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18.03.2022

EU-Verordnung für verringerten Pestizideinsatz: Ist eine Landwirtschaft mit weniger Pestiziden möglich?

Am 23.03.2022 will die EU-Kommission den Entwurf einer Verordnung vorlegen, die eine Verringerung des Einsatzes von Pestiziden um 50 Prozent bis 2030 vorschreibt. Mit dieser Verordnung wäre dieses Ziel für alle EU-Mitgliedsstaaten rechtlich verbindlich.

Bereits die 2020 als Teil des EU Green Deals von der EU vorgestellte „Farm-to-Fork“-Strategie [I] sieht eine Halbierung des Pestizideinsatzes und -risikos bis 2030 vor. Bislang regelt eine EU-Richtlinie den Weg zu einem nachhaltigeren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM)[II], allerdings werden die Vorgaben bislang durch die Länder nicht konsequent umgesetzt [III]. Dies soll sich mit der Vorlage einer EU-Verordnung ändern. Verordnungen müssen die Staaten verbindlich in vollem Umfang umsetzen und sind unmittelbar wirksam.

Allein in Deutschland gibt es 980 zugelassene Pflanzenschutzmittel, in denen 283 Wirkstoffe zum Einsatz kommen [IV]. 2020 wurden 100.251 Tonnen von diesen an die Landwirtinnen und Landwirte abgegeben. Das seit Jahren intensiv diskutierte Herbizid Glyphosat ist dabei das im größten Umfang eingesetzte Pflanzenschutzmittel [V]. Die Wirkung der Pestizide bleibt jedoch nicht auf die Zielorganismen beschränkt. Über direkte und indirekte Effekte verändern sich Nahrungsnetze und mit ihnen ganze Ökosysteme. In Gewässern und Böden in Agrarlandschaften finden sich ebenfalls Rückstände der Pflanzenschutzmittel.

Weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen, scheint nicht nur aus ökologischen und Nachhaltigkeitsargumenten lohnenswert, sondern auch machbar: Eine Studie mit fast 1000 französischen Bauernhöfen hat gezeigt, dass drei Viertel dieser Höfe weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen könnte, ohne Ertrags- und Einkommenseinbußen hinnehmen zu müssen. Dabei kämen insgesamt 42 Prozent weniger Pestizide zum Einsatz [VI] – allerdings erntete die Studie auch methodische Kritik von Expertinnen und Experten [VII]. Inwiefern ist dies also auf Deutschland und andere Staaten übertragbar? Welche Fehler können auf dem Weg in eine Pestizid-ärmere Landwirtschaft gemacht werden? Wie würde sich der Arbeitsalltag der Landwirtinnen und Landwirte konkret ändern und welche ökonomischen Folgen hätte dies für sie? Wie vertragen sich Pflanzengesundheit und Erträge mit dem Einsatz von weniger Pflanzenschutzmitteln? Welche Risiken drohen, wenn vielleicht stark genutzte Pestizide durch toxischere ersetzte werden, deren Wirkungen auf Umwelt und Tiere unter Umständen schlechter verstanden sind? Welche weiteren Methoden stehen zur Verfügung, um den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zu verringern?

Diese und – vor allem – Ihre Fragen beantworteten eine Expertin und zwei Experten in einem 50-minütigen Press Briefing.

Expertin und Experten im virtuellen Press Briefing

     

  • Marcel Dehler
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebswirtschaft, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Braunschweig
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  • Prof. Dr. Bärbel Gerowitt
    Professorin für Phytomedizin, Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät, Universität Rostock
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  • Prof. Dr. Christoph Schäfers
    Mitglied der Institutsleitung und Leiter der Bereichs Angewandte Oekologie und Bioressourcen, Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie (IME), Schmallenberg
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertin und die Experten am Ende des Press Briefings folgendes gefragt: „Wenn die EU eine Vorgabe macht, dass bis 2030 das Risiko durch den Einsatz von Pestiziden und auch die Ausbringung von Pestiziden halbiert werden soll, wie groß ist die Herausforderung und was sind die Do‘s and Don'ts, die auf diesem Weg berücksichtigt werden müssen?“

Die Antworten stellen wir Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung.

Marcel Dehler

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebswirtschaft, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Braunschweig

„Ein zentraler Punkt bei der Frage ist, die Sorgen und Nöte der Landwirt anzuhören und wirklich zu verstehen: Wo werden Pflanzenschutzmittel tatsächlich eingesetzt? Wo hat man tatsächlich realistische Chancen, Pflanzenschutzmittel einzusparen und wo kann uns vielleicht die Technologie weiterhelfen, Reduktionen zu erzielen, die dann möglicherweise zu gar keinen Ertragsverlusten führen? Das ist auch eine Empfehlung an die Politik, wirklich zu schauen, dass man die Dinge nicht zu einfach macht, dass man tatsächlich Indikatoren auswählt, die die Risiken abbilden und, dass man auch eine gute Datengrundlage schafft, um wirklich gute Zusammenhänge analysieren zu können und versucht, die Realität möglichst gut abzubilden, um die Landwirte letztlich bei dieser Entscheidung zu unterstützen. Man sieht in den vergangenen Jahren, dass die Landwirte auch unter ökonomischen Zwängen stehen, und da darf man sie nicht ganz allein stehen lassen. Man muss in dieser Situation auch mitberücksichtigen, dass sicherlich die Landwirtschaft generell bereit ist, die Risiken zu reduzieren, wenn die Gesellschaft das möchte, aber die Gesellschaft muss ihren Anteil daran tragen. Dieser kann auch so aussehen, dass man eine höhere Zahlungsbereitschaft für Lebensmittel entwickelt. Das ist ein zentraler Punkt, der es der Landwirtschaft sehr viel einfacher machen würde, diesen Weg zu gehen.“

