuellen Lage auch einmal improvisieren muss. Darunter waren Ideen von und für Hausärzte, aber auch die (ebensowenig den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts entsprechende) Idee, die Isolierungszeit auf acht Tage zu verkürzen. Denn das ist die Kern-Inkubationszeit (im Falle von Kontakten) und entspricht wahrscheinlich auch der infektiösen Zeit (im Falle von Positiven), während 14 Tage zwar auf Nummer sicher geht, aber in der Praxis eben kaum tolerabel ist. Und zwar sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesundheitsämter. Irgendwann wird man eingestehen müssen: Man kann nicht alle Übertragungen aufhalten, also konzentrieren wir uns auf den Kern der Sache.“

„Eine Freitestung, die erst einmal nur eine improvisierte Idee ist, ginge ungefähr so: Stellen wir uns vor, es gäbe 20 betroffene Krankenschwestern und fünf Ärzte in einer Notaufnahme, die alle Kontakte mit einem (inzwischen erkannten) SARS-CoV-2-positiven Patienten hatten. Dann würden sich die 25 Personen jeden Morgen selbst einen Abstrich abnehmen und wir sie in der PCR testen. Wenn jemand positiv wird, kann man diese Person nach Hause in die Isolierung schicken. Das erhält die Arbeitsfähigkeit des restlichen Teams und gefährdet niemanden, denn die PCR zeigt das Virus deutlich früher an, als die Zellkultur ein infektiöses Virus identifiziert. Wir könnten es uns leisten, erst bis zum nächsten Tag ein Ergebnis zu bekommen. Wenn viel Personal getestet werden muss, kann man auch Pool-Testung machen, also zum Beispiel 100 Abstriche auf einmal testen und bei positivem Ausgang die positive Einzelprobe identifizieren. Alles das ist praktikabler als ganze Notaufnahmen zu schließen.“

„Das alles muss aber erst einmal innerhalb der Medizin diskutiert werden. Wir sind schon mit dem Robert Koch-Institut im Gespräch und werden dann auch mit der Fachgesellschaft darüber reden. Im Moment ist nur das Problem, dass man irgendwie den ganzen Kommunikationsaufwand leisten muss.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[1] World Health Organization: Report of the WHO-China Joint Mission on Coronavirus Disease 2019 (COVID-19).

[2] Robert Koch-Institut: Kontaktpersonennachverfolgung bei respiratorischen Erkrankungen durch das neuartige Coronavirus (COVID-19, Virusname SARS-CoV-2). Stand: 28.02.2020.

Weitere Recherchequellen

Das gesammelte SMC-Material zum Coronavirus SARS-CoV-2 und der Erkrankung COVID-19 finden Sie unter: https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/coronavirus/ 

Mahony JB et al. (2011): Molecular diagnosis of respiratory virus infections. Crit Rev Clin Lab Sci.; 48 (5-6): 217-49. DOI: 10.3109/10408363.2011.640976.