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30.11.2020

Gesunde und klimafreundliche Städte in Deutschland

Anlass

Die Lage spitzt sich weiter zu: Parameter, die den Einfluss des Klimawandels auf die Gesundheit der Weltbevölkerung beschreiben, haben sich im vergangenen Jahr besorgniserregend verschlechtert – sogar solche, die sich zuvor verbessert hatten. Das ist das Fazit des diesjährigen internationalen Berichts „The Lancet Countdown“ (siehe Primärquellen), in dem internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jährlich die weltweite Situation zu Klimawandel und Gesundheit anhand von über 40 Indikatoren bewerten. In einem Strategiepapier für Deutschland umreißen deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Basis des internationalen Berichts national angepasste Handlungsfelder (siehe Primärquellen). Mit hoher Priorität sollten hierzulande eine nachhaltigere Ernährung, zukunftsfähige Mobilität sowie klima- und gesundheitsfreundlichere Städte adressiert werden. Den urbanen Raum stellen sie dabei als einen Schlüsselort für diesen Wandlungsprozess heraus. Um den Klimawandel zu begrenzen und die Gesundheit der Menschen sicherzustellen, sollten Städte und Kommunen diesen Risiken mit einer grünen Stadtplanung begegnen.

Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen sind mittlerweile der Auffassung, dass Gesundheit und Klimaschutz zusammengedacht werden sollten. Worte wie One Health, Planetary Health und Eco Health in Fachpublikationen zeugen davon und sind Ergebnis einer voranschreitenden Organisation der Wissenschaft über verschiedenen Fachdisziplinen hinweg. Eine Initiative, die sich für diese Verknüpfung in Deutschland engagiert, ist die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Sie koordiniert in Abstimmung mit dem „Lancet Countdown“ den Deutschland-Report und kann vorab einige Schlüsselergebnisse präsentieren. Aus Anlass der Publikation des umfassenden „Lancet Countdowns“ am 03.12.2020 veranstaltete das Science Media Center am 30.11.2020 ein virtuelles Press Briefing zum Thema gesunde und klimafreundliche Städte unter Sperrfrist. Im Press Briefing diskutierten eine Expertin und Experten aus den Bereichen Raumplanung, Soziologie und Gesundheit die Ergebnisse der Berichte und weitere Fragen:

Warum sind Städte ein Schlüssel, den Klimawandel zu begrenzen und die Gesundheit zu fördern? Wie gesund und nachhaltig sind deutsche Städte? Anhand welcher regionalen Parameter können Journalistinnen und Journalisten dies vor Ort überprüfen? Inwiefern stehen politische Agenden und tatsächliche Umsetzung in Deutschland im Einklang? Welche Bereiche der Stadtentwicklung haben Priorität? Was schützt gleichzeitig das Klima und die Gesundheit? Welche Chancen für einen Wandel der Städte bietet die Zeit nach der COVID-19-Pandemie?

Diese Fragen – und Ihre! – beantworteten eine Expertin und Experten in einem 50-minütigen virtuellen Press Briefing.

Experten auf dem Podium

     

  • Prof. Dr. Jörn Birkmann
    Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung, Universität Stuttgart
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  • Dr. Michael Kopatz
    Sozialwissenschaftler und Projektleiter im Forschungsbereich Stadtwandel der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal
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  • Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann
    Inhaberin des Lehrstuhl und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin, UNIKA-T, Technische Universität München und Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertin und die Experten am Ende des Press Briefings um kurze Zusammenfassungen gebeten, die wir Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung stellen möchten.

Prof. Dr. Jörn Birkmann

Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung, Universität Stuttgart

„Insgesamt glaube, ich man muss noch strategischer denken. Ich teile die Ansicht, dass der Rahmen klarer gesetzt werden muss. Und ich glaube, die COVID-19-Pandemie zeigt nochmal, dass wir auch nahräumlich diese Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Bildung stärken müssen; dass es nicht ausreicht zu sagen, ihr könnt euch in Mallorca im Grunde erholen, und das Denken in Szenarien: Wir haben immer das Gefühl, wir wissen genau, was die Zukunft ist. Wir verbinden auch bei Klimaanpassung vielfach Klimaszenarien für das Jahr 2050 mit der Bevölkerung von München oder Stuttgart von 2017. Das macht wenig Sinn. Es wäre wichtig, dass man solche Prozesse wie Alterung, vielleicht auch Diversifizierung, was Kulturen angeht, stärker berücksichtigt, um darauf aufzubauen. Eine Quintessenz ist auch, dass diese Strategien, die der Lancet Report aufzeigt, eben nicht alleine als reine Fachorientierung in Richtung‚ es muss mehr Gesundheit im Flächennutzungsplan erscheinen‘ sind, sondern es muss dieses strategische und auch dieser übergreifende Charakter, der sich auch in der Forschung mit transdisziplinären Projekten verbindet, nochmal stärker hervorgehoben werden. Letzte Anmerkung: Ich glaube man muss an Dynamiken denken. Wir haben immer noch sehr stark das Gefühl, es geht um einzelne Gebäude und die genaue Fläche. Aber was passiert mit den Menschen? Unter COVID-19 haben wir das gesehen, wir müssen plötzlich ganz andere Interaktionen vollziehen. Und hier wäre es wichtig, dass wir auch diese Dynamiken von Städten besser bei Klimaanpassung zukünftig berücksichtigen.“

