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13.08.2021

Wie präzise waren die regionalen Vorhersagen des europäischen Flutwarnsystems EFAS?

Anlass

Vier Wochen sind seit den dramatischen Sturzflut-Ereignissen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen inzwischen vergangen. Kurz nach der Katastrophe meldeten sich zwei Forschende der Universität Reading zu Wort: Das Europäische Flutwarnsystem EFAS habe Tage vor dem Ereignis gewarnt, dass es in den tatsächlich betroffenen Regionen zu extremem Hochwasser kommen könne – zu sogenannten Flash Floods. Zudem hätten einen Tag vor der Flut an den Flüssen Ahr und Kyll so starke Warnungen vorgelegen, dass die Behörden auch in Deutschland hätten reagieren und somit die verheerenden Auswirkungen zumindest abmildern können [I].

Bisher ließen sich diese kritischen Aussagen nicht überprüfen, da die Frühwarnkarten der EFAS, die von dem EU-geförderten Copernicus Emergency Management Service (CEMS) an 141 Institutionen, darunter auch das Landesamt für Umwelt in Rheinland-Pfalz verschickt werden, generell zunächst vier Wochen nicht öffentlich verfügbar sind [II]. Diese Frist läuft nun ab, so dass es ab Ende dieser Woche möglich sein wird, die tatsächlich Mitte Juli verfügbaren Flutwarnungen regional aufgelöst einzusehen und die entsprechenden Diagramme zu interpretieren. Gab es also tatsächlich Warnungen der EFAS, auf die die lokalen Behörden in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hätten rascher reagieren müssen? Wenn ja, wie sahen diese Warnungen genau aus und für welche Flüsse wurden diese Vorhersagen verschickt? Wie interpretiert man diese Warnkarten? Wie gut ist es der Wissenschaft bisher möglich, meteorologische Vorhersagen von Starkregen in hydrologische Modelle regional mit Blick auf „Flash Floods" zu übersetzen? Wie gut, wie genau und in welcher räumlichen Auflösung lassen sich kritische Situationen rechtzeitig erkennen? Wie kann sichergestellt werden, dass zum einen die Behörden vor Ort Zugang zu diesen Informationen rechtzeitig erhalten und zum anderen auch die Bevölkerung ausreichendes Notfallbewusstsein entwickelt? Warum werden die EFAS-Warnungen zeitnah nicht veröffentlicht? Wie können bestehende Warnsysteme verbessert werden, welche offenen Forschungsfragen verbleiben?

Diese und Ihre Fragen besprachen eine Expertin und zwei Experten in einem 50-minütigen Press Briefing.

Expertin und Experten auf dem Podium

     

  • PD. Dr. Jörg Dietrich
    Leiter der Arbeitsgemeinschaft am Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
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  • Bernhard Mühr
    externer wissenschaftlicher Mitarbeiter von risklayer für das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM), Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK-TRO), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), und Geschäftsführer EWB Wetterberatung, Karlsruhe
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  • Prof. Dr. Annegret Thieken
    Leiterin der Arbeitsgruppe Geographie und Naturrisikenforschung, Institut für Umweltwissenschaften und Geographie, Universität Potsdam
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertin und die Experten am Ende des Press Briefings gefragt, inwiefern das Geschehen eine Katastrophe mit Ansage war, was nun daraus gelernt werden sollte und von wem. Die Antworten auf diese Frage möchten Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung stellen.

PD. Dr. Jörg Dietrich

Leiter der Arbeitsgemeinschaft am Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover

„Für mich war es eine Katastrophe mit Ansage. Ohne genau zu wissen, was passieren wird, so konnte man doch durchaus in den Daten sehen, dass etwas Schlimmes passieren kann. Der gravierendste Fehler war, dass es versäumt wurde, eine ganz klare Adressierung einer Handlungsanweisung an die Leute zu schicken. Das hat fast überall gefehlt. Das ist für mich mit essenziell, denn wenn wir ein paar Stunden Vorlauf haben und sehen die Pegel ansteigen, dann gibt es tatsächlich noch eine Chance. Diese Information ‚Lauft weg, wenn ihr könnt!‘ ist eine Information, die keine drei, vier Tage braucht. Nichtsdestotrotz ist die Frage spannend, wie ich aus einer stabil eingeschätzten Lage nach und nach versuchen kann, herauszufinden, ob die mittlere Erwartung eintritt oder doch die katastrophale. Denn diese Unsicherheitsbandbreiten sind ja nicht ganz klein. Und hier hätte man eben eher in die katastrophale Richtung gehen müssen. Das ist ein Entscheidungsproblem, an dem noch einige Arbeit erfolgen kann, neben den auch praktischen Fragen des Katastrophenschutzes.“

Bernhard Mühr

externer wissenschaftlicher Mitarbeiter von risklayer für das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM), Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK-TRO), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), und Geschäftsführer EWB Wetterberatung, Karlsruhe

