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08.11.2016

Vogelgrippe H5N8: Von Südkorea Richtung Deutschland unterwegs?

Anlass

In Deutschland ist die Vogelgrippe vom Subtyp H5N8 in Wildvögeln nachgewiesen worden. Das bestätigte offiziell das deutsche Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Loeffler-Institut, am Dienstag, den 08.11.2016. Am Strand dreier Seen um die schleswig-holsteinische Stadt Plön waren am Wochenende zuvor mehr als 100 Reiherenten und andere Wasservögel tot aufgefunden worden. Proben von Kadavern aus Plön wurden nun positiv auf HPAI A/H5N8 getestet (Stand: 08.11.2016, 16 Uhr) [1].

Nicht einmal 500 Kilometer Luftlinie entfernt – in der Nähe der polnischen Stadt Stettin – sind ebenfalls fünf Enten und eine Möwe an H5N8 verendet. Beide Ausbrüche hängen womöglich miteinander zusammen: Vor Monaten haben Experten bereits gewarnt, dass die H5N8-Vogelgrippe sich entlang der Wanderrouten von Zugvögeln von Südostasien bis nach Europa ausbreiten kann.

Aktualisierung (Stand: 11.11.2016, 10:40 Uhr):

Kurz darauf wurde diese Geflügelpest auch am Bodensee bestätigt sowie in Österreich, Schweiz und Kroatien

 

Dieses Factsheet des Science Media Center Germany enthält Basisinformationen zur Vogelgrippe H5N8 und Empfehlungen zu Recherchequellen.

Sie können dieses Fact Sheet auch als PDF herunterladen.

 

Übersicht

  • Definition: Wofür steht die Bezeichnung „HPAI A/H5N8“?
  • Ausbreitungsroute: Von wo nach wo hat sich die aktuelle H5N8-Vogelgrippe ausgebreitet und welche Rolle spielen Zugvögel?
  • Tierseuche: Wie gefährlich ist die H5N8-Vogelgrippe für Tiere?
  • Humane Vogelgrippe: Wie gefährlich ist H5N8 für Menschen?
  • Literaturstellen, die zitiert wurden
  • Weitere Recherchequellen


Definition: Wofür steht die Bezeichnung „HPAI A/H5N8“?

Vogelgrippe ist nicht gleich Vogelgrippe:

  • Es gibt verschiedene Vogelgrippen.
  • Sie werden entsprechend der Virus-Subtypen und einiger Merkmale bezeichnet.

HPAI:

  • Highly Pathogenic Avian Influenza, hoch-pathogene Vogelgrippe (bezogen auf weitere Vögel, nicht auf Menschen)
  • Infektion verläuft akut
  • Viren sind stark krankmachend (hohe Pathogenität)
  • Viren können leicht übertragen werden (hohe Kontagiosität)
  • Viele der infizierten Tiere sterben (hohe Letalität)
  • Können aus Grippeviren der Subtypen H5 und H7 entstehen
  • Im Gegensatz zur niedrig-pathogenen Vogelgrippe (Low Pathogenic Avian Influenza, LPAI), bei der die Infektion normalerweise ohne Symptome verläuft

A:

  • Grippeviren vom Typ A (im Gegensatz zu B und C)
  • Gefährlichster Influenza-Typ
  • Natürliches Wirtsreservoir aller bislang bei Vögeln beschriebenen Subtypen der Influenza-A-Viren: wildlebende Wasservögel

H5N8:

  • H und N: Hämagglutinin und Neuraminidase – die beiden wichtigsten Proteine auf der Hülle von Influenza-Viren, deren unterschiedlichen Typen durchnummeriert werden
  • Aktuell zirkulierender Stamm erstmals 2014 in Südkorea beobachtet und dann zurückverfolgt bis nach China.
  • Für wildlebende Wasservögel nicht unbedingt tödlich (LPAI für Wildtiere) – sodass Ausbruch oft erst erkannt wird, wenn das Virus auf eine domestizierte Geflügel-Population überspringt, vor allem auf Hühnervögel (HPAI)

„Geflügelpest“:

  • Die Begriffe „Vogelgrippe“ und „Geflügelpest“ werden mitunter synonym verwendet.
  • Dabei sind nur manche Subtypen der Vogelgrippe dermaßen tödlich, das von einer „Pest“ gesprochen werden kann – zum Beispiel bei H5N8.


Ausbreitungsroute: Von wo nach wo hat sich die aktuelle H5N8-Vogelgrippe ausgebreitet und welche Rolle spielen Zugvögel?