Dr. Michael Kopatz

Sozialwis­senschaftler und Projektleiter im Forschungbereich Stadtwandel der Abteilung Energie-­, Verkehrs-­ und Klimapolitik, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal

„ Ich sage immer, dass Routinen sich nur durch Strukturen verändern oder anders gesagt, Verhältnisse ändern Verhalten. Zwei Leitbegriffe von mir sind Standards und Limits. Ich spreche nicht von Verboten oder Regulierung, das wird glaube ich als staatsautoritär wahrgenommen, sondern von Standards. Wir sind sehr froh, dass wir hohe Standards für Lebensmittel haben, dass wir sichere Produkte haben. In der Landwirtschaft zum Beispiel haben wir Standards, im Verkehrsbereich haben wir Standards für PKW und ich plädiere dafür, dass diese Standards angehoben werden. Und auch für Limits zum Beispiel, damit der Flugverkehr nicht weiter wächst, wäre es einfach notwendig, dass keine weiteren Start- und Landebahnen gebaut würden, oder dass auch keine neuen Straßen gebaut werden. Die Staulänge hat sich seit 2002 vervierfacht. Kein Problem ist damit gelöst worden und es werden trotzdem allenthalben unverdrossen weitere Bundesstraßen, tausende Kilometer Bundesstraßen geplant und jedes Jahr gebaut und die Autobahnen ausgebaut. Alles verschärft die Probleme und deswegen brauchen wir auch Limits, absolute Grenzen. Das gilt auch für Neubaubereich oder für Gewerbegebiete, unbequemes Thema. Aber Standards und Limits sind da zwei Leitbegriffe in meiner Argumentation. Und zum Abschluss noch: Was ist die Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger? Sie brauchen ein Verständnis dafür, dass sie mehr sind als nur Konsumenten, sondern dass sie Politik mitgestalten durch ihr Engagement. Und das hat die Fridays-for-Future-Bewegung gerade so wunderbar gezeigt, dass wenn Druck von der Straße kommt, dann haben die Reformer in der Politik es leichter.“

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

Inhaberin des Lehrstuhl und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin, UNIKA-T, Technische Universität München und Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München

„Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass Klimawandel unsere Gesundheit und unsere Existenz bedroht. Das System Erde ist bedroht und somit auch das System Mensch. Und die Problematik ist, dass diese Klimaveränderungen auf eine sehr verletzliche Gesellschaft hier bei uns in Deutschland, in Europa wirken. Das ist nichts, was irgendwo auf der Welt passiert, sondern ganz konkret bei uns. Ich habe es gesagt: 40 Prozent Allergiker. Die Allergien werden zunehmen durch den Klimawandel. Wir haben eine Gesellschaft, die gealtert ist und gerade die ganzen Hitzetage wirken vermehrt auf die verletzlichen älteren Personen. Da haben wir es wieder, nicht nur Corona, auch die Hitzetage. Das bedeutet, Klimawandel wirkt auf eine sehr verletzliche Gesellschaft. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen und wir müssen aufhören, auf diesem Ast zu sitzen, wir müssen eine Transformation schaffen. Die Politik kann Regeln bringen, aber am Ende ist es jeder von uns selbst, der sich transformieren muss. Ich muss das Auto stehen lassen, ich muss mit dem Fahrrad fahren. Ich muss verstehen, dass es besser ist, eben kein Fleisch zu essen, sondern mich vegetarisch zu ernähren. Das sind Dinge, die wir es schaffen müssen und das ist mein letztes Wort: Wir Ärzte haben da eine große Verantwortung. Wir können diese Nachricht transportieren. Wir müssen sie transportieren, weil das in unserer Verantwortung liegt. Und ich glaube, dass dieser Punkt Klimawandel und Gesundheit sehr wahrscheinlich am Ende ein Teil der Rettung der Welt bedeutet.“

Video-Mitschnitt & Transkript

Das aufgezeichnete Webinar finden Sie hier im Webinar-Programm selbst. Um es anzuschauen, müssen Sie eine E-Mail-Adresse eingeben.

Ein Transkript finden Sie hier.

Primärquellen

Watts N et al. (2020): The 2020 Report of the Lancet Countdown on Health and Climate Change. Executive Summary.

Matthies-Wiestler F et al. (2020): Policy Brief für Deutschland 2020. The Lancet Countdown on Health and Climate Change.