„Die Bandbreite der möglichen Erwartungen ist groß, oftmals sogar noch mit Beginn des Ereignisses. Trotzdem würde ich auch den handelnden Akteuren nicht die Möglichkeit anbieten: ‚Es könnte sich irgendetwas ereignen, such‘ dir was aus‘, sondern schon konkret sagen: ‚Wir erwarten einen konkreten Zahlenwert oder ein konkretes Ereieignis!‘ Meinetwegen dann eben auch die höchste Warnstufe, wenn sich das abzeichnet, dass es immer realistischer wird. Und insgesamt: weniger Warnung ist mehr. Also nicht ständig irgendeine Warnung schicken, sondern in den wirklich wichtigen Situationen. Das Warnwesen insgesamt, den Informationsfluss vom Wetterdienst zu den Hochwasserzentralen und zu den Landratsämtern, sollte man überprüfen, ob es immer flüssig funktioniert und ob da auch irgendwelche Informationen verloren gehen oder uminterpretiert werden. Das sind alles Fragen, die man sich schon anschauen sollte. Diese Wege sollten kurz sein und es sollten klare Anweisungen an die Bevölkerung gegeben werden, was zu tun und zu lassen ist. Der Interpretationsspielraum muss sehr klein gehalten werden. Und dann kann man mit solchen relativ seltenen Ereignissen doch gut umgehen.“

Prof. Dr. Annegret Thieken

Leiterin der Arbeitsgruppe Geographie und Naturrisikenforschung, Institut für Umweltwissenschaften und Geographie, Universität Potsdam

„Mir ging in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf: Das war eine schallende Ohrfeige für das Risikomanagement. Wir sind in den letzten 20 Jahren auf einem guten Weg gewesen, auch wirklich Risikomanagement zu betreiben. Aber gerade diese extremen Ereignisse haben wir letzten Endes doch wieder unterschätzt. Aus meiner Sicht müssen wir auf jeden Fall die Erfahrungs- und Datengrundlage ausweiten. Auch wenn man sich vor Ort die Ausmaße nicht vorstellen konnte, letzten Endes haben die historischen Hochwasser an der Ahr diese Werte erreicht oder auch überschritten. So ein Wissen muss aufbereitet werden und muss auch in die Planungsgrundlagen eingehen. Das ist nochmal ein ganz wichtiges Lehrstück, wirklich zu schauen, wie man mit diesen sehr seltenen extremen Ereignissen umgeht und wie man sich darauf vorbereitet. Man wird da Schäden nicht vermeiden können, aber man kann sie deutlich vermindern, vor allem die humanitären Schäden, die vielen Todesopfer. Ich denke, wir brauchen wirklich mehr Anstrengungen in der Risikokommunikation. Warnungen müssen besser transportiert werden, die Handlungsanweisungen müssen klarer sind. Das gilt nicht nur für Starkregen, sondern auch für Hitzewellen. Die Todesopfer durch die Hitzewellen der letzten Jahre bewegen sich in einer ähnlichen Größenordnung oder sind für Deutschland eher viel höher als das, was wir jetzt erlebt haben. Auch da kann man eigentlich vieles vermeiden. Wenn man wirklich zu einer Risikokultur kommen will, dann braucht es da jetzt eine konzertierte Aktion in der Risikokommunikation.“

Video-Mitschnitt & Transkript

 

Ein Transkript finden Sie hier.

Quellen, auf die das SMC verweist

[I] Cloke H (2021): Europe floods: 'We must learn lessons from this tragedy''. Webseite der University of Reading.

[II] Europäisches Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (2021): ECMWF’s role in the Copernicus Emergency Management Service renewed. Webseite des ECMWF.

Weitere Recherchequellen

Uni Potsdam (2021): Befragung zu den Warnungen vor Starkregen und Überflutungen im Juli 2021. Fragebogen für Betroffene. Webseite der Uni Potsdam.

European Flood Awarness System: Flood monitoring and forecasting. Dynamische Vorhersagekarten für Hochwasserereignisse, die vier Wochen im Nachgang veröffentlich werden.

Copernicus Emergency Management Service: List of EMS Rapid Mapping Activations. Webseite von Copernicus. Liste weltweiter Extremereignisse.

Copernicus Emergency Management Service (12.08.2021): EMSR517: Flood in Western Germany. Detailreport zum Hochwasserereignis im Juli 2021.

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz (2021): Warnung der Bevölkerung: Extremhochwasser Juli 2021. Download der 288 Warn-Protokolle zur Hochwasserlage 2021). Webseite des BBK

Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz: Hochwassergefahren- und risikokarten Rheinland-Pfalz.

Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz: Hochwasserfrühwarnung Rheinland-Pfalz.

Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz: http://www.hochwasser-rlp.de/