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04.02.2021

Das Virus im Blick: Strategie zur Diagnostik und Überwachung von SARS-CoV-2 und der zirkulierenden Varianten

Anlass

Die aktuellen Kontaktbeschränkungen zeigen Wirkung: die Anzahl der durchschnittlichen täglichen Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 sinkt in Deutschland seit Ende Dezember. Eine allmähliche Lockerung der Maßnahmen ist allerdings erst dann möglich, wenn die Inzidenz so gering ist, dass auftretende Infektionscluster schnell getestet, nachverfolgt und isoliert werden können und damit die Verbreitung des Virus gut kontrolliert und überwacht werden kann. Im Hinblick auf die neu auftretenden Virusvarianten, die sich durch eine veränderte Virusbiologie leichter verbreiten, scheint diese Kontrolle noch weiter erschwert.

Auch die Möglichkeiten auf das Virus zu testen, mit denen das Infektionsgeschehen überwacht und eingedämmt werden kann, erweitern sich stetig. Allerdings sinkt aktuell die wöchentliche Anzahl der als Gold-Standard gehandelten PCR-Tests kontinuierlich: Derzeit wird circa nur die Hälfte der zwei Millionen verfügbaren Tests pro Woche ausgeschöpft. Als ein Grund dafür wird die vermehrte Anwendung von Antigen-Schnelltests, sogenannten Point-of-Care-Tests, diskutiert. Es ist jedoch weitgehend unklar, wie viele davon momentan in verschiedenen Kontexten wie Gesundheitseinrichtungen eingesetzt werden.

Seit Dienstag, den 02. Februar 2021 dürfen entsprechend zertifizierte Schnelltests nach einer Überarbeitung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung auch an Laien verkauft werden [I]; zuvor war die Testung nur durch medizinisches Personal möglich. Die Ergebnisse von Schnelltests sind allerdings unsicherer als PCR-Tests und erfordern eine Nachtestung mit selbigen. Mitte Januar hat die Bundesregierung zusätzlich zu den Tests auf akute Infektionen auch die Analyse des Erbguts von SARS-CoV-2 in einer Verordnung verankert [II], um einen Überblick über zirkulierende Varianten des Virus in Deutschland zu gewinnen.

Für die zukünftige Bekämpfung der COVID-19-Pandemie spielen die verschiedenen Testmethoden und ihr sinnvoller Einsatz eine entscheidende Rolle. Welche Testmöglichkeiten sollten wie sinnvollerweise eingesetzt werden, um die Ausbreitung von COVID-19 bestmöglich zu kontrollieren? Warum werden weniger PCR-Tests durchgeführt? In welchen Kontexten können Schnelltests tatsächlich einen Mehrwert liefern? Welche Ergebnisse liegen mittlerweile durch die intensivierte Genom-Überwachung vor? Welche Rolle spielen die zirkulierenden Virusvarianten für eine zukünftige Teststrategie?

Diese – und Ihre! – Fragen beantworteten eine Expertin und Experten bei einem virtuellen Press Briefing.

Expertinnen auf dem Podium

     

  • PD Dr. Claudia Denkinger
    Leiterin der Sektion Klinische Tropenmedizin mit Schwerpunkt Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin, Universitätsklinikum Heidelberg
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  • Prof. Dr. Florian Klein
    Direktor des Instituts für Virologie, Uniklinik Köln
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  • Prof. Dr. Dr. Tobias Kurth
    Direktor des Instituts für Public Health, Charité – Universitätsmedizin Berlin
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Abschluss-Statements aus dem Press Briefing

Das SMC hat die Expertin und die Experten am Ende des Press Briefings um kurze Zusammenfassungen gebeten, die wir Ihnen nachfolgend als Statements zur Verfügung stellen möchten.