  • Im Winter 2014/2015 war in Geflügelmastbetrieben in Deutschland, Großbritannien, Italien und in den Niederlanden die Vogelgrippe H5N8 ausgebrochen. Zwischen den Betrieben gab es keine Transporte. Deswegen lag die Vermutung nahe, dass das Virus von Wildvögeln verbreitet worden war.
  • Der Stamm der H5N8-Vogelgrippe, der Anfang 2014 in Südkorea aufgetaucht ist, hat sich 2014 und 2015 über die Welt verbreitet [2]. Nach Ansicht von Wissenschaftlern verbreitete sich der Erreger vor allem von Zugvögeln, die infiziert, aber nicht erkrankt waren und Langstreckenrouten geflogen sind: von Asien über deren Brutstätten in der Arktis bis nach Nordamerika und Europa. Das zeigt eine im Oktober 2016 veröffentliche Studie, an der unter anderem das Friedrich-Loeffler-Institut als deutsches Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit sowie der niederländische Influenza-Forscher Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center Rotterdam beteiligt waren [3].
  • Als der Subtyp H5N8 im September 2016 in Russland aufgetaucht ist, warnten Experten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) [4]: Entlang der Flugroute von der südsibirischen Republik Tyva in den Westen der Russischen Föderation, in den Nahen Osten, nach Osteuropa und selbst nach Westafrika sollten alle Länder in Alarmbereitschaft sein, dass das Virus eingeschleppt wird, insbesondere weil man bereits in den Jahren 2006 und 2010 gesehen habe, dass Vogelgrippe-Viren innerhalb von 18 Monaten nach ihrer ersten Entdeckung in Südrussland bis zur koreanischen Halbinsel und nach Japan gelangt sind.

Chronik über lokale Ausbrüche der hochpathogenen H5N8-Vogelgrippe (Auswahl)

Datum des Beginns des Ausbruchs

Land; Region; Stadt

Quelle (Meldung an die OIE)

28.10.2016

Polen; Zachodnio-Pomorskie; Lubczyna, Goleniow und Goleniowski

bit.ly/2fUov1T

19.10.2016

Ungarn; Csongrad; Fehér-tó

bit.ly/2fNZ4QA

19. und 23.10.2016

Indien; Kerala; Thakazhy und Ramankary

bit.ly/2fW7Tac

09.06.2016

Russland; Republik Tyva; Ubsu-Nur

bit.ly/2ehavz7

23.03.2016

Südkorea; Gyeonggi-do; Majang-myeon

bit.ly/2eQg6IW

07., 21. und 24.12.2015

Taiwan; Pingtung County, Chiay County; Changzhi Township, Dalin Township und Kaohsiung City

bit.ly/1Ur1JsD

     

04.11.2014

Deutschland; Mecklenburg-Vorpommern; Heinrichswalde
(Mastputen-Betrieb; erstmals Geflügel – nicht Wildtiere – in Europa infiziert)

bit.ly/2fNWhXG

25.09.2014

Russland; Teilrepublik Jakutien; Belaya Gora

bit.ly/2fut1Bh

16.01.2014

Südkorea; Jeollabuk-Do; Sillim-myeon u.a.

bit.ly/2fj2WED

27.12.2013

China; Guizhou; Yijue Village

bit.ly/2fxSdJK

 

Tierseuche: Wie gefährlich ist die H5N8-Vogelgrippe für Tiere?

Risikobewertung vom Friedrich-Loeffler-Institut [6; Stand 18.03.2016]:

  • geringes Risiko für Einschleppung und Verbreitung von HPAI-Viren in Hausgeflügel-Bestände in Deutschland durch legale Einfuhr aus Drittländern sowie Personen- und Fahrzeugverkehr
  • mäßiges Risiko für das innergemeinschaftliche Verbringen von Geflügel und illegale Einfuhr aus Drittländern
  • geringes bis mäßiges Risiko für eine Einschleppung und Verbreitung über Wildvögel, das sich durch die Zugaktivität der Tiere voraussichtlich ab August 2016 erhöht.
  • Besondere Risiken für die Landwirtschaft drohen, wenn sich Geflügel (Enten, Hühner, Puten) in Mastbetrieben mit hoch-pathogenen Vogelgrippe-Viren infizieren: Dann müssen mitunter alle Tiere des Stalls oder Betriebs gekeult werden – mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen für die Betreiber, wie zum Beispiel 2014 in Deutschland.
  • Das Friedrich-Loeffler-Institut rät aktuell „zu erhöhter Aufmerksamkeit und empfiehlt nachdrücklich, die Biosicherheitsmaßnahmen in den Geflügelhaltungen zu überprüfen und bei Bedarf zu optimieren“ [1].