Prof. Dr. Bärbel Gerowitt

Professorin für Phytomedizin, Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät, Universität Rostock

„Die Herausforderung ist groß. Sie fällt nicht vom Himmel, sie ist tatsächlich schon lange da. Das heißt, der ganze Sektor hatte eigentlich 30 Jahre Zeit, sich an die Idee zu gewöhnen. Das muss man auch bedenken. Ich sehe die 50 Prozent als ein Ziel und es wird definitiv nicht so sein, dass auf jedem Feld nur noch die Hälfte gespritzt wird. Solche Vorstellungen geistern auch herum. Da muss man über die Ebenen nachdenken und das beeinflusst auch die Herausforderung, die da ist. Ich denke, dass wir auf der nationalen Ebene viel abdecken können, wenn wirklich der Ökolandbau-Anteil zunimmt. Ich bin tatsächlich dabei, bei den Do‘s zu sagen, wir müssen die Gesellschaft vorbereiten, die muss auch mitziehen. Sie muss vielleicht auch mal Knappheiten in Kauf nehmen, auch bei Nahrungsmitteln. Sie muss sich vielleicht umorientieren in dem, was sie kaufen kann oder was sie dafür bezahlen muss. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich denke auch, man soll nicht so tun: Wenn wir Pflanzenschutzmittel reduzieren, dann haben wir eine Landwirtschaft, mit der jeder zufrieden ist, sondern es wird neue Aspekte geben, Nachhaltigkeit will ich gar nicht zitieren. Ich würde dabeibleiben: Es ist sinnvoll, die dann noch verbleibenden 50 Prozent zu nutzen, sinnvoll einzusetzen, auch nicht so stark. Wir haben nicht viel über Zulassung geredet, man könnte natürlich die Zulassung viel stärker machen. Ich glaube, dass wir da ein ganz gut funktionierendes System haben. Wir müssen nur aufpassen, dass die Mengen des einzelnen Wirkstoffes, so wie wir es beim Glyphosat erlebt haben, nicht explodieren.“

Prof. Dr. Christoph Schäfers

Mitglied der Institutsleitung und Leiter der Bereichs Angewandte Oekologie und Bioressourcen, Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie (IME), Schmallenberg

„Die größte Herausforderung, die wir haben werden, um tatsächlich das Risiko auf 50 Prozent oder auf welche Zielgröße auch immer zu reduzieren, ist, dass wir nicht umhinkommen, letztlich vergleichende Risikobewertungen zu machen. Und das ist etwas, was zulassungspolitisch bisher gar nicht vorgesehen ist: Dass man jeden Stoff wirklich wissenschaftlich risikobewertet und in den Vergleich setzt, um zu schauen, wo gibt es möglicherweise weniger Risiken. Dieser Vergleich ist bisher nicht vorgesehen. Das hat durchaus rechtliche Konsequenzen, wettbewerbsrechtliche und sonst was. Das ist ein dickes Brett, was da gebohrt werden muss. Das andere ist: Im angelsächsischen Bereich ist man immer eher ergebnisorientierter, vielleicht hat manchmal auch das den Vorteil, dass man sagt: Gucken wir uns doch einfach an, was gibt es wissenschaftlich, inzwischen kann man molekularbiologisch einiges machen, an Messungen von Biodiversität. Das heißt, wenn man hingeht und in einer Agrarlandschaft Biodiversität misst und dann intensiviert und sagt, wenn im Vergleich zu einem entsprechend gestrickten Referenzstandort die Biodiversität zunimmt oder gut aussieht, dann gibt es dort eine Subvention oder eine Belohnung, weil das der Gesellschaft wichtig ist. Dann ist es im Interesse des Landwirts, Pflanzenschutz-Maßnahmen nicht zu überziehen, dann braucht man weniger Kontrollen. Das wäre vielleicht auch eine Möglichkeit.“

Video-Mitschnitt & Transkript

Auf unserem YouTube-Kanal können Sie das Video in Sprecheransicht oder Galerieansicht anschauen.

Einen Audiomitschnitt können Sie hier herunterladen.

Ein Transkript können Sie hier als pdf herunterladen.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Europäische Kommission: Farm to Fork strategy. Webseite der EU-Kommission.

[II] Europäische Union (2009): Richtlinie zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden. Amtsblatt der Europäischen Union.

[III] Europäische Kommission (2020): Progress in the implementation of Directive 2009/128/EC on the sustainable use of pesticides. Report der EU-Kommission.

[IV] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2022): Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland.

[V] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Absatzmengen von Wirkstoffen in Pflanzenschutzmitteln von 1987 bis 2020.

[VI] Lechenet et al. (2017): Reducing pesticide use while preserving crop productivity and profitability on arable farms. Nature Plants. DOI: 10.1038/nplants.2017.8

[VII] Science Media Center (2017): Weniger Pestizide, aber nicht weniger Ernte und weniger Einkommen – auf vielen Bauernhöfen scheinbar möglich. Research in Context. Stand: 27.02.2017.

Weitere Recherchequellen

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Verzeichnis zugelassener Pflanzenschutzmittel.

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Informationen über zugelassene Pflanzenschutzmittel.