Prof. Dr. Dr. Tobias Kurth

Direktor des Instituts für Public Health, Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Man muss unbedingt beachten, dass die Pandemie eine dynamische Situation ist. […] Es müssen auf jeden Fall Tests durchgeführt werden, damit wir einen Einblick auf die Bevölkerungsebene haben, denn eine Pandemie oder Epidemie findet auf Bevölkerungsebene statt. Es gibt viel zu wenig Evidenz darüber, was in der Bevölkerung eigentlich los ist. Hier müsste eigentlich viel regelmäßiger getestet werden, um die Situation idealerweise repräsentativ zu kennen, aber das kann man vielleicht anders lösen. Das gilt auch für die Situation der sogenannten asymptomatischen Verläufe, um zu wissen, welche Gefahren davon ausgehen, und auch für ein regelmäßiges Testen auf Mutationen, um frühzeitig zu reagieren. Wir brauchen eine bessere Vernetzung der Institutionen, was ja auch versucht wird: Gesundheitsämter, die entsprechenden Speziallabore, die Kliniken – hier laufen die Bestrebungen, das wirklich zu optimieren. Ziel muss es sein eine Mischung aus Tests und Evidenz zu kreieren, weil letztendlich die Bevölkerung das ausbaden muss, was als Konsequenz im Sinne von Intervention stattfindet. Hier sollte noch besser überlegt werden, wie das regelmäßig durchgeführt werden kann.“

PD Dr. Claudia Denkinger

Leiterin der Sektion Klinische Tropenmedizin mit Schwerpunkt Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin, Universitätsklinikum Heidelberg

„Ich kann Herrn Kurth absolut zustimmen. Ich denke, Sentinel Survaillance ist sehr wichtig. Das heißt, dass man repräsentative Kohorten testet. Es kann sein, dass man immer wieder die gleiche repräsentative Kohorte regelmäßig, unabhängig von Symptomen testet, um zu wissen, was in der Bevölkerung passiert. Und wenn man solche Sentinel Sides über Deutschland verteilt, kann man gut einen Überblick bewahren und man kann trotzdem auch wissen, selbst wenn das Report-System für die Selbsttests nicht so gut funktioniert, was wirklich passiert. Das ist extrem aufwendig, wir haben es mit der Virusfinder-Studie in Heidelberg versucht, aber es ist sinnvoll und wenn das zentral organisiert wird, auch wahrscheinlich besser machbar.“

Prof. Dr. Florian Klein

Direktor des Instituts für Virologie, Uniklinik Köln

„Testen ist jetzt wirklich ein wichtiger Baustein, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Dafür müssen wir alles nutzen, was wir eben einsetzen können. Da haben wir, glaube ich, auch noch ein bisschen Platz. Wir müssen alles technisch nutzen, was uns zur Verfügung steht. Das schließt an das an, was Herr Kurth gesagt hat, es hängt natürlich von der Situation ab. Wenn sie aktuell ein Ausbruchsgeschehen haben, ist einfach die Teststrategie eine andere, als wenn sie sagen, wir haben jetzt eine sehr niedrige Infektionszahl. Bei niedrigen Fallzahlen ist dann eine Survaillance mit Sentinel-Proben und mit einem Surveillance System sinnvoll, wodurch sich sehr schnell auch erkennen lässt, hier kommt’s wieder zu Infektionen. Wir haben – ich will es vielleicht nicht blinde Flecken nennen, aber wir haben auch immer wieder Bereiche in Deutschland, wo wir eine ganz unklare Idee darüber haben, wie dort die Infektionslage ist. Da gibt es häufig vielleicht auch Sprachbarrieren, da ist das Angebot nicht so gut und so weiter. Es gibt noch viel zu tun. Wir müssen dort Angebote schaffen, die für jeden leicht zugänglich sind und wo wir Infektionsketten schnell erkennen und dort schnell eingreifen können.“

Mitschnitt & Transkript

Ein Transkript finden Sie hier.

Falls Sie eine Audiodatei benötigen, können Sie sich an redaktion@sciencemediacenter.de wenden.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Bundesministerium für Gesundheit (01.02.2021): Dritte Verordnung zur Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung im Rahmen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite. Bundesanzeiger.

[II] Science Media Center (2021): Wie gelingt die Überwachung der Varianten von SARS-CoV-2 national und international? Rapid Reaction. Stand: 27.01.2021.