Humane Vogelgrippe: Wie gefährlich ist H5N8 für Menschen?

H5N8 macht Menschen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht krank:

  • Weltweit wurde noch nie ein Fall berichtet, bei dem H5N8 vom Tier auf einen Menschen übertragen worden ist und dieser Mensch krank geworden ist.
  • Prinzipiell ist es allerdings möglich, dass Menschen an H5N8 erkranken können. In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit darüber, wie hoch das Risiko ist, dass Vogelgrippe-Viren wie H5N8 oder H5N1 durch Mutation ansteckend für Menschen werden könnten.

Einige Vogelgrippe-Subtypen können Menschen durchaus krankmachen:

  • Mehr als 1500 Menschen durch direkten Kontakt mit Vogelgrippe-Viren angesteckt, erkrankt und diagnostiziert
  • Vor allem mit H5N1 in südostasiatischen Ländern und in Ägypten, H7N9 in China
  • Für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung mit Vogelgrippe-Viren gibt es bis auf einzelne Ausnahmen keine Hinweise.
  • Man kann sich beim Essen nicht infizieren, wenn infiziertes Geflügel ausreichend erhitzt oder durchgegart wird (mindestens zwei Minuten Kerntemperatur von 70 Grad Celsius).

Meldepflicht:

  • Jede Form von Vogelgrippe beim Menschen muss in Deutschland einem Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden – auch, wenn nur ein Verdacht besteht [7].

Vorsichtsmaßnahmen:

  • Tote Wasservögel nicht anfassen
  • Entdeckte Kadaver dem nächstliegenden Ordnungsamt melden
  • Geflügelmärkte in jenen Gebieten meiden, in denen eine Vogelgrippe gerade vorkommt
  • Besondere Schutzmaßnahmen für Personen, die Kontakt zu erkrankten oder verendeten Vögeln haben, gemäß den Empfehlungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin [8]

 

Literaturstellen, die zitiert wurden

[1] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) (2016): Hochpathogene aviäre Influenza vom Typ H5N8 bei Wildvögeln in Schleswig-Holstein festgestellt. Pressemitteilung vom 08.11.2016.

[2] Andrew RD et al. (2015): The European and Japanese outbreaks of H5N8 derive from a single source population providing evidence for the dispersal along the long distance bird migratory flyways, PeerJ; 3:e934, DOI 10.7717/peerj.934.

[3] Global Consortium for H5N8 and Related Influenza Viruses (2016): Role for migratory wild birds in the global spread of avian influenza H5N8. Science;354(6309):213-217. DOI: 10.1126/science.aaf8852.

[4] Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) (2016): H5N8 highly pathogenic avian influenza (HPAI) of clade 2.3.4.4 detected through surveillance of wild migratory birds in the Tyva Republic, the Russian Federation – potential for international spread. 

[5] Weltorganisation für Tiergesundheit (Office International des Epizooties, OIE) (o. J.): Update on highly pathogenic avian influenza in animals (Type H5 and H7). Stand: 08.11.2016.

[6] Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) (o.J.): Klassische Geflügelpest (Aviäre Influenza) – Risikobewertung. Stand: 18.03.2016.

[7] Bundesgesetzblatt (2007): Verordnung über die Meldepflicht bei Aviärer Influenza beim Menschen (Aviäre-Influenza-Meldepflicht-Verordnung – AIMPV).

[8] Robert Koch-Institut (RKI) (o.J.): Empfehlungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zum Schutz vor aviärer Influenza.

 

Weitere Recherchequellen

Google Maps: Karte der Flugrouten für die H5N8-Ausbrüche von 2014.

Weltorganisation für Tiergesundheit (Office International des Epizooties, OIE): Informationen zu hoch-pathogenen Vogelgrippen (Typ H5 und H7).

Robert Koch-Institut (RKI): Aviäre Influenza (Geflügelpest, Vogelgrippe)

European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Avian influenza in humans.

ProMED-mail: Meldungen und Informationen von Surveillance-Experten zu Ausbrüchen von H5N8. Nutzen Sie am besten die Suchfunktion (zweiter Reiter „Search“, dort zweites Suchfeld „Keywords“. Oder verwenden Sie eine der jüngsten Meldungen zum Thema und nutzen die Verweise auf frühere ProMED-mail-Beiträge am Ende der Meldung, zum Beispiel von HPAI A/H5N8 in Ungarn vom 04.11.2016.

 

Letzte Aktualisierung: 11.11.2016, 10:40 Uhr.